08 Sep

Pfingsten – oder wie das Christentum seinen religiösen Wahrheitsanspruch und die Toleranz Anderen gegenüber miteinander verbindet.

Von Martin Wendte (Pfarrer der Friedenskirche und Citykirchenpfarrer, Ludwigsburg)


Einstieg: Buddhistische Bäuche und saudi-arabische Gefängnisse – wie erleben wir die Zuordnung von Toleranz und Wahrheit im Bereich der Religion?

Zwei Szenen zum Einstieg: Von den Bücherregalen vieler Menschenfreunde aus dem sozialökologischen Milieu grüßt eine Buddhafigur. Da sitzt er, der Erleuchtete, mit gütigem Lächeln, meist mit sympathischem Bauchansatz, oft in Bronze oder Plastik gegossen. Er strahlt auch mit seinen nur 30 Zentimetern Größe in den ganzen Raum hinaus aus, dass Du schon Deinen eigenen Weg finden wirst, und dass es gut ist, solange das im Bereich positiver Vibrations liegt. Da macht es dann keinen Unterschied, ob Du die Kraft von diesem wahren Selbst in Dir dann Gott oder Allah nennst, Buddha oder Shiwa.  – Doch vielleicht flackert in demselben Zimmer auch das Hellblau eines Laptops, auf dem neueste Nachrichten aus Saudi-Arabien vermeldet werden: Dort wurde ein Mann am Flughafen gefasst und ins Gefängnis geworfen, weil er Saudi-Arabien illegal verlassen wollte – er konvertierte zum Christentum und ist daher in Saudi-Arabien vom Tode bedroht, weil das Christentum eine unwahre Religion ist, und ihr zu folgen ist nicht tolerabel.

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06 Aug

Bloße Toleranz? Anmerkungen zur pädagogischen Ablehnung der Ablehnungskomponente

Von Johannes Drerup (Dortmund & Amsterdam)


Der Begriff der Toleranz führt – ganz ähnlich wie der Begriff der Bildung – in öffentlichen Debatten einer Art „Doppelleben“[1]. Einerseits gilt Toleranz als ein mögliches Allheilmittel für alle nur denkbaren gesellschaftlichen Probleme, andererseits ist die spezifische Relevanz und Bedeutung von Toleranz sowohl mit Bezug auf Grundsatzfragen der theoretischen Konzeptualisierung und normativen Begründung als auch mit Bezug auf Anwendung auf konkrete Konflikte hoch umstritten. Auch in erziehungs- und bildungsphilosophischen und erziehungswissenschaftlichen Debatten finden sich zwar immer wieder kursorische Hinweise darauf, wie wichtig Toleranz im Kontext von pluralistischen Gesellschaften ist, sowie auch eine Reihe von mehr oder weniger normativ ausgerichteten Kritiken von unterschiedlichen Formen der Intoleranz. Gleichwohl findet man kaum eine systematische Auseinandersetzung mit Toleranz als pädagogischer und politischer Leitvorgabe bzw. mit der Frage, was eigentlich unter Intoleranz zu verstehen ist[2]. Was sich dagegen findet, insbesondere im Kontext engagierter Pädagogiken, sind Negativverdikte gegen `bloße Toleranz´ oder `herablassende Toleranz´, die einer zeitgemäßen Konzeption inter- oder transkultureller Bildung und Erziehung, so die Annahme, nicht mehr entsprechen. Toleranz, so scheint es und hier zeigen sich erstaunliche Parallelen zum Umgang mit dem Erziehungsbegriff, gilt als anachronistische Form der Stabilisierung obsoleter Macht- und Herrschaftsformen. Diese Parallelen im Umgang mit beiden Leitkonzepten dürften auch darauf zurückzuführen sein, dass sowohl Toleranz als auch Erziehung immer mit Grenzen und Selektionsvorgaben operieren, die auch normativ zu begründen sind. `Toleranz´, die alles toleriert, löst sich gewissermaßen begrifflich und praktisch auf, `Erziehung´ die keine Grenzen akzeptablen Verhaltens kennt, ist überflüssig. Sowohl Toleranz als auch Erziehung operieren folglich mit Werturteilen, sie beruhen auf Selektionen und damit zugleich auf Formen der Ablehnung, weshalb beide in manchen pädagogischen Milieus häufig als fragwürdige Begriffe, ja geradezu als `dirty terms´ gelten. Man möchte stattdessen lieber `Vielfalt´ feiern und wertschätzen und Kinder freundschaftlich begleiten, statt sie zu erziehen.

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