18 Mrz

Wenn Selbstsorge dem Wohl aller dient – Pufendorf über “Pflichten gegen sich selbst”

von Laetitia Ramelet (Lausanne)


Nach dem deutschen Philosophen, Juristen und Historiker Samuel von Pufendorf (1632-1694) stehen wir alle in der Verpflichtung, unseren Körper und unsere Seele mit dem Ziel zu pflegen, nützliche Gesellschaftsmitglieder zu sein. Nur wenig Beachtung hat seine Auffassung derartiger “Pflichten gegen sich selbst”[1] bis jetzt gefunden. Und doch bildet sie einen Ausgangspunkt für bereichernde moralische Reflexionen über unser Verhältnis zu anderen Menschen. Besonders klar wird dies in Zeiten der Coronavirus-Krise, wie noch zu zeigen sein wird.

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15 Mrz

Philosophie in Zeiten von COVID-19

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Für viele, mich eingeschlossen, wirkt die Szenerie surreal. Heute, Sonntag, der 15. März 2020, ist der letzte Tag einer Woche, die von einer ständigen Eskalation der Ereignisse hier in Österreich, in ganz Europa und manchen anderen Teilen der Welt, geprägt war. Ab morgen sind alle Schulen und die meisten Geschäfte geschlossen und Restaurants und Cafés dürfen nur noch bis 15.00 Uhr geöffnet haben. Die Universitäten laufen auf Notbetrieb, alles online und die so beliebte Tätigkeit des Besuchs von Tagungen und Vorträgen ist vollständig zum Erliegen gekommen. Gestern gab es, angetrieben durch fake news, die über die Sozialen Medien und Whatsapp verbreitet wurden, in den Supermärkten teils chaotische Zustände, Hamsterkäufe, leere Regale (insbesondere Klopapier, Nudeln, passierte Tomaten und Damehygieneartikel waren beliebt)  und lange Schlangen vor den Geschäften und Kassen. Aus Italien hört man immer wieder Schreckensmeldungen über ein zusammenbrechendes Gesundheitssystem, über immer mehr Kranke und Tote und die Notwendigkeit, darüber zu entscheiden, wer noch behandelt und wer seinem Schicksal überlassen wird. Welchen Beitrag kann eine philosophische Reflexion hier überhaupt leisten? Gibt es nicht wesentlich wichtigere Dinge gerade als abstrakte Theorien und Argumente zu wälzen? PhilosophInnen sind keine ÄrztInnen und keine sonstigen wichtigen Fachkräfte, die wir brauchen, um so eine Krise zu überstehen und Menschenleben zu retten. Zumindest nicht direkt. Ihre Tätigkeit des Abwägens und Ergründens liegt vor oder nach der Krise, meist nicht mittendrin.

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12 Mrz

Gerechte Verteilung oder verantwortbares Handeln? Nichtwissen als Herausforderung der Zukunftsethik

von Johannes Müller-Salo (Hannover)


Was muss ich wissen, um gerecht verteilen zu können?

Schon wieder steht ein Kindergeburtstag vor der Tür. Sieben Jahre ist Sophie nun alt. Neue Schul- und alte Kindergartenfreunde wuseln durch den Garten. Die Eltern des Geburtstagskinds sind vollauf mit ihren Aufsichtspflichten beschäftigt. Sie selbst wollten eigentlich gerade nur Ihr Kind vorbeibringen, als Sophies Vater Sie bittet, ob Sie nicht noch kurz im Haus – „er steht schon auf dem Esstisch!“ – den Geburtstagskuchen anschneiden könnten. Eine Kleinigkeit. „Wie viele Stücke sollen es denn werden?“ Diese Frage müssen Sie noch loswerden, dann können Sie ans Schneiden gehen.

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05 Mrz

Zwischen Würde und Nutzwert: die Diskussion um den Eigenwert von Tieren

von Martin M. Lintner (Brixen)


Bei Interviews oder Diskussionen über tierethische Fragen wird oft folgende Frage gestellt: „Unsere Haustiere lieben und verhätscheln wir und geben jede Menge Geld aus, damit es ihnen gutgeht. Aber wie unsere Nutztiere aufwachsen und leben, darüber machen wir uns weitgehend keine Gedanken. Ihre Haltungs- und Schlachtungsbedingungen werden weitgehend nach dem ökonomischen Nutzenkalkül ausgerichtet, das Wohlergehen und die Gesundheit eines Tieres spielen maximal eine nur untergeordnete Rolle. Ist das nicht ein Widerspruch?“

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03 Mrz

Versuch über Hegels philosophische Anstrengung, die Welt zusammenzuhalten

von David Hellbrück (Freiburg/Wien)


„Zuerst werde ich hier von einer Idee sprechen, die, soviel ich weiß, noch in keines Menschen Sinn gekommen ist – wir müssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber muß im Dienste der Ideen stehen, sie muß eine Mythologie der Vernunft werden.“

Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus

„Man muß ‚die Philosophie beiseite liegenlassen‘ […], man muß aus ihr herausspringen und sich als ein gewöhnlicher Mensch an das Studium der Wirklichkeit geben, wozu auch literarisch ein ungeheures, den Philosophen natürlich unbekanntes Material vorliegt;“

Karl Marx, Deutsche Ideologie

Hier soll sich nicht abermals darauf konzentriert werden, wie sich die Dialektik bei Hegel gestaltet und durch welches Material hindurch sie sich ihren Weg bahnt, sondern warum die Dialektik von Hegel überhaupt innerhalb seiner Geistphilosophie beansprucht werden musste. Nur so erst ließe sich sinnvoll diskutieren, wie die Dialektik bei Hegel auftritt. (1)

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27 Feb

Greta Calling. Warum es eine Philosophie der Klimakrise braucht.

von Fritz Reusswig (Potsdam)


Die Philosophie hat die Klimakrise noch nicht einmal interpretiert. Aber es kommt darauf an, die Philosophie zu ändern. Damit uns die Änderung der Verhältnisse nicht misslingt, die zur Klimakrise geführt haben. Denn ohne das auch philosophisch reflektierte Begreifen der Krise und ohne die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses der erforderlichen Lösungen wird Greta Thunberg vergeblich zur Panik aufgerufen haben.

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20 Feb

Problematisches Nichtwissen: „White Ignorance“

von Kristina Lepold (Frankfurt)


In ihrer Einleitung zum Themenschwerpunkt notieren die HerausgeberInnen Andrea Klonschinski und Tim Kraft zum Umgang mit Nichtwissen Folgendes: „Manches wollen und sollen wir nicht wissen, manches wollen wir wissen, sollten es aber nicht, anderes wollen wir gar nicht wissen, sollten es aber usw.“ Die Art von Nichtwissen, um die es im vorliegenden Beitrag gehen soll, white ignorance, fällt in die letzte Kategorie. White ignorance stellt eine Art von Nichtwissen dar, das als motiviert (man will hier etwas nicht wissen) und als moralisch problematisch (man sollte hier jedoch ganz unbedingt etwas wissen) beschrieben werden kann.

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18 Feb

Das Kind im Krankenhaus. Paternalismus zwischen Zwang und Kreativität

Anlässlich der Veröffentlichung des Handbuch Philosophie der Kindheit (J.B. Metzler 2019) bringt praefaktisch Texte zur Philosophie der Kindheit.


von Oliver Krüger (Hamburg)


Mündigen Erwachsenen kommen im Krankenhaus umfangreiche Aufklärungsrechte zu. Kindern hingegen werden diese Rechte nicht oder nur eingeschränkt zugeschrieben. Obwohl diese Einschränkung ihre ethische Bewandtnis hat, birgt sie die Gefahr, einen Freibrief für Zwang gegenüber Kindern auszustellen. Allein die Notwendigkeit einer medizinischen Intervention im Krankenhaus rechtfertigt keinen uneingeschränkten Paternalismus gegenüber Kindern. Notwendig ist dagegen eine besondere Kreativität der Eltern und des medizinischen Personals, die nicht rein zweckbezogen ist, sondern ein eigenes Rechtfertigungselement einer ethischen Durchführung medizinischer Interventionen darstellt.

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13 Feb

‚Der Weltgeist als Autonomes Automobil‘

von Martin Gessmann (Offenbach)


Wie auch immer die Durchhalteparolen lauten, die sich die Gemeinde der Hegelianer vorsagen: seit dem Mauerfall ist die Luft raus aus den Hegeldebatten. Die Hegelvereinigungen tun sich schwer, das Level der Aufmerksamkeit hoch zu halten. Der Marxismus als Reibefläche und Konkurrent ist verschwunden, und damit scheint auch Hegel von der Weltbühne der wichtigen Auseinandersetzungen endlich abgetreten. Im Grunde ging es darum zu zeigen, dass es auch noch eine ordentliche bürgerliche Alternative gibt zum Theorieanspruch des Kommunismus auf ideologische Weltherrschaft. Mit dem Hegelschen Politik-Original sei langfristig mehr erreicht als mit der Marxschen Klassenkampf-Kopie. Nun sah man sich bestätigt, aber auch mit Oskar Wilde der traurigen Einsicht konfrontiert: Es gibt nichts Schlimmeres als seine hehrsten Ziele irgendwann einmal zu erreichen. Die einstmals aufregenden Hegelstudien sind inzwischen zu einer philosophischen Mottenkiste geworden, man befleißigt sich kundigen Aktenstudiums, und das auch schon nicht mehr auf der Höhe eines Kant oder Heideggers, geschweige denn Platos oder Aristoteles. Hegel wird zum historischen Hinterbänkler.

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11 Feb

Vom Horror der Philosophie. Ein Essay zu Friedrich Nietzsches 175. Geburtstag

von Eike Brock (Bochum)


„Mein heutiges Leben ist alles andere als glücklich, aber durch die Antidepressiva habe ich einen Boden unter den Füßen.“

(Jamie Morton in Stephen Kings Revival)

I. Trudeln mit Descartes

In René Descartes’ Meditationes de prima philosophia (1641) ist es besonders augenfällig: Die Philosophie – ich schere hier Vielgestaltiges großzügig über einen Kamm – verfügt über ein ausgezeichnetes Talent: Sie ist in der Lage, dem Menschen sogar dann den Boden unter den Füßen wegzuziehen, wenn sie eigentlich angetreten ist, um ein stabiles Fundament zu errichten, auf dem sich bauen lässt. Genau genommen handelt es sich natürlich nicht um ein Talent, sondern eher um eine unheilvolle Konsequenz, die sich daraus ergibt, dass die Philosophie als begründende Wissenschaft den Dingen auf den Grund geht. Spätestens seitdem Gott verstorben ist,[1] stoßen Philosophinnen und Philosophen bei ihren Ergründungen regelmäßig auf Abgründe, in die sie manchmal auch hinabstürzen. Ebenso wäre es auch Descartes ergangen, der freilich noch ein Zeitgenosse Gottes war, den er aber während seiner Überlegungen zunächst ausklammerte. Hätte Descartes an einem bestimmten Punkt seines Nachdenkens unter Aufbietung aller Magie seines beeindruckenden Verstandes nicht vermittels gleich zweier scharfsinniger, letztlich dann aber doch nicht vollständig überzeugender Gottesbeweise doch wieder Gott aus dem Hut gezaubert, so wäre er gewiss gefallen.

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