20 Aug

Das Theodizeeproblem oder ein Problem mit der Theodizee? Was passiert mit klassischen Fragen, wenn wir die Religionsphilosophie neu denken?

von Amber L. Griffioen (Konstanz)


Wer mal eine Einführung in die „klassischen Debatten“ der Religionsphilosophie besucht hat, ist wahrscheinlich über den Begriff Theodizee gestolpert. Grob gesagt ist eine Theodizee der Versuch, den allmächtigen, allwissenden, allgütigen Gott des sogenannten klassischen Theismus angesichts der Übel in der Welt zu rechtfertigen. Etwas weniger grob gesagt geht es bei der Theodizee nicht wirklich darum, Gott zu rechtfertigen (denn wenn es eine solche Gottheit gibt, braucht diese unsere Hilfe nicht, sich zu verteidigen). Es geht vielmehr darum, die Überzeugung[1] derjenigen zu rechtfertigen, die an diesen Gott glauben. Dies ist eine wichtige Präzisierung, denn sie deutet auf einen zentralen Schwerpunkt der analytischen Religionsphilosophie des 20-21. Jahrhunderts hin, nämlich auf den wiederholten Versuch, die Rationalität oder zumindest die rationale Zulässigkeit der klassisch monotheistischen Überzeugung zu prüfen (und meistens zu verteidigen) – hier in Anbetracht eines möglichen defeaters (Gegenbelegs), nämlich der Menge an erlebtem Bösen bzw. subjektivem Leiden in der Welt. Dieser Fokus auf die Rationalität der religiösen Überzeugung macht das sogenannte „Theodizeeproblem“ also eher zu einem Rätsel für die Religionsphilosophie, das es zu „lösen“ gilt: Wie kann man den klassischen Monotheismus mit den Übeln der Welt so versöhnen, dass es nicht irrational wäre, weiterhin an diesen Gott zu glauben?

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08 Aug

Medienbildung und anthropomorphe Maschinen

von Tobias Hölterhof (Köln)


Vor wenigen Woche veröffentlichte ein Startup-Unternehmen aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz ein Video auf YouTube. Zu sehen sind zunächst zwei Menschen: Ein Mann und eine Frau stehen bewegungslos da. Sie blicken die Zuschauenden des Videos posend an und tragen lässige Kleidung. Der Mann ist mit einem dunkelgrauen Parka, einer sandfarbenen Hose und hohen Lederstiefeln bekleidet. Die Frau ist weniger warm angezogen. Sie trägt glänzende Stiefel, eine dreiviertel lange, schwarze Hose und einen olivgrünen Pullover. Nach wenigen Sekunden springt das Video zu einer Matrix von drei mal fünf ähnlichen Bildern. Zu sehen sind zunächst sich bewegende Männer. Alle sind lässig bekleidet und verändern ruhig ihre Gebärden. Sie machen einen kleinen Schritt zur Seite oder bewegen bedacht ihre Schultern. Der Blick ist stets nach vorne auf den Zuschauenden gerichtet. Dann metamorphosieren die Personen während ihrer Bewegung zu Frauen. Manche lehnen sich an eine Wand an. Plötzlich kehrt sich die Bewegung der Personen um, als würde der Film eine kurze Zeit rückwärts laufen. Dann sind alle 15 Personen in exakt der gleichen Körperhaltung und -bewegung zu sehen. Die Männer und Frauen sind völlig unterschiedlich gekleidet jedoch halten sie ihre Arme und Hände an der gleichen Stelle. Ihre Schultern haben den gleichen Winkel, der Kopf schaut mit dem gleichen Blick und alle Beine sind leicht angewinkelt. Für einen Augenblick sind alle Bewegungen völlig simultan, dann lösen sie sich wieder aus dem Gleichschritt. Das Video springt auf eine Matrix von sechs mal zehn Bildern. Einige der nun sechzig Personen bewegen sich gleich, andere Bewegungen wirken wie horizontale Spiegelungen. Die Dramaturgie ist ungewöhnlich präzise.

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06 Aug

Ist die Alternative „Pornografie“ tatsächlich Pornografie?

von Natascha Bencze (Zürich)


Hinsichtlich des unbestreitbar grossen Einflusses, den der sexuelle Trieb auf unser Leben hat, scheinen den philosophischen Auseinandersetzungen mit der menschlichen Sexualität keine Grenzen gesetzt zu sein. Oftmals richten wir unser Verhalten, unsere Handlungen und Entscheidungen danach, was unsere potentiellen Chancen auf die Befriedigung unserer sexuellen Bedürfnisse erhöht. Welche Attribute dabei als besonders wirksam gelten und weshalb dies der Fall ist, sind Fragen, die sich einerseits mit den individuellen Vorlieben befassen, andererseits aber auch übertragen auf die Gesellschaft und in Bezug auf die Kultur untersucht werden. Kulturübergreifende Vergleiche können dabei äusserst aufschlussreich sein. In vielen Kulturkreisen gilt das Sprechen über dieses Anliegen jedoch als Tabu. Dass in einer Gesellschaft im öffentlichen Diskurs nicht darüber gesprochen wird, bedeutet jedoch nicht, dass die Bevölkerung ihren Vorlieben nicht nachgeht. Der Internetzugriff ermöglicht es uns heute, in wenigen einfachen Schritten pornografisches Material aufzurufen und meist kostenfrei anzusehen. Da es ebenso einfach ist, selbst Material hochzuladen, scheint es keine sexuelle Fantasie zu geben, welche von der Online-Welt der Pornografie nicht abgedeckt wird.

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01 Aug

Theologie und Philosophie im Zeichen der Pluralität

von Michael Bongardt (Universität Siegen)


Es mag sie einmal gegeben haben: Die Zeiten, in denen sich die meisten Gläubigen und ihre Theologen ihres Glaubens gewiss waren; in denen sich die meisten Philosophen der Vernunft sicher waren. Und es mag sie auch heute noch geben: Menschen, die sich ihres Glaubens gewiss und / oder der Vernunft sicher sind.

Zweifel

Doch es ist unübersehbar, dass zumindest in den westeuropäischen Ländern, und nur auf diese beziehen sich meine Beobachtungen und Überlegungen, nagende Zweifel dem Gebälk alter Sicherheiten heftig zusetzen. Die wohl stärkste Infragestellung christlicher Wahrheitsgewissheit geht von der Erfahrung einer unhintergehbaren Vielfalt aus. Menschen, die anderen Religionen – oder gar keiner Religion – angehören, leben ihre Überzeugungen nicht weniger beeindruckend und nicht weniger gebrochen als Katholikinnen und Protestanten. Und in den meisten Lebensbereichen des Alltags, von der Arbeit bis in die Freizeit, vom Konsum bis in die Nutzung von Technik, spielt die religiöse Überzeugung keine Rolle mehr. Gläubige werden nicht mehr nach ihrem Glauben gefragt. Auch für sie selbst hat er in den meisten Kontexten ihres Lebens keine Bedeutung mehr. Die Behauptung von der transzendenten Wahrheit, gar der alleinigen Wahrheit des Christentums verliert durch diese Erfahrungen ihre Glaubwürdigkeit. Nicht anders in der Philosophie. Die Einsicht in die Kontingenz jeder Erkenntnis und aller Systeme, in die Unerreichbarkeit der Wirklichkeit hinter den Vorstellungen, die wir uns von ihr machen, hat zu der verbreiteten Gewohnheit geführt, statt von der einen Vernunft lieber vom Plural der Rationalitäten zu sprechen.

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23 Jul

Digitalisierung und philosophische Bildung

von Klaus Feldmann (Wuppertal)


Mit dem Vorhaben der Digitalisierung wird gegenwärtig eine Neustrukturierung und -ausrichtung des Lehrens und Lernens in allen Bildungsinstitutionen gefordert. In Deutschland, welches in der Bildungspolitik föderal organisiert ist, wird für den sogenannten Digitalpakt zwischen den einzelnen Ländern und dem Bund das Grundgesetz geändert, so kann die Bundesregierung im Rahmen der Länderhoheitsaufgabe Bildung Gelder für eine Digitalisierung in Bildungsinstitutionen zur Verfügung stellen. Dabei ist die gegenwärtige Diskussion auf die Schaffung von Infrastruktur als Voraussetzung für die Möglichkeit digitaler Bildung fokussiert. Zwar wurde durch die fallengelassene Forderung einer 50:50-Bund-Länderfinanzierung aller Digitalisierungsprojekte versucht, den Investitionsanteil auf Länderseite festzu­schreiben, die für die Fort- und Ausbildung von Lehrkräften und damit Implementation von digitalen Bildungskonzepten verantwortlich sind, aber das legitime Beharren der Länder auf Bildungsautonomie und ihr gerechtfertigter Einwand gegen dieses starre Finanzierungsmodell bringt die Gefahr mit sich, dass digitale Infrastruktur geschaffen wird, die nicht zu den erklärten Zielen des Digitalpakts führt – die Vermittlung selbstbestimmter und verantwortungsvoller Nutzung digitaler Medien (vgl. BMBF 2019).

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18 Jul

Sex?!

von Hilkje Charlotte Hänel (Berlin)


Was ist Sex eigentlich? Intuitiv scheint uns das allen klar zu sein, schließlich sehen wir Sex im Fernsehen und auf Plakatwänden, reden über Sex, haben selber Sex. Wir wissen, mit welchen Personen wir Sex hatten und mit welchen nicht. Wir können mitzählen. Eine Liste mit Namen unserer Sexpartner anlegen. Aber das, was wir da intuitiv als Sex kategorisieren, ist häufig nur eine bestimmte Form von Sex: heterosexuelle Penetration. Aber ist das alles? Sollten wir nicht auch andere Handlungen als Sex kategorisieren? Greta Christina schreibt

When I first started having sex with other people, I used to like to count them. I wanted to keep track of how many there had been. […] So, in my mind, Len was number one, Chris was number two, that slimy awful little heavy metal barbiturate addict whose name I can’t remember was number three, Alan was number four, and so on. […]

Then I started having sex with women, and, boy, howdy, did that ever shoot holes in the system. I’d always made my list of sex partners by defining sex as penile-vaginal intercourse—you know, screwing. It’s a pretty simple distinction, a straightforward binary system. Did it go in or didn’t it? Yes or no? One or zero? On or off? Granted, it’s a pretty arbitrary definition, but it’s the customary one, with an ancient and respected tradition behind it, and when I was just screwing men, there was no compelling reason to question it.

[…] So when I started having sex with women the binary system had to go, in favor of a more inclusive definition.[1]

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11 Jul

Ist es rational religiöse Überzeugungen zu haben?

von Georg Gasser (Innsbruck)


Lange Zeit war die Meinung vorherrschend, Religionen würden durch Aufklärung und Wissenschaft verschwinden. Diese Meinung hat sich allerdings nicht bestätigt. Großreligionen mögen zwar an Einfluss verlieren, aber religiös-spirituelle Einstellungen prägen weiterhin das Leben vieler Menschen. Zudem prognostiziert das bekannte Pew Research Center, das sich auf Religionsforschung spezialisiert hat, dass atheistische bzw. a-religiöse Einstellungen mittelfristig aus demographischen Gründen weltweit sogar im Schwinden begriffen sind. „People with no religion face a birth dearth“ hieß es im Untertitel einer großangelegten Studie aus dem Jahr 2017 zur Entwicklung der Weltreligionen bis 2060 (siehe: https://www.pewforum.org/2017/04/05/the-changing-global-religious-landscape/).

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04 Jul

Am fremden Leib erfahren

von Verena Triesethau (Leipzig)


Alle Welt redet über Sex, alle Welt hat Sex, Sex scheint etwas ganz Natürliches. Jedenfalls suggeriert der mediale Diskurs solche Annahmen, die sich auch in einer der am häufigsten gebrauchten superlativen Umschreibungen zeigt: „Sex ist die natürlichste Sache der Welt“.

Diese Berufung auf die Natürlichkeit gräbt das alte Spannungsverhältnis von Konstruktivismus und Essentialismus wieder hervor. Betrachten wir Sex aber zunächst als etwas, das wir körperlich erfahren, stellt sich die Frage nach dem Gegebenen und dem Gewordenen etwas anders und zwar danach, wie ein Verhältnis von diskursiver Herstellung und subjektiver Erfahrung gefasst werden kann. Die körperphilosophischen Überlegungen zu Geschlechtlichkeit und Sexualität von Judith Butler und Michel Foucault bewegen sich vor allem in einem konstruktivistischen Rahmen, in dem subjektive Erfahrung durch Diskurse entsteht. Dieses den Sexualitätsdiskurs bestimmende konstruktivistische Paradigma lässt bislang Sexualität als körperlich-leibliche Erfahrung weitgehend unberührt.

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26 Jun

Kontroversität, Dissens und Streitkultur – Zu Zielen und Formen demokratischer politischer Bildung. Eine Replik auf Johannes Drerup und Johannes Giesinger

Von Ole Hilbrich (Bochum)


Johannes Drerup und Johannes Giesinger können das Verdienst für sich beanspruchen, in ihren Beiträgen zu diesem Blog drängende Fragen von Lehrenden bezüglich des unterrichtlichen Kontroversitätsgebot mit den Einsichten einer international geführten Debatte in der Erziehungs- und Bildungsphilosophie zu verknüpfen. In angemessener Dringlichkeit verweist Drerup in seinem Beitrag auf die Herausforderung einer demokratischen politischen Bildung durch Versuche von AfD-Politiker_innen, ihre Positionen mit Hilfe eines Verweises auf das nach dem Beutelsbacher Konsens gebotenen Kontroversitätsgebot in den Politikunterricht zu schmuggeln sowie Aktivitäten, die das demokratische Engagement von Lehrkräften diskreditieren. In Giesingers Antwort und Drerups erneuter Replik thematisieren die beiden zudem die Frage nach dem Respekt, der (auch) nicht-rationalen Positionen im Unterricht gebührt, die insbesondere in religiös-weltanschaulichen Konflikten zwischen Eltern und Lehrer_innen relevant erscheint. Auch wenn Drerups und Giesingers Argumente im von ihnen selbst gesteckten Rahmen einer liberal-perfektionistischen bzw. politisch-liberalen Philosophie über eine hohe Überzeugungskraft verfügen mögen, verkürzen sie doch – so meine These – mit diesem Zuschnitt der Debatte die Herausforderungen einer demokratischen politischen Bildung und deren Antworten in einer von ‚postfaktischen‘ politischen Positionierungen geprägten Gegenwart auf eine problematische Weise.

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20 Jun

Zu viel vom Falschen?Das Geld und die Moral

von Eric Achermann (Münster)


Es ist durchaus bemerkenswert, welch routiniertes Verständnis Religionen einerseits entgegengebracht, andererseits aber allem Möglichen, was dieser oder jenem als überbewertet erscheint, alsbald der Schimpfname ‚Religion‘ verpasst wird. So seien Technik, Konsum, Fußball, Stars, Autos, Influencer u.a.m. allesamt Gegenstände religiöser Verehrung. Auch das Geld darf da nicht fehlen. Die Religion Geld aber, das muss man ihr lassen, kann auf eine Ahnengalerie zurückblicken, die es unter allen Ersatzreligionen mutmaßlich zur ältesten macht, nimmt man das Goldene Kalb mal aus.

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