08 Mai

Solidarität im philosophischen Wissenschaftsbetrieb? Ein Kommentar zur Stellungnahme von SWIP Germany

Von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Es ist ein Verdienst von SWIP Germany (Society for Women in Philosophy), dass sie sich der Frage der ungleich verteilten Belastungen innerhalb des Wissenschaftsbetriebs in Zeiten der COVID-19 Pandemie in einer Stellungnahme angenommen hat. Obwohl ich die Stellungnahme inhaltlich fast vollständig teile und diese Textsorte immer gewisse Unzulänglichkeiten mit sich bringt, bleibt doch der Eindruck, dass hier ein stärkeres Signal gesendet hätte werden können. So bleibt der Aufruf für mich etwas zu sehr im Vagen hängen.

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07 Mai

Eine Frage der sozialen Gerechtigkeit

Von Claudia Paganini (Innsbruck)


Vor einiger Zeit habe ich eine Tagung zum Thema Tierethik organisiert. Die internationalen Referent*innen brachten sehr unterschiedliche normative Positionen ein und egal aus welcher Perspektive wir die vielfältigen Mensch-Tier-Beziehungen reflektierten, das Ergebnis war immer, dass unser menschliches Verhalten überall grob defizitär ist. Die Stimmung, die diese Erkenntnis mit sich gebracht hatte, war bedrückend und nicht jedem gelang es, mit der Spannung zwischen den gemeinsam erarbeiteten und für angemessen erachteten ethischen Imperativen und der eigenen Praxis umzugehen.

„Das Schlimme ist“, hörte man nach einer längeren Stille aus dem Publikum, „dass diese Tierrechtsaktivisten so extrem sind. Stellen Sie sich vor, in meiner Heimatstadt wurde bei einer Demo sogar einmal mit einem Stein das Fenster von einem Schlachthaus eingeschlagen.“

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05 Mai

„Chaos in Ordnung bringen“. Zum Umgang mit Unsicherheit und Ungewissheit im Recht

Von Ino Augsberg (Kiel)


I. Einleitung

Rudolf Wiethölter, einer der wichtigsten deutschen Rechtstheoretiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, charakterisiert sein Verständnis des Rechts gerne mit einer Formel, die er selbst von Adorno übernommen haben will. Diese Quellenangabe ist allerdings eher Reverenz als Referenz. Denn sie unterschlägt, dass der entscheidende Witz jener Formel erst durch Wiethölter geschaffen wird. Erst seine Streichung eines bei Adorno noch gegebenen bestimmten Artikels subvertiert die Ordnung des originalen Satzes und bringt dessen ursprünglich eindeutige Aussage in die Schwebe einer gegenwendigen Doppelbedeutung. Aus Adornos etwas bemüht antibürgerlicher Formulierung, „Aufgabe von Kunst heute“ sei es, „Chaos in die Ordnung zu bringen“ (Adorno 1994, 298), wird bei Wiethölter die knappere, auch imperativisch zu lesende Formel: „Chaos in Ordnung bringen“ (Wiethölter 1994, 107; dazu näher Zabel 2019), die sich in beide Richtungen zugleich lesen lässt, weil sie sowohl Ordnen des Chaos wie Chaotisierung der Ordnung heißen kann.

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30 Apr

Radikaler versus behutsamer Klimaschutz: warum Behutsamkeit angesichts der Risiken ungerecht wäre

von Eugen Pissarskoi (Tübingen)


Die internationale Staatengemeinschaft hat sich im Jahr 2015 darauf geeinigt, die globale Erwärmung auf maximal 2°C, nach Möglichkeit auf 1,5°C, zu begrenzen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen nahezu alle Staaten, insbesondere aber die wohlhabenden, frühzeitig industrialisierten wie Deutschland, ihre Treibhausgasemissionen reduzieren. Politisch umstritten ist jedoch, in welchem Umfang und wie schnell ein Land wie Deutschland seine Treibhausgasemissionen reduzieren soll. Zivilgesellschaftliche Akteure wie beispielsweise Vertreter*innen der Fridays for Future Bewegung fordern, dass politische Maßnahmen getroffen werden, mit denen die Treibhausgasemissionen bis 2035 vollständig reduziert werden. Teils tun sie das mit reißerischen Slogans (“I want you to panic”; “Wir sollen handeln, als wenn unser Haus brennt”). Hingegen halten andere gesellschaftliche Akteure wie beispielsweise der Klimawissenschaftler Hans von Storch (SPIEGEL 43/2019) solche Forderungen für naiven Aktionismus und Panikmache. Von Storch zieht in Zweifel, dass die Forderungen aus der Zivilgesellschaft sachlich fundiert seien: „Was die jungen Klimaaktivisten anbieten, ist ein wilder Mix aus Fakten und Spekulationen.“ Er plädiert vielmehr dafür, Treibhausgasemissionen langsamer und insbesondere durch neuartige Technologien zu reduzieren. Die Politik soll insbesondere die Entwicklung solcher Technologien fördern, radikalere Schritte sind eher kontraproduktiv, lässt sich aus seinen Aussagen schlussfolgern.

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28 Apr

Heute Nietzsche?

Von Niklas Corall (Paderborn)


Zu runden Geburtstagen einflussreicher Gestalten ist es üblich, die Aktualität ihres Schaffens einzuordnen. Anlässlich des 175. Geburtstags Friedrich Nietzsches wird die Diskussion „Nietzsche heute“ jedoch von der Frage „heute Nietzsche?“ überschattet, von der Frage, ob man heute noch guten Gewissens Nietzsche lesen dürfe. Die politische Landschaft erscheint als beklemmendes Argument gegen sein Denken. Unverantwortlich erscheint jede Philosophie, die narrative Gestaltungsmöglichkeiten eines dem Gesetz der Wahrheit nicht unterliegenden „Schaffenden“ gegenüber dem vernünftigen, demokratischen Diskurs stark macht. Positioniert man sich als Wertschätzer von Nietzsches Denkens, unterliegt man dem Verdacht, Befürworter des post-faktischen Elements zu sein, dem neuen Schlachtfeld politischer Dispute. Schlimmstenfalls erscheint man als Advokat der wieder aufkeimenden politischen Kultur „starker“ werteschaffender Männer oder rassistisch-völkischer Abgrenzungsnarrative. Nicht selten hört man zu Nietzsche, seine Aufweichung rationaler Grundsätze, Wertekontexte und insbesondere der Wahrheit als Basis humanistischen Fortschritts sei eine Wurzel gegenwärtigen Übels.

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23 Apr

Herrschaft und Knechtschaft: Hegel über „Gestalten“ und „Weisen“ des Bewusstseins

von Florian Heusinger von Waldegge (Stuttgart)


Die Metapher von „Herr und Knecht“ gilt als eines der zentralen Motive im Werk Hegels. Bis heute wird jedoch kontrovers um ihre Ausdeutung gestritten, wobei sich innerhalb der philosophischen Forschung vornehmlich zwei konkurrierende Interpretationsweisen unterscheiden lassen: Der interpersonale Interpretationsansatz geht davon aus, dass Hegel auf soziale (Anerkennungs-) Verhältnisse verschiedener Personen anspielt. Der intrapersonale Interpretationsansatz sieht dagegen eine Analogie zum Verhältnis von Leib und Seele bzw. Denken und Handeln. Beide Lesarten haben ihre Berechtigung. Aber beide scheinen auch eine wichtige und überaus moderne Pointe der hegelschen Philosophie zu übersehen, wie in diesem Beitrag gezeigt werden soll.

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22 Apr

Verletzbarkeit und Benachteiligung in Zeiten von COVID-19

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Verletzbarkeit ist nicht nur eine natürliche Eigenschaft aller Menschen, sondern sie ist stark von den sozialen Verhältnissen geprägt, in denen Menschen leben. Das sehen wir auch jetzt in Zeiten der COVID-19-Pandemie. Es ist zu befürchten, dass insbesondere jene Bevölkerungsgruppen, die von Armut, Ausgrenzung anderen Benachteiligungen betroffen sind, in dieser Pandemie zu Opfern werden.

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22 Apr

Blogging in der Philosophie

von Gottfried Schweiger (Salzburg) & Norbert Paulo (Salzburg & Graz)


Das deutsche Bundesministeriums für Bildung und Forschung hat im November 2019 ein Grundsatzpapier zur Wissenschaftskommunikation veröffentlicht. Darin heißt es: „Die Wissenschaft trägt in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels besondere Verantwortung: Sie sucht nach evidenzbasierten Antworten und entwickelt Lösungen für die drängenden Fragen unserer Zeit. Ihre Aufgabe ist es jedoch auch, zunehmend den Dialog zu suchen, Debatten zu versachlichen und über Herausforderungen und Chancen wissenschaftlicher Entwicklungen aufzuklären. Die Wissenschaft hat diese Verantwortung erkannt.“

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21 Apr

Liebe, Verliebtheit und Nichtwissen: Ortegas Kritik an Stendhals Kristallisationstheorie

von Michael Kühler (Münster/Twente)


Liebe, Verliebtheit und Nichtwissen: Ortegas Kritik an Stendhals Kristallisationstheorie

Wie gut kennen wir die Personen, die wir lieben? Einerseits wäre es sicher seltsam, wenn wir über sie nichts oder wenig wüssten. Praktisch alle Vorstellungen von Liebe umfassen auf die ein oder andere Weise die Idee, die geliebte Person möglichst gut zu kennen. Folgt man beispielsweise der Idee, dass es Gründe für die Liebe gibt,[1] so erlaubt erst eine (hinreichende) Kenntnis der geliebten Person, diese als angemessenes Objekt der Liebe ansehen und die Liebe dadurch rational begründen zu können – oder zumindest rational verstehbar zu machen.[2] Die Vorstellung wiederum, die Liebe sei eine spezielle Sorge um die geliebte Person verbunden mit dem Wunsch, ihr Wohlergehen zu befördern,[3] bedarf einer (hinreichenden) Kenntnis der geliebten Person, um zumindest zu wissen, wie man ihr Wohlergehen tatsächlich fördern kann. Wird Liebe schließlich so verstanden, dass sie in einem gemeinsamen Teilen des Lebens[4] oder gar in einer Vereinigung der Liebenden hin zu einer geteilten Wir-Identität[5] besteht, so lässt sich auch dies kaum ohne ein hinreichenden Wissen der Liebenden umeinander denken. So verstanden scheint für ein Nichtwissen in erfolgreicher Liebe kein Platz zu bleiben.

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14 Apr

Wer, wenn nicht wir? Über einen Topos der Klimadebatte

von Rudolf Schüßler (Bayreuth)


Wer, wenn nicht wir, soll die Klimakrise beheben, von der die Welt bedroht wird? Das ‚wir‘ in diesem Satz bezieht sich auf alle Menschen, wird aber oft genug auch für einzelne Staaten und Staatengruppen beansprucht. Angela Merkel meint die Deutschen, wenn sie fordert: Wer, wenn nicht wir. Aber weshalb sollten bestimmte Staaten mehr für den Klimaschutz leisten müssen als andere? Die Klimaethik nimmt in dieser Hinsicht vor allem die Industriestaaten in die Pflicht, die mehr Treibhausgase emittieren als andere Staaten. Allerdings lassen sich auf diesem Weg zunächst nur Prima-facie-Pflichten begründen, also in erster Annäherung geltende Pflichten, von denen noch gezeigt werden muss, dass sie auch in der konkreten Realität handlungsbindende Geltung haben. In diesem Blogbeitrag möchte ich auf eine gravierende Hürde für diesen letzten Schritt der Geltungsbegründung hinweisen. Die Unsicherheit der politischen Kooperation zwischen Staaten steht der verbindlichen Geltung besonderer Leistungspflichten von Industriestaaten im Weg.

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