24 Okt

Geld als Instrument der Unterdrückung

von Christian Neuhäuser (TU Dortmund)


Niemand bestreitet, dass man zu wenig Geld haben kann. Absolut arme Menschen haben mit weniger als 2 Dollar pro Tag auf jeden Fall zu wenig Geld. Viele Menschen glauben auch, dass ihre relativ armen Mitmenschen mit nur 50 oder 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zu wenig Geld haben. Wer in Deutschland mit weniger als 900 Euro im Monat auskommen muss, ist auf diese Weise relativ arm. Und tatsächlich bleibt nach den laufenden Kosten für Miete, Mobilität, Digitalität und den Kosten für Lebensmittel, Kleidung und Sport sowie zumindest kleine Rücklagen für den Ersatz der kaputten Waschmaschine oder des kaputten Fernsehers nicht viel übrig. Wahrscheinlich bleibt sogar gar nichts übrig und am Ende des Monats muss der Gürtel enger geschnallt werden.

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17 Okt

Das Nichtwissen und die Philosophie. Einleitung in den Themenschwerpunkt „Nichtwissen“

von Andrea Klonschinski (Kiel) und Tim Kraft (Regensburg)


Im Lexikon des Unwissens von Katrin Passig und Aleks Scholz, das es 2007 auf die Bestsellerlisten schaffte und in dem die Autor*innen von Kugelblitzen über das Schnurren der Katzen bis zu dunkler Materie allerhand Themen aufdecken, über die wir erstaunlich wenig wissen, erfahren wir zu Beginn folgendes: „Das Lexikon des Unwissens ist das erste Buch, nach dessen Lektüre man weniger weiß als zuvor – das aber auf hohem Niveau“ (2007: 7). Nichtwissen durch Wissen? Nichtwissen auf unterschiedlichem Niveau? Was geht hier vor sich? Warum lesen wir so ein Buch überhaupt?

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15 Okt

Was kann man mit Nietzsches Philosophie politisch anfangen?

von Hans-Martin Schönherr-Mann (München)


Fridays for Future stiehlt den rechten Populisten gerade die Show. Greta Thunberg erhält explizit für ihr zivilgesellschaftliches Engagement den alternativen Nobelpreis. Altlinke wie Slavoj Žižek, Nancy Fraser, Paul Mason, Wolfgang Streeck oder Eva Illouz hadern mit den Emanzipationsbewegungen der letzten 50 Jahre, denen sie Kollaboration mit dem Neoliberalismus vorwerfen, applaudieren gar ein wenig den Nationalisten oder kehren in traditionelle Lebensformen ein. Die Rechtspopulisten möchten vor die Kennedy-Ära zurück oder Rot-Grün beerdigen – wahrscheinlich im Sinne des Wortes.

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03 Okt

Ist es moralisch relevant, ein Kind zu sein?

Anlässlich der Veröffentlichung des Handbuch Philosophie der Kindheit (J.B. Metzler 2019) bringt praefaktisch Texte zur Philosophie der Kindheit.


von Johannes Giesinger (Zürich)


Im alltäglichen moralischen Diskurs wird bisweilen angemahnt, jemand solle nicht so hart angegangen werden, „weil er noch ein Kind sei“. Der gleiche Grund wird teils angegeben, um paternalistische und pädagogische Eingriffe in das Leben von Personen zu rechtfertigen. Erwachsene verbitten es sich entsprechend, „wie Kinder behandelt zu werden“. Oftmals wird auch gefordert, man solle „Kinder Kind sein lassen“.

Es ist unklar, ob sich Aussagen wie diese in den ethischen Diskurs übersetzen lassen. Die ethische Standardauffassung ist, dass die Zugehörigkeit zu einer Altersgruppe für sich genommen moralisch irrelevant ist – was zählt, sind die Eigenschaften oder Fähigkeiten der Person. Das Setzen von Altersgrenzen ist demnach allenfalls aus pragmatischen Gründen gerechtfertigt, und nicht weil das Alter einen moralischen Unterschied macht.

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26 Sep

Der Mythos von der sexuellen Überwältigung

von Almut Kristine von Wedelstaedt (Bielefeld)


Sex hat oft mit einem Kontrollverlust zu tun hat. Es fühlt sich manchmal so an, als würde man von sexueller Lust überwältigt, so dass man sich dieser nur ergeben kann. Das ist einerseits etwas, was Sex schön machen kann. Es ermöglicht einer unter Umständen, loszulassen, sich zu entspannen, alles andere zu vergessen, vielleicht auch sich im eigenen Körper ganz Zuhause zu fühlen. Es ist andererseits auch etwas, das Sex gefährlich machen kann. Wer die Kontrolle verliert, kann leichter verletzt werden, auf andere Arten verletzt werden, als jemand, der aufmerksam ist und alles im Blick hat. Nicht ohne Grund sind vermutlich manche der in diesem Zusammenhang genutzten Metaphern kriegerische („überwältigen“, „sich ergeben“).

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19 Sep

Erziehung zum Wutbürger?

von Douglas Yacek & Yannik Hehemann (Hannover)


Ein wütend beleidigender Twitter-Präsident, ein zorniger Mob, der die Rede eines rechten Provokateurs mit Molotowcocktails zu verhindern sucht, Alternativrealitäten in sozialen Medien, Fackelzüge in deutschen Städten, Pussy Riot, tief entlang Parteilinien gespaltene Medienlandschaften in den USA, ein bis zur Dysfunktionalität zerstrittenes Unterhaus in Großbritannien und aggressive rechte Sammlungsbewegungen im Herzen Europas.

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12 Sep

Geld und Babys: Leihmutterschaft und die Kosten der sozialen Reproduktion

von Anna Schriefl (Bonn)


Welche Dinge dürfen Geld kosten? Und welche Dinge sollten auf keinen Fall kommerzialisiert werden? Mit besonderer Heftigkeit wird immer wieder diskutiert, ob Menschen sexuelle Dienste für Geld anbieten und kaufen dürfen, also ob Sexarbeit legal sein darf oder nicht. Dieselbe Debatte findet neuerdings mit Blick auf kommerzielle Leihmutterschaft statt, mit auffallend ähnlichen Positionen und Argumenten.

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11 Sep

Demokratische Erfahrungen in der Diskussion. Eine Replik auf Ole Hilbrich.

von Johannes Drerup (Amsterdam)


Meines Erachtens wird in der gegenwärtigen deutschsprachigen Erziehungs- und Bildungsphilosophie zu wenig diskutiert, d.h. es gibt nicht sonderlich viele kontinuierliche, aufeinander aufbauende und über längere Zeiträume verlaufende Debatten und Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Positionen.[i] Auch deshalb freue ich mich über die interessante und konstruktive Kritik von Ole Hilbrich[ii]. Also zur Sache.

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10 Sep

Darf man biologische Kinder bekommen?

Anlässlich der Veröffentlichung des Handbuch Philosophie der Kindheit (J.B. Metzler 2019) bringt praefaktisch Texte zur Philosophie der Kindheit.


von Ezio Di Nucci (Kopenhagen)


Nein, ich habe mich nicht verschrieben. Die Frage, die ich hier gerne stellen – und ansatzweise beantworten – möchte, ist nicht, ob es moralisch erlaubt sein sollte, nicht-biologische Kinder zu bekommen (zum Beispiel durch reproduktive Technologien); meine Frage ist tatsächlich, ob man seine eigenen biologischen Kinder bekommen darf, nämlich Kinder, mit denen man sein genetisches Gut teilt.

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05 Sep

Pornographie und befreite Sexualität

von Anne Weber (Lübeck)


Pornographie, d.h. die graphische und literarische Darstellung menschlicher Sexualität im Dienste sexueller Erregung, ist so alt, wie die Menschheit selbst. Ob an Höhlenwänden, auf Bildern, VHS-Kassetten, im Internet oder mit virtual-reality-Brille, pornographische Artefakte sind zeiten-, länder- und kulturübergreifend präsent. Es ist zunächst auch jenseits ethischer oder pädagogischer bzw. rechtlicher Beurteilung des Phänomens deshalb nicht von der Hand zu weisen, dass Pornographie einen wichtigen Beitrag zur (Selbst-)Beschreibung menschlicher Sexualität leistet (Sven Lewandoswki).

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