18 Okt

‚Interkulturelle Bildung‘ – theoretisch problematisch, praktisch möglich

von Melanie Förg (München)


Ist interkulturelle Bildung möglich?

Interkulturelle Bildung ist schon deshalb nötig, weil z.B. die deutschsprachigen Länder Einwanderungsländer sind;[1] und Schule als öffentliche Institution ist hier besonders gefragt, weil die Schulpflicht dazu führt, dass Schule der Ort ist, an dem Schüler_innen aus allen Kulturen zusammenkommen, um zusammen zu lernen – ob sie dies wollen oder nicht. Wenn dies gelingt, spricht dies übrigens für die allgemeine Schulpflicht gegenüber einer nur allgemeinen Unterrichtspflicht.

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16 Okt

„Warum ist das philosophisch relevant? Und warum überlässt du diese Arbeit nicht lieber den Psychologen?“

von Pascale Willemsen (Bochum)

 

In diesem Beitrag möchte ich dafür appellieren, dass die moderne Moralphilosophie experimentelle Philosophie braucht. Dringend. Entsprechend werde ich aufzeigen, warum experimentelle Philosophie philosophisch relevant ist und warum wir diese Arbeit nicht den Psychologen überlassen können und dürfen.

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11 Okt

#MeToo und  Moralischer Fortschritt

von Hilkje Charlotte Hänel (Berlin)


Lange vor Harvey Weinstein, Kevin Spacey und Louis C.K. benutzte Tarana Burke den Ausdruck „me too“, um Betroffene von sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung von ihrer Scham zu befreien und Mädchen und Frauen aus überwiegend schwarzen Communities zu stärken. Später gründete sie die „Me Too“-Kampagne und führte ihre Arbeit als Teil der gemeinnützigen Organisation Girls for Gender Equity fort, 2017 gewann der Hashtag #MeToo nach einem Tweet von Alyssa Milano größere Popularität. Nach einem Sturm von Vorwürfen von sexuellen Übergriffen, sexueller Belästigung und Vergewaltigungen gegen meist prominente Männer begannen immer mehr Frauen den Hashtag zu benutzen, um über ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt zu berichten.

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10 Okt

Fake! Hoax! Bullshit-Wissenschaft! Sind einige Gebiete der Geistes- und Sozialwissenschaften unwissenschaftliches Blabla?

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Mittlerweile hat der Hoax von  Helen Pluckrose, James Lindsay und Peter Boghossian auch die Mainstreammedien im deutschsprachigen Raum erreicht. Worum geht es eigentlich? Diese drei – Pluckrose ist Journalistin, Lindsay ein Mathematiker und Boghossian Assistenzprofessor für Philosophie – haben zwanzig Aufsätze verfasst, die sie selbst für Bullshit halten, dann an wissenschaftliche Zeitschriften geschickt, und es geschafft, dass einige davon publiziert wurden. In den Aufsätzen geht es um so illustre Themen wie die Vergewaltigungskultur in einem Hundepark, fat bodybuilding oder darum, ob Homophobie durch die Verwendung von Analspielzeug bei Männern bekämpft werden könnte. Das Ganze war also keine schnelle Hauruckaktion, sondern durchdacht und langfristig geplant. Sie haben wohl ein Jahr an der Sache gearbeitet und sind  bei Auswahl der Themen und Zeitschriften systematisch vorgegangen. Wer sich dafür interessiert, alle Aufsätze und alle Gutachten können eingesehen und gelesen werden. Ich beschränke mich hier auf die Frage, was die AutorInnen mit diesem Experiment wirklich gezeigt haben.

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09 Okt

Bildung im Dienst der Aufklärung

von Jonas Pfister (Bern)


Bildung dient der Aufklärung. Mit „Aufklärung“ ist das Streben gemeint, mit Hilfe der Vernunft Mythen, religiöse Glaubenssätze, Dogmas, Ideologien, Vorurteile und dergleichen zu hinterfragen. Wie Kant in seinem berühmten Diktum sagt, ist Aufklärug „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Dabei stützt sich der Mensch auf Erfahrung und Wissenschaft. Durch die Prüfung der Begründung von Überzeugungen und der Suche nach besseren Begründungen kann man Wissen erreichen. Der Wahlspruch der Aufklärung ist nach Kant: „sapere aude“ – wage zu wissen!

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04 Okt

Homos Digitalos – Persönliche Identität

von Stefan Pfeifer (Wien)


Einführung

Wir stehen am Abgrund! Das Smartphone lässt uns verblöden, die Digitalisierung entfremdet den Menschen, macht ihn arbeitslos und überflüssig. Der Mensch beutet sich in einer Art von Burn-Out-Euphorie selbst aus und der Klassiker der Kulturpessimisten , dass der grassierende Nihilismus der Jugend uns alle zugrunde richtet, ist auch wieder, oder besser gesagt noch immer, en vogue. In der Geschichte der Menschheit sind diese oder ähnliche Aussagen keine Seltenheit, vor allem nicht während kultureller oder technischer Umbruchsphasen. Auf der anderen Seite der Medaille finden wir die „everything is awesome“ (vgl. Lego Movie) Gesellschaft, die nicht weniger fanatisch aber wenigstens optimistisch in die Zukunft schaut. Was macht der digitale Umbruch mit unserer Identität, unserer Gruppenidentität und unserem traditionellen Verständnis von Macht? Diese Fragen werden in den nächsten drei Kapiteln behandelt.

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02 Okt

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Experimentelle Philosophie und die Qualität empirischer Daten

von Thomas Pölzler (Graz)


Stellen Sie sich vor, Sie fragen einen Bekannten nach seiner Meinung zum neuen österreichischen Arbeitszeitgesetz. „Bedenklich“, antwortet er in festem Tonfall. Sie nicken zustimmend und lehnen sich zurück. Einen Moment später jedoch realisieren Sie, dass Ihr Bekannter gar nicht von seinem Handy aufgesehen hat. Seine Antwort hat er überdies schon gegeben, noch bevor Sie Ihre Frage ganz ausgesprochen hatten. Und als Sie ihn nun bitten, seine Meinung zu begründen, bemerkt er nur, dass das Arbeitszeitgesetz im Juni eingebracht worden sei. – Sie werden unsicher. Ist Ihr Bekannter wirklich der Ansicht, dass das Gesetz bedenklich ist?

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27 Sep

Angewandte Ethik in der Weiterbildung – wie praktische Philosophie gesellschaftsrelevant wird

von Ivo Wallimann-Helmer (Zürich)


Ethische Kompetenzen tragen wesentlich zur Schärfung des eigenen Berufsprofils bei. Doch Kompetenzen in Ethik und Kenntnisse in angewandter Ethik lassen sich weder einem klaren Berufsfeld zuordnen noch mit einer bestimmten Stufe der Karriereentwicklung identifizieren. Ethische Reflexionsfähigkeit ist fast überall wichtig. In den Weiterbildungsangeboten des Ethik-Zentrums, den Advanced Studies in Applied Ethics, vermitteln wir diese Kompetenzen seit bald 20 Jahren erfolgreich in Studiengängen, Kursen und Seminaren. Das erfordert aus Sicht der professionellen Philosophie eine grosse Offenheit und Flexibilität sowie eine starke Komplexitätsreduktion. Was als negativ mit Blick auf den philosophischen Tiefgang unserer Ausbildungen erscheinen mag, erweist sich aus meiner Sicht als ein Modell für die Zukunft der Ethik bzw. Philosophie als gesellschaftsrelevanter, wissenschaftlicher Disziplin.

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25 Sep

Gefährliche oder experimentelle Liebe? Philosophische Überlegungen über #MeToo

von Federica Gregoratto (St. Gallen)[1]


„Me too“ ist ein Ausdruck, den fast jede Frau (und einige Männer) als Antwort auf eine Erzählung von sexueller Belästigung formulieren kann. Hashtag #MeToo wurde im Oktober 2017 von der Schauspielerin Alyssa Milano, kurz nach der Veröffentlichung von den erheblichen Anschuldigungen gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein lanciert: Frauen aller Länder wurden aufgerufen, über Twitter oder andere soziale Netzwerke ihre Erfahrungen als Target von ungewollter sexueller Aufmerksamkeit, Stalking, Erpressung, Angriff, Vergewaltigung mitzuteilen. Der Aufruf ging unmittelbar viral.[2] Männer scheinen diejenigen zu sein, die am meisten dazu neigen, ihre politische, ökonomische oder symbolische Macht in sexuellen Bereichen zu missbrauchen; Frauen können es aber auch.[3]

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20 Sep

Über den Status der Philosophie im Kompetenzdschungel

von Christian Prust (Siegen)


Mindestens dreißig zu entwickelnde oder zu fördernde Kernkompetenzen stehen in jedem Schulfach – wohl auch oder gar primär als eine Reaktion auf den Pisa-Schock – in den entsprechenden Curricula und Kernlehrplänen – ein nahezu undurchschaubarer Kompetenzdschungel. Das gilt freilich auch für die Philosophie. Aber ist ein kompetenzorientierter (Philosophie)-Unterricht wirklich eine gute Lösung für etwaig erhobene Missstände im Bildungssystem? Ich werde anhand einiger komparatistischer Säulen, z. B.  Kompetenz versus (philosophische) Bildung, Kompetenzorientierung versus Vermittlung von Fachwissen, pädagogische, didaktische und bildungsphilosophische Vorstellungen versus zentrale Vorgaben der OECD, Probleme skizzieren und einleiten, die mit der Kompetenzorientierung einhergehen. Der prominenten Definition von Franz E. Weinert zufolge sind Kompetenzen „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen (d. h. absichts- und willensbezogenen) und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“[1] Auffällig ist auf den ersten Blick, dass hier Kompetenz notwendig an Motivation und Volition geknüpft sein soll; hier stellt sich die Frage: habe ich die Argumentationskompetenz nur dann, wenn ich auch argumentieren will? Das ist höchst diskussionswürdig, dafür ist hier aber nicht der geeignete Ort, auch weil dies nur eine Definition unter vielen ist.[2] Ich möchte den Fokus auf den weniger strittigen Teil der Definition legen, demzufolge die Kompetenzorientierung sich vor allem dadurch auszeichnet, den Blick darauf zu richten, dass Schülerinnen und Schüler die Probleme der jeweiligen Disziplin besser verstehen und entsprechend auch besser lösen können, d. h. Kirsten Meyer zufolge auch  „besser philosophieren können sollen.“[3]

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