16 Jan

Tiere, Personen, Kultur und andere ethische Überlegungen

Von Karim Baraghith (Düsseldorf) & Maria Sekatskaya (Düsseldorf)


Einleitung

Man kann die zwei Hauptfragen der Tierphilosophie etwa so stellen: „Was ist der Unterschied zwischen Mensch und Tier?“ und „Was ist der moralische Status von Tieren und was folgt daraus für unser Handeln ihnen gegenüber?“. Es ist leicht zu erkennen, dass die eine Frage eher deskriptiver, die andere eher normativer Natur zu sein scheint, doch ohne die Allgemeingültigkeit des „Sein-Sollen“ Fehlschlusses anzweifeln zu wollen – wir sind logisch nicht berechtigt von Tatsachen auf moralische Urteile zu schließen –  sind wir der Ansicht, dass sich beide Fragen kaum unabhängig voneinander befriedigend beantworten lassen. Im Folgenden wollen wir daher indirekt beide Fragen beleuchten und einen Brückenschlag versuchen. Wir werden uns dafür zunächst fragen, worin ein biologischer Unterschied zwischen Menschen und Tieren bestehen könnte, was genau „Personen“ sind und was aus alldem folgt.  

Weiterlesen
14 Jan

Nichtwissen in der Technikfolgenabschätzung

von Armin Grunwald (Karlsruhe)


1.         Technikfolgenabschätzung (TA)

Spätestens seit den 1960er Jahren wurden erhebliche nicht intendierte Folgen von wissenschaftlich-technischen Entwicklungen in teils dramatischen Ausprägungen unübersehbar. Unfälle in technischen Anlagen (Seveso, Bhopal, Tschernobyl, Fukushima), Folgen für die natürliche Umwelt (Artensterben, Luft- und Gewässerverschmutzung, Ozonloch, Klimawandel), soziale Nebenfolgen von Technik (z.B. Arbeitsmarktprobleme als Folge der Automatisierung), ethische Herausforderungen (z.B. der Pflegerobotik) und absichtlicher Missbrauch von Technik (z.B. durch Cyber-Attacken) haben Schatten auf allzu fortschrittsoptimistische Zukunftserwartungen geworfen. Neben der weiter bestehenden Hoffnung auf bessere Technik ist ihre Ambivalenz zu einer zentralen Gegenwartsdiagnose geworden (Grunwald 2010).

Weiterlesen
09 Jan

Vom Nutzen und Nachteil von Nietzsches Historienkritik

Von Katrin Meyer (Basel/Zürich)


Das intellektuelle Interesse an Friedrich Nietzsche hat seine eigenen Konjunkturen und folgt eigenen, oft vergänglichen, Aufmerksamkeitsökonomien, die durch theoretische und gesellschaftspolitische Strömungen mitbeeinflusst sind. Nach wie vor lohnend erscheint mir aus heutiger Sicht, sich mit dem Geschichtsverständnis und der Geschichtskritik Nietzsches auseinanderzusetzen, auch wenn das Thema auf den ersten Blick viel von seiner Brisanz und Aktualität verloren hat. So sind zentrale Thesen, die Nietzsche in den 1870er und 1880er Jahren formuliert hat, mittlerweile für das Selbstverständnis der westlichen Gesellschaften Programm und haben ihr aufrührerisches Potential verloren. Dazu gehört insbesondere Nietzsches Diagnose, die Modernität von Gesellschaften und Individuen zeige sich an ihrem nihilistischen Grundzug. Der Nihilismus der Moderne bedeutet demgemäß, dass tradierte Werte und Wahrheiten ihre Geltung verlieren, ja dass die Idee einer überhistorischen Wahrheit überhaupt fraglich wird und es demnach zur Aufgabe der Gegenwart gehört, sich verbindliche Werte und Wahrheiten selbst zu schaffen. Die existenziellen Konsequenzen, die Nietzsche aus dieser historischen Ausgangslage ableitet, sind für das Lebensgefühl und die Alltagspraxis vieler Menschen im 21. Jahrhundert heute selbstverständlich geworden: Individualität, Kreativität und Originalität gelten als primäre Sinnstiftung des persönlichen Lebens und eine kritisch-distanzierte Haltung zu allen tradierten Wahrheiten und Werten erscheint als Bedingung und Voraussetzung der eigenen Gestaltungsmacht. Nietzsches Verknüpfung von Nihilismus und Freiheit ist damit in das Narrativ der (europäischen) Moderne eingegangen.

Weiterlesen
31 Dez

Tier(e), Mensch(en) & Ethik – Philosophische Verhältnisbestimmungen zwischen Exklusion, Inklusion und Integration in moralischer Absicht

Von Heike Baranzke (Wuppertal)


Die Beziehung des Menschen zum Tier ist fundamental und ambivalent. Tiere gehören zu den frühesten Bildmotiven archaischer Menschen, die die Bedeutung der Tiere als Lebensbedrohung, Nahrungslieferant und Gefährte, ihre Nähe und Ferne zum Menschen, reflektieren. Die Reflexion wird philosophisch, wenn sie auf Begriffe gebracht wird, nämlich auf die Begriffe ‚Mensch‘ und ‚Tier‘. Der Singulargebrauch: der Mensch, das Tier zeigt, dass sich das Erkenntnisinteresse hier nicht mit zoologischer Neugier auf die Vielfalt von Tierarten und ihre Eigenschaften und Fähigkeiten richtet, sondern einzig und alleine auf die anthropologische Differenz. Es ist die Sprache der philosophischen Anthropologie, mit der wir vergleichend zu begreifen versuchen, was uns als Menschen ausmacht. Im Dienste dieses philosophischen Zieles menschlicher Identitätssuche werden Tiere lediglich als Hintergrundfolie zur Differenzbestimmung herangezogen. Da das Interesse nicht ihnen gilt, sind sie austauschbar. Der Mensch kann sich auch mit anderen Wesen vergleichen, z.B. mit Göttern oder mit Robotern.

Weiterlesen
26 Dez

Über die „Kluft zwischen Nehmen und Geben“. Vom Schenken des Beschenkt-Werdenden

Von Sarah Bianchi (Frankfurt)


Nun ist es soweit: In diesem Herbst feiern wir Nietzsches 175. Geburtstag. Zu Geburtstagen macht man bekanntlich Geschenke. Das will ich nun nicht tatsächlich tun. Doch eben dies zum Anlass nehmen, um solche Passagen aus seinem Werk herauszugreifen, die sich um das Motiv der sozialen Praktik des Schenkens und um die damit einhergehenden relationalen Gesten des „Nehmen[s] und Geben[s]“ (EH, 6, 346) drehen. Solche leisen Zwischentöne werden bisweilen weniger in Nietzsches Werk verfolgt. Zu oft wird Nietzsche bloß als der Philosoph abgestempelt, der mit dem ‚Hammer philosophiert’. Doch bei genauerem Hinsehen, bei einer Technik also, die er im Übrigen selbst einfordert und sie auch in seiner Lehre einübt, springt einem augenblicklich ins Auge, dass er einen ganz anderen Hammer im Blick hat, nämlich ein Hämmerchen, genaugenommen den Auskultationshammer, wie er hierzu in seiner späten Schrift Götzen-Dämmerung Auskunft gibt. Dieses Hämmerchen kennen wir nur zu gut aus der Medizin. Mit ihm klopft uns der Arzt ab, um genau das hören zu können, was sich mit den bloßen Ohren nicht so leicht vernehmen lässt. So ähnlich verhält es sich mit den leisen Zwischentönen nach Nietzsche. Sie machen im Kleinen aufmerksam auf dasjenige, was im Großen aus dem Rahmen fällt. Meiner Interpretation zufolge charakterisiert eine solche Technik sowohl Nietzsches eigenes Werk als auch dessen Sichtweise auf die Mitwelt. Was dies für das Fallbeispiel des Schenkens bedeutet, soll im Folgenden erkundet werden.[1]

Weiterlesen
24 Dez

Die Wahrheit des Nichtwissens

von Tim Kraft (Universität Regensburg)


Was ist Nichtwissen? Da das Wort “Nichtwissen” ein Kompositum aus einem Negationspräfix, “nicht”, und einem Substantiv, “Wissen”, ist, liegt es nahe, Nichtwissen als Negation, Nichtvorliegen, Abwesenheit oder Fehlen von Wissen zu verstehen. Wenn das zutrifft, ist die Eingangsfrage schnell beantwortet: Alle begrifflichen Fragen über Nichtwissen können beantwortet werden, indem man sich klar macht, was Wissen ist: Nichtwissen liegt genau dann vor, wenn die Bedingungen für Wissen nicht erfüllt sind. In diesem Beitrag möchte ich eine Schwäche dieses Bilds aufzeigen und dabei illustrieren, dass sich bereits anhand der grundlegenden Frage, ob Nichtwissen die Negation von Wissen ist, eine Reihe von faszinierenden philosophischen Probleme diskutieren lassen. Besonders herausgreifen möchte ich die Frage, wie sich Nichtwissen und Wahrheit zueinander verhalten. Die – vielleicht überraschende – These dieses Beitrags wird sein, dass Nichtwissen ebenso faktiv ist wie Wissen: Wir können sowohl Wissen als auch Nichtwissen nur von Wahrheiten haben.

Weiterlesen
12 Dez

Mit Nietzsche gegen Nietzsche, oder Nietzsche über ehrliche und blauäugige Lügen

von Maria-Sibylla Lotter (Bochum)


Unsere Gegenwart durchzieht ein widersprüchliches Verhältnis zur Wahrheit, an dem Nietzsche nicht ganz unschuldig ist. Wie der Philosoph Bernard Williams in seiner Studie über Wahrheit und Wahrhaftigkeit diagnostiziert hat, scheinen wir uns einerseits der Wahrheit höchst verpflichtet zu fühlen[1] indem wir in den Wissenschaften und der Politik eine „Schule des Verdachts“ kultivieren, wie es Nietzsche nannte (MA §1). Der Verdacht richtet sich weniger gegen individuelle Lügen, als auf strukturell verankerte Täuschungen, Ideologien und kulturell produzierten Schein aller Art. Man versucht verborgene Macht- und Herrschaftsstrukturen hinter wissenschaftlichen Paradigmen, sozialen Institutionen oder politischen Reformprogrammen zu entlarven. Andererseits hat sich gleichzeitig mit dieser Forderung nach Entlarvung des biederen Scheins ein ebenso grundlegendes Misstrauen gegen über der Wahrheit selbst entwickelt, das sich ebenfalls auf Nietzsche berufen kann. Nietzsche hatte die Frage „Was also ist Wahrheit?“  in seiner berühmten Schrift Über Wahrheit und Lüge im Aussermoralischen Sinne bekanntlich so beantwortet: „Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen […,] die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: Die Wahrheiten sind Illusionen, über die man vergessen hat, dass sie welche sind […]“. Und später, in der (über die Rezeption Michel Foucaults) besonders einflußreichen Genealogie der Moral, hatte er Erkenntnisse als Formen der Überwältigung und Zurechtmachung im Dienste des „in allem Geschehen sich abspielenden Macht-Willens“ (GM II, § 12) bezeichnet. Das legt die Überlegung nahe, ob man nicht ehrlicherweise aufhören sollte, sich selbst vorzuspiegeln, es ginge einem um die Tatsachen. Warum sollte man die wissenschaftliche oder politische Auseinandersetzung dann nicht gleich als das behandeln, was sie ist, nämlich einen Machtkampf, in dem Lügen miteinander konkurrieren? Tatsächlich findet man heute in den Kulturwissenschaften nicht selten Personen, die beide Haltungen gleichzeitig vertreten – das Entlarven von (oft recht schematischen) Wahrheiten und den Unglauben an die Wahrheit. Bekanntlich beruft man sich auch neuerdings in der Politik auf die Möglichkeit von „Alternative facts“ und scheint damit Nietzsches Lehre aufzugreifen, daß es keine Wahrheit, sondern nur Interpretationen im Dienste von Macht-Willen gebe. Sind Trumph und Putin hier nicht die konsequentesten Schüler Nietzsches?

Weiterlesen
10 Dez

Der Mensch und das Tier. Wer ist der Mensch?

von Sarah Tietz (Bremen)


Tiere haben uns Menschen schon immer interessiert. Schon immer wollten wir wissen, wie sich Hunde, Hasen, Pferde, Schafe oder Bienen verhalten, weil wir diese und andere Tiere nutzen: zur Jagd, zur Zucht, zum Hüten, zum Essen oder einfach nur zur privaten Haltung. In all diesen Fällen ist es hilfreich, die Eigenarten von Tieren zu kennen.

Wir studieren Tierverhalten aber nicht nur, um Tiere nutzen zu können. Ein Klick auf youtube, und es wimmelt von dokumentierenden Tiervideos: Videos von Tieren im Regenwald, Tieren im Wasser, Tieren in der Wüste oder Tieren zu Hause. Sie alle erfreuen sich enormer Klickmengen. Tiere interessieren uns einfach, so wie uns auch vieles andere interessiert.

Weiterlesen
28 Nov

Wille zur Macht, Wahrheit und Moral. Große – und aktuelle – Themen der Philosophie Nietzsches

von Beatrix Himmelmann ( Tromsø)


Nietzsche ist heute ein höchst lebendiger Denker; weltweit finden seine Ideen ein Echo. Er gehört zu den meist zitierten und diskutierten Autoren der abendländischen philosophischen Tradition. Warum ist das so? In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Nietzsche schrieb, philosophische Abhandlungen und Aphorismen, aber auch literarische Texte wie die Dionysos-Dithyramben, deutete wenig auf eine derart durchschlagende Wirkung. Nietzsche selbst fühlte sich oft verkannt. „Ich selber bin noch nicht an der Zeit, Einige werden posthum geboren“, so schätzte er die eigene Stellung in der späten Schrift Ecce Homo ein. Der weit reichende Einfluss seines Denkens sollte sich tatsächlich erst nachträglich entfalten; er setzte spätestens mit der Jahrhundertwende (Nietzsche starb im August 1900) ein und verstärkte sich mit der Publikation unveröffentlichter Manuskripte aus dem Nachlass. Zu erwähnen sind besonders die späten fragmentarischen Notizen, die alle großen Themen der Philosophie Nietzsches behandeln und die zuerst 1901 unter dem – freilich irreführenden – Titel Der Wille zur Macht erschienen.

Weiterlesen
26 Nov

„Know nothing“ als Resultat des Philosophie- und Ethikunterrichts?

von Clemens Sander (Wien)


Ein philosophiebegeisterter Schüler, der in der Oberstufe an meinem sokratisch geprägten Ethik- und Philosophieunterricht teilgenommen hatte, schenkte mir zum Abschied ein T-Shirt auf dem Sokrates’ Gesicht zu sehen ist, und darüber steht in großen Lettern: KNOW NOTHING. Natürlich freute ich mich über das herzliche Geschenk, aber es brachte mich auch zum Nachdenken: Versteht der Schüler das als Aufforderung, ist das seine Quintessenz aus der Beschäftigung mit Philosophie?

Weiterlesen