06 Dez

Populäre Philosophie? Von der Quadratur des Kreises zu guter Laune und bunten Kleidern

von Mara-Daria Cojocaru (München)


Neulich war ich auf einer Veranstaltung der Zoological Society London zum Thema Wildtiere und menschliches Wohlergehen im städtischen Raum, einer Public science-Veranstaltung, die sich an eine breitere Öffentlichkeit richtete. In einem pointierten Vortrag gelang es u.a. einer ausnehmend gut gelaunten und bunt gekleideten Professorin für Biodiversity Conservation die Relevanz ihrer von zahlreichen prestigeträchtigen Geldgebern unterstützten Forschung herauszustellen; Forschung, die sich im Wesentlichen darum bemüht, die Trennung von Mensch und Natur in städtischen Kontexten zu überwinden. Allen im Raum schien völlig klar, dass das relevant ist, dass so eine Trennung nicht gut sein kann: “an sich” nicht – und auch da ihre Überwindung die individuelle Gesundheit fördert und Einsparungen bis zu 2 Millionen GBP verspricht. Natürlich gab es ein paar offene Fragen, will sagen, nicht alles wurde abschließend geklärt – wie auch? Die Forschung soll ja weitergehen. Ganz klar war aber, dass die vorläufigen Ergebnisse und Einschätzung zeigten, dass besagte Professorin den richtigen Weg mit ihrer Forschung eingeschlagen hatte. Mich hat beeindruckt, wie klar die Relevanz dieser Forschung war und wie gut dieses Public science-Event funktioniert hat. Selbst die anderen Wissenschaftler*innen im Raum schienen zufrieden! Warum, so fragte ich mich als jemand, der seit fast zehn Jahren nahezu alles an Public oder Popular philosophy – vom philosophischen Speed-Dating bis zum Diskussions-Marathon – mitgemacht hat, warum klappt das für die Philosophie nicht so? Am Ende solcher Veranstaltungen in der Philosophie hat man meiner Erfahrung nach nicht nur immer mehr Fragen als einen klaren Weg für die Zukunft im Umgang mit den Problemen, sondern oft Zweifel, ob hier überhaupt der richtige Weg eingeschlagen worden ist, und vor allem: unzufriedene akademische Philosoph*innen.

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27 Nov

Wenn die Philosophie ein iPhone wär’

Von Urs Siegfried (Zürich)

 

Haben sie schon einmal ein iPhone ausgepackt? Dieser Vorgang hat fast etwas Sakrales und ist ein bisschen wie eine Offenbarung in drei Akten. Da sind erstens die Eleganz und die Hochwertigkeit der Verpackung. Sie zeigen: Hier erwartet dich etwas Aussergewöhnliches und Wertvolles. Da ist zweitens das schöne Gefühl als Gerätebesitzer_in Teil der Apple-Community zu werden, einer Gemeinschaft von jungen, kreativen und weltoffenen Menschen. Und da ist drittens das Gerät selbst, Spitzentechnologie in verführerisch zugänglicher Form. Ich glaube, es sind genau diese drei Elemente, die die Philosophie braucht, um noch besser bei einem breiteren Publikum anzukommen: Komplexer Inhalt mit einer einfachen Bedienungsoberfläche, kombiniert mit einer Geschichte, die persönlich und emotional berührt, eingehüllt in eine Verpackung, die die Augen zum Leuchten bringt.

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27 Sep

Angewandte Ethik in der Weiterbildung – wie praktische Philosophie gesellschaftsrelevant wird

von Ivo Wallimann-Helmer (Zürich)


Ethische Kompetenzen tragen wesentlich zur Schärfung des eigenen Berufsprofils bei. Doch Kompetenzen in Ethik und Kenntnisse in angewandter Ethik lassen sich weder einem klaren Berufsfeld zuordnen noch mit einer bestimmten Stufe der Karriereentwicklung identifizieren. Ethische Reflexionsfähigkeit ist fast überall wichtig. In den Weiterbildungsangeboten des Ethik-Zentrums, den Advanced Studies in Applied Ethics, vermitteln wir diese Kompetenzen seit bald 20 Jahren erfolgreich in Studiengängen, Kursen und Seminaren. Das erfordert aus Sicht der professionellen Philosophie eine grosse Offenheit und Flexibilität sowie eine starke Komplexitätsreduktion. Was als negativ mit Blick auf den philosophischen Tiefgang unserer Ausbildungen erscheinen mag, erweist sich aus meiner Sicht als ein Modell für die Zukunft der Ethik bzw. Philosophie als gesellschaftsrelevanter, wissenschaftlicher Disziplin.

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04 Sep

Trumpismus und die Philosophie der Weltordnung

von Mark S. Weiner (Hamden, Connecticut, USA/Uppsala, Schweden)[1]


Im Zuge des NATO-Gipfels und des Helsinki-Treffens waren viele Liberale[2] versucht, das Verhalten von US-Präsident Donald Trump charakterlich zu verurteilen. Seine Unterstützung Vladimir Putins und die Zurechtweisungen seiner eigenen Geheimdienste sowie der traditionellen Verbündeten scheinen zu zeigen, dass er der Sache nicht gewachsen ist; oder dass er fremdgesteuert ist; oder dass er geistig labil ist; oder dass er ein Mitglied der Russlandgang ist – ein „Verräter“.

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23 Aug

Wie erkennt man Pseudowissenschaften? (Teil 2)

von Nikil Mukerji (München)


Die Wissenschaft ist eine wichtige gesellschaftliche Institution. Sie hilft uns, unsere eigene Existenz und unsere Natur als Menschen besser zu verstehen. Sie fördert Fakten zutage, auf deren Grundlage Innovation und technischer Fortschritt stattfinden kann. Sie liefert uns aber auch eine sachliche Grundlage für die politische Debatte und die öffentliche Diskussionen über wichtige gesellschaftliche Fragen. Hier sind Fakten wichtig! Wenn wir nicht wissen, von welchen gesellschaftlichen Bedingungen wir ausgehen und wie politische Maßnahmen wirken, haben wir kaum eine Chance, zufrieden stellende Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit zu finden. Deswegen müssen wir die Wissenschaft als gesellschaftliche Institution verteidigen und sie gegen Scharlatanerie und Humbug abgrenzen, bei der es sich um keine echte Wissenschaft handelt, sondern nur um Pseudowissenschaft. Aber wie erkennt man Pseudowissenschaft? Um diese Frage geht es mir hier.

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21 Aug

Wie erkennt man Pseudowissenschaften? (Teil 1)

von Nikil Mukerji (München)


Die Wissenschaft ist eine wichtige gesellschaftliche Institution. Sie hilft uns, unsere eigene Existenz und unsere Natur als Menschen besser zu verstehen. Sie fördert Fakten zutage, auf deren Grundlage Innovation und technischer Fortschritt stattfinden kann. Sie liefert uns aber auch eine sachliche Grundlage für die politische Debatte und die öffentliche Diskussionen über wichtige gesellschaftliche Fragen. Hier sind Fakten wichtig! Wenn wir nicht wissen, von welchen gesellschaftlichen Bedingungen wir ausgehen und wie politische Maßnahmen wirken, haben wir kaum eine Chance, zufrieden stellende Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit zu finden. Deswegen müssen wir die Wissenschaft als gesellschaftliche Institution verteidigen und sie gegen Scharlatanerie und Humbug abgrenzen, bei der es sich um keine echte Wissenschaft handelt, sondern nur um Pseudowissenschaft. Aber wie erkennt man Pseudowissenschaft? Um diese Frage geht es mir hier.

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24 Jul

Populäre Moralphilosophie und moralische Expertise

von Frauke Albersmeier (Düsseldorf) und  Alexander Christian (Düsseldorf)


Öffentliches Interesse an Philosophie richtet sich häufiger als auf die Probleme der theoretischen auf jene der praktischen Philosophie. Fragen nach den Grenzen des Wissens oder dem Wesen von Emotionen werden eher an Psychologen und Kognitionswissenschaftler, solche nach der Beschaffenheit der Welt an Physiker oder Biologen gerichtet, während Philosophinnen und Philosophen für Fragen der individuellen Lebensführung, nach kollektiven Pflichten, Gerechtigkeit und Freiheitsansprüchen weiterhin zu den naheliegenden Ansprechpartnern gezählt werden. Manche Philosophen sprechen durchaus bereitwillig z.B. über die sog. Flüchtlingskrise, Sterbehilfe oder die moralischen Rechte von Tieren. Zu lesen ist dann beispielsweise, dass die deutsche Regierung sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung durch Flüchtlinge preisgegeben hätte, obwohl es keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung gebe (Peter Sloterdijk in einem Interview mit der Zeitschrift Cicero). Sterbehilfe sei moralisch inakzeptabel, da der Mensch um den Akt des Sterbens betrogen werde und es keine gute Art des Tötens gebe (Robert Spaemann: Euthanasie in der Zeit). Tiere dürfe man essen, weil die meisten Nutztiere eben Augenblicksgeschöpfe seien, denen man nicht viel nehme, wenn man sie nach einem guten Leben rasch und schmerzlos tötet und durch andere Tiere der gleichen Art ersetzt (Konrad Ott in einem Interview in der taz).

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10 Jul

Populäre Subdisziplin: Film als Philosophie

von Susanne Schmetkamp (Basel)


Philosophische Texte, so schreiben die Kollegen Cox und Levine, seien oft «as dry as a desert», staubtrocken also, wie Wüstensand, der einem das Atmen erschwert, die Stimme verschlägt, die Augen trübt. Dabei soll uns Philosophie doch gerade eine Stimme verleihen, die Augen öffnen, den Blick klären für das, was wir sonst nicht sehen (hören, sagen) oder nicht sehen (hören, sagen) wollen, wie es wohl am prominentesten Platons Höhlengleichnis beschreibt. Platon ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Philosophie gerade nicht trocken sein muss, wenn sie nämlich das Gespräch sucht oder Gedankenspiele entwirft. Zu antiken Zeiten war das «Populäre» und die «Philosophie» daher auch kein solcher Gegensatz wie das heute zu sein scheint, wo Philosophie offenbar nicht populär ist, sondern erst dazu gemacht werden muss oder wo sich Philosophie ungern mit dem «Pop» misst, und wenn sie es tut, sich ins akademische Abseits schießt. Diesen Tendenzen will (und kann) eine Selbstverständigung nach dem Wesen und Wirken populärer Philosophie entgegenkommen, die sich vielleicht im Moment eher auf Festivals, in philosophischen Cafes oder im Feuilleton abspielt, wobei jüngst bemängelt wurde, dass die akademische Philosophie jenseits aller gesellschaftlichen Entwicklungen vor sich hin theoretisiere, dass sich die meisten «großen Stimmen» der Philosophie nicht gerade volksnah und verständlich oder erst überhaupt nicht verständigten. Das führte wiederum zum Einwand, dass die Philosophie nicht der Ort intellektueller Moden oder schillernde Zeitdiagnostik sei, sie müsse auch nicht (oder nicht immer) öffentlich vermittelbar sein. In der Tat kann sie das auch gar nicht immer; es gibt Themen in der Philosophie – ebenso wie in anderen akademischen Forschungen – die schwer zugänglich sind, und vielleicht sind die Argumente und Gegenargumente über das Selbstverständnis der Philosophie und ihrer Popularität tatsächlich entweder überzogen oder selbstgefällig. Ist es denn wirklich so, dass sich die (auch akademische) Philosophie den populären Themen entzieht, zu denen doch auch soziale und politische Probleme unserer Zeit gehören, von Migration über Armut bis Populismus? Oder was ist mit den vielen «poppigen» Themen in der gegenwärtigen Ästhetik über Jazz, Design, Tanz und Performance?

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29 Mai

Eine klare Sache: für eine populäre Philosophie

von Michael Hauskeller (Liverpool)

Populäre Philosophie, das ist fast ein Schimpfwort in manchen akademischen Kreisen. Man muß sich fast schämen, einmal etwas Populäres veröffentlicht zu haben. Populäre Philosophie ist Philosophie für das Volk, die vielen, die breite Masse, und was jeder versteht, so meint man, ist auch nicht wert verstanden zu werden. Nur das Einfachste wird von jedem verstanden. Die Welt ist aber alles andere als einfach. Wer sie richtig verstehen will, muß viel Arbeit am Begriff leisten; die populäre Philosophie aber scheint zu meinen, gerade darauf verzichten zu können, als ob das Schwere auch einfach zu haben sei. Nur scheinbar macht sie Dinge klarer. In Wahrheit aber ist sie deshalb problematisch, weil sie die Dinge nicht klar genug macht. – Aber ist das wirklich so?

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