18 Apr

Zur Kontroverse um das Kontroversitätsgebot: Ein politisch-liberales Kriterium

von Johannes Giesinger (Zürich)


In einem anregenden Beitrag auf diesem Blog befasst sich Johannes Drerup mit der Frage, was in der Schule „direktiv“ und was „kontrovers“ unterrichtet werden sollte. Als direktiv gilt hier ein Unterricht, der bestimmte Inhalte als gültig (wahr, richtig) vermittelt. Unterrichtet man ein Thema in kontroverser Weise, so bedeutet das hingegen, dass man es mit offenem Ausgang präsentiert und diskutiert. Drerup spannt den Bogen vom Beutelsbacher Konsens von 1976, der als normative Grundlage der politischen Bildung in Deutschland gilt, zur aktuellen internationalen Debatte. Letztere dreht sich um drei verschiedene Kriterien dafür, was kontrovers zu unterrichten ist.

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16 Apr

Der Nagel hat es auf den Kopf getroffen.

von Birgit Beck (TU Berlin)


„Vorher aber möchte ich bemerken, daß ich von keinem der Dinge, die ich sagen werde, mit Sicherheit behaupte, daß es sich in jedem Fall so verhalte, wie ich sage, sondern daß ich über jedes einzelne nur nach dem, was mir jetzt erscheint, erzählend berichte.“[1]

Der Sinn des Lebens? Klar, 42! Damit könnte man sich achselzuckend von dieser Frage abwenden und sich dem Tagesgeschäft widmen. Allerdings läuft man dann Gefahr, von der Sinnfrage unversehens doch wieder eingeholt zu werden. Vielleicht nicht von der bis auf Weiteres wohl unbeantwortbaren großen Frage nach dem Sinn des Lebens, aber doch von allerlei kleinen und größeren Sinnlosigkeiten, mit denen man sich lebensweltlich herumschlagen und zu denen man sich irgendwie verhalten muss. Versteht man also die Frage ‒ eine Differenzierung von Ludwig Siep aufgreifend[2] ‒ eher so, dass nach dem Sinn im Leben gefragt wird, dann erscheint sie bereits wesentlich brisanter und man wird über kurz oder lang nicht darum herumkommen, sich damit auseinanderzusetzen.

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11 Apr

Geburtstagsgedanken – Teil 2

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Vor einem Jahr haben wir praefaktisch ins Lebens gerufen. Die Geburt war relativ einfach, was danach kam mitunter mühsam aber lohnend. Es ist ein Jubiläum und das sollte man ja feiern aber dennoch kritisch zurück und mutig voraus blicken. (Falls sich ein paar Dinge hier wiederholen, die auch schon Norbert geschrieben hat, dann liegt das wohl daran, dass wir ähnliche Erfahrungen gemacht haben.)

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02 Apr

Sinn und Moral

von Simon Weber (Universität Bonn)


Das eigene Leben als sinnvoll zu erfahren ist Teil des menschlichen Glücks. Das weiß jede, die schon einmal in einer handfesten biographischen Krise gesteckt hat. Ebenso beruht unsere Bewunderung für Persönlichkeiten wie Mutter Teresa, Albert Einstein und Paul Gauguin nicht zuletzt darauf, dass wir ihre Leben als in herausragendem Maße mit Sinn erfüllt begreifen. Insofern wir am Gelingen unseres eigenen Lebens interessiert sind, haben wir daher Grund nach Sinn zu streben.

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28 Mrz

Sexualerziehung in der Schule. Eine Kritik der Kritik

von Johannes Drerup (Koblenz-Landau)


Einleitung

Sexualerziehung und sexuelle Bildung[1] sind Gegenstand anhaltender Kontroversen über die angemessene und legitime Einrichtung des Bildungssystems in liberalen Demokratien. Zur Debatte stehen Fragen nach der normativen Legitimation, den Inhalten und den Folgen von Sexualerziehungsprogrammen, die Vorgaben machen, ob und wie, wann und mit welchen Schwerpunktsetzungen Sexualität an öffentlichen Schulen zum Thema gemacht werden sollte. Im Streit über den legitimen Umgang mit Sexualität, sexuellen Orientierungen und Praktiken in schulischen Curricula konfligieren unterschiedliche Auslegungen von Interessen, Aufgaben, Rechten und Pflichten von Eltern, Kindern und dem liberalen Staat. Besondere öffentliche Aufmerksamkeit ist in der deutschsprachigen Debatte der sogenannten `Petition gegen den Regenbogen´ zuteil geworden. Diese Onlinepetition (ca. 200.000 Unterschriften) wendete sich vehement gegen ein im Rahmen des `Bildungsplans 2015´ geplantes Sexualerziehungprogramm in Baden-Württemberg, welches auf die Förderung gleichen Respekts für Personen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und die Akzeptanz von sexueller Diversität abzielte (z.B. durch die Darstellung gleichgeschlechtlicher Paare in Schulbüchern und die Vermittlung von Wissen über unterschiedliche sexuelle Orientierungen). Ähnliche Konflikte gab und gibt es auch in anderen Ländern (z.B. USA, Kanada, Großbritannien).

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26 Mrz

Zum Verhältnis von Ritus, Mythos und Wahrheit in religiösen Systemen

von Markus Wirtz (Köln)


Für das spirituelle Selbstverständnis und die gelebte Praxis religiöser Gemeinschaften und Individuen spielt es vermutlich nur eine untergeordnete Rolle, dass es sich bei Religionen um soziale Konglomerate aus sehr verschiedenen Komponenten handelt. Erst aus der distanzierten Außenperspektive der Religionswissenschaft, Religionssoziologie oder Religionsphilosophie erschließt sich die nähere Zusammensetzung der religiösen Phänomenkomplexe, die von den religiös Engagierten in der Regel ganzheitlich erlebt und mitvollzogen werden. Ritual, Mythos und Wahrheitsglaube (oder Glaubensgewissheit) können als essentielle Charakteristika benannt werden, welche alle Weltreligionen miteinander teilen. Als divergent erweisen sich jedoch im interreligiösen Vergleich – neben der konkreten Ausgestaltung der Riten, Mythen und Doktrinen in den einzelnen Religionskulturen – besonders die Relationen zwischen diesen drei Komponenten innerhalb der jeweiligen Religionen. Rituelle Vollzüge, mythische Erzählungen und als wahr geglaubte Lehrinhalte gehen in den Religionen jeweils verschiedene Verbindungen ein und erhalten in diesen Verbindungen ein von Religion zu Religion unterschiedliches Gewicht.

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21 Mrz

„Der Mensch wird nur unter Menschen ein Mensch“

von Leonhard Weiss (Alfter bei Bonn )


Wie auch in einigen Beiträgen zu diesem Blog thematisiert wird, ist in der aktuellen öffentlichen Debatte oft eine Reduktion von „Bildung“ auf „Kompetenzerwerb“ zu erleben, die etwa vom Kunstpädagogen und Bildungstheoretiker Jochen Krautz zurecht als Ausdruck einer „Ökonomisierung“ von Bildung diagnostiziert und kritisiert wird[1]. Verbunden mit dieser Tendenz, die „Bildung“ letztlich zu nichts anderem, als einer im Sinne der eigenen marktwirtschaftlichen Attraktivität zu erwerbenden „Ware“ macht, ist zugleich eine, wie ich es nennen möchte, „Entpersonalisierung von Bildung“.

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14 Mrz

Das Religiöse im Übergang von Religion zu Religion. Anmerkungen zur Logik der Konversion

von Sebastian Edinger (Potsdam)


Der gemeinsame Nenner der meisten Diskussionen über Religionen im Plural besteht darin, dass sie als Entitäten aufgefasst werden, wodurch sie einerseits zwar überhaupt erst wirklich als etwa Christentum oder Islam identifizierbar werden, andererseits aber auch in der gemeinen Handhabung wie monolithische Blöcke erscheinen. Selten thematisiert wird allerdings das philosophisch bedeutsame und zu bloßen Religionsunterscheidungen und Verhältnisbeschreibungen querstehende Phänomen der Konversion, d.h. der im Glauben vollzogene Übergang von einer Religion zu einer anderen Religionen oder von der nicht-religiösen in die religiöse Existenz. Eine allgemeine Formel für den Umgang der Religionen mit Konversionen – abgesehen davon, dass die „Exo-Konversion“ von Religionen generell nicht erwünscht ist – gibt es nicht: Der Hinduismus ist eine Geburtsreligion, der man also qua Geburt angehört und zu der man nicht konvertieren kann; das Judentum wiederum, gleichwohl eine auserwählte Schicksalsgemeinschaft der besonderen Art, verbietet keine Konversionen; zu Islam und Christentum als missionierungsfreudigen Religionen erübrigen sich weitere Ausführungen. Doch gerade um (vorwiegend institutionelle) Konversionen zu Religionen, die über eine politische Machtfülle verfügen, geht es mir nicht, sondern um die individuelle Konversion im Glauben. Deshalb werde ich von der Glaubenskonversion reden. Was geschieht überhaupt, wo eine Konversion vollzogen wird, und warum ist die Konversion der aufschlussreiche blinde Fleck der Frage danach, was es heißt, ein Gläubiger zu sein?

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07 Mrz

Religion, Philosophie und Religionsphilosophie

von Benedikt Paul Göcke (Bochum)


Um das Verhältnis von Religion und Philosophie zu erläutern, wird in einem ersten Schritt dafür argumentiert, dass der Religionsbegriff nicht präzise genug ist, um religiöse von areligiösen Weltanschauungen zu unterscheiden und daher aus wissenschaftlicher Perspektive nicht von Religionen an sich, sondern von konkreten Weltanschauungen wie beispielsweise der christlichen, der buddhistischen oder der schintoistischen Weltanschauung gesprochen werden sollte. Im Anschluss daran wird nach einer rudimentären Klärung der Aufgabe der Philosophie im Allgemeinen der Begriff der Religionsphilosophie im Speziellen skizziert, bevor abschließend einige zentrale Fragestellungen christlicher Religionsphilosophie erläutert werden.

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05 Mrz

Wer fragt nach dem Sinn des Lebens?

von Christian Thies (Passau)


Oft hört man die Ansicht, alle Menschen würden nach dem Sinn des Lebens fragen, sogar in allen Epochen und in allen Kulturen. Diese Auffassung halte ich für falsch.

Zwar ist es richtig, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens zu denen gehört, die Immanuel Kant im ersten Satz zur Vorrede der ersten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ beschreibt: Fragen, mit denen die menschliche Vernunft sich selbst belästigt, die sie nicht abweisen kann und die doch ohne Antwort bleiben müssen. Dabei werden sie nicht falsch gestellt – sie ergeben sich im Gegenteil mit einer gewissen gedanklichen Notwendigkeit –, aber wir überschreiten mit ihnen die Grenzen unserer kognitiven Kompetenzen. Solche Fragen gehören in die Metaphysik. Die klassischen Themen, die Kant im Blick hatte, waren Seele, Welt und Gott. Typische Fragen einer modernen Metaphysik sind „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ und „Was darf ich hoffen?“.

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