19 Apr

Ein bisschen Frieden? – Eine uneigentliche Philosophie des Schlagers

von Florian Arnold (HfG Offenbach)


Als Nicole beim Eurovision Song Contest 1982 einer der erfolgreichsten deutschen Schlager performte, wusste sie nicht, was sie damit anrichten sollte. Nicht nur gewann die erst 17-jährige den ersten Preis und erlebte einen kometenhaften Aufstieg in die obersten Klangsphären des Schlagerkosmos, sondern sie verlieh der buchstäblichen „Eurovision“ zugleich eine Deutung, die heute, nach 40 Jahren, leider wieder an Aktualität gewonnen hat, denkt man etwa an den Ukraine-Russland-Krieg oder Fridays for Future. In einem Jahr des Falkland- und ersten Libanonkriegs, des Regierungswechsels Schmidt-Kohl per Misstrauensvotum und des NATO-Gipfels in Bonn machte sich die noch junge Friedensbewegung seinerzeit Luft gegen die Angst vor weiterer Aufrüstung und einer sich abzeichnenden ökologischen Krise. Und als weithin sichtbarer Ausdruck dieses Umdenkens muss man auch Nicoles Beitrag werten.

Im Rückblick interessant jedoch scheint weniger diese Tatsache selbst, als die Art und Weise, der Ton, durch den sie sich Gehör verschaffte. So lautet die zweite Strophe:

„Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel.
Ich bin nur ein Mädchen, das sagt, was es fühlt.
Allein bin ich hilflos, ein Vogel im Wind,
der spürt, dass der Sturm beginnt.“

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28 Feb

Krieg und Frieden

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Der Krieg Russlands gegen die Ukraine wird einhellig als historische Zäsur verstanden. Dieser Krieg erzeugt durch die geographische, kulturelle und politische Nähe eine Betroffenheit, die ungleich größer ist als bei Kriegen in der Distanz. Ja, auch bei vielen anderen Kriegen (zum Beispiel dem Irakkrieg 2003) gab es Proteste und eine öffentliche Diskussion, wie Frieden erreicht werden könnte. Die Sorgen sind nun, da der Krieg von einem autoritär regierten Russland gegen ein europäisches Land geführt wird, jedoch ungleich größere. Es mehreren sich die Stimmen, dass Frieden vor allem durch Aufrüstung und gegenseitige Abschreckung aufrechterhalten werden kann und dass es ein militärisch starkes Europa braucht. Die wirtschaftlichen Folgen dieses Kriegs und der verhängten Sanktionen werden ebenso spürbar sein – die Abhängigkeit vom russischen Gas ist groß –, wobei zu erwarten ist, dass die Lasten einer Teuerung vor allem die einkommensschwache Bevölkerung treffen werden (sowohl in Europa als auch in Russland). Ob und wann und durch welche Maßnahmen Russland zum Frieden gezwungen werden kann und welche mittel- und langfristigen Folgen dieser Krieg haben wird, ist noch nicht abzusehen. Die Hoffnung ist, dass es schnell zu Frieden kommt und sich die Ukraine nicht in ein zweites Afghanistan, Irak oder Syrien verwandelt. Der Weg der Ukraine – und auch der Russland – muss rasch in Demokratie und Frieden führen.

Dennoch sind auch in diesem Konflikt nicht alle Fragen einfach zu beantworten – weder die militärischen, politischen, ökonomischen noch die ethischen und philosophischen. Es stellen sich Fragen der Legitimität einer militärischen Unterstützung und Intervention, der moralischen Pflichten der europäischen Staaten gegenüber der Ukraine, der Bevölkerung, die vor Ort ist und jenen Menschen, die in sichere Häfen fliehen (wollen). Müssen Frieden und soziale Gerechtigkeit (in der Ukraine, in Russland, in Europa) Hand in Hand gehen? Wie Frieden unter nicht-idealen Bedingungen einer multipolaren Welt, in der auf allen Seiten konkurrierende geostrategische und ökonomische Interessen herrschen, geschaffen werden kann, ist die zentrale Frage, aber auch worin eigentlich der moralische relevante Unterschied zwischen diesem Krieg und anderen besteht, die differenzierte Reaktionen der europäischen Staaten legitimieren. Wer trägt die (moralische) Verantwortung für diesen Krieg und was bedeutet es überhaupt diese Frage zu stellen – Putin alleine, seine Unterstützer, all jene, die lange Jahre gute Geschäfte mit ihm gemacht haben? Dieser Krieg wird nicht nur in der Ukraine geführt, sondern auch in den (sozialen) Medien, in denen fake news einfach und massenhaft verbreitet werden können. Ist es die richtige Reaktion hierauf mit Verboten zu antworten, wie es die EU nun tut, indem sie die von der russischen Regierung kontrollierten Medien Russia Today und Sputnik sperrt? Welche Verantwortung haben die Medien, damit die Wahrheit nicht das erste Opfer wird? Schließlich geht es auch um uns selbst: Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?

Während Krieg herrscht scheint es nicht dringlich, ja vielleicht sogar pietätlos, Philosophie zu betreiben. Vor allem Philosophie, die sich mit Krieg und Frieden auseinandersetzt und die auch dabei notwendigerweise abstrakt, distanziert und kühl erscheinen muss. Es schreibt sich vielleicht zu einfach aus der Distanz über Tod und Leid, wenn man in der gemütlichen Stube einer westeuropäischen Universität sitzt, während anderswo die Bomben fallen. Natürlich lässt sich hier einwenden, dass leider immer irgendwo auf der Welt Krieg herrscht und ebenso, dass alle globalen Ungerechtigkeiten und die vielen Leiden auf die die Philosophie reflektiert, grausame Wirklichkeit für viele Millionen Menschen sind (zum Beispiel globale Armut, Ausbeutung, Flucht oder Menschenrechtsverletzungen). Darf, ja soll, die Philosophie sich nun in die öffentliche, mediale, politische und wissenschaftliche Debatte einbringen? Was hat sie dafür überhaupt anzubieten aus dem großen Fundus ihrer älteren und jüngeren Geschichte in der Krieg und Frieden durchaus intensiv analysiert wurden? Vielleicht ist nun die Zeit für die akademische Philosophie zu schweigen. Aber was würde das über die Philosophie aussagen, würde das nicht bedeuten, dass ihre Reflexionen nur als Feierabendvergnügen taugen, die angesichts der bitteren Realität wenig bis nichts wert sind?

08 Jul

Chancengleichheit und Armut

Dieser Blogbeitrag bezieht sich auf einen ausführlichen Beitrag im neuen Handbuch Philosophie und Armut, welches im April 2021 bei J.B. Metzler erschienen ist.


Von Marcel Twele (Bern)


Die Begriffe “Armut” und “Chancengleichheit” lassen verschiedene Interpretationen zu. Umfasst Armut nur das Entbehren absoluter Güter (wie eine nahrhafte Ernährung) oder auch positionaler Güter (wie gesellschaftliche Anerkennung)? Haben Menschen bereits dann gleiche Chancen, wenn sie, ohne diskriminiert zu werden, mit allen anderen um vorteilhafte  gesellschaftliche Positionen wetteifern können, oder erfordert Chancengleicheit einen Ausgleich sozial- oder gar genetisch ungleicher Ausgangsbedingungen, womöglich bereits im Kindesalter (oder früher)? Dies ist mehr als ein Streit um Worte, denn viele Menschen glauben, dass wir Gründe haben, Armut zu bekämpfen und Chancenungleichheit zu verringern. Doch auch hier ist man sich keinesfalls einig: Manche sehen Handlungsbedarf hinsichtlich keines oder nur eines der beiden Phänomene. Diejenigen, die sowohl ein (moralisches bzw. politisches) Prinzip der Beseitigung von Armut (im Folgenden “Suffizienzprinzip”) als auch ein Prinzip der Chancengleichheit akzeptieren, können zudem unterschiedlicher Ansicht darüber sein, was von beiden im Konfliktfall Vorrag hat.

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12 Apr

3 Jahre praefaktisch. Populäre Philosophie, Aufmerksamkeit und Loslassen

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Nun gibt es praefaktisch, den besten aller möglichen Philosophieblogs, seit drei Jahren. Das freut uns sehr. Die Zugriffe haben sich kontinuierlich gesteigert (wir wissen ehrlich gesagt aber nicht, ob unsere Zugriffszahlen hoch oder niedrig sind, da uns die Vergleiche fehlen). Fast alle, denen wir schreiben, haben vom Blog schon einmal gehört, einige lesen ihn sogar regelmäßig und gerne. Unser Dank gebührt natürlich vor allem den AutorInnen. Pro Jahr sind es mehr als einhundert Beiträge, die wir veröffentlichen. Wegen Corona waren es 2020 noch um ein paar Dutzend mehr. Es tut sich also etwas. Eine kurze Reflexion auf Bloggen, populäre Philosophie, Aufmerksamkeit und Loslassen.

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01 Apr

Über das (eigene) Ende hinausdenken – Philosophie und deep adaptation

Von Daniel Neumann (Klagenfurt)


Der Klimawandel stellt uns nicht mehr vor eine Krise, die es abzuwenden gilt. Vielmehr haben wir den point of no return bereits überschritten. Die Frage lautet jetzt nur noch, wie wir mit dieser Erkenntnis umgehen sollen. Dies ist die Kernthese des 2018 von Jem Bendell veröffentlichten Paper Deep Adaptation: A Map for Navigating Climate Tragedy. In diesem Text frage ich mich, was die Philosophie als „Kunst, das Sterben zu lernen“, zu Bendells These beitragen kann.   

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10 Mrz

Rassismus bei Kant – Philosophie als „System der Selbstprüfung“

von Peggy H. Breitenstein, Danilo Gajić, Daniel Kersting, Yann Schosser


Rassistische Äußerungen in Kants Schriften stellen die heutige akademische Philosophie vor Herausforderungen: Wie kann ein angemessener Umgang mit ihnen in Forschung und Lehre, Schule und Hochschule aussehen? Welches Licht werfen diese Passagen auf den Universalismus und Humanismus der Philosophie Kants, die besonders in rechtsphilosophischen oder ethischen Debatten eine so große Rolle spielen? Überzeugt das Argument, Kant sei in einigen seiner Überzeugungen eben auch „im Zeitgeist“ gefangen gewesen? All diese Fragen rufen die Philosophie zur Selbstprüfung auf, zu der die kürzlich abgeschlossene Veranstaltungsreihe „Kant – Ein Rassist?“ ein wichtiger Beitrag war. Mit ihr reagiert die deutsche Kantforschung auf kritische Impulse aus der Zivilgesellschaft und lässt sich auf die bisher von ihr wenig beachtete Auseinandersetzung mit dem Rassismus in Kants Schriften ein. Der vorliegende Beitrag versucht sich an einem knappen Resümee der Reihe, will aber zugleich auf die Grenzen der aktuellen wie auch auf Aufgaben künftiger philosophischer Debatten über die Frage nach dem Umgang mit  Rassismus – aber auch mit Sexismus und Antisemitismus – in Werken der Philosophie hinweisen.

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16 Feb

Ethik als Methode

Von John-Stewart Gordon (Kaunas, Litauen)


Ohne Zweifel haben sich die bisherigen ethischen Theorien als fehlerhaft erwiesen, insbesondere dann, wenn geglaubt wurde, dass man mit einem (oder wenigen) Moralprinzip(ien) in der Lage ist, alle ethischen Probleme aufzulösen. In Wahrheit sind einzelne ethische Theorien jedoch lediglich nur unvollkommene Annäherungsweisen an die moralische Wirklichkeit. Einzig mit Hilfe der pluralistischen ethischen Methode – genannt Ethik als Methode (Gordon 2019) – ist man in der Lage, so die These des Buches, alle moralischen Probleme angemessen zu diskutieren und entsprechend zu lösen. Dieser radikale Neuansatz leitet einen Paradigmenwechsel in der Ethik ein.        

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14 Jan

Bücher schreiben ist nicht wie Smoothie trinken. Und trotzdem braucht es sie in der Philosophie.

Von Ursula Renz (Graz)


Die beste aller möglichen Welten wäre wahrscheinlich eine, in der es philosophische Bücher gäbe; und die Bibliothek, in die ich mich gerne zum Lesen zurückzöge, hätte nicht nur bequeme Ohrensessel, eine rasche Internet-Verbindung und elektronischen Zugang zu allen möglichen Zeitschriften, sondern sie enthielte auch Bücher, und zwar nicht nur von Aristoteles, Spinoza und Kant, sondern auch von Philippa Foot, Peter F. Strawson, Frederik Beiser oder Susan James. Ja, es gäbe in ihr auch Bücher, von deren Existenz ich nicht weiß oder deren Lektüre ich keinen Moment lang in Erwägung zöge. Und weil eben die beste aller möglichen Welten eine solche ist, stünde auch nicht zur Debatte, dass philosophische Bücher weiter existieren und für wertvoll gehalten werden.

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24 Nov

Hegel dekolonisieren?!

Von Filipe Campello (Recife, Brasilien)


Wenn wir uns heute – 250 Jahre nach seinem Tod – an Hegel erinnern, ist vielleicht eine der am meisten beunruhigenden Reaktionen die Frage, wie derselbe Philosoph gleichzeitig geschrieben haben kann, “das was wirklich ist, das ist vernünftig” und dass “nichts Großes in der Welt ohne Leidenschaft vollbracht worden ist”. Worauf bezieht sich Hegel denn nun, wenn er von Rationalität spricht? Oder: welche sind diese Leidenschaften, die die Welt bewegen?

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24 Nov

Plädoyer für die Utopie. Notwendig und unverzichtbar als Philosophie des Wünschenswerten und Möglichen

Von Mathias Lindenau (Ostschweizer Fachhochschule)


Stellen Sie sich vor, man würde Sie um eine Stellungnahme bitten, ob die Utopie irgendeine Relevanz für die Philosophie besitzt. Möglicherweise würde Ihnen Shakespeares Komödie «Viel Lärm um nichts» in den Sinn kommen und Sie würden achselzuckend Ihrer Meinung nach lieber einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen. Aber vielleicht würden Sie doch einen Moment innehalten und sich fragen, ob Philosophie als die Inkarnation logischen Denkens überhaupt etwas mit Utopien zu tun haben kann, die bekanntlich im Ruf stehen, nach einem Wolkenkuckucksheim zu suchen.

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