14 Feb

Philosophische Gotteserkenntnis?

von Robert Deinhammer SJ (Innsbruck)


Kann man Gott auf rein philosophischem Weg erkennen, mit unserer „natürlichen“ Vernunft, also ohne Bezugnahme auf Offenbarung und Glaube? Gibt es vielleicht „Gottesbeweise“, die im Prinzip allen Menschen einleuchten müssten? Diese Fragen wurden in der Tradition kontrovers beurteilt, aber der Mainstream abendländischer Philosophie bis Kant war hier durchaus optimistisch. Gegenwärtig scheinen hingegen die meisten Philosophen und auch viele Theologen diesbezüglich sehr skeptisch zu sein.[1] In der zeitgenössischen Philosophie dominieren atheistische und agnostische Strömungen, obwohl religiöse Fragen wieder vermehrt aufgegriffen werden.

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12 Feb

Wie uns Emotionen den Sinn des Lebens zeigen

von Elke Elisabeth Schmidt (Universität Siegen)


Gibt es so etwas wie einen Sinn des Lebens? Wenn ja, worin besteht er, und ist dieser Sinn für alle Menschen der gleiche? Angesichts der zunehmenden Kritik metaphysisch geprägter Weltbilder durch naturalistische Strömungen wird diese Frage auch in der Philosophie immer öfter negativ oder zumindest stark relativierend beantwortet. Sinn habe keinen Platz in einer naturwissenschaftlich aufgeräumten Welt; er sei im besten Fall auf schlechte Weise subjektiv und nie Gegenstand rationaler und das heißt zureichend begründender Argumentation. Ob es so etwas wie einen objektiven, und das soll wohl heißen auf die eine oder andere Weise metaphysisch robusten Sinn gibt oder nicht, soll und kann hier nicht Diskussionsgegenstand sein. Zumindest lässt sich aber Folgendes in aller Kürze sagen: Es gibt Grund skeptisch zu sein. Ein universaler, für alle Menschen festgelegter Sinn des Lebens, oder einer, der zwar für einzelne Individuen, aber unabhängig von deren Wollen besteht, ist, um es behutsam und mit angemessener epistemischer Vorsicht zu sagen, ungewiss. Ich glaube nicht, dass es ihn gibt, aber Glauben ist nicht Wissen und ich bin nicht alle. Wir können uns jedenfalls nicht sicher sein, und so gesehen kann es nicht schaden, nach einer Sinnquelle zu fragen, die ohne Götter und absolute Moral (die zu befolgen manchem verheißungsvoll scheinen könnte) bestehen würde.

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07 Feb

10 Gründe, besser heute als morgen Atheist zu werden

von Lisz Hirn (Wien)


1. Atheisten glauben auch. Nur eben daran, dass es Gott nicht gibt.

Der Atheismus ist nicht der Gegenspieler der Religionen, für den er gehalten wird. Der schlaue Hinweis kam bereits von Arthur Schopenhauer: „Was für eine schlaue Erschleichung und hinterlistige Insinuation in dem Wort Atheismus liegt! – als verstände der Theismus sich von selbst.“ Ein Atheist glaubt nämlich, dass es Gott nicht gibt. Denn auch das nicht-an-einen Gott-zu-glauben ist noch immer ein Glaube, der sich unter Kategorien wie wahr oder falsch stellen lässt. Friedrich Nietzsche, einer der bekanntesten Gottlosen in der Philosophiegeschichte, schreibt in seinem Buch „Ecce Homo“: “Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebnis, noch weniger als Ereignis: er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu fragwürdig, zu übermütig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu lassen.“

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05 Feb

Bildung zum Anderen

von René Torkler (Eichstätt)


Der Erwerb von Bildung gilt vielen als Schlüssel zu einer gelingenden Lebensgestaltung. In diesem Sinne ist Bildung ohne Frage ein Zukunftsthema, da nur derjenige vor den Aufgaben des Lebens bestehen wird, der sich durch zukunftsfeste Bildung hinreichend auf diese vorbereitet. Solches Vorbereitsein auf zentrale Lebensaufgaben dürfte immer schon eine grundlegende Motivation für die mit Bildungsprozessen verbundenen Anstrengungen gewesen sein.

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31 Jan

Ein sinnvoller Brückenbau. Viktor Frankl im Gespräch mit der gegenwärtigen Sinnphilosophie

von Roland Kipke (Eichstätt)

Dieser Blogbeitrag basiert auf einem Aufsatz, der im Schwerpunkt „Das Schöne, Wahre und Gute. Das sinnvolle Leben in der Diskussion“ in der Zeitschrift für Praktische Philosophie erschienen ist.


Was macht ein sinnvolles Leben aus? Wie kann man sinnvoll leben? Worin können wir Sinn finden? Diese Fragen stellen sich nahezu jedem Menschen. Sie gelten im Allgemeinen sogar als zentrale philosophische Fragen, doch die akademische Philosophie entdeckt sie erst in den letzten Jahren wieder. In der Existenzanalyse und Logotherapie von Viktor E. Frankl hingegen stehen sie seit jeher im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der österreichische Psychiater hat eine eigene Sinntheorie entwickelt und sie zur Basis seiner psychotherapeutischen Arbeit gemacht.

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24 Jan

Heilloses Lachen. Gelotophile Affinitäten in Philosophie und Religion

von Robert Lehmann (Greifswald)


Selbstbeherrschung

„Religion ist eine ernste Sache“, dachte ich, als mich vor einigen Jahren zwei Notärztinnen mit Kabeln umkränzt aus einer Kirche trugen. Myokardinfarkt mit Anfang 30 ist unwahrscheinlich, selbst unter Philosophen. Und auch ich sollte am Ende zum rettenden Durchschnitt gehören. Was meine Brust zuschnüren, Arm und Kiefer schmerzen ließ, war, wie ich später erfuhr, nämlich nicht der träge Muskel meines Herzens. Es waren wohl auch nicht die Verlockungen des Engels der Duineser Elegien, die an diesem Abend mit Verve und heiligem Ernst von der Kanzel erklungen waren. Es war vielmehr die schiere Gewalt, die es brauchte, damit ich der unfreiwilligen Komik dieses Ernstes nicht den Platz einräumte, den sie so dringlich einforderte. Verkniffen und verkrampft habe ich mich in den Griff bekommen, bin nicht dem rüden Reflex schallenden Gelächters erlegen. Das war schon deshalb vernüftig, weil ich nun für einen Augenblick Repräsentant eines erstaunlichen Menschenschlages war: des Selbstbeherrschers, jenes Wesen, das sich in der paradoxen Leistung gefällt, sich zusammenreißen zu können.

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22 Jan

Was ist philosophische Bildung? – Annäherung an eine Reflexionskategorie

von Carsten Roeger (Köln)


Nicht Halbbildung ist das Problem unserer Epoche, sondern die Abwesenheit jeder normativen Idee von Bildung, an der sich so etwas wie Halbbildung noch ablesen ließe. (Liessmann,  2006, S. 9)

In der schulischen Praxis ist von Bildungsprozessen meist nur noch als Kompetenzerwerb die Rede. Die Kompetenzorientierung, welche den Kompetenzerwerb — also den Erwerb von Voraussetzungen für ein spezifisches Können (Weinert, 2001, S. 62) — als primären  Zweck von Unterricht ausweist, ist allerdings aus einer bildungstheoretischen Perspektive  ein wenig aussichtsreicher  Kandidat dafür, die Idee der Bildung zu ersetzen, können sie doch nach Bieri (2010, S. 205f.) als kategorial verschieden betrachtet werden: „Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden,  arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.“ Bieri bezieht sich hier auf das Bildungsdenken Humboldts. Auch bei Humboldt (2010, S. 188) findet sich die kategoriale Unterscheidung von Bildung und Ausbildung als Differenz von „allgemeiner Bildung“ und „specieller Bildung“. Mit „specieller Bildung“ bezeichnet Humboldt nützliche Fertigkeiten, was dem Kompetenzverständnis der Kultusministerkonferenz (2001, S. 1) entspricht. Eine Reduktion von Bildung auf Ausbildung, respektive Kompetenzerwerb, verfehlt also den Zweck humanistischer Bildungprozesse, auch wenn Bildung offensichtlich Kompetenzen nicht ausschließt, denn um beurteilen zu können, auf welche Art und Weise man in der Welt ist, muss man auch etwas können: beurteilen.

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10 Jan

Was trägt? Philosophische Religionskritik als Belastbarkeitstest und (Selbst-)Aufklärung

von Ana Honnacker (Hannover)


Wie verhalten sich Philosophie und Religion zueinander? Was auf den ersten Blick zunächst als scheinbar einfache (und vermeintlich längst geklärte) Frage daherkommt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als beinahe unentwirrbare Problemstellung, handelt es sich doch um zwei Phänomenkomplexe, denen nicht gut beizukommen ist, da ihr Gegenstandsbereich je nach (kulturellem und historischem) Blickwinkel und Vorverständnis variiert. Über das Verhältnis von Philosophie und Religion nachzudenken, erfordert dementsprechend eine gleichermaßen heikle wie verräterische definitorische Eingrenzung dessen, was man jeweils unter Philosophie und Religion versteht, und das heißt eben auch: verstanden wissen möchte.

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08 Jan

Schule als ‚Bollwerk der Bildung‘

von Thomas Rucker (Bern)


„Schule muß heute eine Institution zur Verteidigung der Bildung werden. Ja, sie stellt vielleicht das letzte Bollwerk dar, in dessen Schutz Bildung in dem ihrer Geschichte angemessenen Sinn bewahrt, aber auch gewährt werden kann“ – Dieser Satz stammt von Theodor Ballauff und findet sich in einem kleinen Bändchen aus dem Jahre 1964 mit dem Titel Die Schule der Zukunft.[1] Der Satz könnte ebenso heute formuliert worden sein, denn Bildung im pädagogischen Verständnis ist auch im Jahre 2018 keine Selbstverständlichkeit, auf die man rekurriert, wenn Schule zum Thema gemacht wird. Ballauff ist sich freilich darüber im Klaren, dass die Schule zunächst einmal als eine Institution, d.h. eine auf Dauer gestellte Problemlöseinstanz der Gesellschaft begriffen werden muss und in diesem Sinne nicht nur ein Ort der Ermöglichung von Bildung ist bzw. sein kann. Gleichwohl insistiert Ballauff darauf, dass es für eine pädagogische Perspektive auf Schule, die sich ihrer philosophischen Tradition verpflichtet weiß, von großer Bedeutung ist, Schule als einen (möglichen) ‚Ort‘ der Bildung in den Blick zu rücken.

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03 Jan

Was Melvilles Moby Dick mit dem Sinn des Lebens zu tun hat

von Susanne Hiekel (Duisburg-Essen)


Moby Dick wird wohl üblicherweise als Abenteuerroman aufgefasst und die im Titel hergestellte Verbindung zum Thema des Blogs scheint auf den ersten Blick seltsam zu sein. Der zweite Blick – durch die Brille der Autoren Hubert Dreyfus und Sean Dorrance Kelly – eröffnet allerdings die Verbindung. In All Things Shining stellen Dreyfus und Kelly exemplarisch anhand moderner Klassiker der westlichen Literatur eine Entwicklungsgeschichte von philosophischen Haltungen zur Lebenssinnfrage dar. Sie skizzieren diese Geschichte ausgehend von der verzauberten Welt eines Homerischen Polytheismus und endend in der heutigen entzauberten Welt, die dem Aufklärungsgedanken autonomen Entscheidens verpflichtet ist und mit einem Lebenssinn-Nihilismus einhergeht. Der moderne Klassiker Infinite Jest von David Foster Wallace (im Deutschen Unendlicher Spaß) exemplifiziert diese nihilistische Haltung. Diesem Werk geht nun Melvilles Moby Dick von 1851 voraus, und bildet den Autoren zufolge mit bestimmten Inhalten sozusagen die Vorstufe, die zum Nihilismus führt. Dreyfus und Kelly selbst plädieren allerdings für eine Renaissance eines Homerischen Polytheismus, bei dem wir „act at our best when we open ourselves to being drawn from without.“ (Dreyfus und Kelly 2011, S. 142).

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