02 Aug

Seid einfach unbequem

Christoph von Eichhorn (München)


„Die Beschäftigung ist rauf, die Steuern sind runter. Viel Spaß!“ twitterte US-Präsident Donald Trump kürzlich („Employment is up, Taxes are DOWN. Enjoy!“). Alles bestens, genießt es doch einfach! Maximale Vereinfachung und Verkürzung. Maximale Wirkung. Vereinfacher wie Trump haben weltweit gerade Erfolg. Aber es geht um mehr als um den Vormarsch von Populismus. Die Vereinfachung selbst ist auf dem Vormarsch. Trumps Tweets sind sicher kein Brunnen der Weisheit. Aber sie zeigen, dass wir in einem Zeitalter der großen Vereinfachung und Verkürzung leben.

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24 Jul

Populäre Moralphilosophie und moralische Expertise

von Frauke Albersmeier (Düsseldorf) und  Alexander Christian (Düsseldorf)


Öffentliches Interesse an Philosophie richtet sich häufiger als auf die Probleme der theoretischen auf jene der praktischen Philosophie. Fragen nach den Grenzen des Wissens oder dem Wesen von Emotionen werden eher an Psychologen und Kognitionswissenschaftler, solche nach der Beschaffenheit der Welt an Physiker oder Biologen gerichtet, während Philosophinnen und Philosophen für Fragen der individuellen Lebensführung, nach kollektiven Pflichten, Gerechtigkeit und Freiheitsansprüchen weiterhin zu den naheliegenden Ansprechpartnern gezählt werden. Manche Philosophen sprechen durchaus bereitwillig z.B. über die sog. Flüchtlingskrise, Sterbehilfe oder die moralischen Rechte von Tieren. Zu lesen ist dann beispielsweise, dass die deutsche Regierung sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung durch Flüchtlinge preisgegeben hätte, obwohl es keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung gebe (Peter Sloterdijk in einem Interview mit der Zeitschrift Cicero). Sterbehilfe sei moralisch inakzeptabel, da der Mensch um den Akt des Sterbens betrogen werde und es keine gute Art des Tötens gebe (Robert Spaemann: Euthanasie in der Zeit). Tiere dürfe man essen, weil die meisten Nutztiere eben Augenblicksgeschöpfe seien, denen man nicht viel nehme, wenn man sie nach einem guten Leben rasch und schmerzlos tötet und durch andere Tiere der gleichen Art ersetzt (Konrad Ott in einem Interview in der taz).

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21 Jun

Die postfaktische Demokratie und ihre Kritiker

von Veith Selk (Darmstadt)


Verfolgt man die gegenwärtig im Feuilleton und in der Wissenschaft ausgetragene Debatte über den Zustand der westlichen Demokratien, kann dabei der Eindruck entstehen, den Demokratien kämen die Tatsachen abhanden. Nimmt man die dominanten Selbstbeschreibungen der Demokratien beim Wort, wäre das in der Tat problematisch, ist doch diesen zufolge das Wissen über Fakten auf mindestens zwei Ebenen von Bedeutung. Erstens setzt die Erzeugung demokratischer Legitimität voraus, dass die Bürgerinnen und Bürger in der Lage sind, sich sowohl über die politischen Probleme und Handlungsoptionen als auch über die faktische Regierungspolitik und ihre Folgen, die häufig selbst zu politischen Problemen werden, öffentlich sachkundig machen können. Zweitens kann nur dann gut regiert werden, wenn der Staat über Wissen verfügt. Nicht zufällig hing die Entstehung des Staates mit der Entstehung der Statistik zusammen, die den Herrschenden faktenbasiertes Herrschaftswissen bereitstellte – mal zum Guten, mal zum Schlechten der Untertanen. Das ist auch in der Demokratie so. Die Bedeutung von Wissen nimmt in ihr sogar zu, weil demokratische Politik nicht nur in hohem Maße der Legitimität bedarf, sondern auch durch eine Erhöhung der Erwartungen und Ansprüche an das Staatshandeln charakterisiert ist.

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15 Mai

Philosophie im Kinosessel

von Andrea Klonschinski (Kiel)


Philosophische Filmreihe als populäre Philosophie

Philosophische Themen auf eine unterhaltsame Art vermitteln und mit einem breiteren, nicht unbedingt philosophisch vorgebildeten Publikum diskutieren – geht das? Ja, das geht – und zwar sehr gut! Diese Erfahrung habe ich zumindest mit der philosophischen Filmreihe „Filmisches Philosophieren“ gemacht, die ich 2012 in Regensburg aus der Taufe gehoben, dort bis 2016 organisiert habe und seit 2017 in Kiel fortführe. Ich möchte im Folgenden das Konzept dieser Reihe vorstellen, einen Überblick über Filme und diskutierte Themen geben und skizzieren, warum ich die Filmreihe und vergleichbare Formate für „populäre Philosophie“ im Besten Sinne halte, von der sowohl die Öffentlichkeit, als auch die akademische Philosophie selbst profitieren.

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19 Apr

Das Volk erreichen! Aber wie?

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Mit ein bisschen anderer Schwerpunktsetzung könnte dieser Beitrag auch in unseren Themenblock zum Marxjubiläum passen. Schließlich ist Marx doch in einem doppelten, ja vielleicht sogar dreifachen Sinne ein populärer Philosoph. Erstens ist Marx einer der wenigen echten houshold names in der Philosophie. Wahrscheinlich kennt ihn wirklich (fast) jeder und er war doch, wenn ich mich recht erinnere, sogar in einer TV-Show bei der Wahl zum „besten Deutschen“ ganz weit oben. Das nenn‘ ich mal populär. Dagegen können Kant und Hegel, aber auch Nietzsche und die „jungen Wilden“ wie Habermas und Gadamer einpacken. Zweitens gibt es wohl wenige Philosoph_innen, die sich so sehr darum bemüht haben, die Öffentlichkeit zu erreichen und zu beeinflussen wie Marx. Und es gibt wahrscheinlich auch keinen, der mehr Einfluss auf die Öffentlichkeit entwickelt hat. Man kann also dahingehend wohl von Marx einige Dinge lernen. Drittens, aber da bin ich mir nicht ganz so sicher, hatte Marx sogar eine ganz gute Vorstellung davon, was mit populär überhaupt sinnvoll gemeint sein könnte – ja, wer ist das Volk, das populus, um das es hier geht? Marx‘ Schriften geben zumindest ein paar Hinweise darauf, um wen man sich als Philosoph_in bemühen soll, wen man also versuchen sollte, mit seinen Schriften und Argumenten zu erreichen und zu überzeugen. Natürlich wurde und wird Marx in allen Klassen – hier im Marxschen Sinne – gelesen und rezipiert, aber das eigentliche Subjekt – der Geschichte und auch der Marxschen Agitation und Philosophie – ist dann doch die Arbeiterklasse. Wenn man auf dem Weg dahin auch ein paar Bürgerliche und Kapitalisten überzeugen kann, dann ist das ja schön und gut, aber wichtiger sind andere.

Ich will hier aber eben keinen Marx-Beitrag schreiben, sondern einen, der der Frage nachgeht, was populäre Philosophie sein kann und was sie sein sollte. Leicht angelehnt an Gedanken, die einer Marx-Lektüre entspringen könnten, interessieren mich dabei vor allem solcherart Fragen: Warum und wozu will man hier populär sein und die Menschen verführen, manipulieren, anregen? Schließlich die Frage nach dem Objekt der Begierde solch populärer Philosophie, also dem Publikum, das von ihr so gerne und mitunter verzweifelt gesucht wird. Wer ist das Volk einer solchen volkszugewandten Philosophie?

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10 Apr

Populäre Philosophie

von Elke Brendel (Universität Bonn)


Die Philosophie als akademische Disziplin spielt sich heute weitgehend in den vielbeschworenen Elfenbeintürmen universitärer Institute ab. Die Fachphilosophin (hier wie im Folgenden soll das Femininum auch alle anderen Geschlechter miteinschließen) kämpft meist einsam mit komplizierten Texten, prüft kritisch Argumente und erwägt das Für und Wider von philosophischen Positionen. Wenn Lehre, Verwaltung, das Schreiben von Gutachten und das Einwerben von Drittmitteln ihr noch genügend Zeit und vor allem Muße lassen, gräbt sie sich immer tiefer in fachspezifische Detailfragen. Und wenn es gut läuft, dann gelingt ihr ein eigener kleiner originärer Debattenbeitrag, der (meist nach mehreren Runden des „revise and resubmit“) in einer philosophischen Fachzeitschrift publiziert und oftmals nur von einer Handvoll weiterer Expertinnen auf dem Gebiet überhaupt verstanden und gelesen wird.

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