08 Aug

Medienbildung und anthropomorphe Maschinen

von Tobias Hölterhof (Köln)


Vor wenigen Woche veröffentlichte ein Startup-Unternehmen aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz ein Video auf YouTube. Zu sehen sind zunächst zwei Menschen: Ein Mann und eine Frau stehen bewegungslos da. Sie blicken die Zuschauenden des Videos posend an und tragen lässige Kleidung. Der Mann ist mit einem dunkelgrauen Parka, einer sandfarbenen Hose und hohen Lederstiefeln bekleidet. Die Frau ist weniger warm angezogen. Sie trägt glänzende Stiefel, eine dreiviertel lange, schwarze Hose und einen olivgrünen Pullover. Nach wenigen Sekunden springt das Video zu einer Matrix von drei mal fünf ähnlichen Bildern. Zu sehen sind zunächst sich bewegende Männer. Alle sind lässig bekleidet und verändern ruhig ihre Gebärden. Sie machen einen kleinen Schritt zur Seite oder bewegen bedacht ihre Schultern. Der Blick ist stets nach vorne auf den Zuschauenden gerichtet. Dann metamorphosieren die Personen während ihrer Bewegung zu Frauen. Manche lehnen sich an eine Wand an. Plötzlich kehrt sich die Bewegung der Personen um, als würde der Film eine kurze Zeit rückwärts laufen. Dann sind alle 15 Personen in exakt der gleichen Körperhaltung und -bewegung zu sehen. Die Männer und Frauen sind völlig unterschiedlich gekleidet jedoch halten sie ihre Arme und Hände an der gleichen Stelle. Ihre Schultern haben den gleichen Winkel, der Kopf schaut mit dem gleichen Blick und alle Beine sind leicht angewinkelt. Für einen Augenblick sind alle Bewegungen völlig simultan, dann lösen sie sich wieder aus dem Gleichschritt. Das Video springt auf eine Matrix von sechs mal zehn Bildern. Einige der nun sechzig Personen bewegen sich gleich, andere Bewegungen wirken wie horizontale Spiegelungen. Die Dramaturgie ist ungewöhnlich präzise.

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19 Apr

Das Volk erreichen! Aber wie?

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Mit ein bisschen anderer Schwerpunktsetzung könnte dieser Beitrag auch in unseren Themenblock zum Marxjubiläum passen. Schließlich ist Marx doch in einem doppelten, ja vielleicht sogar dreifachen Sinne ein populärer Philosoph. Erstens ist Marx einer der wenigen echten houshold names in der Philosophie. Wahrscheinlich kennt ihn wirklich (fast) jeder und er war doch, wenn ich mich recht erinnere, sogar in einer TV-Show bei der Wahl zum „besten Deutschen“ ganz weit oben. Das nenn‘ ich mal populär. Dagegen können Kant und Hegel, aber auch Nietzsche und die „jungen Wilden“ wie Habermas und Gadamer einpacken. Zweitens gibt es wohl wenige Philosoph_innen, die sich so sehr darum bemüht haben, die Öffentlichkeit zu erreichen und zu beeinflussen wie Marx. Und es gibt wahrscheinlich auch keinen, der mehr Einfluss auf die Öffentlichkeit entwickelt hat. Man kann also dahingehend wohl von Marx einige Dinge lernen. Drittens, aber da bin ich mir nicht ganz so sicher, hatte Marx sogar eine ganz gute Vorstellung davon, was mit populär überhaupt sinnvoll gemeint sein könnte – ja, wer ist das Volk, das populus, um das es hier geht? Marx‘ Schriften geben zumindest ein paar Hinweise darauf, um wen man sich als Philosoph_in bemühen soll, wen man also versuchen sollte, mit seinen Schriften und Argumenten zu erreichen und zu überzeugen. Natürlich wurde und wird Marx in allen Klassen – hier im Marxschen Sinne – gelesen und rezipiert, aber das eigentliche Subjekt – der Geschichte und auch der Marxschen Agitation und Philosophie – ist dann doch die Arbeiterklasse. Wenn man auf dem Weg dahin auch ein paar Bürgerliche und Kapitalisten überzeugen kann, dann ist das ja schön und gut, aber wichtiger sind andere.

Ich will hier aber eben keinen Marx-Beitrag schreiben, sondern einen, der der Frage nachgeht, was populäre Philosophie sein kann und was sie sein sollte. Leicht angelehnt an Gedanken, die einer Marx-Lektüre entspringen könnten, interessieren mich dabei vor allem solcherart Fragen: Warum und wozu will man hier populär sein und die Menschen verführen, manipulieren, anregen? Schließlich die Frage nach dem Objekt der Begierde solch populärer Philosophie, also dem Publikum, das von ihr so gerne und mitunter verzweifelt gesucht wird. Wer ist das Volk einer solchen volkszugewandten Philosophie?

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10 Apr

Philosophieren in postfaktischen Zeiten

von Patrick Zoll SJ (München)


Was kann man als Philosoph in postfaktischen Zeiten tun? Nun, am besten wohl das, was man immer tut: analysieren, klassifizieren, kritisieren und konstruktiv etwas zur Lösung der identifizierten Probleme beitragen.

Kommen wir zur ersten Aufgabe. Der Begriff „postfaktisch“ bzw. „postfaktische Politik“ ist in aller Munde. Nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil das Adjektiv und seine englische Entsprechung „post-truth“ sowohl von den Herausgebern der Oxford Dictionaries als auch von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres 2016 gewählt wurden. Aber was bedeutet dieser Begriff eigentlich genau?

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