11 Jun

Wir wissen genug

Von Anne Burkard (Göttingen)


Die Komplexität der Klimawissenschaften und der ethischen Fragen, die durch die Klimakrise aufgeworfen werden, können zu lähmenden Zweifeln führen. Benötigen wir nicht größere Sicherheit in den wissenschaftlichen Ergebnissen und bessere normative Orientierung, bevor wir sagen können, ob und wie wir uns im Kampf gegen den Klimawandel engagieren sollen? Doch philosophische Reflexion kann uns zeigen: Wir wissen genug. In diesem Beitrag skizziere ich, wie dies möglich ist, obwohl die Philosophie häufig gerade dadurch charakterisiert wird, dass sie Zweifel erzeugt. Ich zeige auf, wie insbesondere ethische Reflexion zu dem Ergebnis führen kann, dass wir genug wissen, um im Hinblick auf die Klimakrise bestimmte grundlegende Zweifel begründet zurückzuweisen – und um zu erkennen, dass wir verpflichtet sind, jetzt zu handeln.

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27 Mai

Was, wenn andere nichts tun? Eine Replik auf Rudolf Schüßler

Von Christian Baatz (Kiel) und Felix Pinkert (Wien)


In seinem aktuellen Beitrag zur Klimakrise stellt Rudolf Schüßler eine unbequeme Frage: Hat Deutschland bzw. die EU auch dann die moralische Pflicht, Treibhausgas-Emissionen erheblich zu reduzieren, wenn die Mehrzahl anderer großer Emittenten dies nicht tut?

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19 Mai

Demokratisierung und Dekommodifizierung der Arbeit. Überlegungen zum Manifest #DemocratizingWork

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Vor einigen Tagen wurde das Manifest „ARBEIT: DEMOKRATISIEREN, DEKOMMODIFIZIEREN, NACHHALTIG GESTALTEN“ in Zeitungen und Zeitschriften in über dreißig Ländern veröffentlicht, das mittlerweile von über 3000 ForscherInnen, darunter auch viele PhilosophInnen, aus der ganzen Welt unterzeichnet wurde. Der Aufruf bezieht sich auf die COVID-19 Pandemie als Chance und Anlass für eine nachhaltige Veränderung des Erwerbsarbeitslebens. Wie aus dem Titel des Manifests hervorgeht, stehen drei Anliegen im Vordergrund: Arbeit soll demokratisiert werden, also Angestellte sollen in ihren Betrieben umfangreiche Mitspracherechte über Unternehmensentscheidungen erhalten. Arbeit soll dekommodifiziert werden, also jeder Mensch soll Anspruch auf einen würdigen Arbeitsplatz haben, der vom Staat garantiert wird. Arbeit soll nachhaltig gestaltet werden, also so verändert werden, um nicht mehr primär Profitinteressen zu dienen, sondern der Klimakrise entgegenzutreten. Das Manifest bietet vielerlei wichtige Anknüpfungspunkte für eine weiterführende (philosophische) Diskussion, welche sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen mittel- und langfristig erstrebenswert sind und wie der Weg dorthin gestaltet werden kann.

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14 Mai

Warum eigentlich (nicht) Menschenrechte? – Zum Diskurs über die Klimakrise

Von Christoph Herrler (Erlangen)


Die mit dem anthropogenen Klimawandel einhergehende Erderhitzung ist mit vielen negativen Folgen verbunden. Dies dürfte allen, die naturwissenschaftliche Fakten als solche begreifen, nicht entgangen sein. Diese Folgen lassen sich häufig als Verletzung oder zumindest Bedrohung von Menschenrechten beschreiben. Gleichwohl sprechen die direkt politisch Verantwortlichen – meinem Eindruck nach – beim Klimaschutz eher von Kosten und Nutzen als von Menschenrechten. Wäre ein Umdenken angebracht?

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30 Apr

Radikaler versus behutsamer Klimaschutz: warum Behutsamkeit angesichts der Risiken ungerecht wäre

von Eugen Pissarskoi (Tübingen)


Die internationale Staatengemeinschaft hat sich im Jahr 2015 darauf geeinigt, die globale Erwärmung auf maximal 2°C, nach Möglichkeit auf 1,5°C, zu begrenzen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen nahezu alle Staaten, insbesondere aber die wohlhabenden, frühzeitig industrialisierten wie Deutschland, ihre Treibhausgasemissionen reduzieren. Politisch umstritten ist jedoch, in welchem Umfang und wie schnell ein Land wie Deutschland seine Treibhausgasemissionen reduzieren soll. Zivilgesellschaftliche Akteure wie beispielsweise Vertreter*innen der Fridays for Future Bewegung fordern, dass politische Maßnahmen getroffen werden, mit denen die Treibhausgasemissionen bis 2035 vollständig reduziert werden. Teils tun sie das mit reißerischen Slogans (“I want you to panic”; “Wir sollen handeln, als wenn unser Haus brennt”). Hingegen halten andere gesellschaftliche Akteure wie beispielsweise der Klimawissenschaftler Hans von Storch (SPIEGEL 43/2019) solche Forderungen für naiven Aktionismus und Panikmache. Von Storch zieht in Zweifel, dass die Forderungen aus der Zivilgesellschaft sachlich fundiert seien: „Was die jungen Klimaaktivisten anbieten, ist ein wilder Mix aus Fakten und Spekulationen.“ Er plädiert vielmehr dafür, Treibhausgasemissionen langsamer und insbesondere durch neuartige Technologien zu reduzieren. Die Politik soll insbesondere die Entwicklung solcher Technologien fördern, radikalere Schritte sind eher kontraproduktiv, lässt sich aus seinen Aussagen schlussfolgern.

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14 Apr

Wer, wenn nicht wir? Über einen Topos der Klimadebatte

von Rudolf Schüßler (Bayreuth)


Wer, wenn nicht wir, soll die Klimakrise beheben, von der die Welt bedroht wird? Das ‚wir‘ in diesem Satz bezieht sich auf alle Menschen, wird aber oft genug auch für einzelne Staaten und Staatengruppen beansprucht. Angela Merkel meint die Deutschen, wenn sie fordert: Wer, wenn nicht wir. Aber weshalb sollten bestimmte Staaten mehr für den Klimaschutz leisten müssen als andere? Die Klimaethik nimmt in dieser Hinsicht vor allem die Industriestaaten in die Pflicht, die mehr Treibhausgase emittieren als andere Staaten. Allerdings lassen sich auf diesem Weg zunächst nur Prima-facie-Pflichten begründen, also in erster Annäherung geltende Pflichten, von denen noch gezeigt werden muss, dass sie auch in der konkreten Realität handlungsbindende Geltung haben. In diesem Blogbeitrag möchte ich auf eine gravierende Hürde für diesen letzten Schritt der Geltungsbegründung hinweisen. Die Unsicherheit der politischen Kooperation zwischen Staaten steht der verbindlichen Geltung besonderer Leistungspflichten von Industriestaaten im Weg.

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07 Apr

Klimakrise, Klimaskepsis – und Philosophie?

von Jens Gilessen (Marburg)


In jüngster Zeit ist nicht nur eine Verschärfung der Klimakrise zu beobachten, sondern auch neuer politischer Widerstand gegen einen konsequenten Klimaschutz. Ein Grund dafür: Gleichsam im Schatten der von Lobbygruppen betriebenen Klima-Leugnung überdauern in der Bevölkerung bestimmte, nicht einmal per se irrationale, Formen von Klima-Skepsis. In diesem Beitrag werde ich argumentieren, dass hier sowohl Klimaethik als auch Erkenntnistheorie gefordert sind.

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05 Apr

Kapitalismus als Corona-Party – und wie die Welt von morgen tatsächlich besser werden könnte

Interview mit Martin Gessmann (Offenbach)

Wir sind noch mitten dabei, das Schlimmste zu verhindern bei der Ausbreitung der Corona-Pandemie. Und das ist gut so, es geht um viele Tausende an Menschenleben, weltweit. Und doch kann man den Augenblick auch schon nutzen, um nach vorn zu schauen. Die Art und Weise, wie wir heute miteinander umgehen – mehr oder weniger gezwungenermaßen – könnte zukunftsweisend sein. Man könnte es als einen Testfall ansehen dafür, ob wir es nicht auch freiwillig besser hinbekommen, indem wir etwa auf Reisen verzichten, nicht ständig irgendwohin unterwegs sind und den Konsum herunterfahren. All das würde dem geschundenen Klima und unserer Umwelt sehr zu Gute kommen. Schon jetzt ist etwa klar, dass in Deutschland auch noch die ehrgeizigsten Emissionsziele für 2020 mit wehenden Fahnen erreicht bzw. übertroffen werden. Bis zu 120 Millionen Tonnen CO2-Einsparung sind nach bester Schätzung in diesem Jahr möglich. Man kann es auch so wenden: Willkommen in Gretas Welt. Alles würde klima-gut, würden wir ab jetzt konsequent so weiter machen. Weil das viel zu schön klingt, um wahr zu sein, braucht es dringend einen Realitätscheck – was ist dran an den Post-Corona-Visionen? Steht uns das Ende des Kapitalismus bevor? Wird das Klima durch ein Virus gerettet? Jedenfalls nicht, wenn wir das philosophische Fingerhaken so weiter treiben, mahnt der Philosophen Martin Gessmann. Das Gespräch führte Marc Halbach.

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17 Mrz

Die Klimakrise – ein Plädoyer für ethische Analysen und demokratische Reformen

von Joachim Wündisch (Düsseldorf)


Die Prognosen über die Entwicklung des globalen Klimas werden zunehmend dramatischer: verheerende Unwetter, weiträumige Überschwemmungen, sich ausbreitende Krankheitserreger, Ernteausfälle und Wasserknappheit. Zwar ist die Mehrheit der Menschen davon überzeugt, dass etwas getan werden muss, aber es wird nichts getan, jedenfalls nicht genug. Ich behaupte, erstens, wir brauchen auch ethische Überlegungen, um die Klimakrise zu bewältigen, und zweitens, nur demokratische Systeme werden sie bewältigen können.

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