02 Mai

Zwischen Interpretation und Adaption: Rawls im Dialog mit Kant

Von Jakob Huber (Frankfurt)


John Rawls habe die normative politische Philosophie im und für das 20. Jahrhundert wiederbelebt, so eine weiterverbreitetes (wenngleich zunehmend kritisiertes) Narrativ. Während sich sein Rang in der Ahnengalerie der Gerechtigkeitstheorie 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung seines Hauptwerkes weiter festigt, werden Rawls‘ eigene Arbeiten zur Geschichte der Philosophie weiterhin kaum beachtet. Wie ich in diesem Beitrag zeigen möchte, stehen diese Rawls‘ eigenem Theoriekonstrukt sicherlich in ihrer Originalität, weniger jedoch in ihrer Wirkmächtigkeit nach. Insbesondere Rawls‘ Kantinterpretation hat sich – zum Guten oder zum Schlechten – gerade im angloamerikanischen Kontext als einflussreich entpuppt. Begünstigt durch Rawls‘ häufig undurchsichtige Kombination aus Interpretation, Adaption und Modifikation sowie vermittelt durch eine Reihe Kant-affiner Schüler:innen lässt sich ein Bild eines wechselseitiges Verhältnis Rawlsscher und Kant’scher Ideen zeichnen.

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10 Mrz

Rassismus bei Kant – Philosophie als „System der Selbstprüfung“

von Peggy H. Breitenstein, Danilo Gajić, Daniel Kersting, Yann Schosser


Rassistische Äußerungen in Kants Schriften stellen die heutige akademische Philosophie vor Herausforderungen: Wie kann ein angemessener Umgang mit ihnen in Forschung und Lehre, Schule und Hochschule aussehen? Welches Licht werfen diese Passagen auf den Universalismus und Humanismus der Philosophie Kants, die besonders in rechtsphilosophischen oder ethischen Debatten eine so große Rolle spielen? Überzeugt das Argument, Kant sei in einigen seiner Überzeugungen eben auch „im Zeitgeist“ gefangen gewesen? All diese Fragen rufen die Philosophie zur Selbstprüfung auf, zu der die kürzlich abgeschlossene Veranstaltungsreihe „Kant – Ein Rassist?“ ein wichtiger Beitrag war. Mit ihr reagiert die deutsche Kantforschung auf kritische Impulse aus der Zivilgesellschaft und lässt sich auf die bisher von ihr wenig beachtete Auseinandersetzung mit dem Rassismus in Kants Schriften ein. Der vorliegende Beitrag versucht sich an einem knappen Resümee der Reihe, will aber zugleich auf die Grenzen der aktuellen wie auch auf Aufgaben künftiger philosophischer Debatten über die Frage nach dem Umgang mit  Rassismus – aber auch mit Sexismus und Antisemitismus – in Werken der Philosophie hinweisen.

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05 Jan

Ein «Experiment der reinen Vernunft»: Kants Erfindung des philosophischen Gedankenexperiments

Von Jelscha Schmid (Basel)


Gedankenexperimente haben die Philosophie insofern schon immer beschäftigt, als solche Experimente schon immer Teil dessen ausgemacht haben, was es heisst zu philosophieren. Eine explizite Debatte über das, was ein Gedankenexperiment ist, entsteht aber erst viel später, nämlich einerseits als Teilgebiet der Wissenschaftsphilosophie und andererseits als Teilgebiet der Metaphilosophie. Wie und wann aber entstand dieses Nachdenken über und nicht nur mit Gedankenexperimenten? Entgegen der gängigen Auffassung führt uns eine Antwort auf diese Frage zurück zu Immanuel Kant (1724-1804) und seinem kritischen Unterfangen, «das bisherige Verfahren der Metaphysik» zu revolutionieren (Bxxii).

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04 Dez

Pflichtgemäß. Immanuel Kant und Brad Raffensperger

von Herbert Hrachovec (Wien)


Der Innenminister des US-amerikanischen Bundesstaates Georgia ist lebenslanger Republikaner. Er unterstützte Donald Trumps Wahlkampf finanziell und wählte ihn im November 2020. Zu diesem Zeitpunkt war er in seiner politischen Funktion auch für die korrekte Abwicklung dieser Wahl zuständig. Joe Biden gewann in Georgia mit circa 12.000 von 5 Millionen Stimmen Vorsprung. Trumps Rechtsanwälte fochten das Ergebnis sofort an; sie reklamierten umfassenden Wahlbetrug. Während der darauf folgenden Neuauszählung wurde der Minister zur Zielscheibe erregter Trump-Anhänger. Anonyme EMails warnten: „You better not botch this recount, Your life depends on it.“ Lindsey Graham, Senator für South Carolina, „erkundigte“ sich, ob man Wahlkarten nicht für ungültig erklären könnte. Die Überprüfung des vorläufigen Resultates in den einzelnen Wahlbezirken änderte nichts am Endergebnis. Laut Gesetz musste es vom Innenminister bestätigt werden.

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27 Jun

Historizität und Vernunft. Annäherungen an Kants Philosophie der Geschichte

von Rudolf Meer (Graz)

Wird im Rahmen der klassischen Deutschen Philosophie von einer Philosophie der Geschichte gesprochen, denkt man allererst an G. W. F. Hegels groß angelegtes Projekt der Entfaltung der Vernunft oder an K. Marx’ Historischen Materialismus und weniger an das oft als ahistorisch bezeichnete Projekt der Kritik der reinen Vernunft. Dabei wird allerdings leicht übersehen, dass bereits I. Kant auf der Basis seiner kopernikanischen Wende der Denkungsart Leitideen zu einer Philosophie der Geschichte entwickelt. Diese zeichnet sich besonders durch ihre regulative und hypothetische Funktion aus und ermöglicht aufgrund ihrer undogmatischen Herangehensweise eine interessante Opposition zu den obig genannten Konzepten.

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23 Apr

Vom philosophischen Glauben zum Wissen von Religion. Der Beitrag der klassischen deutschen Philosophie

von Georg Sans SJ (München)

„Glauben könnt ihr in der Religion“, pflegte unser alter Mathematiklehrer zu sagen, wenn ein Schüler das Ergebnis einer schwierigen Aufgabe mehr erriet als errechnete und ihn unsicher fragend ansah. Damit verlieh der Lehrer einer weit verbreiteten Überzeugung Ausdruck. Der religiöse Glaube hat mit der Art von Gewissheit, wie sie die Mathematik oder die Naturwissenschaften suchen, nichts zu tun. Nicht wenige Philosophinnen und Philosophen schließen sich dieser Auffassung an. Insofern die Philosophie beansprucht, Wissenschaft zu sein, muss sie die Religion aus ihrem Bereich verbannen.

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