02 Mai

Zwischen Interpretation und Adaption: Rawls im Dialog mit Kant

Von Jakob Huber (Frankfurt)


John Rawls habe die normative politische Philosophie im und für das 20. Jahrhundert wiederbelebt, so eine weiterverbreitetes (wenngleich zunehmend kritisiertes) Narrativ. Während sich sein Rang in der Ahnengalerie der Gerechtigkeitstheorie 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung seines Hauptwerkes weiter festigt, werden Rawls‘ eigene Arbeiten zur Geschichte der Philosophie weiterhin kaum beachtet. Wie ich in diesem Beitrag zeigen möchte, stehen diese Rawls‘ eigenem Theoriekonstrukt sicherlich in ihrer Originalität, weniger jedoch in ihrer Wirkmächtigkeit nach. Insbesondere Rawls‘ Kantinterpretation hat sich – zum Guten oder zum Schlechten – gerade im angloamerikanischen Kontext als einflussreich entpuppt. Begünstigt durch Rawls‘ häufig undurchsichtige Kombination aus Interpretation, Adaption und Modifikation sowie vermittelt durch eine Reihe Kant-affiner Schüler:innen lässt sich ein Bild eines wechselseitiges Verhältnis Rawlsscher und Kant’scher Ideen zeichnen.

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25 Apr

Rawls und die Religion. Zum Verhältnis zwischen Glauben und öffentlicher Rechtfertigung

Von Michael Roseneck (Frankfurt und Mainz)


Die Sozialforschung ist weitestgehend von der Prognose Max Webers abgerückt, dass Modernisierung und die Trennung von Kirche und Staat zugleich auch einen Bedeutungsverlust der Religion bedingen. Vielmehr beziehen religiöse Akteure in der demokratischen Öffentlichkeit oder in Institutionen wie beratenden Ethikkommissionen prominent Stellung, zum Beispiel zu moralisch bedeutsamen Fragen wie denen von Abtreibung, Asylpolitik oder Medizinethik, und üben damit potentiell Einfluss auf den Willensbildungsprozess aus.[i]

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18 Apr

Das Recht der Völker

Von Christine Straehle (Hamburg)


Zu Ende der 90er Jahre hatte John Rawls seine Überlegungen zur globalen Gerechtigkeitsdiskussion unter dem Titel Law of Peoples veröffentlicht (dt. Das Recht der Völker). Es sollte als seine Antwort auf all diejenigen gelten, die seine Theorie der Gerechtigkeit auf die internationale Sphäre anwenden wollten. Solchen Versuchen erteilte Rawls eine deutliche Absage. Stattdessen unterstrich er in diesem Band eindeutig wieder die Kantianischen Wurzeln seiner politischen Philosophie, indem Rawls die Rolle des Staates als Garanten des Rechts und der individuellen Freiheit hervorhob. Allerdings stach hervor, dass er eben nicht Staaten als Einheit des internationalen Rechts betrachtete, sondern Völker. Inwieweit diese Abgrenzung allerdings erfolgreich war, ist immer noch umstritten.

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04 Apr

Warum es höchste Zeit ist, Rawls zu historisieren – und so die politische Philosophie der Gegenwart vom Bann des politischen Liberalismus zu befreien

Von Oliver Flügel-Martinsen (Bielefeld)


Rawls‘ politische Philosophie kann seit Erscheinen seines epochemachenden Buches A Theory of Justice im Jahr 1971 als das einflussreichste Paradigma der politischen Philosophie der Gegenwart gelten. Das mag man bewundern. Aber eine solche Dominanz – welcher Prägung auch immer – schränkt nicht nur im Allgemeinendie Vielfalt politischen Denkens ein. Vor allem ist Rawls‘ Denken im Besonderen nur wenig geeignet, zeitdiagnostisch und gesellschaftstheoretisch informierte kritische Perspektiven auf unsere politische Gegenwart zu eröffnen, deren wir in einer polarisierten politischen Welt so dringend wie vielleicht noch nie bedürfen und von denen sich weite Teile der heutigen politischen Philosophie aufgrund des rawlsschen Einflusses denkbar weit entfernt haben.

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28 Mrz

Rawls und die Religion

Von Martin Breul (Erfurt)


Es hat nicht viel gefehlt, und Rawls wäre nicht der bedeutendste Vertreter der Politischen Philosophie im 20. Jahrhundert, sondern Theologe und Pfarrer geworden: Vor seinem Studium und während seines Dienstes im US-Militär im 2. Weltkrieg spielte Rawls – als gläubiger episkopaler Christ – mit dem Gedanken, Priester zu werden; und selbst als er diese Idee aufgrund seiner im Krieg in Frage gestellten Religiosität wieder aufgab, blieb er interessiert an theologischen Fragestellungen. Seine Abschlussarbeit am Philosophy Department der Universität Princeton trug den Titel „Eine kurze Untersuchung über die Bedeutung von Sünde und Glaube“. Auch wenn Rawls keine Karriere in der Theologie verfolgte, ist die Stellung der Religion in der politischen Öffentlichkeit eines liberalen Verfassungsstaats ein Dauerthema seiner späteren Werke. Welches Verhältnis hat Rawls also zur Religion? Welchen Stellenwert hat die Religion in seiner Version des Politischen Liberalismus? Und war Rawls am Ende gar ein religiöser Denker?

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21 Mrz

Was bleibt vom späten Rawls?

Von Fabian Wendt (Chapel Hill)


In den 1980er Jahren beginnt John Rawls, die Idee einer „freistehenden“, rein politischen Gerechtigkeitskonzeption zu entwickeln, einer Gerechtigkeitskonzeption, die sich aus allen umstrittenen moralischen, religiösen und sonstigen weltanschaulichen Fragen heraushält. Eine solche Konzeption, so Rawls, könnte sich wie ein Modul in die unterschiedlichsten sogenannten „umfassenden Lehren“ einfügen, die in einer liberalen Gesellschaft nebeneinanderher bestehen, und somit eine geeinte und stabile pluralistische Gesellschaft ermöglichen.

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14 Mrz

Rawls und die Neuordnung der praktisch-philosophischen Landkarte

Von Michael Reder (München)


John Rawls ist mit Jürgen Habermas die zentrale Figur der praktischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. Es gibt gegenwärtig wohl keine Studierenden der Philosophie weltweit, die nicht mit seinen Grundbegriffen vertraut sind: mit den Prinzipien der Gerechtigkeit, dem Urzustand oder dem Liberalismus als politische Ordnungsform. Gerechtigkeit ist zur unumstößlichen Mitte vieler praktisch-philosophischer Debatten geworden. Rawls hat mit seinen Begriffen also die Landkarte der praktischen Philosophie neugeordnet – egal, ob man seine Argumente teilt oder nicht.

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07 Mrz

Vier offene Fragen über soziale Gerechtigkeit

Von Thomas Pogge (New Haven, USA)


Die von John Rawls 1971 vorgelegte Gerechtigkeitskonzeption wirft vier wichtige Grundsatzfragen auf, hinsichtlich derer wir in den letzten 50 Jahren kaum Fortschritte gemacht haben. Diese Fragen sollen hier von den vielen Detailproblemen seiner Theorie abgelöst und so genau, kurz und allgemein wie möglich formuliert werden.

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28 Feb

Licht und Schatten John Rawls’ politischer Philosophie

Von Julian Culp (Paris)


John Rawls’ egalitärer Liberalismus ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur dominanten politischen Philosophie in der angloamerikanischen Wissenschaft avanciert und hat auch in der deutschsprachigen Wissenschaft eine sehr große Wirkung entfalten können. Was erklärt die Strahlkraft Rawls’ politischer Philosophie?

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