04 Aug

Was meinen wir mit „Rassismus“, wenn wir von Rassismus in Hegels Philosophie sprechen? Replik auf Folko Zander, Teil 2

Von Daniel James (Düsseldorf) & Franz Knappik (Bergen)


In unserem Beitrag „Das Untote in Hegel: Warum wir über seinen Rassismus reden müssen“ haben wir für eine verstärkte Auseinandersetzung mit rassistischen und pro-kolonialistischen Elementen in Hegels Philosophie plädiert. Diese Elemente, so haben wir argumentiert, stehen in engerem systematischem Zusammenhang mit heute noch populären Ideen Hegels, als uns lieb sein kann. Ehe wir an jene Ideen philosophisch anknüpfen, sollten wir daher genauer verstehen, wie sie sich genau zu den ‚untoten‘ Seiten von Hegels Denken verhalten. In einer Replik hat Folko Zanders neben anderen Kritikpunkten, auf die wir an anderer Stelle geantwortet haben, auch die Frage aufgeworfen, wie in diesem Zusammenhang der ‚Rassismus‘-Begriff zu verstehen ist.

Weiterlesen
28 Jul

Warum wir über die rassistischen und pro-kolonialistischen Elemente in Hegels Denken reden müssen: Replik auf Folko Zander, Teil 1

Von Daniel James (Düsseldorf) & Franz Knappik (Bergen)


In seiner Replik auf unseren Text „Das Untote in Hegel: Warum wir über seinen Rassismus reden müssen“ versucht Folko Zander, unseren Diskussionsbeitrag als einen bewussten Akt der Fehldeutung, der „üblen Nachrede“ und sogar des „[D]enunzieren[s]“ zu diskreditieren. Dass klassische Autoren wie Hegel in manchen Teilen der akademischen Philosophie nach wie vor als Identifikationsfiguren dienen, deren Kritik offene Empörung bis hin zu derartigen Angriffen auslöst, halten wir für einen Teil des Problems, nicht der Lösung. In der Hoffnung, dass wir damit zu der sachlichen Debatte beitragen, die die Thematik unseres Erachtens erfordert, haben wir uns dennoch dafür entschieden, auf Zanders Text zu antworten, um unsere Position gegen seine Einwände zu verteidigen, und nicht zuletzt auch, um mögliche Missverständnisse zu klären. Auf die von Zander aufgeworfene Frage, wie der Begriff des ‚Rassismus‘ in diesem Zusammenhang verstanden werden sollte, werden wir in einem eigenen Beitrag eingehen.

Weiterlesen
07 Jul

Vom Sinn und Zweck eines Rassismusvorwurfs gegen Hegel

von Charlotte Baumann (Sussex)


Zanders Reaktion auf James und Knappiks Beitrag über Hegels Rassismus wirft neben Interpretations-fragen zu  bestimmten Stellen bei Hegel vor allem die Frage auf: Was bringt es, Hegel des Rassismus zu beschuldigen? Dies ist eine berechtigte Frage, nicht zuletzt deswegen, weil diese Frage de facto bei vielen ähnlichen Diskussionen im Raum steht und zum polemischen Begriff der Cancel Culture beigetragen hat. Also, zwei Dinge sollten von vornherein klar sein: Es kann nicht darum gehen, dass man von Hegel erwartet, nach heutigen Maßstäben ‚woke’ zu sein, und es geht James und Knappik ganz bestimmt nicht darum, nie wieder Hegel zu lesen oder andere dazu zu motivieren. (Sie sind ja selbst Hegelianer und richten ihren Kommentar vor allem an uns andere Hegelianer). Was bringt es dann, wenn man aufzeigt, wo und wie Hegel andere Ethnien oder generell marginalisierte Gruppen abschätzig behandelt? Zunächst ist es klar, dass Rassismus nicht unbedingt etwas mit Biologie zu tun haben muss[1] und dass eine Wortklauberei nicht zielführend sein kann. Stattdessen geht es meines Erachtens um vier Dinge: 1.  historische Korrektheit, 2. analytische Schärfe, 3. den ‚eigenen’ Hegel und 4. die Lehre und das Hegel-ernst-Nehmen.

Weiterlesen
23 Jun

Hegel als Zombie. Eine Erwiderung auf Daniel James und Franz Knappik

von Folko Zander (Jena)


Dass Hegel in vielen seiner Schriften leicht misszuverstehen ist, kann vorbehaltlos zugegeben werden. Das ist auch leicht verständlich angesichts der Schwierigkeit seiner philosophischen Gegenstände und der sich daraus ergebenden Probleme der sprachlichen Vermittlung. Deswegen sind in der seriösen Hegelliteratur Fehldeutungen, Uneinigkeiten und ein eher langsames Voranschreiten des Verständnisses eher zu finden als bei anderen Philosophen. Das ist bedauerlich, aber nicht zu ändern.

Weiterlesen
27 Mai

Das Untote in Hegel: Warum wir über seinen Rassismus reden müssen

Von Daniel James (Düsseldorf) & Franz Knappik (Bergen)


Ob als Theoretiker der Anerkennung, der Freiheit, der Normativität, der staatlich eingegrenzten Märkte, der Logik oder der Kunst—das Erbe Hegels floriert derzeit im Inland wie im Ausland. Autor:innen in den unterschiedlichsten philosophischen Traditionen finden Inspiration in den Schriften Hegels, und selbst in der einst so geschichtsvergessenen analytischen Philosophie hat der Philosoph, dessen Geburtstag sich 2020 zum 250. Mal jährte, viele Verehrer. In den zahlreichen Beiträgen zum Hegel-Jahr lag der Schwerpunkt so zumeist auf Hegels Aktualität, auf dem „Lebenden in Hegels Philosophie“, wie es Benedetto Croce formuliert hatte. Warum auch sollte man sich heute noch mit dem „Toten“ in Hegels Denken beschäftigen, mit dem, wovon wir ohnehin wissen, dass es falsch ist?

Weiterlesen
07 Jan

Hegels Nützlichkeit

Von Jonas Heller (Frankfurt am Main)


In seiner Phänomenologie des Geistes hat Hegel eine Dialektik der Aufklärung formuliert, die für die kritische Theorie der ersten Generation schulbildend wurde. Die dialektische Diagnose lautet: Im Prozess ihrer Verwirklichung zerstört sich die Aufklärung selbst.[1] Die Verwirklichung der Aufklärung erfolgt als Prozess der Befreiung. Durch die Verbreitung von Einsicht soll die „allgemeine Masse“ von einer ihren „Eigennutz“ suchenden Priesterschaft und von einer auf „Beherrschung“ zielenden Obrigkeit befreit werden. Doch statt Freiheit zu realisieren, schlägt Aufklärung in absolute Herrschaft um: Die Verwirklichung der Aufklärung vollzieht sich als eine Dialektik der Freiheit. Sie mündet in deren Gegensatz, schließlich in Mord. Hegel hat hier den „Schrecken“, den terreur der Französischen Revolution vor Augen: „Das einzige Werk und Tat der allgemeinen Freiheit ist daher der Tod, […] der kälteste, platteste Tod, ohne mehr Bedeutung, als das Durchhauen eines Kohlhaupts oder ein Schluck Wassers“.[2]

Weiterlesen
29 Dez

Bildung und absolutes Wissen im Zeitalter der Klimakatastrophe

Von Oliver Toth (Graz)


Hegels Philosophie des Geistes porträtiert einen idealen Bildungsvorgang: Der Weg des Geistes zu seiner vollständigen Selbsterkenntnis mündet gemäß Hegels Darstellung in der Phänomenologie des Geistes in absolutes Wissen. Hier soll es um die Frage gehen: Hat seine Konzeption von absolutem Wissen heute – 250 Jahren nach Hegels Geburt und angesichts der Klimakatastrophe – noch Aktualität? Meine These lautet: die Klimakrise fordert die Philosophie nach Hegel heraus, sich mit den eigenen bildungsbezogenen Voraussetzungen auseinanderzusetzen.

Weiterlesen
23 Dez

Wer denkt abstrakt? Wie Philosophie in der Corona-Krise unter Anleitung von Hegel praktisch werden kann

Von Olivia Mitscherlich-Schönherr (München)


Ein Rückblick auf Hegels Essay „Wer denkt abstrakt?“ vermag die Leerstelle nicht zu schließen, die Gottfried Schweiger der Philosophie in der Corona-Krise attestiert: Leitbilder einer künftigen, gerechten Gesellschaft zu entwerfen. In Auseinandersetzung mit Hegels Text können wir jedoch ein Philosophieren bahnen, das auf andere Weise praktisch wird: indem es Abstraktionen überwindet, zu einem nicht-reduktionistischen Beurteilen der gegenwärtigen Krise befähigt und dergestalt politische Lernprozesse unterstützt.

Weiterlesen
15 Dez

Boris liest etwas, das nicht aufgeht, und schaut “House of Cards”

Erzählung als Gedankenexperiment

Von Veronika Reichl (Berlin)


Dies ist eine Erzählung über das Lesen von Hegel und darüber, wie man mit seinen Aufhebungen umgehen könnte. Sie ist auf der Basis von Interviews mit Hegelleser*innen entstanden, doch ich ordne Motive und Beobachtungen, Thesen und Erfahrungen aus verschiedenen Interviews neu an. Ich kürze, was die Erzählung sprengt. Ich spekuliere und entwerfe Zusammenhänge, während ich eine Fiktion formuliere, als wäre sie geschehen. Und so fange ich an:

Weiterlesen
10 Dez

Subjektive Freiheit – Warum es in einer Diktatur keine Objektivität geben kann

Von Susanne Herrmann-Sinai (Oxford)


Zu Zeiten des ausgehenden real-existierenden Sozialismus in der DDR erzählte man sich folgenden Witz: „Erich Honecker hat in einer Rede gesagt: ‚Der Kapitalismus steht vor einem Abgrund.‘ Und er hat auch gesagt: ‚Der Sozialismus ist dem Kapitalismus stets einen Schritt voraus.‘“ – Der Charme mag vielleicht etwas angestaubt sein, dennoch eignet sich das Beispiel, um auf die Freiheit des Denkens auf unterschiedlichen Ebenen zu reflektieren. Und auch wenn G.W.F. Hegel selbst kein Zeitzeuge des historischen Kontexts gewesen war, kann seine Philosophie dabei helfen, diese Ebenen zu verstehen.

Weiterlesen