07 Jan

Neutralität: Ein hartnäckiger Mythos (nicht nur) in der Philosophiegeschichtsschreibung

Von Martin Lenz (Groningen)

Neutralität gilt vielen als eine zentrale Tugend in den Wissenschaften. Obwohl die Idee, dass Wissenschaft völlig wertfrei sein könne, wiederholt und einschlägig kritisiert wurde, wird Neutralität gerade in den letzten Jahren immer wieder eingefordert. Während wissenschaftsfeindliche Populist*innen gerne behaupten, dass in den Wissenschaften „linksgrüne“ Parteilichkeit herrsche, gehen Vertreter*innen aus der Wissenschaft nicht selten in die Defensive, indem sie behaupten, diese habe „keine Agenda“. Eine vergleichbare Neutralitätsidee gibt es auch unter Philosophiehistoriker*innen. Sie findet sich vor allem in der Forderung, Historiker*innen müssten Anachronismen vermeiden. Die Idee ist folgende: Wenn Sie etwa ein Argument oder eine These von Spinoza rekonstruieren, müssen Sie darauf achten, Spinoza keine Annahmen zuzuschreiben, die er nicht auch selbst hätte akzeptieren können. Behaupten Sie zum Beispiel, Spinozas Annahmen über den Geist müssen sich an neurowissenschaftlichen Thesen messen lassen, so scheinen Sie sich schon schlicht deshalb des Anachronismus schuldig zu machen, weil es zu Spinozas Zeiten keine Neurowissenschaften gab. Nun ist diese Begründung natürlich trivial. Aber der Vorwurf ist nicht nur der, dass Sie die technologischen Entwicklungen ignorieren. Vielmehr geht es um die Wertmaßstäbe, die Sie bei der Evaluation von Argumenten anlegen. Die eigentliche Frage ist, ob neurowissenschaftliche Überlegungen einen angemessenen Kontext für die Rekonstruktion Spinozas bieten. Hier haben sich in den vergangenen Jahren zwei Lager herausgebildet: der Kontextualismus und der Appropriationismus bzw. der rationale Rekonstruktionismus. Während letzterer von gegenwärtigen Standards ausgeht und die Aneignung von historischen Argumenten betreibt, insistiert ersterer auf der Berücksichtigung der historischen Gegebenheiten. Ausschlaggebend bei unseren Interpretationen soll nicht das sein, was wir für richtig halten, sondern die Bedingungen, die sich aus den relevanten Kontexten ermitteln lassen. Kürzlich hat Christia Mercer sogar behauptet, dass die Auseinandersetzung zugunsten des Kontextualismus entschieden sei, da inzwischen selbst Appropriationist*innen historische Wahrheiten nicht ignorieren wollten. Zwar erschöpft sich der Kontextualismus keineswegs in Annahmen über historische Neutralität oder Objektivität, doch kann Mercers Aufsatz über die „kontextualistische Revolution“ durchaus als Zurückweisung des anachronistischen Appropriationismus gelesen werden.* Im folgenden möchte ich zumindest andeuten, warum ich glaube, dass die hinter dem Kontextualismus liegende Idee von Neutralität auf einem Mythos beruht.

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05 Dez

„Vermännlichung“ und „Androgyn-Werden“ – Zwei Ideale menschlicher Vortrefflichkeit in den neuplatonischen Schriften. Teil 2: Das Androgyn-Werden der Seele

Von Jana Schultz (Berlin)

Im ersten Teil meines Blogbeitrags habe ich dargelegt, dass die Neuplatoniker für die Gleichheit der Tugend von Männern und Frauen argumentieren, jedoch innerhalb eines ontologischen Systems, das stets das Männliche bevorzugt. Im Metaphysischen ist die männlich konnotierte Grenze der weiblich konnotierten Unbegrenztheit (Kraft) überlegen und im Bereich der Seele ist die männlich verstandene Kontemplation den auf das Wahrnehmbare bezogenen Tätigkeiten der Seele überlegen, die weiblich gedacht werden.

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03 Dez

„Vermännlichung“ und „Androgyn-Werden“ – Zwei Ideale menschlicher Vortrefflichkeit in den neuplatonischen Schriften. Teil 1: Die Vermännlichung der Seele

Von Jana Schultz (Berlin)

Seit ungefähr drei Jahren arbeite ich an den Konzepten der „Frau“ und des „Weiblichen“ in den Schriften der neuplatonischen Philosophen. Mein Interesse ist philosophiehistorischer Natur. Ich frage nicht primär: „Wie verstehen wir die Konzepte „Männlich“ und Weiblich“, oder wie sollten wir diese verstehen? Kann uns der Neuplatonismus hier Hinweise liefern?“, Stattdessen stelle ich mir Fragen wie: „Wie konzeptualisiert der Philosoph Proklos das Weibliche in seinen metaphysischen Schriften? Ist sein Konzept innerhalb einer Schrift oder im Vergleich verschiedener Schriften konsistent oder finden Verschiebungen statt?“

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27 Aug

Selber denken macht schlau – was man aus der (Philosophie)Geschichte (nicht) lernen kann

von Bettina Bohle (Bochum)

Spricht man von Philosophiegeschichte oder historischer Philosophie – was meint man dann genau? Das ist ja ähnlich wie wenn man über etwas Zeitgenössisches spricht und es von etwas Historischem unterscheidet. Grundsätzlich heißt das nur: nicht JETZT. Früher. Wie viel früher und was dieses „Früher“ über den bloßen Zeitpunkt hinaus, der vor dem jetzigen liegt, bedeutet, ist erst einmal nicht notwendig festgelegt.

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25 Jul

Was genau machen eigentlich PhilosophiehistorikerInnen?

von Sebastian Bender (Berlin)

„Und was machst du so?“ ist eine Frage, die sich Philosophinnen und Philosophen häufig gegenseitig stellen, sei es am Rande von Tagungen oder auf Partys mit hinreichend vielen PhilosophInnen. Gefragt wird dabei nach dem Spezialgebiet (der Area of Specialization, kurz: AOS) zu dem jemand forscht, also nach der Thematik bzw. der Subdisziplin, mit der sich jemand hauptsächlich in Vorträgen und Publikationen beschäftigt. Typische Antworten sind etwa „Metaphysik“, „Ethik“, oder „politische Philosophie“ (manchmal fallen die Antworten auch spezieller aus, man hört also Antworten wie „Ich beschäftige mich mit Modalität“ oder „Ich arbeite zu Theorien der sozialen Gerechtigkeit“). Ich antworte auf die eingangs genannte Frage meistens: „Ich mach’ Frühe Neuzeit“.

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