29 Mrz

Erwartungshaltungen. Feministische Perspektiven auf Supererogation

Von Katharina Naumann (Magdeburg), Marie-Luise Raters (Potsdam) und Karoline Reinhardt (Tübingen)


Wozu bin ich moralisch verpflichtet und was kann nun wirklich keiner von mir verlangen? Ist es besonders lobenswert, wenn ich mehr leiste? Und bin ich immer zur Dankbarkeit verpflichtet, wenn mir jemand etwas Gutes tut, oder hat das seine Grenzen? Außergewöhnliche Situationen, die mit besonderem Einsatz oder Risiko verbunden sind, werfen diese Fragen genauso auf wie freundliche Gesten. Aber wo beginnt die ‚Mehrleistung‘ und ist die Schwelle für alle gleich?

In unserer moralischen Urteilspraxis werden manche Handlungen als in hohem Maße moralisch wertvoll, aber dennoch nicht geboten betrachtet. Die Moralphilosophie bezeichnet diese als ‚supererogatorisch‘. Aber obwohl unsere Vorstellungen davon, wer zu was verpflichtet ist, zweifellos stark von Rollenbildern geprägt sind und keineswegs ‚genderneutral‘ sind, hat die Moralphilosophie diesen Aspekt bislang weitgehend ausgespart: Eine systematische Auseinandersetzung mit dem Konzept der ‚Supererogation‘ aus feministischer Perspektive stellt bislang ein Forschungsdesiderat dar.

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01 Mrz

Die Feminist Killjoy und die Realität der Feministischen Philosophie

Von Lena Eckert und Steffi Hobuß (Lüneburg)


Als Feminist Killjoy hat man es nicht leicht, denn die feministische Praxis des Spaßverderbens macht keinen Spaß. Das betrifft auch universitäre Strukturen: Dort ist feministische Philosophie zwar theoretisch einigermaßen anerkannt, darauf basierender feministischer Praxis wird jedoch häufig mit Genervtheit und Ablehnung begegnet. Was macht das mit dem:der feministischen Philosoph:in und der feministischen Philosophie, wenn man wieder und wieder das Gefühl hat, gegen dieselben Widerstände anzuarbeiten?

„Feeling worn down: I think feminist killjoys are familiar with this feeling, that sense of coming up against the same thing, whatever you say or do.“ (Ahmed 2017: 164)

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29 Jul

Feministische Philosophie: Was, wie, weshalb?

von Christine Bratu (Göttingen) & Deborah Mühlebach (FU Berlin)


“Ach, du machst feministische Philosophie? Was genau ist das denn?“ Das sind in der Philosophie nach wie vor häufig gestellte Fragen. Ebenso sehen sich feministische Philosoph:innen zuweilen mit Nachfragen folgender Art konfrontiert: „Geschlechterunterdrückung ist zweifelsfrei ein wichtiges Thema, aber ist das denn auch philosophisch interessant?“ Solche Reaktionen auf feministische Forschungsinteressen erstaunen nicht, denn obwohl es im deutschsprachigen Raum schon seit Langem vereinzelte Philosoph:innen gibt, die feministisch arbeiten, fängt die deutschsprachige Fachgemeinschaft gerade erst an, feministische Philosophie im etwas größeren Stil für sich zu entdecken. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass manche große Fachtagungen erst neuerdings Sektionen zu feministischer Philosophie führen. Ebenso sind erst seit wenigen Jahren ein paar Stellenausschreibungen zu finden, die explizit nach dieser Spezialisierung fragen. Was also ist feministische Philosophie?

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25 Mai

Was ist eigentlich feministische Philosophie?

Von Hilkje C. Hänel (Potsdam)


Feministische Philosophie ist mittlerweile auch in Deutschland auf dem besten Weg, eine eigene anerkannte Forschungsrichtung in der Philosophie zu werden. Wo man sich als feministische Philosophin noch vor wenigen Jahren mit der Frage konfrontiert sah, ob Feministische Philosophie überhaupt Philosophie sei, sieht man sich heute „nur“ noch mit der Frage konfrontiert, was Feministische Philosophie eigentlich ist. Wenn man, wie ich, sich über viele Jahre dafür rechtfertigen musste, überhaupt Feministische Philosophie zu betreiben, wenn man sich also wieder und wieder mit der Annahme konfrontiert sah, dass Feministische Philosophie gar keine Philosophie ist, dann stößt allerdings auch die Frage, was Feministische Philosophie eigentlich ist, auf Unbehagen. Wir fragen ja schließlich auch nicht, was Logik eigentlich ist? Oder Sprachphilosophie? Oder Moralphilosophie? Tatsächlich gibt es aber einen großen Unterschied zwischen der Frage, ob Feministische Philosophie überhaupt Philosophie ist, und der Frage, was Feministische Philosophie eigentlich ist. Und während die erste Frage keinerlei Berechtigung hat, sollten wir – auch oder gerade als feministische Philosoph*innen – uns mit der zweiten Frage beschäftigen. Denn, wenn wir mal ehrlich sind, so ganz einfach ist eine Antwort nicht zu finden. Was also ist Feministische Philosophie? Und wie steht Feministische Philosophie in Relation zu anderer Philosophie?

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13 Mai

Frauen und der biotechnologische Fortschritt: Philosophische Aspekte künstlicher Befruchtung aus altersethischer Perspektive

Von Esther Redolfi Widmann


Die Philosophin Simone de Beauvoir (*1908; †1986) hat in Das andere Geschlecht[1] (1949)und Das Alter[2] (1970) die Situation der Frau luzide analysiert. Sie war damit nicht nur ihrer Zeit weit voraus, sondern ist in ihrem Denken gerade heute wieder verblüffend aktuell.Die Entwicklung ihrer philosophischen Thesen lässt sich in Anlehnung an zahlreiche sozialhistorische Umwälzungen ihrer Zeit nachzeichnen. Immer wieder sind neue Versuche einer Interpretation von Beauvoirs Leben und Werk durch feministische «Wellen» und Strömungen ein Indiz dafür, dass die Emanzipation und Gleichberechtigung der Frauen noch lange nicht adäquat verwirklicht ist, und dass Beauvoirs Leben und Werk für diese Entwicklung nach wie vor relevant und wegweisend ist. Denn bis heute sehen sich Frauen einem gesellschaftlichen, und oft auch religiös motivierten moralischen Druck ausgesetzt, insbesondere auch in biologischer Hinsicht. Dieser Druck wirkt heute allerdings auf eine andere, wesentlich subtilere Weise.

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22 Aug

Nein, Sex ist nicht wie eine Tasse Tee

von Maya Burkhardt


„Entscheidungen bezüglich des Sexuallebens können Erwägungen über Aufrichtigkeit, Rücksicht auf andere, Klugheit oder die Schadensvermeidung für andere usw. einschließen, aber dasselbe ließe sich zu Entscheidungen sagen, die das Autofahren betreffen. (Tatsächlich sind die moralischen Probleme, zu denen das Autofahren Anlass gibt, sowohl vom Standpunkt der Umwelt als auch dem der Sicherheit, viel schwerwiegender als Probleme, die sich aus geschütztem Sexualverkehr ergeben.) Dieses Buch enthält demgemäß keine Diskussion über Sexualmoral. Es gibt wichtigere Fragen der Ethik, die zu bedenken sind.“

Das schreibt Peter Singer in der Einleitung der dritten Auflage seines Buches „Praktische Ethik“ zum Thema Sexualmoral in dem Bemühen, ernstzunehmende moralische Überlegungen von einem „System widerwärtiger puritanischer Verbote […]“ abzugrenzen, „[…] dass hauptsächlich dazu bestimmt ist zu verhindern, dass Menschen ihr Vergnügen haben.“[1] Singer nutzt den Vergleich mit dem Autofahren hier am Anfang seines Buches, um das Thema Sexualität aus seiner weiteren Auseinandersetzung herauszuhalten.

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10 Apr

Interview mit Mari Mikkola (Oxford)

Mari Mikkola ist Tutorial Fellow, Somerville College und Associate Professor, Faculty of Philosophy, an der University of Oxford. Davor war sie Juniorprofessorin und Professorin für Praktische Philosophie an der Humboldt Universität Berlin. Sie ist Vorstandsvorsitzende von SWIP Germany.


prae|faktisch: Wieso wolltest Du Philosophin werden? Haben Deine Herkunft (lokal, sozial) oder bestimmte Erfahrungen Dich zur Philosophie oder zu bestimmten philosophischen Fragen gebracht?

Mari Mikkola: Ich glaube, ich wollte nie so richtig Philosophin werden! Eigentlich bin ich mehr oder weniger zufällig hier gelandet. Meine Herkunft hat meinen philosophischen Werdegang so gut wie gar nicht beeinflusst. Ich bin im kalten und dunklen Nord-Finnland aufgewachsen, ohne große intellektuelle Einflüsse. Meine Eltern sind nicht akademisch ausgebildet (oder waren damals nicht – heute hat meine Mutter einen Magisterabschluss) und sie sind ganz normale Menschen. Philosophische Fragen haben wir zu Hause oder auch in der Schule nie diskutiert.

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