12 Apr

Der Feminismus der Kritik. Zur zarten, wohlwollenden und unbedingt kollektiven Seite von kritischen Praktiken

Von Janna Hilger


Kritik ist mit Antagonismen verbunden: Ein Kritiker erhebt die Stimme, weist auf Missstände hin, verneint, lehnt ab. Sein Nein gilt dabei nicht nur den bestehenden Umständen. Direkt oder indirekt konfrontiert er auch andere. Und auch angesichts von Versuchen, ein kritisches Sprechen einzuhegen und erträglicher zu machen („konstruktive Kritik“), bleibt dieser verneinende und aversive Zug bestehen. In diesem Text möchte ich mich nicht gegen diese Kritikeigenschaft an sich aussprechen. Ich will jedoch aufzeigen, dass Kritik vielschichtiger ist. Sie ist nur möglich aufgrund von Figuren, die wir im kritischen Sprechen zunächst nicht vermuten würden: Bejahung, Angewiesenheit und Sorge.

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01 Mrz

Die Feminist Killjoy und die Realität der Feministischen Philosophie

Von Lena Eckert und Steffi Hobuß (Lüneburg)


Als Feminist Killjoy hat man es nicht leicht, denn die feministische Praxis des Spaßverderbens macht keinen Spaß. Das betrifft auch universitäre Strukturen: Dort ist feministische Philosophie zwar theoretisch einigermaßen anerkannt, darauf basierender feministischer Praxis wird jedoch häufig mit Genervtheit und Ablehnung begegnet. Was macht das mit dem:der feministischen Philosoph:in und der feministischen Philosophie, wenn man wieder und wieder das Gefühl hat, gegen dieselben Widerstände anzuarbeiten?

„Feeling worn down: I think feminist killjoys are familiar with this feeling, that sense of coming up against the same thing, whatever you say or do.“ (Ahmed 2017: 164)

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09 Nov

Simone de Beauvoir: Eine Feministische Phänomenologie der Schwangerschaft

Von Isabella Marcinski (Göttingen)


Das Phänomen der Schwangerschaft wurde noch keiner umfassenden philosophischen Reflexion unterzogen. Zahlreiche Aspekte bilden somit Desiderate philosophischer Forschung. Die bisher vorliegenden Untersuchungen konzentrieren sich auf ethische Fragestellungen bezüglich der Reproduktionsmedizin und reproduktiver Entscheidungen. Selbst in der feministischen Philosophie ist das Phänomen der Schwangerschaft lediglich als Randthema präsent. Die feministische Phänomenologie hingegen bietet vielfältige Überlegungen, die den Anspruch verfolgen, die subjektive Erfahrung in der Schwangerschaft zu beschreiben. Hierzu zählen Autorinnen wie Simone de Beauvoir, Iris Marion Young, Sara Heinämaa und Tanja Staehler.

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21 Okt

Bias, Sprachassistent*innen und humans in the loop: für eine kritische Ethik Künstlicher Intelligenz

Von Julia Maria Mönig (Bonn)


Technologieethik, genauer gesagt „KI-Ethik“, ist derzeit in aller Munde. Warum es wichtig ist,  die Kategorie „Geschlecht“ dabei zu bedenken, und einen feministischen Blick auf KI zu werfen, zeigen die folgenden Beispiele.

Technologie ist nie wertneutral. In die Technikgestaltung fließen immer bereits Werte, Designvorstellungen, Absichten, Verwendungszwecke und Ziele ein. Dies ist auch − und insbesondere −  bei digitalen Technologien und im Internet der Fall, wenngleich es in den 1990er Jahren die Wunschvorstellung gab, der „Cyberspace“ solle ein herrschaftsfreier Raum sein, in dem alle gleich seien.

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14 Sep

Feminist Strike: Frauen machen Revolution.

von Maria Robaszkiewicz (Paderborn)


Der Begriff des feministischen Streiks rückt wieder ins Zentrum feministischer Debatten, diesmal durch das Buch von Verónica Gago, Feminist Inernational. How to change everything.[1] Gago und ihre Compañeras vom Kollektiv Ni una menos gerieten auch ins Blickfeld der Mainstream-Medien, als kurz vor dem Ende des letzten Jahres in Argentinien ein Gesetz verabschiedet wurde, das die kostenlose Abtreibung bis zur 14. Schwangerschaftswoche legalisiert. Die Massen von Aktivist*innen, die sich vor dem Argentinischen Nationalkongress versammelt haben, jubelten vor Freude.

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15 Jul

Feminismus: Ein Blick in die Medizinethik

Von Regina Müller (Tübingen)


Das Wort Feminismus taucht in den deutschsprachigen Medizinethik-Debatten selten bis gar nicht auf. Dabei sind feministische Diskussionsfelder in der Medizinethik reichlich vorhanden, etwa die Auseinandersetzung mit Körpernormen oder der geschlechterbezogenen Datenlücke in der Medizin. Was ist also das Verhältnis von Feminismus und Medizinethik? Braucht die Medizinethik (mehr) Feminismus bzw. braucht es eine explizit feministische Medizinethik? Was wäre unter einer feministischen Medizinethik zu verstehen und was der Gewinn eines feministischen Programmes?

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05 Sep

Pornographie und befreite Sexualität

von Anne Weber (Lübeck)


Pornographie, d.h. die graphische und literarische Darstellung menschlicher Sexualität im Dienste sexueller Erregung, ist so alt, wie die Menschheit selbst. Ob an Höhlenwänden, auf Bildern, VHS-Kassetten, im Internet oder mit virtual-reality-Brille, pornographische Artefakte sind zeiten-, länder- und kulturübergreifend präsent. Es ist zunächst auch jenseits ethischer oder pädagogischer bzw. rechtlicher Beurteilung des Phänomens deshalb nicht von der Hand zu weisen, dass Pornographie einen wichtigen Beitrag zur (Selbst-)Beschreibung menschlicher Sexualität leistet (Sven Lewandoswki).

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06 Aug

Ist die Alternative „Pornografie“ tatsächlich Pornografie?

von Natascha Bencze (Zürich)


Hinsichtlich des unbestreitbar grossen Einflusses, den der sexuelle Trieb auf unser Leben hat, scheinen den philosophischen Auseinandersetzungen mit der menschlichen Sexualität keine Grenzen gesetzt zu sein. Oftmals richten wir unser Verhalten, unsere Handlungen und Entscheidungen danach, was unsere potentiellen Chancen auf die Befriedigung unserer sexuellen Bedürfnisse erhöht. Welche Attribute dabei als besonders wirksam gelten und weshalb dies der Fall ist, sind Fragen, die sich einerseits mit den individuellen Vorlieben befassen, andererseits aber auch übertragen auf die Gesellschaft und in Bezug auf die Kultur untersucht werden. Kulturübergreifende Vergleiche können dabei äusserst aufschlussreich sein. In vielen Kulturkreisen gilt das Sprechen über dieses Anliegen jedoch als Tabu. Dass in einer Gesellschaft im öffentlichen Diskurs nicht darüber gesprochen wird, bedeutet jedoch nicht, dass die Bevölkerung ihren Vorlieben nicht nachgeht. Der Internetzugriff ermöglicht es uns heute, in wenigen einfachen Schritten pornografisches Material aufzurufen und meist kostenfrei anzusehen. Da es ebenso einfach ist, selbst Material hochzuladen, scheint es keine sexuelle Fantasie zu geben, welche von der Online-Welt der Pornografie nicht abgedeckt wird.

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20 Dez

Sollten wir alle Feministen sein? Feministische Bildung für junge Männer

von Johannes Giesinger (Zürich)


„We Should All Be Feminists“ – so lautet der Titel eines Ted-Talks, der von der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie im Jahre 2012 gehalten wurde und 2014 in Buchform erschien.[i] Der Titel traf gerade deshalb einen Nerv, weil der Begriff des Feminismus bei jungen Leuten heute nicht gut angeschrieben ist. Wenige männliche Jugendliche würden sich als „Feministen“ bezeichnen, und auch manche viele Frauen schrecken davor zurück, den Begriff auf sich selbst anzuwenden.

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25 Okt

Me Too – Es wäre zu schön gewesen, die Angst zu verschieben

von Maria Sagmeister (Wien)


Vor einiger Zeit wurde ich eingeladen, diesen Blogbeitrag zum Schlagwort #metoo[1] zu verfassen. Damals wurden gerade erste Täter_innen mit Konsequenzen konfrontiert und es sah fast so aus, als hätten es manche tatsächlich mit der Angst zu tun bekommen.[2] Es schien, als müsste nicht wieder und wieder dargelegt werden, dass rape culture Opfern sexueller Übergriffe ihre Glaubwürdigkeit raubt, im Zusammenhang mit Vergewaltigungsverfahren oft eine Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird und sexuelle Belästigung kein Kavaliersdelikt ist. Von wegen. In den letzten Wochen wurde in den USA Brett Kavanaugh[3] trotz Vergewaltigungsvorwurf zum Höchstrichter ernannt – was der Behauptung, dass ein solcher Vorwurf einen Mann bzw seine Karriere zerstören kann, endgültig den Wind aus den Segeln nimmt, Trump aber nicht daran hindert, zu verbreiten, dass die heutige Welt in dieser Hinsicht besonders für Burschen eine gefährliche ist.[4] Etwa zur gleichen Zeit wurde in Österreich Sigrid Maurer wegen Übler Nachrede schuldig gesprochen, nachdem sie sexistische, übergriffige Nachrichten inklusive dem Namen des Klägers veröffentlicht hatte.[5] Hallo Backlash.

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