15 Jun

Stolz und Vorurteil. Adaptive Erklärungen von Emotionen in der Evolutionspsychologie

Von Rebekka Hufendiek (Bern)


Stolz ist eine Emotion, die für viele Menschen recht unmittelbar nicht nur mit einem positiven Urteil über sich selbst und einem erhebenden Gefühl, sondern auch mit einer Reihe charakteristischer körperlicher Ausdrucksformen – wie einem siegesgewissen Lächeln, einem erhobenen Kinn und der sprichwörtlichen «Stolz geschwellten Brust» – assoziiert ist. Warum ist das so? Eine aktuelle Theorie aus der empirischen Psychologie beantwortet diese Frage folgendermaßen: Stolz hat sich bei uns als sozialen Wesen im Laufe der Evolution ausgebildet und lässt sich kulturübergreifend an den genannten Merkmalen erkennen. Diese Form des emotionalen Ausdrucks hat eine adaptive Funktion, da über ihn der soziale Status innerhalb der Gruppe kommuniziert wird: Der herausgestreckte Brustkorb und das erhobene Kinn gemeinsam mit dem siegesgewissen Lächeln signalisieren den anderen Mitgliedern der eigenen Gruppe, dass man sich selbst ganz buchstäblich für ein hohes Tier hält und diese Position gegebenenfalls auch zu verteidigen bereit ist.

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01 Jun

Von religiösen Eiferern und Fanatikern

Von Ruth Rebecca Tietjen (Kopenhagen)


Von religiösem Eifer ist allerorts die Rede: er wird angeführt, um religiös motivierte oder legitimierte Gewalt zu erklären, soll religiösen Fanatismus motivieren oder sogar mit konstituieren. Was aber ist religiöser Eifer? Wie hängt er mit religiöser Gewalt zusammen? Was trägt unsere jeweils eigene Perspektive auf Religion, Leidenschaft, Politik und Gewalt, die wir immer schon mitbringen und einnehmen, zu unserem Verständnis oder Miss-Verständnis religiösen Eifers bei?

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27 Apr

Ist es möglich, gemeinsam zu fühlen? Wie kollektive Emotionen in zwischenleiblicher Resonanz entstehen

Von Gerhard Thonhauser (Darmstadt)


Es scheint selbstverständlich, dass man nur seine eigenen Emotionen fühlen kann. Denn Emotionen sind an den Körper und an das Bewusstsein gebunden: Emotionen beruhen auf Prozessen, die in meinem Körper ablaufen, und sind Erfahrungen, die in meinem Bewusstsein erlebt werden. Daher können mir die Emotionen anderer niemals unmittelbar gegeben sein, denn ich habe keinen Zugang zu deren Bewusstsein und auch deren Körper kann ich nicht von innen erleben. Unmittelbar gegeben sind mir nur die Außenansichten der Körper der anderen, sodass ich anhand meiner Beobachtung ihrer Körper zu ergründen versuchen muss, was diese wohl Denken und Fühlen mögen. Doch in letzter Konsequenz werden mir die Anderen immer ein Rätsel bleiben, da ich mir nie sicher sein kann, ob diese wirklich Denken und Fühlen, was ich anhand meiner Deutung ihres Verhaltens von ihnen annehme. Entsprechend kann es auch kein echtes Miteinanderfühlen geben. Wir mögen uns zwar manchmal mit anderen so verbunden fühlen, dass wir annehmen, dasselbe zu fühlen; doch dies kann niemals wirklich der Fall sein, weil jede von uns letztlich immer nur ihre eigenen Emotionen fühlen kann. So etwas wie kollektive Emotionen gibt es nur in einem metaphorischen Sinn: Es mag zwar üblich sein, davon zu sprechen, dass wir uns freuen, aber das kann bei näherer Betrachtung nicht bedeuten, dass die Freude tatsächlich unsere Freude ist, sondern nur, dass unsere individuellen Emotionen der Freude irgendwie aufeinander bezogen sind.

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08 Apr

Das Affektive ist politisch. Eine schemenhafte Skizze des Zusammenhangs zwischen Affektivität und Politik

Von Jule Govrin (Berlin)


In politischen Prozessen kochen die Gefühle hoch, sei es in angriffslustigen Debatten in den digitalen Arenen, im erhitzten Schlagabtausch bei Polit-Talkshows, in aufgeregten Bundestagsdebatten, in wütenden Menschenmassen auf Demonstrationen oder in sensationslüsternen Berichterstattungen über tagespolitische Geschehnisse. Bisweilen drängt sich der Eindruck auf, als hätten sich solche Gefühlsausbrüche in den letzten Jahren rasant vermehrt und verstärkt. Ertönen nicht öfter Beleidigungen und Buhrufe im Bundestag, seitdem dort die rechte Partei Alternative für Deutschland (AfD) eine Fraktion stellt, die die Provokation lustvoll zu zelebrieren scheint? Treten nicht selbst Politikerinnen, die vormals als gemäßigt galten, ungleich streit- und angriffslustiger auf? Hat nicht die Präsidentschaft Donald Trumps mit der Diskursethik des besseren Arguments gebrochen, um affektgeladenem Gebaren Platz zu machen? Drängen die digitalen Dynamiken, die Aggressionseskaladen in den sozialen Medien anheizen, die demokratische Öffentlichkeit ins Irrationale? Derartige Vermutungen gehen von einer Art Reinheitsthese der Politik aus, als brächen gegenwärtig Gefühle in die Vernunftsphäre der Politik hinein. Allerdings verkennt solch eine Einschätzung vorschnell, dass Politik und Affektivität weit über die Gegenwart hinaus in ganz grundlegender Weise miteinander verbunden sind. Der Mensch als Zoon politikon, als politisches Tier, wie ihn einst Aristoteles bezeichnete, war niemals reines Vernunftwesen. Wie Menschen von Begehren und Gefühlen bestimmt sind, so ist auch das Geschäft der Politik seit jeher von Leidenschaften geleitet. Um das verquickte Verhältnis von Gefühlen und Politik in den Blick zu bekommen, ist es hilfreich, zunächst den Begriff des Affekts unter die Lupe zu nehmen, um ihn anschließend in Zusammenhang zur Politik und zum Politischen zu setzen.

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11 Mrz

Emotionen und Handlungen

Von Christiana Werner (Duisburg-Essen)


Emotionen scheinen eine besonders enge Beziehung zu Handlungen oder Verhaltensweisen zu haben. Dass das ein Allgemeinplatz ist, legen unzählige Redewendungen nahe, die wir im Deutschen im Alltag benutzen: Wir erstarren vor Angst, platzen vor Wut, strahlen vor Freude usw. Auch das eigene Erleben emotionaler Zustände legt diese enge Beziehung nahe. Wir fühlen uns oft in einem emotionalen Zustand gewissermaßen gedrängt, uns auf eine bestimmte Weise zu verhalten, manchmal sogar so stark, dass wir den Eindruck haben, gar nicht anders zu können, als uns in dieser Weise zu verhalten.

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02 Mrz

Wie die Welt sich zeigt. Zum sozialen Wirken von Emotionen

Von Paul Helfritzsch (Jena)


Es wird in der Philosophie und generell in den Geistes- und Sozialwissenschaften schon seit längerer Zeit versucht, mit dem Diktum zu brechen, Emotionen seien willkürlich auftretende Phänomene, die nur in der ersten Person Singular artikuliert werden könnten und auch nur von der Person, die sie empfindet, verstanden werden können. Diese Vorstellung führt zu vielerlei Problemen und zu Unverständnis, wenn es darum geht, andere Personen, Personengruppen und Berichte über deren Situation zu verstehen.

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28 Jan

Das schwierige Sehen der Realität: Iris Murdoch über die Liebe

Von Eva-Maria Düringer (Tübingen)


Wenn Iris Murdoch über Liebe spricht, hat das wenig Romantisches an sich. Liebe ist bei ihr eine Kombination aus Arbeit und Abwarten. Und wenn wir beides erfolgreich geschafft haben, so ist der Lohn nicht das ewige Glück, die perfekte Partnerschaft oder der innere Frieden, sondern die Realität. Und dennoch ist das, was sich fast liest wie eine Abwertung der Liebe, eigentlich ein Lobgesang. Im Folgenden werde ich Murdochs Begriff der Liebe erläutern und anschließend darlegen, warum die Murdochsche Liebe fundamentaler und weniger irreführend ist als die vielgelobte Empathie.

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06 Jun

Mehr als bloße Ansteckung? Wie Musik unsere Emotionen beeinflusst

Von Anja Berninger (Stuttgart)

Kunst vermag unsere emotionale Verfassung in vielfältiger Weise zu beeinflussen. Das Schicksal einer Romanfigur kann uns mit tiefer Trauer erfüllen, das Sehen eines Horrorfilmes kann in uns starke Furcht auslösen und das Betrachten eines Bildes kann uns erheitern. Kunst hat also in all ihren unterschiedlichen Formen Einfluss auf unser emotionales Erleben, jedoch scheint einer Gattung hier eine besondere Rolle zuzukommen. Kaum eine Kunstform wirkt so unmittelbar auf uns ein wie Musik, und kaum eine Gattung nutzen wir so intensiv, um unsere Emotionen zu beeinflussen. Man denke nur daran, wie oft Musik im Alltag zum Einsatz kommt (bzw. wie oft wir sie auch selbst verwenden) um unsere emotionale Verfassung zu verändern.

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17 Dez

Was nicht passt, wird passen gemacht? – Angemessene und widerspenstige Emotionen

Von Steffen Steinert (Delft)

Emotionen spielen eine wichtige Rolle in so gut wie allen Lebensbereichen. Was wären etwa Filme oder Musik, wenn sie keine Emotionen in uns hervorrufen würden? Oder man denke an bewegende Großereignisse, wie etwa Fußballspiele oder Konzerte, bei denen Menschenmassen gleichzeitig von einer Emotion ergriffen werden und sich dadurch miteinander verbunden fühlen.

Es gibt jedoch auch Situationen in denen uns unsere eigenen Emotionen, oder die Emotionen anderer, als unangemessen, wenn nicht sogar irrational vorkommen. Meist stößt die Aussage, eine Emotion sei unangemessen oder unpassend allerdings auf Unverständnis. Besonders bei der Person, die die Emotion fühlt. Wie entscheiden wir also, ob und wann eine Emotion angemessen ist, und wann sie irrational ist?

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12 Nov

Was kann ich sehen, wenn ich fühle? Über das ambivalente Verhältnis von Emotion und Erkenntnis

Von Eva Weber-Guskar (Berlin)

Sine ira et studio solle man Geschichtsschreibung betreiben, heisst es schon bei Tacitus, ohne Zorn noch Zuneigung. Und das gilt bis heute für jedes Studium, für alle Forschung: um Tatsachen zu erkennen, Zusammenhänge richtig darzustellen, logische Schlüsse zu ziehen, für all das braucht es keine Gefühle – im Gegenteil. Es heisst, sie seien der Wahrheitssuche abträglich.

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