26 Jan

Habermas und die Medien: Überlegungen zum neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit

von Hans-Henrik Dassow (Universität Bremen)

Wenn von Personen der Öffentlichkeit akademische Arbeiten erneut hervorgeholt werden, ist dies für die Betroffenen häufig nicht sehr erfreulich: Zu treffsicher sind die Algorithmen von Plagiat-Software darin, akademische Verfehlungen von Autor*innen aufzudecken. Der Philosoph der Öffentlichkeit, Jürgen Habermas (*1929), muss zunächst nicht um seine akademischen Titel fürchten: Das wiedererwachte Interesse an seiner Habilitationsschrift aus dem Jahr 1962 mit dem Titel Strukturwandel der Öffentlichkeit steht ebenfalls im Zusammenhang mit Algorithmen, wenngleich mit solchen, die unseren digitalen Alltag maßgeblich prägen. Hierbei schweben mir die Empfehlungsalgorithmen von Facebook und Twitter, die Algorithmen hinter Social Bots oder Algorithmen zur Enttarnung von Falsch- und Hassnachrichten vor.

Weiterlesen
19 Jan

Digitalisierung und Alltagswelt

Von Oliver Zöllner (Hochschule der Medien Stuttgart)

„Digitalisierung“ scheint fast ein Zauberwort der Gegenwart zu sein. Mit diesem Begriff verbinden sich Vorstellungen von Modernität, Zukunft und der Lösung alltäglicher Probleme – quasi per Zahlencode und Programmierung. Viele alltägliche Verrichtungen sind durch ihre digitalisierte Ausgestaltung in den letzten 30 Jahren auch tatsächlich bequemer geworden. Doch die neuen virtuellen Räume der Digitalität bringen neue alte Fragen mit sich.

Weiterlesen
12 Jan

Disruptionen in Zeitlupe? Sorgen in der digitalen Transformation

Von Armin Grunwald (Karlsruher Institut für Technologie)

Disruption ist zu einem vielfach verwendeten Begriff geworden, zunächst als disruptive Innovation im wirtschaftlichen Wettbewerb, zurzeit eher anlässlich aktueller Krisenphänomene wie Pandemie und Ukraine-Krieg. Verbreitete Sorge ist, dass die digitale Transformation vieler gesellschaftlicher Bereiche durch allmähliche Entwicklungen wie etwa Zersetzung der Demokratie, Freiheitsverlust oder zunehmende Abhängigkeit Kipp-Punkte erreichen und unbemerkt disruptiv werden könnte:

Weiterlesen
05 Jan

Was ist digitale Aufklärung? Kant und das Problem der neuen Medien

Jörg Noller (Universität Konstanz)

In unserer hochdigitalisierten Welt ist eine digitale Aufklärung gerade deswegen nötig, weil die Digitalisierung nicht nur neue Möglichkeiten und Freiheiten eröffnet, sondern auch die Gefahr einer digitalen Unmündigkeit mit sich führt. Immanuel Kant hatte vor über 200 Jahren Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (8:35) bestimmt. Inwiefern ist jedoch Kants Begriff der Aufklärung für die gegenwärtigen Entwicklungen und Probleme der Digitalisierung noch relevant? Inwiefern unterliegen wir einer „digitalen Unmündigkeit“ und bedürfen deswegen einer „digitalen Aufklärung“?

Weiterlesen
27 Dez

Sollten Berufsempfehlungen durch Algorithmen abgegeben werden?

Antonia Kempkens (Universität Bremen)


Als ich in der 11. Klasse war, haben wir einen Schulausflug ins Berufsinformationszentrum der Bundesagentur für Arbeit gemacht, um herauszufinden, welche Berufe zu uns passen. Nachdem wir am Computer Fragen zu unseren Interessen beantwortet hatten, wurde uns eine Liste mit zu uns passenden Berufen ausgestellt. Auf meiner stand ganz oben „Umwelttechnik“ – das habe ich mir gemerkt. Allerdings weiß ich bis heute nicht, was das genau heißt. Solche Berufsempfehlungen gibt es auch aktuell und sie werden in App Form weiterentwickelt. Dadurch bergen sie alte und noch dazu neue ethische Probleme.

Weiterlesen
20 Dez

Zur Gleichzeitigkeit von digitaler Dystopie und digitaler Utopie

Karoline Reinhardt (Universität Passau)


Das Reden und Schreiben über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz ist von einer Gleichzeitigkeit von Untergangsvisionen und Heilsversprechen geprägt: Utopie und Dystopie liegen hier nah beieinander. Dystopien „als düstere Extrapolation all unserer Leiden“ mobilisieren „unsere Einbildungskraft“ (Heller 2016: 70). Dies gilt auch für die digitalen Dystopien: Sie lehren uns das Fürchten. Als Kontrapunkt zu diesen kann die Verheißungskraft der digitalen Utopien durchaus einen gewissen Reiz entfalten. Aber was geben wir auf, wenn wir ihnen Glauben schenken?

Weiterlesen
15 Dez

Menschenrechte fürs Metaverse

Dorothea Winter (Humanistische Hochschule Berlin)


KI verändert die Gesellschaft. Doch welchen Einfluss hat sie auf unsere Demokratie? Zur Beantwortung müssen die Sphären Wirtschaft und Politik zusammengebracht werden. Zwischen ihnen wirkt der Mensch als zoon politikon und homo oeconomicus: Er ist politisches und Wirtschaftssubjekt. Doch ist das Zusammenwirken dieser Bereiche nicht längst hinreichend ausgeleuchtet? Sicherlich, zumindest in der analogen Welt. Doch wie verhält es sich in der digitalen Welt?

Weiterlesen
29 Nov

Informed Consent, Vulnerabilität und algorithmische Diskriminierung

Von Hauke Behrendt (Stuttgart) und Wulf Loh (IZEW Tübingen)


Zu den größten Binsen des Digitalisierungsdiskurses der letzten Jahre gehört die Einsicht, dass personenbezogene Daten für große Digitalkonzerne wie Apple, Facebook, Amazon oder Google eine Schlüsselrolle einnehmen. Mehr noch: Für manche besitzt die Ressource Daten einen vergleichbaren Stellenwert für die Plattformökonomie des digitalen Zeitalters wie das Rohöl im ancien régime des klassischen Industriekapitalismus im 20. Jahrhundert. Die ehemalige EU-Kommissarin für Verbraucherschutz, Meglena Kuneva, stellte mit Blick auf Netzbetreiber und Großunternehmen bereits vor mittlerweile mehr als 10 Jahren fest: „Personal data is the new oil of the Internet and the new currency of the digital world“ (Speech 09/156, 31.3.2009).

Weiterlesen
20 Apr

Digitalisierung und grüne Hightech Zivilisationen

Von Bernhard Irrgang (Dresden)


Thema des Blogbeitrags ist die Entwicklung einer neuen kognitiv orientierten praktischen Philosophie für eine neue Technologiezivilisation nach der Industriegesellschaft, die sich seit ca. 1990 (erste Anfänge im Zweiten Weltkrieg) entwickelt. Dabei sollen in der Geschichte entwickelte Interpretationsmodelle praktischer Philosophie nicht nur fachkundig interpretiert werden, sondern angesichts der doch recht neuartigen Probleme in Technologie, Gesellschaft und Kultur dynamisch, kreativ und experimentell weiterentwickelt werden. Es geht um eine neue Grundausrichtung der Philosophie jenseits der alten Aufteilung in Theorie und Praxis. Ich nenne diesen Ansatz eine Cyberphilosophie des algorithmic und synergetic turn vor dem Hintergrund einer phänomenologisch-hermeneutischen Interpretation der Alltags- und Lebenswelt.

Weiterlesen
23 Jul

Digitalisierung und philosophische Bildung

von Klaus Feldmann (Wuppertal)


Mit dem Vorhaben der Digitalisierung wird gegenwärtig eine Neustrukturierung und -ausrichtung des Lehrens und Lernens in allen Bildungsinstitutionen gefordert. In Deutschland, welches in der Bildungspolitik föderal organisiert ist, wird für den sogenannten Digitalpakt zwischen den einzelnen Ländern und dem Bund das Grundgesetz geändert, so kann die Bundesregierung im Rahmen der Länderhoheitsaufgabe Bildung Gelder für eine Digitalisierung in Bildungsinstitutionen zur Verfügung stellen. Dabei ist die gegenwärtige Diskussion auf die Schaffung von Infrastruktur als Voraussetzung für die Möglichkeit digitaler Bildung fokussiert. Zwar wurde durch die fallengelassene Forderung einer 50:50-Bund-Länderfinanzierung aller Digitalisierungsprojekte versucht, den Investitionsanteil auf Länderseite festzu­schreiben, die für die Fort- und Ausbildung von Lehrkräften und damit Implementation von digitalen Bildungskonzepten verantwortlich sind, aber das legitime Beharren der Länder auf Bildungsautonomie und ihr gerechtfertigter Einwand gegen dieses starre Finanzierungsmodell bringt die Gefahr mit sich, dass digitale Infrastruktur geschaffen wird, die nicht zu den erklärten Zielen des Digitalpakts führt – die Vermittlung selbstbestimmter und verantwortungsvoller Nutzung digitaler Medien (vgl. BMBF 2019).

Weiterlesen