11 Sep

Demokratische Erfahrungen in der Diskussion. Eine Replik auf Ole Hilbrich.

von Johannes Drerup (Amsterdam)


Meines Erachtens wird in der gegenwärtigen deutschsprachigen Erziehungs- und Bildungsphilosophie zu wenig diskutiert, d.h. es gibt nicht sonderlich viele kontinuierliche, aufeinander aufbauende und über längere Zeiträume verlaufende Debatten und Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Positionen.[i] Auch deshalb freue ich mich über die interessante und konstruktive Kritik von Ole Hilbrich[ii]. Also zur Sache.

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26 Jun

Kontroversität, Dissens und Streitkultur – Zu Zielen und Formen demokratischer politischer Bildung. Eine Replik auf Johannes Drerup und Johannes Giesinger

Von Ole Hilbrich (Bochum)


Johannes Drerup und Johannes Giesinger können das Verdienst für sich beanspruchen, in ihren Beiträgen zu diesem Blog drängende Fragen von Lehrenden bezüglich des unterrichtlichen Kontroversitätsgebot mit den Einsichten einer international geführten Debatte in der Erziehungs- und Bildungsphilosophie zu verknüpfen. In angemessener Dringlichkeit verweist Drerup in seinem Beitrag auf die Herausforderung einer demokratischen politischen Bildung durch Versuche von AfD-Politiker_innen, ihre Positionen mit Hilfe eines Verweises auf das nach dem Beutelsbacher Konsens gebotenen Kontroversitätsgebot in den Politikunterricht zu schmuggeln sowie Aktivitäten, die das demokratische Engagement von Lehrkräften diskreditieren. In Giesingers Antwort und Drerups erneuter Replik thematisieren die beiden zudem die Frage nach dem Respekt, der (auch) nicht-rationalen Positionen im Unterricht gebührt, die insbesondere in religiös-weltanschaulichen Konflikten zwischen Eltern und Lehrer_innen relevant erscheint. Auch wenn Drerups und Giesingers Argumente im von ihnen selbst gesteckten Rahmen einer liberal-perfektionistischen bzw. politisch-liberalen Philosophie über eine hohe Überzeugungskraft verfügen mögen, verkürzen sie doch – so meine These – mit diesem Zuschnitt der Debatte die Herausforderungen einer demokratischen politischen Bildung und deren Antworten in einer von ‚postfaktischen‘ politischen Positionierungen geprägten Gegenwart auf eine problematische Weise.

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04 Jun

Warum ist es moralisch problematisch, zu viel Geld zu haben?

von Matthias Kramm (Utrecht)


Bis zu der Scheidung von seiner Frau MacKenzie bleibt Jeff Bezos mit einem Besitz von 131 Milliarden Dollar der reichste Mann der Welt. Dicht auf ihn folgt Bill Gates mit 96,5 Milliarden Dollar. Die Aldi-Süd-Erben Karl Albrecht Junior und Beate Heister landen mit 36,1 Milliarden Dollar auf Platz 23 der Forbes-Liste[1]. Laut Statista[2] besaßen deutsche Bundesbürgerinnen und Bundesbürger im Jahr 2017 ein durchschnittliches Pro-Kopf-Geldvermögen von 52.390 Euro. In Österreich betrug das Pro-Kopf-Geldvermögen 53.980 Euro und in der Schweiz erstaunliche 173.990 Euro. Auch wenn noch Vermögenswerte wie Haus, Auto etc. dazu kommen würden, bleibt der Vergleich schwindelerregend: Jeff Bezos und Bill Gates würden jeweils immer noch mehr als 490.000 Schweizer, 1,5 Millionen Österreicher oder 1,6 Millionen Deutsche besitzen.

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22 Mai

Ach, das Kopftuch… Gegen staatliche Enthüllungsverordnungen

von Johannes Drerup (Freie Universität Amsterdam & Koblenz-Landau)


Einleitung

Die öffentlichen Schulsysteme liberaler Demokratien sind kontinuierlich Austragungsorte von Toleranzdebatten und -konflikten, in denen es stets auch um die legitime Rolle und Funktion von Religion, d.h. religiöser Praktiken, Überzeugungen und Symbole im Rahmen eines weltanschaulich neutralen Staates geht. Ausgangspunkt und Gegenstand dieser Kontroversen ist die Frage, wie in einer pluralistischen Gesellschaft mit divergierenden Wertvorstellungen umgegangen werden sollte, die in vielen Fällen zu Wertkonflikten Anlass geben können, wenn es um die Festlegung, Abstimmung und Durchsetzung von Aufgaben, Rechten und Pflichten des liberalen Staats, von Eltern und Religionsgemeinschaften und von Kindern geht. Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand in den letzten Jahren immer wieder das Kopftuch, eine Kontroverse, die derzeit nicht zuletzt durch die Verbote des Kopftuchtragens für Kinder (in Kindergärten und Grundschulen) in Österreich und entsprechende politische Vorschläge in Deutschland an politischer Brisanz gewonnen hat.[1] Gegner des Tragens von Kopftüchern in Kindergärten und öffentlichen Schulen berufen sich in Teilen auf eine spezifische Auslegung des staatlichen Neutralitätsgebots und gehen z.B. davon aus, dass das Kopftuch mit der freien und selbstbewussten Entwicklung von Kindern nicht vereinbar und Ausdruck religiösen Zwangs sei. Befürworter dagegen interpretieren das Verbot als Ausdruck antireligiöser und dezidiert antimuslimischer Symbolpolitik, die auf die Einschränkung grundlegender Rechte (u.a. Religionsfreiheit) von Eltern und Kindern hinauslaufen. Im Folgenden sollen unterschiedliche Positionen in der öffentlichen Kontroverse über ein Kopftuchverbot in Kindergärten und öffentliche Schulen rekonstruiert und diskutiert werden. Eine entsprechende staatliche `Enthüllungsverordnung´, so meine Argumentation, ist mit einer angemessenen Interpretation grundlegender Prinzipien liberaler Politik und Erziehung nicht zu vereinbaren.

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01 Nov

Aufklärung, Wissenschaft und „post-truth politics”: Viele Fragezeichen und einige Ausrufezeichen

von Konrad Ott (Kiel)


Als vor Jahresfrist in Russland mehrere Hundert Demonstranten festgenommen wurden, kommentierte der Präsident der Duma, W. Wolodin, dieses Ereignis mit folgenden Worten: „Auf den Straßen Europas löst die Polizei täglich Demonstrationen noch härter auf als dies die russische Polizei tue“ (so die FAZ vom 28. März 2017, S. 1). Meine erste Reaktion war: „Das stimmt nicht, das ist nicht wahr“. Meine zweite Reaktion war: „Naja, ein weiteres Beispiel von ‚post-truth politics‘“. Meine dritte Reaktion: „Oh, ich fange an, mich daran allmählich zu gewöhnen!“. Seither ist es eher noch schlimmer geworden; die Präsidentschaft Trumps ist aber nur die sichtbare Spitze des Eisbergs.

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07 Aug

Eine Dosis Populismus gefällig?

von Thomas Plieseis (Salzburg)


Im Jahr 2000 ging ein Aufschrei durch die demokratischen Länder Europas und der westlichen Welt. Die Europäische Union sah sich zum ersten Mal mit einer Regierung in der eigenen Reihe konfrontiert, die zum Teil aus einer populistischen Partei bestand. Die Rede ist von der Regierungsbeteiligung der damals EU-kritischen FPÖ in Österreich. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) formte gemeinsam mit Jörg Haider von der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) eine schwarzblaue Koalition. Die in den Augen vieler als klar populistisch-einzustufende FPÖ machte im Wahlkampf vor allem mit einem EU-kritischen und ausländerfeindlichen Wahlkampf auf sich aufmerksam und erreichte bei der Nationalratswahl 1999 Platz 2 mit rund 27 Prozent der Stimmen. Sie verwies damit sogar knapp die Altpartei ÖVP auf den dritten Rang. Als diese zwei Parteien eine Regierung bildeten und die erstplatzierte Sozialdemokratische Partei Österreich (SPÖ) in die Opposition schickten, ertönten sowohl national als auch international kritische Stimmen, die darin eine Gefahr für unsere westlichen, demokratischen Werte sahen. Der österreichische Bundespräsident Thomas Klestil (ÖVP) musste am Ende sichtlich widerwillig die neue Regierung angeloben, doch nicht ohne zuvor von Schüssel und Haider ein klares Bekenntnis zur Demokratie und der Europäischen Union abzuverlangen. International kündigten 14 der damals 15 Mitgliedstaaten an, Österreich im Falle einer Regierungsbeteiligung der FPÖ zukünftig diplomatisch zu isolieren. Am Ende gab es eine typisch österreichische Lösung, um alle zu befriedigen: Die ÖVP und die FPÖ bildeten zwar eine Regierung, aber Jörg Haider wurde nicht Teil davon und wurde stattdessen Landeshauptmann von Kärnten.

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24 Apr

Genug Bullshit! Über den Wert philosophischer Demokratiekritik in einer postfaktischen Welt

Andreas Wolkenstein (München)


Was Politiker vermeintlich tun – Stimmen der Straße

Als Angela Merkel am 03. Oktober 2016 die Dresdner Frauenkirche betrat, wurde sie von einem pöbelnden Mob empfangen. Die Menschen, die sich vor dem Ort der Feierlichkeiten zum Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung versammelten, waren offenbar wütend. Sehr wütend sogar, was sie mit wüsten Beschimpfungen und hetzerischen Plakaten zum Ausdruck brachten. Angela Merkel steht zwar im Zentrum der Kritik – wenn das Verhalten dieser angeblich besorgten Bürger denn überhaupt als Kritik zu bezeichnen ist -, doch diese trifft bei Weitem nicht nur die Bundeskanzlerin. Es herrscht dieser Tage die Tendenz, allen Politikern jeglichen guten Willen abzusprechen. Insbesondere die Vertreterinnen und Vertreter der Regierungsparteien, dann aber auch die im linken politischen Spektrum zu verortenden Parteien werden zum Objekt des Hasses der Massen. Sie würden nur in die eigene Tasche arbeiten, es ginge ihnen also nur um sich, nicht um die Sorgen und Nöte der einfachen Leute, und sie würden mit „Gender Mainstreaming“ und „linksgrün-versiffter Ideologie“ die besorgte Bürger terrorisieren und diese dabei noch nicht einmal vor dem islamistischen Terrorismus beschützen (im Gegenteil). Derartige Dinge sind inzwischen nahezu alltäglich zu vernehmen. In Deutschland sitzen die Unterstützer dieser Form des Politiktreibens inzwischen im Parlament.

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