21 Dez

Ich zähle, also bin ich? – Über die Probleme der Corona-Politik das Ungezählte und Unzählbare angemessen zu erfassen

Von Björn Engelmann (Erlangen-Nürnberg)


Es scheint mir, politische Institutionen im Allgemeinen und die aktuelle deutsche Corona-Politik von Bund und Ländern im Besonderen haben ein Problem damit, diejenigen Aspekte der Pandemiebekämpfung angemessen zu berücksichtigen und zu würdigen, die sich nicht leicht in Zahlen fassen lassen oder die sich gar gänzlich der Welt der Zahlen entziehen.

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02 Nov

Die neue Sichtbarkeit der Lehre. Eine Zwischenbilanz zur philosophischen Lehre in Zeiten der Pandemie

von Daniel Kersting (Jena) und Michael Reder (München)


Heute beginnt das neue Semester – bei vielen sicherlich mit gemischten Gefühlen. Eigentlich sollte das Wintersemester als ein „Hybrid-Semester“ stattfinden: So viel Präsenzlehre wie möglich, soviel Distanzlehre wie nötig. Doch die Infektionszahlen steigen rapide an und vielerorts startet das Semester nun doch online. Wir möchten diese außergewöhnliche Situation zum Anlass nehmen, Zwischenbilanz zu ziehen, und – vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen, bundesweiter Umfragen sowie einiger Diskussionsbeiträge zum Thema – danach fragen, was gute Lehre insbesondere in der Philosophie auszeichnet und welche institutionellen Bedingungen es dazu braucht. Dabei lassen wir uns von der Beobachtung leiten, dass der Lehre durch die COVID-19 Pandemie gleichsam über Nacht eine neue Bedeutung und Sichtbarkeit zuteilwurde, die es unseres Erachtens über die Krise hinaus zu sichern gilt. Die Pandemie fungiert dabei auch wie ein Katalysator: sie zeigt, an welchen Stellen wir in der Vergangenheit zu wenig über die Lehre nachgedacht haben und was daraus für die Zukunft der Lehre folgen könnte.

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23 Okt

Die Coronamüdigkeit der Philosophie, oder: wie soll die Zukunft aussehen?

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Die COVID-19 Pandemie ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Der kurze Sommer der Erleichterung ist dem Herbst der Ernüchterung gewichen. Alle blicken gebannt und gespannt, manche ängstlich, viele genervt, in die nahe Zukunft des Winters. Die Pandemie hat bislang gezeigt, was Philosophie kann und zeigt jetzt umso deutlicher, was sie nicht kann: kraftvolle Szenarien für eine gerechte Gesellschaft der Zukunft entwickeln.

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01 Okt

Covid-19 und die vulnerablen Alten

Von Nina Streeck (Zollikerberg)


Wer in den vergangenen Monaten die Zeitung aufschlug, um sich über das Coronavirus zu informieren, dem fiel wiederholt eine Wendung ins Auge: Von «vulnerablen Personengruppen» war (und ist) die Rede, meist verstanden als Gruppen von Menschen, die ein erhöhtes Risiko tragen, dass eine Covid-19-Erkrankung bei ihnen schwerwiegend verläuft. Es scheint auf der Hand zu liegen, um wen es hier geht, schließlich deuten bisherige Erkenntnisse darauf hin: ältere und vorerkrankte Menschen. Ihnen gebühre infolgedessen besonderer Schutz, lautet meist die unmittelbare Schlussfolgerung.

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10 Aug

Der universitäre Mittelbau und die Corona-Pandemie

Generell wären alle äußeren Umstände nicht so belastend, wenn man unbefristet angestellt wäre[1]


von Andrea Klonschinski (Kiel)


1. Einleitung

Mit Arbeit im Homeoffice, abgesagten Konferenzen, digitaler Lehre und Online-Prüfungen liegt ein außergewöhnliches Semester hinter uns. Für den Großteil des wissenschaftlichen Personals war es auch ein außergewöhnlich arbeitsintensives und belastendes Semester, worauf früh etwa die Initiative mehrbelastung.de, später auch verschiedene Fachgesellschaften hingewiesen haben.[2] Das „Corona-Semester“ trifft dabei diejenigen Mitarbeiter*innen an Universitäten besonders stark, die sich ohnehin in einer vulnerablen Position befinden – Personen mit Care-Verpflichtungen (meist Frauen),[3] prekär Beschäftigte im universitären Mittelbau und Wissenschaftler*innen auf Qualifikationsstellen.[4] Die Probleme sind mittlerweile bekannt und es mangelt nicht an Forderungen nach Maßnahmen der Minderung und Kompensation der Arbeitsbelastung sowie der mittel- und langfristigen Folgen, die dieses Semester haben wird.[5] Deren Umsetzung bleibt indes bislang Stückwerk, was umso problematischer ist, als auch das kommende Wintersemester von COVID-19 geprägt sein wird und unklar ist, ob angesichts einer möglichen zweiten Corona-Welle weitere Shutdowns anstehen.

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11 Jul

Ausnahmezustand und Verfassung: Sind die Corona-Demonstranten die wahren Verfassungspatrioten?

Von Lena Güldner (München)

„Wir sind das Volk.“ Dieser altbekannte Schlachtruf ertönt seit Kurzem wieder häufig in Deutschland und zwar im Zusammenhang mit Demonstrationen gegen die gegenwärtigen Maßnahmen zur Eindämmung von Corona. „Wir sind das Volk“: ein Ausruf, der durch seine historische Bezugnahme auf die Montagsdemonstrationen in der DDR gleichsam eine gerechte Auflehnung gegen den totalitären Unterdrückungsstaat, eine demokratische Bewegung als Bekenntnis und Kampf zu liberalen Freiheitsrechten impliziert. Das ist es auch, was sich viele Teilnehmer*innen der Protestbewegungen zumindest offiziell auf die Fahne schreiben. So heißt es auf dem YouTube Kanal der Initiative Querdenken 711Wir sind für das Grundgesetz“ und auch die Vereinigung Demokratischer Widerstand titelt auf ihrer Webseite: „Demokratischer Widerstand für Verfassung, Grundrechte & transparente Gestaltung der neuen Wirtschaftsregeln durch die Menschen selbst“. Es scheint sich um besorgte Bürger*innen zu handeln, die Prinzipien des Grundgesetzes verletzt sehen und sich in ihren Bürgerrechten unrechtmäßig eingeschränkt fühlen. Doch spätestens seit den Pegida-Demonstrationen ab Oktober 2014 ist „Wir sind das Volk“ nicht mehr ausschließlich positiv konnotiert. Denn dort nutzten Extremist*innen diese Parole, um unter dem Deckmantel der Demokratie ihre rechte Propaganda zu verbreiten. Dass dies auch bei den bei den aktuellen Demonstrationen gegen die Anti-Corona-Maßnahmen der Fall ist, scheint durchaus eine Möglichkeit. Nun stellt sich die Frage, ob und inwiefern sich sich die Demonstrationen mit einer verfassungspatriotischen Grundhaltung rechtfertigen lassen: Wären wir als wahre Verfassungspatrioten vielleicht sogar gezwungen, im Angesicht massiver Grundrechtsbeschränkungen aufgrund von Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 unsere demokratischen Prinzipien und Bürgerrechte aktiv zu verteidigen? Oder, anders gefragt: Unter welchen Bedingungen dürfen wir aus einer verfassungspatriotischen Gesinnung heraus gegen die Einschränkungen demonstrieren? Ich werde im Folgenden zunächst den Begriff Verfassungspatriotismus kurz darlegen, anschließend über die Legitimität von Demonstrationen sprechen und zuletzt zwei Kriterien skizzieren, wann die aktuellen Proteste als verfassungspatriotisch gelten können.

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06 Jul

Bildung und Erziehung im Ausnahmezustand. Was kann philosophische Reflexion im Rahmen der COVID-19-Pandemie leisten?

Von Johannes Drerup (TU Dortmund/VU Amsterdam) und Gottfried Schweiger (Salzburg)


Die COVID-19-Pandemie hat unseren Alltag innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt. Das soziale und wirtschaftliche Leben wurde für einige Wochen auf ein Minimum reduziert, Schulen, Kinderbetreuungseinrichtungen und Hochschulen wurden geschlossen. Die Familie ist dadurch (wieder) zum zentralen Lern- und Lehrort geworden, zum räumlichen Mittelpunkt des beruflichen und sozialen Lebens vieler Menschen. Das stellt Familien und die Bildungseinrichtungen vor besondere Herausforderungen. Eltern mussten Homeschooling, Kinderbetreuung und Home Office unter einen Hut bringen.[i] Von der Hilfe durch Großeltern und andere Verwandte, die nicht im selben Haushalt wohnen, wurde mit guten Gründen abgeraten. Die größte Last dieser Umstellungen hatten Frauen, insbesondere Mütter, zu tragen. Lehrer*innen standen unter dem Druck, oft ohne medientechnologische Ausbildung und ohne Vorlaufzeit Lernmaterialen neu zu planen und zur Verfügung zu stellen. Die technischen Mittel dafür sind aber nicht in allen Schulen und auch nicht in allen Familien ausreichend vorhanden. Es ist daher zu erwarten, dass ohnehin schon bestehende Bildungsungleichheiten sich als eine Folge der COVID-19 Pandemie vergrößern und verfestigen. Die Situation in manchen Familien war und ist prekär. Eltern wurden arbeitslos oder in Kurzarbeit geschickt und kämpfen nun mit Zukunftsängsten. Gewalt gegen Frauen und Kinder, so eine gängige und plausible Annahme, nimmt in Familien zu und das in einer Zeit, wo der Kontakt zu Vertrauenspersonen, Sozialarbeiter*innen und Lehrer*innen reduziert oder gänzlich eingestellt wurde.

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05 Jul

Plurale Wahrheit mit menschlichem Antlitz

In Krisenzeiten wie in der gegenwärtigen Corona-Pandemie nimmt der Mensch die Welt als besonders kontingent wahr. Das Virus ist unberechenbar. Dies weckt Sehnsucht nach klaren Parametern des Wissens, es muss aber gleichzeitig ein Umgang mit dem Nichtwissen gefunden werden. Als Orientierungshilfe hilft eine pragmatische Perspektive. – Ein philosophischer Versuch.

Von Richard Blättel

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20 Jun

Die Not-Wende. Denken in der Krisis

Von Gabriel Valladão Silva (Berlin)

Das Denken fühlt sich von der Krisis dazu genötigt, rasch zu urteilen. Die gegenwärtige Zeit ist eine solche, in der sich die Zeit von Krisis zu Krisis verkürzt. Sie ist eine überraschende Zeit für das Denken. Das über-raschte Denken denkt notgedrungen und urteilt vorschnell. Sein Urteil ist ein unbedachtes Vorurteil, das unmittelbar aus dem Gefühl der Entrüstung verurteilt. Das entrüstete Verurteilen steht dem Denken aber ganz und gar nicht. Nietzsche behauptet, die Entrüstung sei sogar das unfehlbare Zeichen der Abwesenheit des eigentlich philosophischen Humors. Er bezeichnet sie als „die perfideste Art der Rache“.

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