10 Apr

Populäre Philosophie

von Elke Brendel (Universität Bonn)


Die Philosophie als akademische Disziplin spielt sich heute weitgehend in den vielbeschworenen Elfenbeintürmen universitärer Institute ab. Die Fachphilosophin (hier wie im Folgenden soll das Femininum auch alle anderen Geschlechter miteinschließen) kämpft meist einsam mit komplizierten Texten, prüft kritisch Argumente und erwägt das Für und Wider von philosophischen Positionen. Wenn Lehre, Verwaltung, das Schreiben von Gutachten und das Einwerben von Drittmitteln ihr noch genügend Zeit und vor allem Muße lassen, gräbt sie sich immer tiefer in fachspezifische Detailfragen. Und wenn es gut läuft, dann gelingt ihr ein eigener kleiner originärer Debattenbeitrag, der (meist nach mehreren Runden des „revise and resubmit“) in einer philosophischen Fachzeitschrift publiziert und oftmals nur von einer Handvoll weiterer Expertinnen auf dem Gebiet überhaupt verstanden und gelesen wird.

Wie auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen zerfällt die akademische Philosophie in viele thematische Teilbereiche. Selbst innerhalb einzelner Subdisziplinen gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Forschungsfragen relevant sind und welche Methoden geeignet sind, um diese Fragen zu beantworten. Die Themen- und Methodenvielfalt sowie die Unterscheidung von systematischen und historischen Fragestellungen haben zu einer hochgradigen Differenzierung und Spezialisierung innerhalb der Philosophie geführt. Anstelle von großen philosophischen Systementwürfen besteht der Erkenntnisgewinn in der gegenwärtigen universitären Philosophie in eher kleineren Schritten, wie der Präzisierung und Klärung spezieller philosophischer Begriffe und Positionen. Manchmal führen auch die Berücksichtigung von Daten, Ergebnissen und Methoden aus anderen Bereichen (wie aus der Linguistik, Kognitionspsychologie oder mathematischen Logik) zu neuen philosophischen Einsichten. Aber auch das Gewahrwerden von begrifflichen und argumentativen Schwachstellen philosophischer Positionen kann zu einem Erkenntnisfortschritt führen. Nicht selten hat die Entdeckung von Paradoxien dazu Anlass gegeben, alte Denkmuster und unhinterfragte Annahmen in Zweifel zu ziehen und einen neuen Blick auf philosophische Fragen zu werfen.

Fachphilosophische Forschung vollzieht sich also auf einem hohen Spezialisierungsgrad. Sie setzt profunde Kenntnisse des jeweiligen philosophischen Untersuchungsgegenstandes und der verwendeten Fachterminologie voraus. Zudem sind Kompetenzen im Analysieren von Texten und Argumenten sowie die Fähigkeit zum abstrakten Denken erforderlich. Neben unabdingbaren Englischkenntnissen muss die Philosophin für manches philosophische Fachgebiet auch andere moderne Fremdsprachen beherrschen sowie des Altgriechischen und/oder Lateinischen mächtig sein. Darüber hinaus ist die formale Logik ein wichtiges philosophisches Analyseinstrumentarium und muss daher beherrscht werden. Zudem ist es manchmal vonnöten, dass die Philosophin über den Tellerrand ihrer eigenen Disziplin hinausschaut und sich Kenntnisse in anderen Fachdisziplinen aneignet.

Fachphilosophische Forschung eins zu eins in die Öffentlichkeit zu tragen, wäre daher genauso wenig zielführend, wie einem Laienpublikum komplizierte Detailfragen der Quantenfeldtheorie auf dem Niveau einer fachphysikalischen Expertendiskussion vorzusetzen. Und selbst wenn man philosophischen Laien Inhalte bestimmter Spezialdiskurse näher brächte, würde man wohl eher irritiertes Staunen ob der Merkwürdigkeiten mancher philosophischer Forschung ernten. Fragen etwa nach speziellen Evidenzaggregationen im Bayesianismus oder die Frage, ob der Lügner-Satz einen wahren Widerspruch zum Ausdruck bringt, sind für die philosophischen Interessen der Öffentlichkeit kaum von Relevanz. Andere philosophische Fragen mögen zwar für Laien einen gewissen Unterhaltungswert besitzen, wie z.B. die Frage, ob man wissen kann, dass man kein Gehirn im Tank ist, das von einem bösen, aber überaus klugen Neurowissenschaftler durch künstliche elektrische Impulse so manipuliert wird, dass im Gehirn die perfekte Illusion einer Außenwelt entsteht. Aber letztendlich würde auch hier mancher Laie nicht nachvollziehen können, wieso Philosophinnen mit der Beschäftigung derartiger Fragen Geld verdienen.

Natürlich sind die oben erwähnten Fragen für ihr jeweiliges Fachgebiet wichtig und verfolgenswert. Auch wenn manche hochspezialisierten philosophischen Detaildebatten sich zunehmend verselbstständigen, so sind sie doch häufig aus langen und verschlungenen Diskussionen entstanden, die sich im Kern mit zentralen und grundsätzlichen philosophischen Problemen beschäftigen. Viele Detailfragen zum Bayesianismus sind z.B. aus dem wichtigen erkenntnisphilosophischen Problem des Stellenwertes von Evidenzen bei der rationalen Überzeugungsbildung erwachsen. Die Beschäftigung mit der Lügner-Paradoxie beleuchtet das zentrale philosophische Problem der Beziehung von Sprache, Wahrheit und Selbstbezug. Und das bizarre Gehirn-im-Tank-Gedankenexperiment thematisiert auf anschauliche Weise das Problem des Wissensskeptizismus. Gute populäre Philosophie sollte daher philosophische Probleme so erläutern, dass in möglichst Fachjargon freier Weise auch die Bedeutung dieser Probleme für philosophische Grundlagenfragen deutlich werden.

Aber was genau ist gute populäre Philosophie? Und was sollte sie leisten? Läuft man nicht Gefahr, der Komplexität philosophischer Fragen nicht mehr gerecht zu werden, wenn man sich zu sehr dem Diktat der Allgemeinverständlichkeit unterwirft? Wenn man Philosophie in homöopathischen Dosen an die Öffentlichkeit bringt, bleibt dann nicht bloß eine Karikatur von Philosophie übrig, in der wichtige Themen verfälscht und verzerrt sind?

Ein philosophisches Thema in klarer und allgemeinverständlicher Art darzustellen, muss nicht zwangsläufig zu einer entstellenden Vereinfachung der Thematik führen. Klarheit und Allgemeinverständlichkeit bedeuten nicht das Herabsenken von Anspruch und Niveau, sondern in erster Linie den weitgehenden Verzicht auf Fachjargon. Gute populäre Philosophie sollte sich meines Erachtens nicht der „Kompliziertheitszensur“ mancher Medien blind unterwerfen. Philosophische Grundfragen sind nun mal dadurch ausgezeichnet, dass sie niemals auf einfache, eindeutige und endgültige Weise zu beantworten sind. Gute populäre Philosophie sollte daher nicht das Bedürfnis mancher Menschen bedienen, möglichst aus dem Munde vermeintlicher Expertinnen einfache und ultimative Wahrheiten zu erhalten, die das eigene weitere Nachdenken über eine komplexe philosophische Thematik obsolet machen – auch wenn dieses Bedürfnis nur allzu verständlich ist, vor allem dann, wenn es um existentiell wichtige Fragen geht, wie die Fragen, ob Willensfreiheit möglich ist, ob Gott existiert, wo die Grenzen unseres Denkens liegen oder ob wir „Gehirndoping“ betreiben dürfen.

Die Auseinandersetzung mit zentralen philosophischen Fragen ist vielschichtig und führt häufig eher zu konditionalen „Wenn A, dann B“-Thesen als zu eindeutigen Behauptungen der Art „B ist so und nicht anders“. Wer z.B. aus philosophischer Perspektive untersucht, was Wissen ist, wird erst einmal feststellen, dass es gar nicht so klar ist, wonach hier eigentlich gefragt wird, da es verschiedene Formen und Arten von Wissen gibt. Auch kann man unterschiedliche Projekte im Rahmen einer philosophischen Wissenstheorie verfolgen, und, je nach Zielsetzung, können verschiedene Adäquatheitskriterien eine Wissensanalyse leiten. Diese Vielschichtigkeit beim Abwägen von Argumenten ist ein zentrales Merkmal des Philosophierens. Einer interessierten Öffentlichkeit sollte diese Vielschichtigkeit zugemutet werden. Sie sollte nicht mit einfachen Wahrheiten abgespeist werden.

Populäre Philosophie kann aber natürlich auch nicht immer in die Tiefe und die Details fachphilosophischer Forschung eindringen. Wie oben bereits erwähnt, sind viele fachphilosophischen Detailfragen für interessierte Laien irrelevant und ihr Verständnis setzt oftmals inhaltliche, methodische und argumentative Kompetenzen voraus, die Laien sich nicht ohne weiteres schnell aneignen können. Aber dennoch kann es gelingen, auch ohne Detailverliebtheit wichtige und zentrale Positionen einer philosophischen Debatte in ihren argumentativen Stärken und Schwächen in einer populären Abhandlung zu beleuchten.

Populäre Philosophie ist für die Außendarstellung des Fachs ungemein wichtig. In der Öffentlichkeit gibt es ein klar erkennbares Interesse an philosophischen Themen. Dies bezeugen nicht zuletzt die vielen populären philosophischen Journale, die es mittlerweile auf dem Markt gibt, wie „Philosophie Magazin“, „Hohe Luft“ oder „Der blaue Reiter“. Populäre Philosophie kann aber auch dabei helfen, die intradisziplinäre Verständigung der Philosophinnen untereinander zu befördern. Aufgrund der hochgradigen Spezialisierung der wissenschaftlichen Philosophie sind oftmals Expertinnen in einem philosophischen Fachgebiet in der Situation interessierter Laien in einem anderen philosophischen Fachgebiet. Die formale Erkenntnistheoretikerin kann sich z.B. durch eine gute populäre Darstellung mit der Phänomenologie Husserls und Heideggers vertraut machen – aber natürlich kann auch umgekehrt die Phänomenologin von der Lektüre einer populären Darstellung über formale Methoden in der Erkenntnistheorie profitieren.

Wenn man sein Augenmerk auf Buchpublikationen richtet, dann kann gute populäre Philosophie sich in ganz unterschiedlicher Weise präsentieren. Zum einen gibt es Werke literarischer Philosophie, die in anschaulicher Form Einblicke in das Leben und Werk von Philosophinnen oder von philosophischen Epochen geben. Rüdiger Safranskis „Schopenhauer und die wilden Jahre“ oder Gerhard Stremingers Hume-Biografie sind hier u.a. eindrucksvolle Beispiele für diese Kategorie der populären Philosophie. Andere narrative Zugänge zur Philosophie finden sich in Werken, die auf unterhaltsame und spielerische Weise oft komplizierte Themen einem interessierten Laienpublikum näher bringen. Hierzu zählt natürlich Douglas Hofstadters Klassiker „Gödel, Escher, Bach“. Aber auch die Bücher von Raymond Smullyan, die die Leserin auf vergnügliche Reisen in die Welt der Logikrätsel führt, sind hier zu nennen. Mittlerweile gibt es auch auf dem deutschsprachigen Büchermarkt zudem zahlreiche Einführungs- und Überblickstexte zu verschiedenen philosophischen Themen. Diese Werke richten sich zwar auch an die interessierte Öffentlichkeit, der Übergang zur Gattung der akademischen Lehrbücher ist jedoch fließend. Ich denke hier etwa an die verschiedenen philosophischen Einführungen aus der Reihe „Wissen“ im C. H. Beck Verlag, an die Bücher aus der Reihe „Grundkurs Philosophie“ des Reclam Verlags, an die Junius-Reihe „Zur Einführung“ oder auch die Arbeiten in der Reihe „Grundthemen Philosophie“ im Verlag De Gruyter.

Populäre Philosophie, wie immer sie sich im Einzelnen auch darstellt, ist also wichtig und nötig. Ich habe jedoch den Eindruck, dass in anderen Disziplinen die populäre Darstellung ihres Faches stärker kultiviert ist und einen höheren Stellenwert genießt als in der Philosophie – man denke etwa an die populären Werke namhafter Physiker, wie Richard Feynman, Steven Hawking oder Anton Zeilinger, die schon seit langem der interessierten Öffentlichkeit faszinierende Einblicke in ihr Fachgebiet geben. Dennoch – und dies belegen u.a. die verschiedenen oben erwähnten neueren Einführungsreihen – gibt es in der deutschsprachigen Philosophie einen erfreulichen Trend zur Popularisierung. Man muss jedoch bedenken, dass das Verfassen populärer Werke für die wissenschaftliche Qualifizierung des akademischen Nachwuchses in der Philosophie nicht unbedingt förderlich ist. Populäre Publikationen zählen z.B. bei Bewerbungen auf universitäre Positionen in der Regel wenig bis nichts. Sie werden höchstens neben den eigentlichen fachphilosophischen Arbeiten als „zusätzliche Publikationen“ in Berufungskommissionen wohlwollend zur Kenntnis genommen. Dem wissenschaftlichen Nachwuchs kann man daher nicht raten, anstelle von Fachartikeln in renommierten internationalen Fachzeitschriften populäre Einführungswerke zu verfassen. Für das Schreiben guter populärer Philosophie ist es aber auch äußerst wichtig, sich zunächst als Fachphilosophin einen kompetenten Überblick über philosophische Themen zu verschaffen und die relevanten Methoden und Fragestellungen zu kennen. Fachexpertise ist natürlich keine hinreichende Bedingung für gute populäre Philosophie. Wir Fachphilosophinnen sind nicht darin geschult, gute populäre Texte zu verfassen. Philosophie ohne verfälschende Komplexitätsreduktion klar, allgemeinverständlich und in einer genügend umfassenden Weise so zu präsentieren, dass die Leserin zum eigenen Nach- und Weiterdenken inspiriert wird, bedarf einer besonderen Fähigkeit, die nicht hoch genug einzuschätzen ist.

Zumindest auf dem Buchmarkt gibt es also inzwischen zahlreiche hervorragende populäre Einführungen in die Philosophie. Es wäre wünschenswert, wenn sie auch innerhalb der akademischen Philosophie ein höheres Ansehen genießen würden. Wünschenswert wäre zudem, wenn auch in den anderen Medien, wie Fernsehen, Rundfunk, Tageszeitungen oder den sozialen Netzwerken, wo oftmals die immer gleichen Philosophinnen zu Wort kommen, ein ausgewogeneres Bild der Philosophie in der Öffentlichkeit präsentiert würde.


Elke Brendel ist Professorin für Philosophie mit Lehrstuhl für Logik und Grundlagenforschung an der Universität Bonn. Sie war wissenschaftliche Assistentin an den Instituten für Philosophie in Frankfurt am Main und der FU Berlin. Sie war u.a. Professorin für Philosophie an der Universität Mainz, Fellow am Lichtenberg-Kolleg Göttingen sowie  Fachkollegiatin für den Bereich „Theoretische Philosophie“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Ihre Lehr- und Forschungsgebiete liegen in den Bereichen der Logik, Erkenntnis- und Sprachphilosophie.

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