06 Apr

Selbstbestimmung, Abhängigkeit und Solidarität in der Pandemie

Von Philip Schwarz (Göttingen)


Wenn es um die Aufhebung der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie geht, ist viel von „Freiheit“ die Rede. Wir müssen uns aber fragen, unter welchen Bedingungen wir überhaupt frei und selbstbestimmt sind. Die Berücksichtigung unserer verkörperlichten Bedingtheit zeigt uns, dass Freiheit Solidarität voraussetzt.

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05 Apr

Ideologisch sind immer die Anderen: Zu Uwe Steinhoffs Polemik gegen Koch und Mühlebach

von Daniel Lucas


Auf diesem Blog hatten sich Heiner Koch und Deborah Mühlebach um eine Versachlichung der Debatte um die Äußerung von Kathleen Stock bemüht. Uwe Steinhoff hat darauf mit einer Replik geantwortet. Warum die Philosophie häufiger der Demut bedarf und die Grenzen ihrer Selbst wahrnehmen sollte.

Wo die scharfe Auseinandersetzung endet und die plumpe Beleidigung beginnt, mag im Auge der Betrachter*innen liegen (ja, mit einem komischen Sonderzeichen mitten im Wort). Dass die Polemik ein Teil der philosophischen Tradition ist, scheint mir zuzutreffen. Ob Steinhoffs Intervention in der Causa Kathleen Stock sich in diese Tradition einordnen kann, ist jedoch fraglich. Denn es stellt sich die Frage, inwiefern Beiträge als relevanter Teil einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung auftreten, die etwa solche Absätze beinhalten:

„Wenn der GAP an offener Diskussion gelegen ist, sollte sie Begrifflichkeiten vermeiden, welche sich eher für das einstige Sowjetregime mit seiner ausgeprägten Neigung eignen, Dissidenten als Geistesgestörte in die Psychiatrie zu sperren. Umgekehrt freilich ist die Popularität solcher Begrifflichkeiten im „woken“ linksautoritären Milieu nur die Fortsetzung der eigenen Tradition.“

Es hilft wenig zur Versachlichung der Debatte, wenn man seine Gegner*innen in die Nachfolge stalinistischer Vernichtungspolitik setzt.

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29 Mrz

Erwartungshaltungen. Feministische Perspektiven auf Supererogation

Von Katharina Naumann (Magdeburg), Marie-Luise Raters (Potsdam) und Karoline Reinhardt (Tübingen)


Wozu bin ich moralisch verpflichtet und was kann nun wirklich keiner von mir verlangen? Ist es besonders lobenswert, wenn ich mehr leiste? Und bin ich immer zur Dankbarkeit verpflichtet, wenn mir jemand etwas Gutes tut, oder hat das seine Grenzen? Außergewöhnliche Situationen, die mit besonderem Einsatz oder Risiko verbunden sind, werfen diese Fragen genauso auf wie freundliche Gesten. Aber wo beginnt die ‚Mehrleistung‘ und ist die Schwelle für alle gleich?

In unserer moralischen Urteilspraxis werden manche Handlungen als in hohem Maße moralisch wertvoll, aber dennoch nicht geboten betrachtet. Die Moralphilosophie bezeichnet diese als ‚supererogatorisch‘. Aber obwohl unsere Vorstellungen davon, wer zu was verpflichtet ist, zweifellos stark von Rollenbildern geprägt sind und keineswegs ‚genderneutral‘ sind, hat die Moralphilosophie diesen Aspekt bislang weitgehend ausgespart: Eine systematische Auseinandersetzung mit dem Konzept der ‚Supererogation‘ aus feministischer Perspektive stellt bislang ein Forschungsdesiderat dar.

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22 Mrz

Reduktion als Reiz: Zur Einfachheit in Videospielen

von Thomas Arnold (Heidelberg)


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Videospiele sind einfältig – und unter anderem deshalb so reizvoll; sie reduzieren Erfahrung und bieten gerade deshalb mehr Erlebnis. Dass viele Videospiele uns mit Mechanismen von Herausforderung, Belohnung und Flow bei der Stange halten (ähnlich wie beim Glücksspiel), ist hinlänglich bekannt. Auch die Attraktion von simulierter Autonomie und Macht ist uns vertraut: endlich frei, endlich ungebunden agieren zu können. Ein weiterer, weniger beleuchteter Aspekt der Videospiele so reizvoll macht, besteht in der  Einfachheit, Einheitlichkeit und Eindeutigkeit, denen wir in ihnen begegnen – und das in mehrfacher Hinsicht, wie wir im Folgenden sehen werden.

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15 Mrz

Mensch-Natur-Verhältnis revisited. Eine Replik auf Giulia Valpione

Von Kira Meyer (Kiel)


Giulia Valpione plädiert für die Wiederaufnahme romantischer Motive, um die Mensch-Natur-Beziehung neu zu konzeptualisieren. In ihrer Forderung nach einer notwendigen Überarbeitung dieses Verhältnisses möchte ich Valpione beipflichten, jedoch auf einen weiteren wichtigen Diskussionsstrang verweisen, der mir dafür unerlässlich erscheint: Die Berücksichtigung der Leiblichkeit des Menschen, wie sie in der (Neuen) Phänomenologie entwickelt wurde, und die darin begründete Zugehörigkeit zur Natur. Somit könnte dargelegt werden, was bei Valpione beziehungsweise den RomantikerInnen im Vagen verbleibt: Die behauptete Nähe des Menschen zur Natur ist in seiner Leiblichkeit begründet, den Leib als Natur zu verstehen würde zudem wichtige normative Implikationen sowie ein modifiziertes Freiheits-Verständnis mit sich bringen.

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10 Mrz

Wir alle sind Teilnehmende des medialen Krieges

von Johannes Müller-Salo (Hannover)


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Der Angriff Wladimir Putins auf die Ukraine zerstörte über Nacht Gewissheiten, die vermutlich die meisten Menschen in Europa und in der westlichen Welt für unerschütterlich gehalten hatten. Für die Philosophie des Krieges und der Gewalt stellen sich nun sehr alte Fragen neu. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei die Rolle der sozialen Medien – und damit die Rolle von uns allen, die wir täglich mit, über und in diesen Medien kommunizieren. Es braucht die Entwicklung einer Ethik der medialen Kriegsteilnahme.

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09 Mrz

Wahlrecht nur für Wissende? – Epistokratie, Ungleichheit und der Begriff politischen Wissens

von Jonas Carstens (Düsseldorf)


„Ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben, wie wenig die Wähler wissen.“ – Jason Brennan (2017, 54)

In diesem Satz drückt der Autor des Buches Gegen Demokratie Jason Brennan seinen Unmut über den schlechten Informationsstand der Wähler*innen aus; Unmut, welchen viele Menschen angesichts grassierender Verschwörungstheorien über Corona-Maßnahmen und Impfungen sicherlich nachempfinden können. Die Demokratie ist auf kompetente Wähler*innen angewiesen. Was aber, wenn es ihnen an Kompetenz fehlt?

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08 Mrz

Nachdenken über den Frieden in Zeiten des Krieges

Von Philipp Gisbertz-Astolfi (Göttingen)


Es tobt ein Krieg in Europa. Was vor Kurzem noch undenkbar schien, ist heute traurige und schockierende Realität. Die philosophische Ethik des Krieges bietet vieles, was sie uns Bereicherndes über diesen Krieg lehren kann. Am Ende bringt sie uns dorthin, woran ohnehin kein Zweifel bestehen darf und kann: Dieser Krieg ist ungerecht und verwerflich. Ich will hier einen anderen Fokus wählen, einen Ansatz der Hoffnung, einen Blick auf das gerade beinahe Undenkbare: den Frieden.

Keine Frage: Als Ethiker:in sollte man sich nicht vor dem Ungerechten verstecken, sollte es aushalten, dass einen diese Ungerechtigkeit zur Verzweiflung bringt, und dennoch weiter darüber nachdenken, Gedanken und Argumente sortieren und die Vernunft und Moral vor jenen zynischen Stimmen verteidigen, die sie entweder mit Lügen verdrehen oder mit einem vorgeschobenen und nur scheinbaren Realismus bestreiten. In der Ethik des Krieges finden wir zahlreiche kluge und leider aktuell allzu notwendige Argumente gegen einen solchen Realismus und gegen einen solchen Krieg. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Selbst, wenn man die von der russischen Regierung vorgeschobenen Kriegsgründe für bare Münze nehmen würde, selbst, wenn man annähme, dass die zum Teil absurden Behauptungen stimmten, würde das nicht genügen, um diesen Krieg ethisch zu rechtfertigen.

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