17 Sep

Bedenken first!

Von Hauke Behrendt (Stuttgart)

„Flieg immer auf der mittleren Straße, Ikarus”, riet er, „damit nicht, wenn du zu tief gerätst, die Fittiche das Meerwasser streifen und, feucht und schwer, dich in die Wogen hinabziehen. Ebenso gefährlich aber ist es, wenn du zu hoch in die Luft steigst und dein Gefieder den Sonnenstrahlen zu nahe kommt. Es könnte Feuer fangen. Zwischen Wasser und Sonne halte dich, immer meinem Pfade folgend!”
Dädalus und Ikarus
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12 Sep

Geld und Babys: Leihmutterschaft und die Kosten der sozialen Reproduktion

von Anna Schriefl (Bonn)


Welche Dinge dürfen Geld kosten? Und welche Dinge sollten auf keinen Fall kommerzialisiert werden? Mit besonderer Heftigkeit wird immer wieder diskutiert, ob Menschen sexuelle Dienste für Geld anbieten und kaufen dürfen, also ob Sexarbeit legal sein darf oder nicht. Dieselbe Debatte findet neuerdings mit Blick auf kommerzielle Leihmutterschaft statt, mit auffallend ähnlichen Positionen und Argumenten.

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11 Sep

Demokratische Erfahrungen in der Diskussion. Eine Replik auf Ole Hilbrich.

von Johannes Drerup (Amsterdam)


Meines Erachtens wird in der gegenwärtigen deutschsprachigen Erziehungs- und Bildungsphilosophie zu wenig diskutiert, d.h. es gibt nicht sonderlich viele kontinuierliche, aufeinander aufbauende und über längere Zeiträume verlaufende Debatten und Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Positionen.[i] Auch deshalb freue ich mich über die interessante und konstruktive Kritik von Ole Hilbrich[ii]. Also zur Sache.

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10 Sep

Darf man biologische Kinder bekommen?

Anlässlich der Veröffentlichung des Handbuch Philosophie der Kindheit (J.B. Metzler 2019) bringt praefaktisch Texte zur Philosophie der Kindheit.


von Ezio Di Nucci (Kopenhagen)


Nein, ich habe mich nicht verschrieben. Die Frage, die ich hier gerne stellen – und ansatzweise beantworten – möchte, ist nicht, ob es moralisch erlaubt sein sollte, nicht-biologische Kinder zu bekommen (zum Beispiel durch reproduktive Technologien); meine Frage ist tatsächlich, ob man seine eigenen biologischen Kinder bekommen darf, nämlich Kinder, mit denen man sein genetisches Gut teilt.

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05 Sep

Pornographie und befreite Sexualität

von Anne Weber (Lübeck)


Pornographie, d.h. die graphische und literarische Darstellung menschlicher Sexualität im Dienste sexueller Erregung, ist so alt, wie die Menschheit selbst. Ob an Höhlenwänden, auf Bildern, VHS-Kassetten, im Internet oder mit virtual-reality-Brille, pornographische Artefakte sind zeiten-, länder- und kulturübergreifend präsent. Es ist zunächst auch jenseits ethischer oder pädagogischer bzw. rechtlicher Beurteilung des Phänomens deshalb nicht von der Hand zu weisen, dass Pornographie einen wichtigen Beitrag zur (Selbst-)Beschreibung menschlicher Sexualität leistet (Sven Lewandoswki).

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04 Sep

Interview mit Kirsten Meyer

Kirsten Meyer ist seit 2011 Professorin für Praktische Philosophie und Didaktik der Philosophie am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie hält einen der beiden Plenarvorträge auf der VII. Tagung für Praktische Philosophie, die 26. und 27. September 2019 an der Universität Salzburg stattfindet.

prae|faktisch:  Was würden Sie heute machen, wenn Sie keine Philosophin geworden wären?

Kirsten Meyer: Wenn ich nicht Philosophieprofessorin geworden wäre, dann wäre ich Philosophielehrerin geworden. Mein zweites Unterrichtsfach wäre Biologie gewesen. Nach dem Abitur hatte ich vor, später im praktischen Naturschutz zu arbeiten, und deshalb habe ich Diplombiologie studiert. Da mich im Studium aber vor allem die theoretischen und grundsätzlichen Fragen interessierten und ich daher Philosophieseminare besuchen wollte, habe ich parallel dazu noch Philosophie und Biologie auf Lehramt studiert. Mit diesem Doppelstudium habe ich in Münster begonnen, nach dem Vordiplom bin ich dann an die Universität Bielefeld gewechselt. Meine Diplomarbeit in der Biologie enthielt dann eigentlich zu viele philosophische Aspekte. Zu meinem Glück waren die Biologen in Bielefeld demgegenüber aber sehr offen und schätzten die Interdisziplinarität. Aus dieser Arbeit und deren Weiterführung hat sich dann letztlich eine Promotion in der Philosophie ergeben.

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03 Sep

Bildung zum Streit und zum gemeinsamen Widerstreit – eine Skizze

von Miguel Zulaica y Mugica (TU Dortmund)


Die Frage, wofür Bildung, scheint quasi selbsterklärend und die Antwort, um ein gutes, selbstbestimmtes Leben zu führen, ist wohl kaum strittig. Wäre da nicht die Unbestimmtheit dessen, was genau ein gutes und selbstbestimmtes Leben sein soll und was Bildung dazu beitragen soll.

In meinen Ausführungen wird es mir um eine Produktivität bzw. dialektische Spannung gehen, die sich um die Frage nach Bildung und Selbstbestimmung herum formiert. Ziel der Argumentation ist es, den sachlichen Streit im Sinne eines gemeinsamen Widerstreits als Form der Problembearbeitung zu skizzieren und als einen bildungstheoretischen Einsatz zu formulieren. (1) Hierfür werde ich im ersten Schritt auf die Konfliktualität von Bildung und die Produktivität der Idee der Selbstbestimmung für den Diskurs eingehen. (2) In einem zweiten Argumentationsschritt soll auf eine hegelianische Tradition zurückgegriffen werden, mit der Bildung als eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Allgemeinen und in Hinsicht einer Allgemeinwerdung verstanden wird. (3) In einer dritten gedanklichen Bewegung sollen bildungstheoretische Überlegungen zum gemeinsamen Widerstreit skizziert und an aktuellen Beobachtungen zum Verhältnis von Wissen und Öffentlichkeit konkretisiert werden.

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29 Aug

Die ethische Relevanz des Geldes

von Edeltraud Koller (Frankfurt a. Main)


Die Wirtschaftswissenschaften verstehen Geld herkömmlich recht nüchtern als Mittel, um verschiedene Waren und Dienstleistungen zu tauschen und deren Wert festzulegen. Das Geld erleichtert den Austausch, weil Güter verkauft bzw. gekauft werden können, ohne auf den direkten Tausch Ware gegen Ware angewiesen zu sein. Es ist somit zunächst schlicht das Mittel für die Zahlung, zum Rechnen, für die Bewertung und zur Wertaufbewahrung.

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27 Aug

Selber denken macht schlau – was man aus der (Philosophie)Geschichte (nicht) lernen kann

von Bettina Bohle (Bochum)

Spricht man von Philosophiegeschichte oder historischer Philosophie – was meint man dann genau? Das ist ja ähnlich wie wenn man über etwas Zeitgenössisches spricht und es von etwas Historischem unterscheidet. Grundsätzlich heißt das nur: nicht JETZT. Früher. Wie viel früher und was dieses „Früher“ über den bloßen Zeitpunkt hinaus, der vor dem jetzigen liegt, bedeutet, ist erst einmal nicht notwendig festgelegt.

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22 Aug

Nein, Sex ist nicht wie eine Tasse Tee

von Maya Burkhardt


„Entscheidungen bezüglich des Sexuallebens können Erwägungen über Aufrichtigkeit, Rücksicht auf andere, Klugheit oder die Schadensvermeidung für andere usw. einschließen, aber dasselbe ließe sich zu Entscheidungen sagen, die das Autofahren betreffen. (Tatsächlich sind die moralischen Probleme, zu denen das Autofahren Anlass gibt, sowohl vom Standpunkt der Umwelt als auch dem der Sicherheit, viel schwerwiegender als Probleme, die sich aus geschütztem Sexualverkehr ergeben.) Dieses Buch enthält demgemäß keine Diskussion über Sexualmoral. Es gibt wichtigere Fragen der Ethik, die zu bedenken sind.“

Das schreibt Peter Singer in der Einleitung der dritten Auflage seines Buches „Praktische Ethik“ zum Thema Sexualmoral in dem Bemühen, ernstzunehmende moralische Überlegungen von einem „System widerwärtiger puritanischer Verbote […]“ abzugrenzen, „[…] dass hauptsächlich dazu bestimmt ist zu verhindern, dass Menschen ihr Vergnügen haben.“[1] Singer nutzt den Vergleich mit dem Autofahren hier am Anfang seines Buches, um das Thema Sexualität aus seiner weiteren Auseinandersetzung herauszuhalten.

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