06 Sep

Philosophisches Außenministerium gibt Entwarnung: Lehnstühle sicher vor experimentellen Philosophen

von Paul Rehren (Bielefeld)


Als ich das erste Mal nach Braunschweig gekommen bin, war ich ziemlich positiv überrascht. Ich hatte mir eine etwas heruntergekommene Braunkohlestadt ausgemalt. Stattdessen stellte sich die Stadt als grün, wohnlich und insgesamt sehr angenehm heraus. Woher kamen meine Vorurteile? Schwer zu sagen. Doch in jedem Fall hätten sie mit einiger Wahrscheinlichkeit dafür gesorgt, dass mir, wäre meine Freundin nicht vor einiger Zeit dorthin gezogen, ein wirklich schönes Fleckchen Erde in Deutschland entgangen wäre.

Hier möchte ich vorschlagen, dass etwas ganz Ähnliches auf einen bestimmten Fleck auf der philosophischen Landkarte zutrifft: Die experimentelle Philosophie. Auch die experimentelle Philosophie hat ihren BesucherInnen und AnwohnerInnen viel zu bieten; auch in ihrem Fall werden, so denke ich, einige durch irrigen Ansichten davon abgehalten, vorbeizuschauen.

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04 Sep

Trumpismus und die Philosophie der Weltordnung

von Mark S. Weiner (Hamden, Connecticut, USA/Uppsala, Schweden)[1]


Im Zuge des NATO-Gipfels und des Helsinki-Treffens waren viele Liberale[2] versucht, das Verhalten von US-Präsident Donald Trump charakterlich zu verurteilen. Seine Unterstützung Vladimir Putins und die Zurechtweisungen seiner eigenen Geheimdienste sowie der traditionellen Verbündeten scheinen zu zeigen, dass er der Sache nicht gewachsen ist; oder dass er fremdgesteuert ist; oder dass er geistig labil ist; oder dass er ein Mitglied der Russlandgang ist – ein „Verräter“.

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28 Aug

Zeit der Zuschauer

von Christoph Schamberger (Berlin)


Wolfram Eilenberger erhebt in der ZEIT[1] schwere Vorwürfe gegen die deutsche akademische Philosophie. Zum einen gingen ihre Arbeiten den großen, drängenden Fragen unserer Zeit aus dem Weg und seien inhaltlich uninteressant – zumal für die breite Öffentlichkeit. Zum anderen habe sie auch international kaum noch Einfluss und biete keine Impulse für gegenwärtige Debatten: „Die deutschsprachige Philosophie erlebt derzeit ihren geschichtlich schwächsten Moment.“ Eine Ursache für diese Entwicklung sieht Eilenberger darin, dass die meisten Philosophen, insbesondere die jüngeren, ihren Ehrgeiz in das Verfassen englischer Zeitschriftenaufsätze stecken. Diese Artikel sind aber so spezialisiert, dass sie nur von ganz wenigen Experten gelesen und verstanden werden. Weiterlesen

23 Aug

Wie erkennt man Pseudowissenschaften? (Teil 2)

von Nikil Mukerji (München)


Die Wissenschaft ist eine wichtige gesellschaftliche Institution. Sie hilft uns, unsere eigene Existenz und unsere Natur als Menschen besser zu verstehen. Sie fördert Fakten zutage, auf deren Grundlage Innovation und technischer Fortschritt stattfinden kann. Sie liefert uns aber auch eine sachliche Grundlage für die politische Debatte und die öffentliche Diskussionen über wichtige gesellschaftliche Fragen. Hier sind Fakten wichtig! Wenn wir nicht wissen, von welchen gesellschaftlichen Bedingungen wir ausgehen und wie politische Maßnahmen wirken, haben wir kaum eine Chance, zufrieden stellende Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit zu finden. Deswegen müssen wir die Wissenschaft als gesellschaftliche Institution verteidigen und sie gegen Scharlatanerie und Humbug abgrenzen, bei der es sich um keine echte Wissenschaft handelt, sondern nur um Pseudowissenschaft. Aber wie erkennt man Pseudowissenschaft? Um diese Frage geht es mir hier.

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21 Aug

Wie erkennt man Pseudowissenschaften? (Teil 1)

von Nikil Mukerji (München)


Die Wissenschaft ist eine wichtige gesellschaftliche Institution. Sie hilft uns, unsere eigene Existenz und unsere Natur als Menschen besser zu verstehen. Sie fördert Fakten zutage, auf deren Grundlage Innovation und technischer Fortschritt stattfinden kann. Sie liefert uns aber auch eine sachliche Grundlage für die politische Debatte und die öffentliche Diskussionen über wichtige gesellschaftliche Fragen. Hier sind Fakten wichtig! Wenn wir nicht wissen, von welchen gesellschaftlichen Bedingungen wir ausgehen und wie politische Maßnahmen wirken, haben wir kaum eine Chance, zufrieden stellende Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit zu finden. Deswegen müssen wir die Wissenschaft als gesellschaftliche Institution verteidigen und sie gegen Scharlatanerie und Humbug abgrenzen, bei der es sich um keine echte Wissenschaft handelt, sondern nur um Pseudowissenschaft. Aber wie erkennt man Pseudowissenschaft? Um diese Frage geht es mir hier.

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16 Aug

Hannah Arendt und das „postfaktische Zeitalter“

von Judith Zinsmaier (Tübingen)


Mit dem 2016 von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres gewählten Begriff „postfaktisch“ soll dieser zufolge eine Situation beschrieben werden, in der sich die politischen Debatten nicht mehr an Fakten und Wahrheiten orientieren, sondern an Emotionen. Nicht das Aussprechen der Wahrheit, sondern dasjenige der ‚gefühlten Wahrheit‘ führe im „postfaktischen Zeitalter“ zum Erfolg.[1]

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14 Aug

Wissenschaftssprachen und Businessmodelle

von Christoph Schirmer (Berlin, de Gruyter)


Zeitschriftenartikel werden in der Philosophie immer wichtiger. Die regelmäßigen Evaluierungen von Wissenschaftler*innen und Instituten verlangen nach hochfrequentem Output, der mit Büchern in der Regel nicht erbracht werden kann. Auch die Teammitglieder langjähriger Forschungsprojekte, die z.B. von der ERC gefördert werden, bringen ihre jeweiligen Forschungsergebnisse zunehmend eher in einzelnen Zeitschriftenartikeln heraus, den klassischen Projektband gibt es nur noch zum Abschluss.

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07 Aug

Eine Dosis Populismus gefällig?

von Thomas Plieseis (Salzburg)


Im Jahr 2000 ging ein Aufschrei durch die demokratischen Länder Europas und der westlichen Welt. Die Europäische Union sah sich zum ersten Mal mit einer Regierung in der eigenen Reihe konfrontiert, die zum Teil aus einer populistischen Partei bestand. Die Rede ist von der Regierungsbeteiligung der damals EU-kritischen FPÖ in Österreich. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) formte gemeinsam mit Jörg Haider von der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) eine schwarzblaue Koalition. Die in den Augen vieler als klar populistisch-einzustufende FPÖ machte im Wahlkampf vor allem mit einem EU-kritischen und ausländerfeindlichen Wahlkampf auf sich aufmerksam und erreichte bei der Nationalratswahl 1999 Platz 2 mit rund 27 Prozent der Stimmen. Sie verwies damit sogar knapp die Altpartei ÖVP auf den dritten Rang. Als diese zwei Parteien eine Regierung bildeten und die erstplatzierte Sozialdemokratische Partei Österreich (SPÖ) in die Opposition schickten, ertönten sowohl national als auch international kritische Stimmen, die darin eine Gefahr für unsere westlichen, demokratischen Werte sahen. Der österreichische Bundespräsident Thomas Klestil (ÖVP) musste am Ende sichtlich widerwillig die neue Regierung angeloben, doch nicht ohne zuvor von Schüssel und Haider ein klares Bekenntnis zur Demokratie und der Europäischen Union abzuverlangen. International kündigten 14 der damals 15 Mitgliedstaaten an, Österreich im Falle einer Regierungsbeteiligung der FPÖ zukünftig diplomatisch zu isolieren. Am Ende gab es eine typisch österreichische Lösung, um alle zu befriedigen: Die ÖVP und die FPÖ bildeten zwar eine Regierung, aber Jörg Haider wurde nicht Teil davon und wurde stattdessen Landeshauptmann von Kärnten.

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03 Aug

Tagungskomplikationen – Moralische Erpressung

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Ich glaube, ich wurde Opfer einer moralischen Erpressung. Zumindest bin ich unverschuldet in eine etwas unangenehme Situation geraten. Aber was war geschehen? Als ich vor ein paar Tagen auf dem Weg in den Urlaub am Flughafen noch kurz meine E-Mails las – ein Blogbeitrag über die negativen Auswirkungen der Unfähigkeit vieler (jüngerer) Wissenschaftler_innen, ihre E-Mails nicht andauernd und überall zu lesen, kommt später einmal – waren zwei sehr ärgerliche dabei. Hier will ich aber nur über eine Sache schreiben, die andere kommt dann nächste Woche dran. Die eine E-Mail war die Antwort einer Kollegin, die ich für einen Plenarvortrag für eine Tagung nächstes Jahr eingeladen hatte. Ich werde hier natürlich keine Namen nennen und auch die betreffende Tagung verschweigen. Da ich an einem interdisziplinären Forschungszentrum arbeite, organisiere ich nicht nur Philosophieveranstaltungen, sondern auch einen Haufen anderer Sachen, aber die Disziplin dieser Kollegin spielt eigentlich keine Rolle.

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