31 Mai

Jargon der Unsachlichkeit. Kriegsmetaphorik im Namen der Wissenschaftsfreiheit

Von Peggy H. Breitenstein (Jena)


Nachdem das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit (NW) im Februar 2021 äußerst aufmerksamkeitserregend in die virtuelle Welt des WWW getreten ist, erfährt es langsamen, aber stetigen Zuwachs: Die Zahl der Mitglieder wuchs von anfänglich 70 auf inzwischen knapp 500. Allerdings findet es nicht nur Zuspruch und es wird zu Recht immer wieder darauf verwiesen, dass für die Behauptung, die Wissenschaftsfreiheit sei in Gefahr, belastbare empirische Daten bisher nicht erbracht wurden.

Weiterlesen
27 Mai

Das Untote in Hegel: Warum wir über seinen Rassismus reden müssen

Von Daniel James (Düsseldorf) & Franz Knappik (Bergen)


Ob als Theoretiker der Anerkennung, der Freiheit, der Normativität, der staatlich eingegrenzten Märkte, der Logik oder der Kunst—das Erbe Hegels floriert derzeit im Inland wie im Ausland. Autor:innen in den unterschiedlichsten philosophischen Traditionen finden Inspiration in den Schriften Hegels, und selbst in der einst so geschichtsvergessenen analytischen Philosophie hat der Philosoph, dessen Geburtstag sich 2020 zum 250. Mal jährte, viele Verehrer. In den zahlreichen Beiträgen zum Hegel-Jahr lag der Schwerpunkt so zumeist auf Hegels Aktualität, auf dem „Lebenden in Hegels Philosophie“, wie es Benedetto Croce formuliert hatte. Warum auch sollte man sich heute noch mit dem „Toten“ in Hegels Denken beschäftigen, mit dem, wovon wir ohnehin wissen, dass es falsch ist?

Weiterlesen
25 Mai

Was ist eigentlich feministische Philosophie?

Von Hilkje C. Hänel (Potsdam)


Feministische Philosophie ist mittlerweile auch in Deutschland auf dem besten Weg, eine eigene anerkannte Forschungsrichtung in der Philosophie zu werden. Wo man sich als feministische Philosophin noch vor wenigen Jahren mit der Frage konfrontiert sah, ob Feministische Philosophie überhaupt Philosophie sei, sieht man sich heute „nur“ noch mit der Frage konfrontiert, was Feministische Philosophie eigentlich ist. Wenn man, wie ich, sich über viele Jahre dafür rechtfertigen musste, überhaupt Feministische Philosophie zu betreiben, wenn man sich also wieder und wieder mit der Annahme konfrontiert sah, dass Feministische Philosophie gar keine Philosophie ist, dann stößt allerdings auch die Frage, was Feministische Philosophie eigentlich ist, auf Unbehagen. Wir fragen ja schließlich auch nicht, was Logik eigentlich ist? Oder Sprachphilosophie? Oder Moralphilosophie? Tatsächlich gibt es aber einen großen Unterschied zwischen der Frage, ob Feministische Philosophie überhaupt Philosophie ist, und der Frage, was Feministische Philosophie eigentlich ist. Und während die erste Frage keinerlei Berechtigung hat, sollten wir – auch oder gerade als feministische Philosoph*innen – uns mit der zweiten Frage beschäftigen. Denn, wenn wir mal ehrlich sind, so ganz einfach ist eine Antwort nicht zu finden. Was also ist Feministische Philosophie? Und wie steht Feministische Philosophie in Relation zu anderer Philosophie?

Weiterlesen
23 Mai

Das Recht der Völker: Eine Blaupause für die Staatenanerkennung?

Von Adis Selimi (Düsseldorf)


Von allen Werken, die John Rawls zu Fragen der Gerechtigkeit vorgelegt hat, hat wohl kaum eines so viele Kontroversen hervorgerufen wie das 1999 erschienene The Law of Peoples (dt. Das Recht der Völker). In seiner Schrift verteidigt Rawls eine internationale Gerechtigkeitstheorie, die deutlich von anderen liberalen Positionen zu Fragen der internationalen Politik abweicht. Das zentrale Charakteristikum des von ihm konzipierten Rechts der Völker ist der Verzicht auf weitgehende Forderungen der internationalen Verteilungsgerechtigkeit. Stattdessen plädiert Rawls – in Anlehnung an bestehendes Völkerrecht – für einen Schutz basaler Menschenrechte und Toleranz gegenüber decent peoples (dt. achtsame Völker), die selbst nicht liberal verfasst sind, aber die basalen Menschenrechte der auf ihrem Gebiet lebenden Individuen schützen. Liberale und achtsame Völker bilden nach Rawls die internationale Gemeinschaft.

Weiterlesen
20 Mai

Das Lieferkettengesetz in der Diskussion. Potenziale und Herausforderungen für Arbeitnehmer*innen im globalen Süden – eine Bewertung auf Basis des Capability Ansatzes

Dieser Blogbeitrag bezieht sich auf einen ausführlichen Beitrag im neuen Handbuch Philosophie und Armut, welches im April 2021 bei J.B. Metzler erschienen ist.


Von Annekatrin Meißner (Passau)


Das Bundeskabinett hat am 3. März 2021 den Entwurf eines ‚Gesetzes über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten‘ für Deutschland verabschiedet. Die Reaktionen auf den Gesetzesentwurf des Sorgfaltspflichtengesetzes – besser bekannt als Lieferkettengesetz – fallen sehr unterschiedlich aus. Während er der Initiative Lieferkettengesetz und einer Vielzahl von Unternehmen nicht weit genug geht, bewerten 28 Wirtschaftsverbände die Verpflichtungen als zu umfassend. In diesem Beitrag möchte ich basierend auf dem Capability Ansatz von Amartya Sen eine Einschätzung zu den Potenzialen und Herausforderungen des Sorgfaltspflichtengesetzes für Arbeitnehmer*innen in Zuliefererbetrieben im globalen Süden geben und dabei besonders die Relevanz der Erweiterung des Capability Ansatzes um globale Umwandlungsfaktoren hervorheben.

Weiterlesen
19 Mai

Zeiten der Pandemie – Zeiten der Improvisation?

Von Claus Beisbart (Bern)


Die Pandemie hat so manchen Plan durchkreuzt. Einige halten daher das Improvisieren für angesagt und ziehen eine Parallele zur künstlerischen Improvisation. Doch ein genauerer philosophischer Blick zeigt: Was wir in Zeiten der Pandemie tun, kann zwar aus einer langfristigen Zeitperspektive als Improvisieren gelten. Doch im Detail geht künstlerische Improvisation anders.

Weiterlesen
18 Mai

Integrität im Anthropozän

Von Stefan Knauß (Halle & Erfurt)


Corona und Anthropozän

Als Anthropozän wird das gegenwärtige Erdzeitalter bezeichnet, das durch die massive, menschengemachte Veränderung natürlicher Ökosysteme gekennzeichnet ist (Crutzen und Stoermer 2000). Naturwissenschaftler sprechen von einer „Geologie der Menschheit“ (Crutzen 2002). Sie gehen davon aus, dass die Menschheit spätestens seit der industriellen Revolution zu einer den Planeten prägenden „Naturgewalt“ geworden ist. Menschliche Handlungen werden als Ursache der globalen Erwärmung, eines beispiellosen Artensterbens und der rasanten Ausbreitung von Krankheiten betrachtet. Die Veränderungen der natürlichen Rahmenbedingungen wirken u. a. durch Waldbrände, Überschwemmungen, Hitze- und Dürreperioden auf das menschliche Wohlergehen zurück. Mensch und Natur im Zusammenhang zu betrachten und die Rückkopplungsschleifen in den Blick zu nehmen, die sich aus den größtenteils nicht-intendierten Folgen menschlicher Handlungen und den komplexen Dynamiken einer als System begriffenen Erde ergeben, ist gewissermaßen das Markenzeichen des Anthropozäns.   

Weiterlesen
16 Mai

Rawls Realistische Utopie – oder: wann etwas, das in der Theorie richtig ist, auch zur Praxis taugt

Von Carola Freiin von Villiez (Bergen, Norwegen)


John Rawls gilt als einer der einflussreichsten Politischen Philosophen des späten 20. Jahrhunderts. Mit Blick auf den US-Amerikanischen Sprachraum ist dies auch nicht weiter verwunderlich, wird er doch damit kreditiert, mit seinem Werk A Theory of Justice 1971 die Praktische Philosophie aus ihrem Dornröschenschlaf wachgeküsst zu haben, in den sie durch den dort wirkmächtigen Utilitarismus versetzt wurde. Seine Theoriekonzeption der „Gerechtigkeit als Fairness“ für die institutionelle Grundstruktur einer Gesellschaft entwickelt er denn auch explizit als Gegenentwurf zum Utilitarismus. Dessen Annahme, dass sich die normative – moral- oder gerechtigkeitsbezügliche – Qualität einer Handlung oder Verfahrensweise an ihrer Tendenz zur Generierung des größten Gesamt- oder alternativ Durchschnittsnutzens bemisst, läuft auf eine problematische inhaltliche Vorbestimmung von Gerechtigkeit hinaus. Dem setzt er eine prozedurale – und daher potentiell anschlussfähigere – Bestimmung von Gerechtigkeit entgegen. Seine diesbezügliche methodologische Grundannahme lautet (sehr verkürzt), dass die fairen Rahmenbedingungen eines korrekt ausgeführten Entscheidungsverfahrens notwendig auch ein faires Ergebnis zeitigen. Die behauptete Inhaltsneutralität seines Verfahrens ist schon früh angezweifelt worden, da seine Konzeption angeblich einem „metaphysischen Liberalismus“ aufruhe. Ungeachtet aller Kritik kam sein Entwurf dennoch als ein Paukenschlag, der sich aufgrund seiner grundsoliden Stringenz im Anglo-Amerikanischen Wissenschaftskontext nicht ignorieren ließ. Eine entscheidende Rolle spielte dabei zweifellos auch der Umstand, dass das von Rawls projizierte faire Ergebnis (s)eines fairen Bestimmungsverfahrens eindeutig sozialstaatsaffine Veränderungen für eine allenfalls in Keimen sozialstaatliche US-Amerikanische Gesellschaft einforderte. Pro oder Contra – jeder politikphilosophische Entwurf musste sich fortan an Rawls Thesen abarbeiten.

Weiterlesen
13 Mai

Frauen und der biotechnologische Fortschritt: Philosophische Aspekte künstlicher Befruchtung aus altersethischer Perspektive

Von Esther Redolfi Widmann


Die Philosophin Simone de Beauvoir (*1908; †1986) hat in Das andere Geschlecht[1] (1949)und Das Alter[2] (1970) die Situation der Frau luzide analysiert. Sie war damit nicht nur ihrer Zeit weit voraus, sondern ist in ihrem Denken gerade heute wieder verblüffend aktuell.Die Entwicklung ihrer philosophischen Thesen lässt sich in Anlehnung an zahlreiche sozialhistorische Umwälzungen ihrer Zeit nachzeichnen. Immer wieder sind neue Versuche einer Interpretation von Beauvoirs Leben und Werk durch feministische «Wellen» und Strömungen ein Indiz dafür, dass die Emanzipation und Gleichberechtigung der Frauen noch lange nicht adäquat verwirklicht ist, und dass Beauvoirs Leben und Werk für diese Entwicklung nach wie vor relevant und wegweisend ist. Denn bis heute sehen sich Frauen einem gesellschaftlichen, und oft auch religiös motivierten moralischen Druck ausgesetzt, insbesondere auch in biologischer Hinsicht. Dieser Druck wirkt heute allerdings auf eine andere, wesentlich subtilere Weise.

Weiterlesen
12 Mai

Alle zusammen oder jeder allein? Der Wert von (un)einheitlichem Handeln in unsicheren Zeiten

Von Moritz Schulz (Dresden)


In diesen Tagen verabschiedet die Bundesregierung ein Gesetz, dass die Länder in einigen Aspekten der Pandemiebekämpfung zu einheitlichem Handeln verpflichtet. Wann und warum ist einheitliches Handeln eigentlich wünschenswert? Dieser Beitrag soll zeigen: ob (un)einheitliches Handeln gut oder schlecht ist, hängt stark vom Ausmaß der Unsicherheit ab. Bei großer Unsicherheit verspricht uneinheitliches Handeln einen Zuwachs an Informationen. Umgekehrt gilt aber auch: je besser man Bescheid weiß, desto mehr spricht für einheitliches Handeln.

Weiterlesen