23 Dez

Wer denkt abstrakt? Wie Philosophie in der Corona-Krise unter Anleitung von Hegel praktisch werden kann

Von Olivia Mitscherlich-Schönherr (München)


Ein Rückblick auf Hegels Essay „Wer denkt abstrakt?“ vermag die Leerstelle nicht zu schließen, die Gottfried Schweiger der Philosophie in der Corona-Krise attestiert: Leitbilder einer künftigen, gerechten Gesellschaft zu entwerfen. In Auseinandersetzung mit Hegels Text können wir jedoch ein Philosophieren bahnen, das auf andere Weise praktisch wird: indem es Abstraktionen überwindet, zu einem nicht-reduktionistischen Beurteilen der gegenwärtigen Krise befähigt und dergestalt politische Lernprozesse unterstützt.

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22 Dez

Was ist und welchen moralischen Nutzen hat die Toleranz?

Von Achim Lohmar (Duisburg-Essen)


Eine beliebte Vexierfrage lautet: Kann die Toleranz auch der Intoleranz gelten? Die Reflexion über diese Frage scheint sowohl eine positive als auch negative Antwort zu erzwingen. Wenn Toleranz etwas damit zu tun hat, abweichende Standpunkte und Orientierungen zu dulden, und wenn gerade darin der positive Wert der Toleranz besteht – büßte dann die Toleranz ihren Wert nicht ein, wenn einige Standpunkte von vorneherein von ihr ausgenommen werden? Und wäre das dann überhaupt noch echte Toleranz oder nicht vielmehr eine ausgrenzende Haltung? Mit scheinbar gleichem Recht könnte man aber auch denken, dass die Toleranz gerade dann ihren Wert einbüßen würde, würde sie sich auch auf die Intoleranz richten. Der Intoleranz Raum zu geben, heißt auch, der Intoleranz die Möglichkeit zur Entfaltung zu gewähren. Und wie könnte so etwas gefordert oder etwas Gutes sein? Und wäre eine Haltung, die der Intoleranz die Freiheit zur Entfaltung gewährt, überhaupt noch echte Toleranz oder nicht vielmehr nur moralische Gleichgültigkeit?

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21 Dez

Ich zähle, also bin ich? – Über die Probleme der Corona-Politik das Ungezählte und Unzählbare angemessen zu erfassen

Von Björn Engelmann (Erlangen-Nürnberg)


Es scheint mir, politische Institutionen im Allgemeinen und die aktuelle deutsche Corona-Politik von Bund und Ländern im Besonderen haben ein Problem damit, diejenigen Aspekte der Pandemiebekämpfung angemessen zu berücksichtigen und zu würdigen, die sich nicht leicht in Zahlen fassen lassen oder die sich gar gänzlich der Welt der Zahlen entziehen.

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17 Dez

„Er ist wieder da!“ Die Renaissance des Stoizismus

Von Markus Rüther (Jülich)


In den USA erfährt der Stoizismus gerade eine Renaissance. Auf Workshops lassen sich Unternehmer und Manager mittels der antiken Philosophie coachen. Es gibt mittlerweile Apps wie „Pocketstoic“, die einem jeden Tag ein Zitat von Marc Aurel, Epiktet und Seneca näherbringen. Die Bücherregale sind voll mit Titeln wie „The Obstacle Is the Way“, „How to Be a Stoic“ oder „How to Think Like a Roman Emperor.“ Und wer sich intensiver mit dem Stoizismus auseinandersetzen will, kann das in den USA auf inzwischen regelmäßig stattfindenden Konferenzen wie der Stoicon oder der Stoic Week tun oder sich mittels eines stoic fellowships in regionalen Gruppen zusammenschließen. Dieser Trend lässt sich auch für Deutschland festhalten, wenngleich er (noch) nicht in der gleichen Weise „Feuer“ gefangen hat. Hierzulande beschränken sich die Bemühungen des „Modern Stoicism“, so nennt sich der Zusammenschluss von Stoikern, vor allem auf kleinere Beiträge im Feuilleton (Für ausgewählte Beispiele siehe etwa SZ I und SZ II und Die Zeit. Ebenso sind die praktischen Überlegungen der Stoa mehr oder weniger regelmäßig Gegenstand von öffentlichen Publikumsvorträgen, wie etwa auf der Phil.Cologne (siehe für ein Beispiel aus 2019), der größten deutschsprachigen Vortragsmesse für Philosophie, oder auch in Philosophischen Cafés (siehe für ein Beispiel in Münster).

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16 Dez

Der Ethikrat über Suizidwünsche und Suizidbeihilfe – Fiktion und Wirklichkeit

Von Olivia Mitscherlich-Schönherr   


Im Herbst 2020 fanden zwei Sitzungen des Deutschen Ethikrats zu Sterbewunsch und Suizidbeihilfe statt. Bundesgesundheitsminister Spahn hatte den Ethikrat um eine Stellungnahme gebeten. Zwischen den beiden Sitzungen des realen Ethikrats hat die ARD Ende November Ferdinands von Schirach Spielfilm „Gott“ über eine fiktive Ethikrat-Anhörung zum selben Thema ausgestrahlt. In dieser zeitlichen Koinzidenz wird deutlich, dass beide voneinander lernen können – und zwar im Interesse sowohl der Kunst als auch der Arbeit als wissenschaftlich-ethisches Beratungsgremium: von Schirach könnte bessere Kunst machen, der Deutsche Ethikrat könnte sich demokratisieren.

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15 Dez

Boris liest etwas, das nicht aufgeht, und schaut “House of Cards”

Erzählung als Gedankenexperiment

Von Veronika Reichl (Berlin)


Dies ist eine Erzählung über das Lesen von Hegel und darüber, wie man mit seinen Aufhebungen umgehen könnte. Sie ist auf der Basis von Interviews mit Hegelleser*innen entstanden, doch ich ordne Motive und Beobachtungen, Thesen und Erfahrungen aus verschiedenen Interviews neu an. Ich kürze, was die Erzählung sprengt. Ich spekuliere und entwerfe Zusammenhänge, während ich eine Fiktion formuliere, als wäre sie geschehen. Und so fange ich an:

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10 Dez

Subjektive Freiheit – Warum es in einer Diktatur keine Objektivität geben kann

Von Susanne Herrmann-Sinai (Oxford)


Zu Zeiten des ausgehenden real-existierenden Sozialismus in der DDR erzählte man sich folgenden Witz: „Erich Honecker hat in einer Rede gesagt: ‚Der Kapitalismus steht vor einem Abgrund.‘ Und er hat auch gesagt: ‚Der Sozialismus ist dem Kapitalismus stets einen Schritt voraus.‘“ – Der Charme mag vielleicht etwas angestaubt sein, dennoch eignet sich das Beispiel, um auf die Freiheit des Denkens auf unterschiedlichen Ebenen zu reflektieren. Und auch wenn G.W.F. Hegel selbst kein Zeitzeuge des historischen Kontexts gewesen war, kann seine Philosophie dabei helfen, diese Ebenen zu verstehen.

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08 Dez

Naturdialektik und ökologische Krise. Thunberg – Holz – Engels

von Volker Schürmann (Kön)


»Nun sind aber die Überlebensbedingungen der Menschheit an einen bestimmten Zustand der Natur gebunden.« (Holz 1983b: 164)

1983 veröffentlichte das Institut für Marxistische Studien und Forschungen (Frankfurt a.M.) zusammen mit der Marx-Engels-Stiftung (Wuppertal) einen Sonderband Zum 100. Todestag von Karl Marx: Aktualität und Wirkung seines Werks (IMSF & MES 1983). In diesem Band findet sich ein Beitrag von Hans Heinz Holz, den man eher in einem Band zu Friedrich Engels erwarten würde, nämlich Grundsätzliches zu Naturverhältnis und ökologischer Krise (Holz 1983b). Holz aber platziert dieses Thema gerade und sehr betont in einem Band zu Marx, und zwar aus doppeltem Grund. Zum einen, um zu betonen, dass eine marxistisch-materialistische Gesellschaftsdialektik nur als Naturdialektik zu haben ist und man in dieser Hinsicht keinen Keil zwischen Marx und Engels treiben kann; zum anderen, um zu betonen, dass die Zerstörung der Natur kein »natürlicher, sondern ein gesellschaftlicher Prozeß« ist, der folglich »auch nur durch Änderung des Systems gesellschaftlicher Produktion, durch Änderung der Produktionsverhältnisse, aufgehoben werden [kann]« (ebd. 162).

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04 Dez

Pflichtgemäß. Immanuel Kant und Brad Raffensperger

von Herbert Hrachovec (Wien)


Der Innenminister des US-amerikanischen Bundesstaates Georgia ist lebenslanger Republikaner. Er unterstützte Donald Trumps Wahlkampf finanziell und wählte ihn im November 2020. Zu diesem Zeitpunkt war er in seiner politischen Funktion auch für die korrekte Abwicklung dieser Wahl zuständig. Joe Biden gewann in Georgia mit circa 12.000 von 5 Millionen Stimmen Vorsprung. Trumps Rechtsanwälte fochten das Ergebnis sofort an; sie reklamierten umfassenden Wahlbetrug. Während der darauf folgenden Neuauszählung wurde der Minister zur Zielscheibe erregter Trump-Anhänger. Anonyme EMails warnten: „You better not botch this recount, Your life depends on it.“ Lindsey Graham, Senator für South Carolina, „erkundigte“ sich, ob man Wahlkarten nicht für ungültig erklären könnte. Die Überprüfung des vorläufigen Resultates in den einzelnen Wahlbezirken änderte nichts am Endergebnis. Laut Gesetz musste es vom Innenminister bestätigt werden.

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03 Dez

Markt und Wettbewerb – Vehikel der Diskriminierung oder Katalysatoren für Toleranz?

Von Arnd Küppers (Mönchengladbach)


Auf den ersten Blick scheint es geradezu abwegig, beim Thema Toleranz ausgerechnet an Markt und Wettbewerb zu denken. Ist der kapitalistische Markt nicht vielmehr der Ort mannigfaltiger Diskriminierungen und Demütigungen? Der Ort, an dem Menschen von dem Genuss bestimmter Güter ausgeschlossen werden, weil sie zu arm sind, um sie sich zu kaufen? In unseren Breiten sind es vielleicht die Markenklamotten oder das neueste Smartphone: Wer sich solche Prestigeobjekte nicht leisten kann, wird in seiner Peergroup gedisst. Das ist keineswegs nur unter Teenagern so; dort ist es nur am offensichtlichsten. Die Volkswirte wissen schon lange, dass Menschen auch über den Konsum ihren Status herausstellen. Der amerikanische Ökonom Thorstein Veblen hat dieses Phänomen in seiner Theory of the Leisure Class bereits 1899 erörtert.

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