17 Jul

Das Postfaktische und der Perspektivismus

von Dieter Thomä (St. Gallen)


Die Herausgeber dieses Blogs schreiben: „Postfaktisches Denken […] scheint für die Demokratietheorie eine erhebliche Herausforderung darzustellen.“ Bei allem Respekt erlaube ich mir hier Widerspruch anzumelden. Er richtet sich nicht gegen den Befund, dass die Demokratie – also auch die Demokratietheorie – heute vor enormen Herausforderungen steht. Diesen Befund teile ich. Doch der Ausdruck „Postfaktisches Denken“ leuchtet mir aus zwei Gründen nicht recht ein.

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12 Jul

Wer einmal foult… Über einige Besonderheiten des unfairen Spiels

von Andreas Hütig (Mainz)


„Brutal gut“, „Vorbildlich böse“ – so oder ähnlich betitelten deutsche Qualitätszeitschriften oder Nachrichtenmagazine Berichte und Kommentare zum diesjährigen Champions-League-Finale der Männer. Als wichtigster Akteur, auf den sich dann auch diese Bezeichnungen bezogen, wurde wieder einmal Sergio Ramos, der Kapitän von Real Madrid (und der spanischen Nationalmannschaft), ausgemacht. In den Porträts klang eine merkwürdige Mischung aus hymnischer Verehrung („Kompletter als jeder andere Spieler der Welt.“) und Abscheu vor der Kompromisslosigkeit durch, die auch Verletzungen des Gegners, gleich ob Topstürmer oder Torwart, nicht nur in Kauf nimmt, sondern womöglich gerade sucht.

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10 Jul

Populäre Subdisziplin: Film als Philosophie

von Susanne Schmetkamp (Basel)


Philosophische Texte, so schreiben die Kollegen Cox und Levine, seien oft «as dry as a desert», staubtrocken also, wie Wüstensand, der einem das Atmen erschwert, die Stimme verschlägt, die Augen trübt. Dabei soll uns Philosophie doch gerade eine Stimme verleihen, die Augen öffnen, den Blick klären für das, was wir sonst nicht sehen (hören, sagen) oder nicht sehen (hören, sagen) wollen, wie es wohl am prominentesten Platons Höhlengleichnis beschreibt. Platon ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Philosophie gerade nicht trocken sein muss, wenn sie nämlich das Gespräch sucht oder Gedankenspiele entwirft. Zu antiken Zeiten war das «Populäre» und die «Philosophie» daher auch kein solcher Gegensatz wie das heute zu sein scheint, wo Philosophie offenbar nicht populär ist, sondern erst dazu gemacht werden muss oder wo sich Philosophie ungern mit dem «Pop» misst, und wenn sie es tut, sich ins akademische Abseits schießt. Diesen Tendenzen will (und kann) eine Selbstverständigung nach dem Wesen und Wirken populärer Philosophie entgegenkommen, die sich vielleicht im Moment eher auf Festivals, in philosophischen Cafes oder im Feuilleton abspielt, wobei jüngst bemängelt wurde, dass die akademische Philosophie jenseits aller gesellschaftlichen Entwicklungen vor sich hin theoretisiere, dass sich die meisten «großen Stimmen» der Philosophie nicht gerade volksnah und verständlich oder erst überhaupt nicht verständigten. Das führte wiederum zum Einwand, dass die Philosophie nicht der Ort intellektueller Moden oder schillernde Zeitdiagnostik sei, sie müsse auch nicht (oder nicht immer) öffentlich vermittelbar sein. In der Tat kann sie das auch gar nicht immer; es gibt Themen in der Philosophie – ebenso wie in anderen akademischen Forschungen – die schwer zugänglich sind, und vielleicht sind die Argumente und Gegenargumente über das Selbstverständnis der Philosophie und ihrer Popularität tatsächlich entweder überzogen oder selbstgefällig. Ist es denn wirklich so, dass sich die (auch akademische) Philosophie den populären Themen entzieht, zu denen doch auch soziale und politische Probleme unserer Zeit gehören, von Migration über Armut bis Populismus? Oder was ist mit den vielen «poppigen» Themen in der gegenwärtigen Ästhetik über Jazz, Design, Tanz und Performance?

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05 Jul

Das Geheimnis des Fußballs: Homosexualität und Patriotismus

von Norbert Paulo (Salzburg und Graz)


„Manchmal frag‘ ich mich wirklich, was macht Fußball so attraktiv? Wenn mal wieder ein Spiel 0:0 ausging und fast jeder Angriff lief schief. Das kann doch nicht nur sportliche Gründe haben, wenn man Fußball so sehr liebt. Also woran kann es liegen, dass man deshalb Termine verschiebt?“ Mit diesen Fragen beginnt ein Text des humoristischen Liedermachers Funny van Dannen. Seine Antwort ist für das Lied titelgebend: Das Geheimnis des Fußballs sei „latente Homosexualität“.

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03 Jul

Marx’ naturalistischer Materialismus. Eine Replik auf Kurt Bayertz

von Urs Lindner (Erfurt)


In denjenigen Teilen der Sozial- und Kulturwissenschaften, die sich als kritisch verstehen, hat in den letzten Jahren ein erstaunlicher Wandel stattgefunden. Wo Poststrukturalismus und Sozialkonstruktivismus über mehrere Jahrzehnte dominierten, wollen viele Autor*innen nun auf einmal ‚materialistisch’ sein. Das Versprechen, dieses Bedürfnis zu befriedigen, liefern eine Reihe ‚neuer’ Materialismen und Realismen: sei es der ‚agentielle Realismus’ von Karen Barad, der eigentlich ein Phänomenalismus im Gefolge von Berkeley und Mach ist; sei es der deuleuzianische Assemblagen-Realismus von Manuel DeLanda; seien es die feministischen Vitalismen von Jane Bennett und Elizabeth Grosz; sei es Quentin Meillassouxs rationalistisch-materialistische Kritik an Kants ‚Korrelationismus’ oder Graham Harmans Dingontologie etc.pp. Was alle diese ‚neuen’ Ansätze gemeinsam haben, ist zweierlei: 1) Sie übergehen – mit Ausnahme von DeLanda[1] – das humangeschichtlich Soziale als emergente Realitätsebene. 2) Sie wissen nicht so recht, was sie mit Marx uns seinem Materialismus anfangen sollen, der 1845 in den Thesen über Feuerbach ja auch als ‚neuer’ Materialismus angetreten war.

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28 Jun

Über Bücher schreiben. Utopie und Alltag einer Online-Zeitschrift

von der Redaktion der Zeitschrift für philosophische Literatur


In diesem Herbst wird die Zeitschrift für philosophische Literatur (www.zfphl.de) ihren fünften Geburtstag feiern. Wenn unsere Rezensent_innen und Gutachter_innen weiterhin mit so großem Enthusiasmus und Fleiß zu Werke gehen wie bisher, werden wir dann etwa 150 Rezensionen neuer Bücher veröffentlicht haben. Diese erfreulich große Bereitschaft, Rezensionen zu schreiben, und die steigenden Zahlen unser Leser_innen lassen begründet vermuten, dass die Zeitschrift eine Lücke füllt. Nicht, weil es keine andere Möglichkeit gäbe, Rezensionen zu veröffentlichen, aber weil der Charakter so langer Rezensionen, wie die Zeitschrift für philosophische Literatur sie publiziert, ein anderer ist, als wenn ein Buch auf wenigen Zeilen zusammengefasst werden muss und bestenfalls in einer knappen Bemerkung kritisch beurteilt werden kann. Zudem erscheinen diese Rezensionen online und frei verfügbar (Open Access) – sie sind insofern für ein größeres Publikum sichtbar und helfen, so hoffen wir, Philosoph_innen (vorwiegend deutschsprachige) rascher über neue Bücher zu informieren.

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26 Jun

Kick it like Putin? Über den politischen und ökonomischen Mehrwert des Sports und die Achtung der Menschenwürde

von Frank Martin Brunn (Hamburg)


Mit Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer am 14. Juni 2018, sind aus aller Welt Menschen nach Russland gereist und die Ereignisse in den russischen Fußball-Stadien dominieren für einen Monat die Nachrichtensendungen. Die „Welt“ ist zu Gast in Russland, medial und z.T. auch physisch. Die russische Politik und die russische Wirtschaft werden diese Situation genießen und zu ihrem Vorteil zu nutzen wissen. Fußball ist zu ihrem symbolischen Kapital geworden, dass sich politisch und ökonomisch auszahlt. In ähnlicher Weise wusste man sich die olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi und die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2013 in Moskau zu Nutze zu machen.

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21 Jun

Die postfaktische Demokratie und ihre Kritiker

von Veith Selk (Darmstadt)


Verfolgt man die gegenwärtig im Feuilleton und in der Wissenschaft ausgetragene Debatte über den Zustand der westlichen Demokratien, kann dabei der Eindruck entstehen, den Demokratien kämen die Tatsachen abhanden. Nimmt man die dominanten Selbstbeschreibungen der Demokratien beim Wort, wäre das in der Tat problematisch, ist doch diesen zufolge das Wissen über Fakten auf mindestens zwei Ebenen von Bedeutung. Erstens setzt die Erzeugung demokratischer Legitimität voraus, dass die Bürgerinnen und Bürger in der Lage sind, sich sowohl über die politischen Probleme und Handlungsoptionen als auch über die faktische Regierungspolitik und ihre Folgen, die häufig selbst zu politischen Problemen werden, öffentlich sachkundig machen können. Zweitens kann nur dann gut regiert werden, wenn der Staat über Wissen verfügt. Nicht zufällig hing die Entstehung des Staates mit der Entstehung der Statistik zusammen, die den Herrschenden faktenbasiertes Herrschaftswissen bereitstellte – mal zum Guten, mal zum Schlechten der Untertanen. Das ist auch in der Demokratie so. Die Bedeutung von Wissen nimmt in ihr sogar zu, weil demokratische Politik nicht nur in hohem Maße der Legitimität bedarf, sondern auch durch eine Erhöhung der Erwartungen und Ansprüche an das Staatshandeln charakterisiert ist.

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19 Jun

Nibelungentreue im Fußball

von Martin Gessmann (Offenbach)


Der Fußball hat in den vergangenen zehn oder fünfzehn Jahren unglaubliche Fortschritte gemacht. Der Sport ist athletischer und schneller geworden, Aktionen wurden theatralischer, die Taktiken überlegter und alles um den Fußball herum einen Schuss professioneller. In der Philosophie hat das bislang vor allem die Ästhetiker auf den Plan gerufen. Fußball ist zu einer Kunstform geworden, Metaphern zum ‚Weißen Ballett’ der Madrilenen oder zum Tiki-Taka-Tanz der Barcelonesen sind inzwischen wörtlich zu nehmen. Spiele-Ästhetiker sehen zudem Parallelen zum video gaming, sobald Taktik und Kybernetik Hand in Hand gehen. Die sonnabendliche Taktik-Analyse im Sportstudio legt das jedenfalls nahe.

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14 Jun

Fußball als existenzielle Kontingenzperformanz

von Thomas Bedorf (Hagen)


Vom Trainer des FC Liverpool Bill Shankley ist das Bonmot überliefert, dass Fußball keinesfalls eine Angelegenheit von Leben und Tod, sondern viel ernster sei. Niemand, der die Kontingenz des Fantums für eine bestimmte Mannschaft kennt, das immer mit vollkommener Frag- und Alternativlosigkeit einhergeht; sich an aussichtlosen regenkalten November-Spieltagen ins Stadion geschleppt hat („Ich hab’ ne Dauerkarte, ich muss ins Stadion“ – Fr. Goosen); die stümperhaft, aber liebevoll zusammengenähten Fahnen, Banner und Kutten bewundert hat, die einzelne Fans mit sich herumtragen; und Zeit, Spaß und Manieren auf vergeblichen Auswärtsfahrten vergeudet hat, wird leugnen, dass Fußball einen existenziellen Sitz im Leben haben, für manche seinen Intensitätskern darstellen kann, um den herum sich die beruflichen, familiären, gastronomischen und sexuellen Restaufgaben nur ablagern. Um das zu bemerken und/oder zu leben, braucht es keine Philosophie.

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