09 Jul

Hegel 2020

Von Sabrina Zucca-Soest (Hamburg)


Nach 250 Jahren lässt sich zu Recht fragen, warum die zumal schwer zugänglichen Texte von G.W.F. Hegel noch gelesen werden sollten? Die Veränderungen einer global vernetzten, digitalisierten Welt schreiten mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit voran. Die vielbeschworenen existenziellen Fragen unserer Zeit, wie die nach der Klimakatastrophe, den unaufhörlichen Kriegen dieser Welt, der Verunsicherung über die Wahrheit von Fakten, oder auch der Demokratie als solcher, scheinen weder durch moderne philosophische Konzeptionen, noch die hieran anknüpfenden sozialwissenschaftlichen Theorieangebote wirklich beantwortet werden zu können. Warum also sollte man sich ausgerechnet mit dem Textgeflecht von Hegel auseinandersetzen, scheinen doch die großen Fragen einer Welt von vor 250 Jahren gänzlich andere gewesen zu sein?

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07 Jul

Individuelle Verpflichtungen im Kampf gegen den Klimawandel

Von Benedikt Namdar (Graz)


Der Klimawandel ist zweifellos das dringendste umweltbezogene Problem der heutigen Zeit, und die Aussichten werden nicht gerade rosiger. Vor allem zukünftig, jedoch auch gegenwärtig lebende Personen bekommen die Auswirkungen unüberlegten, profitgetriebenen Verhaltens zu spüren. Nicht leichter wird der Umgang mit dem Thema dadurch gemacht, dass Politik und Industrie den Anschein machen, an einer konstruktiven Lösung nicht interessiert zu sein. Diese Kombination aus immensen Schäden, fehlenden Maßnahmen “von oben” und dem Wunsch, dass sich etwas verändert, lässt eine Frage immer prominenter werden: Haben Individuen moralische Verpflichtungen, ihre Emissionen einzuschränken, um den Klimawandel zu bekämpfen? Und wenn ja, wie gewichtig sind diese Verpflichtungen?

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06 Jul

Bildung und Erziehung im Ausnahmezustand. Was kann philosophische Reflexion im Rahmen der COVID-19-Pandemie leisten?

Von Johannes Drerup (TU Dortmund/VU Amsterdam) und Gottfried Schweiger (Salzburg)


Die COVID-19-Pandemie hat unseren Alltag innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt. Das soziale und wirtschaftliche Leben wurde für einige Wochen auf ein Minimum reduziert, Schulen, Kinderbetreuungseinrichtungen und Hochschulen wurden geschlossen. Die Familie ist dadurch (wieder) zum zentralen Lern- und Lehrort geworden, zum räumlichen Mittelpunkt des beruflichen und sozialen Lebens vieler Menschen. Das stellt Familien und die Bildungseinrichtungen vor besondere Herausforderungen. Eltern mussten Homeschooling, Kinderbetreuung und Home Office unter einen Hut bringen.[i] Von der Hilfe durch Großeltern und andere Verwandte, die nicht im selben Haushalt wohnen, wurde mit guten Gründen abgeraten. Die größte Last dieser Umstellungen hatten Frauen, insbesondere Mütter, zu tragen. Lehrer*innen standen unter dem Druck, oft ohne medientechnologische Ausbildung und ohne Vorlaufzeit Lernmaterialen neu zu planen und zur Verfügung zu stellen. Die technischen Mittel dafür sind aber nicht in allen Schulen und auch nicht in allen Familien ausreichend vorhanden. Es ist daher zu erwarten, dass ohnehin schon bestehende Bildungsungleichheiten sich als eine Folge der COVID-19 Pandemie vergrößern und verfestigen. Die Situation in manchen Familien war und ist prekär. Eltern wurden arbeitslos oder in Kurzarbeit geschickt und kämpfen nun mit Zukunftsängsten. Gewalt gegen Frauen und Kinder, so eine gängige und plausible Annahme, nimmt in Familien zu und das in einer Zeit, wo der Kontakt zu Vertrauenspersonen, Sozialarbeiter*innen und Lehrer*innen reduziert oder gänzlich eingestellt wurde.

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05 Jul

Plurale Wahrheit mit menschlichem Antlitz

In Krisenzeiten wie in der gegenwärtigen Corona-Pandemie nimmt der Mensch die Welt als besonders kontingent wahr. Das Virus ist unberechenbar. Dies weckt Sehnsucht nach klaren Parametern des Wissens, es muss aber gleichzeitig ein Umgang mit dem Nichtwissen gefunden werden. Als Orientierungshilfe hilft eine pragmatische Perspektive. – Ein philosophischer Versuch.

Von Richard Blättel

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30 Jun

Verdoppelt und offline glücklich in der Epoche der Algorithmic culture: wie Hegels Philosophie uns von der Selfiemanie entgiften kann.

Von Francesca Iannelli (Rom)


Wenn man die 250 Jahre, die seit Hegels Geburt vergangen sind, unter einem ausschließlich historisch-politischen Gesichtspunkt betrachtet, scheinen sie einen unermesslichen Abgrund zwischen seiner Epoche und unserer, zwischen dem damaligen und dem heutigen Deutschland geschaffen zu haben. Wenn man dagegen von einem ästhetisch-philosophischen Standpunkt ausgeht, dann scheint die Zeit stillzustehen, und die geistigen und intersubjektiven Impulse, die Hegel am Menschen beobachtete, sind zum Teil noch dieselben wie heute und werden es mit großer Wahrscheinlichkeit auch morgen noch sein.  Dies ist es zumindest, was wir nachweisen wollen, wenn wir die Synergie zwischen zwei Grundbegriffen der Hegelschen Philosophie, Anerkennung und Verdopplung, aus heutiger Sicht untersuchen.  Der Rückgriff auf die Autorität Hegels hat in einer Epoche wie der unsrigen, in der alles im Fluss ist, die hyper-vernetzt ist und unter Social Media Disorder leidet, also keine bloß rhetorisch-zelebrierende Funktion, sondern dient dazu, eine vor über zwei Jahrhunderten konzipierte systematische Philosophie einem  Crash-Test in der Gegenwart zu unterziehen.

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27 Jun

„Was mache ich hier überhaupt?“ Experimentelle Philosophie zwischen Lehnstuhl und Labor

Von Alexander Max Bauer (Oldenburg)

„Was mache ich hier überhaupt?“ ist eine Frage, die ich mir in den letzten Jahren häufiger gestellt habe. Im Grundstudium hatte ich neben Philosophie auch Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftsdidaktik studiert. Im Master – hatte ich beschlossen – sollte es nur noch Philosophie sein. Es war dann mehr ein Zufall, dass es mich als Hilfskraft in eine Forschergruppe gezogen hat, in der sich neben Philosoph*innen auch Psycholog*innen, Soziolog*innen, Politikwissenschaftler*innen und Wirtschaftswissenschaftler*innen mit Fragen der Bedarfsgerechtigkeit auseinandersetzen. Diese Auseinandersetzung findet natürlich auf theoretischer Ebene statt, ebenso aber auch auf experimenteller, und ihr erklärtes Ziel ist eine Synthese aus beidem. So kam es, dass ich – irgendwann nicht mehr als Hilfskraft, sondern als Doktorand – wieder an die Methoden, die ich mit dem Grundstudium hinter mir zu lassen geglaubt hatte, anknüpfte. Ehe ich mich versah, fand ich mich selbst als Experimentator in sozialwissenschaftlichen Laboren wieder. Zu Anfang hatte ich nicht so recht einen Namen für das, was ich hier tat. Ich konnte es nicht in die philosophischen Schubladen einordnen, die ich bis dahin kannte. Erst später erfuhr ich, dass es dafür auch eine Bezeichnung gibt. Man nennt es „Experimentelle Philosophie“.

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25 Jun

Welche Form elterlicher Fürsorge ist angesichts der Autonomierechte von Kindern moralisch legitim?

von Léonie Droste (Zürich)


Eltern, die ihr Kind ohne dessen normativ relevante Zustimmung taufen lassen, handeln moralisch falsch. Das Recht der Eltern, über die Lebensgestaltung ihres Kindes zu bestimmen, muss, um moralisch gerechtfertigt zu sein, nicht nur die Fürsorge-, sondern auch die Autonomieinteressen des Kindes berücksichtigen. Letztere bestehen nicht allein aus dem Interesse an einem zukünftigen autonomen Zustand, sie schließen auch das aus liberaler Sicht fundamentale Interesse ein, im Hinblick auf das eigene Leben nicht zum Objekt fremder Wertvorstellungen gemacht zu werden.

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23 Jun

Was ist eigentlich Tierphilosophie?

Von Tobias Starzak (Bochum)                     


In der öffentlichen Wahrnehmung wie auch innerhalb der Philosophie selbst sind zwei Themen der Tierphilosophie besonders prominent: die Auseinandersetzung mit Tieren aus ethischer und aus anthropologischer Perspektive. Es gibt jedoch noch einen weiteren Ansatz, den einer empirisch orientierten Philosophie des Geistes.

Etwas polemisch möchte ich argumentieren, dass innerhalb dieses Ansatzes am meisten über Tiere philosophiert wird: Er produziert die größten Herausforderungen und innovativsten Entwürfe und liefert so einen spannenden zeitgenössischen Beitrag zu den Kognitionswissenschaften. Aber eins nach dem anderen.

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