06 Nov

Auf die demokratische Praxis kommt es an. Bemerkungen zur Streitkultur an Schulen als Antwort auf Johannes Drerup

Von Ole Hilbrich (Bochum)


Demokratie bezeichnet nicht allein eine zu verteidigende Ordnung des Streits. Zur demokratischen Praxis gehört es, dass darüber, wie demokratisch miteinander gestritten wird, selbst noch einmal gestritten werden kann und sollte. Auf einen solchen Streit hat sich Johannes Drerup dankenswerter Weise in einer Replik (2019a) auf meinen Kommentar zu seinen auf diesem Blog veröffentlichten Überlegungen[i] eingelassen. Wir scheinen uns einig darin, dass die demokratische Streitkultur an Schulen gegenwärtig bedroht ist und dass die Auseinandersetzung darüber, wie sie zu verbessern wäre, lohnt. Deshalb möchte ich an dieser Stelle noch einmal auf Drerups Thesen antworten. Seine Polemik verkennt nämlich den zentralen Punkt meiner Überlegungen: Die Orientierung Politischer Bildung an der Erfahrung der Pluralität und eine Offenheit für radikal andere Perspektiven öffnet keineswegs Verschwörungstheorien und einem radikalen Subjektivismus – Drerup spricht von „lazy subjectivism“ (2019a, S. 4) – Tür und Tor.

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06 Nov

Die Gabe unter Derrida

von Grit Becher (Wien)

Jacques Derrida, französischer Philosoph, Begründer und Hauptvertreter der philosophischen Denkrichtung der Dekonstruktion[1], zielt in seinem Konzept der Gabe auf die Vereinigung von sich gleichzeitig ausschließenden Formen wie das Paradox und die Ironie, auf das, was die Logik eigentlich ausschließt. Derridas Sozialphilosophie beschreibt nicht die Struktur des Tauschs oder der Reziprozität wechselseitiger Bedürfnisbefriedigung, sondern die Struktur der Gabe, in der Schenkung ohne Dankbarkeit, in der radikal nicht reziproken Freigebigkeit, die immer schon dann zerstört ist, wenn auch nur Spurenelemente von Symmetrie, Gegenseitigkeit, Anerkennung oder Dankbarkeit vorhanden sind.

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05 Nov

Nicht mehr wissen, wer man ist? Formen des Nicht-Wissens im Kontext der Demenz

von Martina Schmidhuber (Innsbruck & Graz)


Demenz verbindet man mit Vergessen: Vergessen, was man gestern gemacht hat; vergessen, den Herd abzuschalten; vergessen, wie man die Zahnbürste richtig benutzt; schließlich auch das Vergessen der Gesichter der eigenen Kinder und den Namen des Partners. Aber vergessen Menschen mit Demenz auch, wer sie selbst sind? Kommt der Tag, an dem sie nicht mehr um ihre eigene Identität wissen?

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31 Okt

Einsamkeit als Denk- und Lebensform bei Friedrich Nietzsche

von Raphael Rauh (Freiburg)


Friedrich Nietzsche wird 175 Jahre. Ist das zu alt für uns? Hat seine Philosophie noch die Kraft, uns zu bewegen? Gewisse Aussagen, aus seinem Werk herausgelöst und für bare Münze genommen, haben etwas Geschmackloses und Abstoßendes. Die Art allerdings, wie er fragt und zu antworten versucht, ist zeitlos. Philosophie, wie sie ansteckender und mitreißender nicht sein könnte… Die Aktualität des nietzscheschen Philosophierens lässt sich an Problemen darstellen, die für ihn eine existentielle wie philosophische Herausforderung waren und die auch uns berühren. Eines davon ist die Einsamkeit.

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29 Okt

Vernunftlos oder beseelt? Unterwegs zu einer philosophischen und praktischen Neubewertung der Tiere

von Michael Rosenberger (Linz)


In meiner Schulzeit habe ich noch gelernt, dass die erste Fließbandproduktion der Welt das „Model T“ von Henry Ford gewesen sei, jenes Auto, das seit 1913 vom Band lief. Nicht gewusst hat man damals, dass Ford sich entscheidende Inspirationen in den Schlachthöfen von Chicago erwarb. Chicago ist bereits 1860, also über ein halbes Jahrhundert früher, die Weltmetropole des Schlachtens. Und das verdankt die Stadt der systematischen Nutzung von Fließbändern zum Töten und Zerlegen von Tieren. Schlachttiere sind der erste „Rohstoff“, der auf Fließbänder wandert, Fleisch das erste Massenprodukt aus großindustrieller Serienfertigung. Wird das den Tieren gerecht? Oder sind Tiere Sachen, die wir Menschen ausschließlich unter dem Aspekt des Nutzens für uns betrachten dürfen?

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24 Okt

Geld als Instrument der Unterdrückung

von Christian Neuhäuser (TU Dortmund)


Niemand bestreitet, dass man zu wenig Geld haben kann. Absolut arme Menschen haben mit weniger als 2 Dollar pro Tag auf jeden Fall zu wenig Geld. Viele Menschen glauben auch, dass ihre relativ armen Mitmenschen mit nur 50 oder 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zu wenig Geld haben. Wer in Deutschland mit weniger als 900 Euro im Monat auskommen muss, ist auf diese Weise relativ arm. Und tatsächlich bleibt nach den laufenden Kosten für Miete, Mobilität, Digitalität und den Kosten für Lebensmittel, Kleidung und Sport sowie zumindest kleine Rücklagen für den Ersatz der kaputten Waschmaschine oder des kaputten Fernsehers nicht viel übrig. Wahrscheinlich bleibt sogar gar nichts übrig und am Ende des Monats muss der Gürtel enger geschnallt werden.

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22 Okt

Frauen in der Philosophiegeschichte?

von Karen Koch (Berlin) und Thomas Hanke (Frankfurt)

„Wenn sie an die Philosophie denken, denken viele an die großen Philosophen (ja, fast ausschließlich an die Männer)“ – so steht es in der Ankündigung der Initiator*innen zum Thema „Philosophie & Geschichte“. Diese Bemerkung scheint zutreffend zu sein, und dies nicht etwa nur mit Blick auf philosophische „Laien“, sondern auch mit Blick auf die Situation von akademischen philosophischen Einrichtungen; nicht nur das wissenschaftliche Personal ist noch überwiegend männlich, sondern auch die Auseinandersetzung mit philosophischen Theorien in Forschung und Lehre gilt – zumindest in der Philosophiegeschichte – fast ausschließlich als eine Auseinandersetzung mit männlichen Repräsentanten unserer Disziplin.[1]

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18 Okt

Die Philosophiezeitschrift Narthex bittet um Unterstützung

von der Narthex-Radaktion

Wie schon zu vor über einem Jahr die Narthex 4, will sich die Narthex 5 teilweise durch eine Crowdfundingkampagne finanzieren. Zum Thema „Personale Authentizität“ wurde ein wie gewohnt buntes, anregendes und tiefschürfendes Heft produziert. Doch es gilt wie stets im Leben unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen: Ohne Bares nichts Wahres.

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17 Okt

Das Nichtwissen und die Philosophie. Einleitung in den Themenschwerpunkt „Nichtwissen“

von Andrea Klonschinski (Kiel) und Tim Kraft (Regensburg)


Im Lexikon des Unwissens von Katrin Passig und Aleks Scholz, das es 2007 auf die Bestsellerlisten schaffte und in dem die Autor*innen von Kugelblitzen über das Schnurren der Katzen bis zu dunkler Materie allerhand Themen aufdecken, über die wir erstaunlich wenig wissen, erfahren wir zu Beginn folgendes: „Das Lexikon des Unwissens ist das erste Buch, nach dessen Lektüre man weniger weiß als zuvor – das aber auf hohem Niveau“ (2007: 7). Nichtwissen durch Wissen? Nichtwissen auf unterschiedlichem Niveau? Was geht hier vor sich? Warum lesen wir so ein Buch überhaupt?

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15 Okt

Was kann man mit Nietzsches Philosophie politisch anfangen?

von Hans-Martin Schönherr-Mann (München)


Fridays for Future stiehlt den rechten Populisten gerade die Show. Greta Thunberg erhält explizit für ihr zivilgesellschaftliches Engagement den alternativen Nobelpreis. Altlinke wie Slavoj Žižek, Nancy Fraser, Paul Mason, Wolfgang Streeck oder Eva Illouz hadern mit den Emanzipationsbewegungen der letzten 50 Jahre, denen sie Kollaboration mit dem Neoliberalismus vorwerfen, applaudieren gar ein wenig den Nationalisten oder kehren in traditionelle Lebensformen ein. Die Rechtspopulisten möchten vor die Kennedy-Ära zurück oder Rot-Grün beerdigen – wahrscheinlich im Sinne des Wortes.

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