09 Mrz

Wahlrecht nur für Wissende? – Epistokratie, Ungleichheit und der Begriff politischen Wissens

von Jonas Carstens (Düsseldorf)


„Ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben, wie wenig die Wähler wissen.“ – Jason Brennan (2017, 54)

In diesem Satz drückt der Autor des Buches Gegen Demokratie Jason Brennan seinen Unmut über den schlechten Informationsstand der Wähler*innen aus; Unmut, welchen viele Menschen angesichts grassierender Verschwörungstheorien über Corona-Maßnahmen und Impfungen sicherlich nachempfinden können. Die Demokratie ist auf kompetente Wähler*innen angewiesen. Was aber, wenn es ihnen an Kompetenz fehlt?

Brennan sieht genau diesen Zustand gegeben und fragt: „Wer hat diesen Leuten die Herrschaft über mich gegeben?“ (2017, 247) Es sei nicht zu rechtfertigen, dass Wähler*innen auf inkompetente Weise Macht ausüben und dass Stimmen, die in Unkenntnis wesentlicher Fakten abgegeben werden, dazu führen, dass Bürgerrechte beschnitten oder Kriege begonnen werden. Dies scheint besonders problematisch, wenn sich das Nichtwissen auf die verschiedenen Themengebiete nicht zufällig verteilt, sondern bestimmte Fakten systematisch falsch eingeschätzt werden. So überschätzen US-Amerikaner*innen den Anteil illegaler Einwander*innen um das 6-7-Fache und Bürger*innen des Vereinigten Königreiches überschätzten die britischen Zahlungen an die EU im Durchschnitt um das 100-Fache (Bialik 2012). Für Brennan ist angesichts dieser Wissenslücken klar: Das Wahlrecht sollte exklusiver gestaltet werden. In seinem Vorschlag für eine Reform des Wahlrechts spricht er sich dafür aus, durch einen Test, der grundlegende Kenntnisse abfragt, uninformierte Wähler*innen von der Wahl auszuschließen. Eine Staatsform kann nach Brennan nur an ihren Ergebnissen gemessen werden und diese ließen sich möglicherweise durch eine Einschränkung der Demokratie verbessern. Diesem Plädoyer für eine sogenannte Epistokratie, also einer Herrschaft der Wissenden, stehen verschiedene Einwände gegenüber. Hier soll im Folgenden Brennans Wissensbegriff und die Konsequenzen, die sich aus einem Wahlzugangstest auf Basis dieses Begriffes ergeben, genauer betrachtet werden. Auf welche Weise werden die Wähler*innen in Wissende und Nicht-Wissende eingeteilt und welche Konsequenzen hätte ein auf dieser Einteilung basierender Wahlzugangstest?

Ich möchte, auf Grundlage dieser Fragen, Brennans Plädoyer drei Thesen entgegenstellen. Erstens umfasst politisches Wissen auch Erfahrungswissen. Der von Brennan angeführte Wissensbegriff erweist sich als zu eng. Zweitens privilegiert die Epistokratie Akademiker*innen und verstärkt soziale Ungleichheit. Drittens sind politische Entscheidungen immer auch normative Entscheidungen über gemeinsame Zielvorstellungen. Die Möglichkeit an diesen Entscheidungen mitzuwirken ist ein wichtiges Element gesellschaftlicher Teilhabe und kann nicht einfach an Expert*innen delegiert werden.

Ein exkludierender Wissensbegriff

Bei der Suche nach einer Definition von „politischem Wissen“ stößt man schnell auf die Standarddefinition von Michael Carpini und Scott Keeter, die politisches Wissen als „the range of factual information about politics that is stored in long-term memory“ (1996, 10) definieren. Nimmt man diese Definition an, stellt sich allerdings die Frage, worin denn genau die „factual information about politics“ besteht. Welches Wissen kann als Wissen „über Politik“ betrachtet werden?

Um also die von Carpini und Keeter vorgeschlagene Definition begrifflich zu füllen und einen Wahlzugangstest, wie Brennan ihn vorschlägt, überhaupt konzipieren zu können, muss genauer definiert werden, worin das politische Wissen besteht, das in einem Test Berücksichtigung finden sollte. Genau diesen Versuch unternimmt Jason Brennan und hält insbesondere die Wirtschaftswissenschaften, die politische Philosophie und die Kenntnis der Wahlprogramme sowie der Parteizugehörigkeiten für besonders relevante Wissensgebiete, um eine sinnvolle Wahlentscheidung treffen zu können. Der Fokus in der folgenden Diskussion soll auf Kenntnissen der politischen Philosophie und der Wirtschaftswissenschaften liegen. Die Kenntnis der Wahlprogramme bildet zwar ebenfalls einen wichtigen Teil der Theorie Brennans, diese kann und soll hier aber nicht abschließend diskutiert werden. Tatsächlich bleibt die These, Wähler*innen sollten die Wahlprogramme kennen, um eine sinnvolle Entscheidung treffen zu können, von einigen der folgenden Argumente unberührt. Dennoch können anhand der politischen Philosophie und der Wirtschaftswissenschaften einige Probleme beleuchtet werden, die mit dem Versuch einhergehen, einen Wahlzugangstest auf Basis einer Definition politischen Wissens einzuführen.

Nehmen wir einmal an, Brennans Ansicht, die beiden genannten Gebiete seien besonders relevant für politische Entscheidungen, setzte sich durch. In diesem Fall ließe sich mit dem, was Wähler*innen nicht wissen, in der Tat ganze Bücher füllen; mit dem, was nicht zur Definition des entscheidungsrelevanten politischen Wissens gezählt würde, hingegen ganze Bibliotheken. Dazu gehören nicht nur andere Wissenschaften, insbesondere die Naturwissenschaften, sondern auch persönliches Erfahrungswissen derer, die von bestimmten politischen Entscheidungen in besonderer Weise betroffen sind. Angenommen, nach einer globalen Pandemie hätten die politischen Parteien stark abweichende Vorschläge zur Umgestaltung des Gesundheitssystems. In diesem Fall wären nach Brennans Definition gesundheitsökonomische Kenntnisse relevant, um zwischen den Alternativen kompetent entscheiden zu können. Die praktischen Erfahrungen, Patient*innen Einsparungen zu vermitteln und unter dem Druck der kaufmännischen Abteilungen als medizinisches Personal zu agieren, wären es aber nicht.

Natürlich lässt sich fragen, ob dieses Erfahrungswissen als Faktenwissen über Politik zu werten ist. Es lässt sich jedoch schwer abstreiten, dass es für politische Entscheidungen über den Gesundheitssektor relevant sein sollte. Fragt man, was relevant für politische Entscheidungen ist, so ergeben sich gute Gründe, nicht nur dem Faktenwissen einen Wert für die politische Entscheidungsfindung zuzuerkennen. Stattdessen müssten auch bestimmte Perspektiven und Lebenserfahrungen in ihrem Wert für politische Entscheidungen anerkannt werden. Lassen sich beispielsweise überproportional Minderheiten betreffende polizeiliche Maßnahmen, wie das in den USA praktizierte Stop and Frisk, tatsächlich kompetent beurteilen, indem lediglich auf Kosten und Auswirkungen auf die Kriminalitätsrate abgezielt wird? Vielmehr sind doch die Erfahrung, auf Basis einer Gruppenzugehörigkeit zum Ziel polizeilicher Maßnahmen zu werden (vgl. dazu Gelman/Fagan/Kiss 2012) sowie alle psychologischen Folgen, von Traumatisierungen bis hin zu einem Misstrauen gegen den Staat, ebenso von Relevanz für eine vollständige Beurteilung. Dies gilt insbesondere, wenn die Mehrheitsgesellschaft Diskriminierungserfahrungen wenig Aufmerksamkeit schenkt oder diese sogar bewusst ignoriert, wie es Kristina Leopold in ihrem Beitrag auf Praefaktisch zu White Ignorance beschreibt. Es ist zwar fraglich, ob diese Erfahrungen unter „factual information about politics“ gezählt werden können. Eine vollständige Beurteilung sollte aber die Erfahrungen der Betroffenen enthalten.

Einwänden, die auf konkreten Beispielen beruhen, ließe sich damit begegnen, die Definition politischen Wissens anzupassen. Die Naturwissenschaften könnten mit aufgenommen werden ebenso wie bestimmtes Erfahrungswissen. Es bleibt jedoch dabei, dass eine Definition des politischen Wissens zwangsweise eine Einschränkung vornimmt und somit Gefahr läuft, bestimmte Kenntnisse, die für politische Entscheidungen durchaus relevant sind, von diesem Wissensbegriff auszuschließen. Entweder wird manches Wissen als vermeintlich irrelevant aussortiert oder Aspekte wie die Betroffenenperspektiven fallen gar nicht erst unter den Begriff des Wissens. In beiden Fällen wird ein Ausschluss vorgenommen.

Das politische Wissen ist also nicht einfach objektiv messbar in der Wahlbevölkerung vorhanden. Die Definition des Wissensbegriffes hat großen Einfluss darauf, wie Menschen in Wissende und Unwissende eingeteilt werden. Die These, dass nur wählen sollen dürfe, wer über politisches Wissen im Sinne von Brennans Definition verfügt, führt durch ihren exkludierenden Charakter zu verschiedenen Problemen.

Eine systematische Abwertung nicht akademischer Perspektiven

In seinem Buch Die Epistemisierung des Politischen wirft Alexander Bogner Brennan polemisch vor, dass dieser grade die Fähigkeiten als relevant betrachte, die Brennan selbst besitze (vgl. 2021, 43). Und in der Tat scheint es zumindest erstaunlich, dass ein Professor für, unter anderem, Ethik und Ökonomie ausgerechnet diese Bereiche als den Kern politischen Wissens betrachtet.

Daran zeigt sich aber ein generelles Problem, wenn versucht werden soll, politisches Wissen abzuprüfen. Manche Kenntnisse sind einfacher überprüfbar und somit im besonderen Maße für einen Test geeignet. Ein solcher Test weist Bürger*innen dann den Status Wissender oder Nicht-Wissender zu. Problematisch ist, dass im Gegensatz zu akademischen Kenntnissen praktische Erfahrungen sehr viel schwerer in einem Test abprüfbar sind. Nachvollziehen lässt sich dieser Gedanke am Beispiel der Sozialleistungen. Sicherlich ist für Entscheidungen in Bezug auf das ALG-II-System die Kenntnis der aktuellen Inflation wichtig, um die Leistungen anpassen zu können. Dieses Wissen ist auch unproblematisch in einem Test abzuprüfen. Nicht ohne weiteres überprüfen lässt sich jedoch die Betroffenenperspektive. So ist das Wissen darum, wie es sich tatsächlich mit dem aktuellen Hartz-IV-Satz lebt, welche Einschränkungen bei der Entscheidungsfreiheit, bei der sozialen Integration und eventuell sogar bei der eigenen Würde hingenommen werden müssen, zweifelsohne von Bedeutung für eine Reform des Sozialsystems, aber in einem Test nur schwer zu überprüfen. Ein solcher Test kategorisiert Menschen als unwissend, wenn sie statt der geforderten Kenntnisse diese praktischen Lebenserfahrungen mitbringen.

Bogner argumentiert, Brennan trage eine „typisch wissenschaftliche Wahr/Falsch -Unterscheidung“ (2021, 44) in die Politik hinein. Analog dazu ließe sich sagen, dass ein Wahlzugangstest eine Unterscheidung zwischen Wissenden und Nicht-Wissenden schafft, die so wesentlich von der Definition politischen Wissens abhängt, dass sie keinen Anspruch auf Objektivität erheben kann. Der Fokus auf Überprüfbarkeit privilegiert Akademiker*innen und wertet andere Perspektiven und Erfahrungen ab. Dies ist besonders problematisch, da Bildung als Ressource innerhalb der Gesellschaft keinesfalls gleich verteilt ist.

Die Verstärkung sozialer Ungleichheiten

Auf welche Weise politisches Wissen definiert wird, ist auch relevant für die Frage, wie stark politisches Wissen mit dem soziökonomischen Status zusammenhängt. Der Universitätszugang korreliert stark mit der sozialen Position bei Geburt und insbesondere auch mit der ethnischen Zugehörigkeit beziehungsweise dem Migrationshintergrund (vgl. z.B.
für die USA: Stiglitz 2014, 48f.; für Deutschland: Schindler 2012, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft 2016, 53 sowie Stanat 2006, 189). Eine Einschränkung des Wahlrechts auf Basis eines exkludierenden Wissensbegriffs birgt die Gefahr, soziale Ungleichheit zu verstärken. Es ist möglich, dass die Interessen marginalisierter Gruppen schlechter vertreten werden, wenn ihre Mitglieder in geringerer Zahl das Wahlrecht erhalten und somit weniger Einfluss auf das Ergebnis der Wahl erhalten.

Brennan versucht, diesen Einwand zu entkräften, indem er argumentiert, dass Wähler*innen ihre Stimmen nicht unbedingt egoistisch, sondern häufig im Interesse des Gemeinwohls abgeben. Mit diesem Argument gibt es jedoch ein Problem, das sich aus der bisherigen Diskussion ergibt: Das entstehende Elektorat ist möglicherweise informiert im Sinne des von Brennan vertretenen Wissensbegriffs. Der ausschließende Charakter dieses Begriffs kann jedoch dazu führen, dass dem Elektorat wichtige Perspektiven fehlen. Dadurch, dass die Möglichkeit umfassende ökonomische und philosophische Kenntnisse im Rahmen eines Studiums[1] zu erwerben, mit einem hohen sozioökonomischen Status korreliert, würden sich im neuen Elektorat weniger Wähler*innen finden, die eine Perspektive aus marginalisierten Gruppen einbringen. Dies könnte Konsequenzen haben, etwa für Gleichbehandlungsgesetze oder die Befugnisse der Polizei. Das neue Elektorat liefe also Gefahr, wichtige Erfahrungen nicht zu berücksichtigen und somit die Interessen vieler Bürger*innen außer Acht zu lassen.

Brennan selbst gibt sich keinerlei Illusion über die Auswirkungen des Wahlzugangstests hin. So erwartet er beispielsweise, dass ein solcher Test weibliche Angehörige von Minderheiten im niedrigen Einkommensbereich wesentlich häufiger ausschließen würde als weiße Männer im hohen Einkommensbereich (vgl. Brennan 2017, 236). Diese Ungleichheiten seien aber nicht der Epistokratie anzulasten, sondern Resultat bereits bestehender gesellschaftlicher Ungleichheiten (vgl. Brennan 2017, 237ff.). Hier zeigt sich in besonderer Klarheit, dass der Wissensbegriff nicht neutral ist. Wenn durch eine Änderung im politischen System soziale Ungleichheiten verstärkt werden, dann muss diese Verschärfung der Ungleichheit auch als Folge der vorgeschlagenen Änderung bedacht werden. Zusätzlich zu möglichen Auswirkungen auf die Interessen marginalisierter Gruppen würden bestehende Ungleichheiten aber auch dadurch verstärkt, dass mit dem Wahlrecht ein Element gesellschaftlicher Teilhabe verlorenginge. Das Wahlrecht bildet eine Möglichkeit, an der gemeinsamen Entscheidung über eine moralische Zielvorstellung mitzuwirken.

Gesellschaftliche Teilhabe und moralische Entscheidungen

Das Wahlrecht ist ein Element gesellschaftlicher Teilhabe. Auf den Fatalismus Brennans, mit dem er fragt, wer „diesen Leuten“ Macht über ihn gegeben habe, lässt sich antworten, dass wir einander wechselseitig Macht zugestehen, weil wir uns als zu moralischen Entscheidungen fähig und als mögliche Quelle relevanten Wissens und relevanter Erfahrungen begreifen. Wir betrachten uns gegenseitig als Teil einer Gesellschaft und erkennen das Recht anderer auf Mitbestimmung der Regeln dieser Gesellschaft an.

Brennan selbst lässt das Anerkennungsargument nicht gelten und spricht sich stattdessen dafür aus, politisches Wissen analog zu anderer Expertise zu begreifen. So ist es beispielsweise kein Versagen gesellschaftlicher Teilhabe, dass akademische Philosoph*innen weder als Experten der Medizin noch der Informatik betrachtet werden. Stattdessen besitzen bestimmte Menschen das für diese Bereiche relevante Wissen und andere tun dies nicht. Und auch wenn mit vielen Berufen ein gesteigertes Sozialprestige einhergeht, so halten wir es für gerechtfertigt, die Ausübung an den Nachweis bestimmter Kenntnisse zu knüpfen. Die Frage stellt sich also, warum diese Betrachtung nicht für politisches Wissen gelten sollte und warum politische Entscheidungen nicht einfach an Expert*innen delegiert werden können.

Einer der Gründe wurde bereits diskutiert: Die Definition dessen, was für eine Wahlentscheidung relevant ist, gestaltet sich schwierig. Sowohl die Fähigkeiten eine*r Informatiker*in als auch die des medizinischen Personals lassen sich hinreichend definieren, um anhand dieser Kriterien Menschen für diese Tätigkeit entweder zuzulassen oder auszuschließen. Zwar kann es auch hier Dissens über die Relevanz und Spezifizierung dieser Kriterien geben, aber es nicht wünschenswert, dass beispielsweise eine Herzchirurgin operiert, ohne jemals Medizin studiert zu haben. Die Definition politischen Wissens ist nicht so eindeutig. Einerseits sind die von Brennan angeführten Gebiete der Expertise natürlich relevant für eine informierte Wahlentscheidung, aber dies gilt auch für andere akademische Gebiete, praktische Berufserfahrungen oder Betroffenenperspektiven.

Zusätzlich zeigt sich ein weiteres Problem. Menschen vom Wahlrecht auszuschließen, bedeutet, sie von der Entscheidung über gemeinsame Ziele auszuschließen. Dieser Ausschluss muss umfassender begründet werden, als die Praxis, Menschen von hochspezialisierten Berufen auszuschließen. Das liegt daran, dass bei politischen Fragen in der Regel auch moralische Grundsätze verhandelt werden. Es liegt keine einfache Relation zwischen Expertise und richtigen Lösungen vor. Illustrieren lässt sich dies am Diskurs um den Klimawandel. Wenn Greta Thunberg uns auffordert, den Wissenschaftler*innen zuzuhören[2], dann drückt diese Forderung aus, dass sich die Öffentlichkeit ernsthaft mit den Prognosen der Klimawissenschaftler*innen befassen möge. Ihre Aussage ist aber nicht nur eine Aufforderung den vorhandenen Forschungsstand zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch eine Handlungsaufforderung, Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen oder zu unterstützen. Was angesichts des Klimawandels zu tun ist, ergibt sich nicht allein aus der naturwissenschaftlichen Faktenlage. Um zu einer Handlungsempfehlung zu kommen, müssen diverse moralische Folgefragen bedacht werden; so etwa die Frage, wie zukünftige Risiken zu gewichten sind oder wer überhaupt für Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel aufzukommen hat. Es geht also bei politischen Entscheidungen neben Faktenwissen und Erfahrungswissen um moralische Abwägungen.

Der Ausschluss vom Wahlrecht kann von den Betroffenen dementsprechend auch als Ausschluss von der gemeinsamen Setzung moralischer Ziele verstanden werden. Dabei ist dieser Ausschluss nicht zu rechtfertigen. Die Relation von größerer Expertise und besseren Lösungen, die sich bei spezialisierten Berufen ergibt, lässt sich für politische Fragen nicht halten. Menschen würde die Möglichkeit vorenthalten, über die moralischen Zielsetzungen einer Gesellschaft mitzubestimmen. Damit geht ein Teil dessen verloren, was die vollwertige Mitgliedschaft in einer Gesellschaft ausmacht. Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Ausschluss nicht als Demütigung empfunden würde. Dies liegt auch darin begründet, dass der Ausschluss vom Wahlrecht Menschen, die bereits soziökonomisch schlechter gestellt sind, überdurchschnittlich häufig treffen würde.

Fazit

Läuft die Kritik an einem engen Begriff des politischen Wissens also darauf hinaus, dass die von Brennan als besonders wichtig eingestuften akademischen Disziplinen nicht für die politische Entscheidungsfindung relevant sind? Eine solche Sichtweise verkennt, dass der von mir vertretene inklusive Wissensbegriff keinesfalls das von Brennan genannte Wissen als irrelevant für eine informierte Wahlentscheidung abtut. Die Kenntnis wirtschaftswissenschaftlicher Theorien oder politischer Philosophie sind bei der Entscheidungsfindung sicherlich hilfreich. Das bedeutet aber nicht, dass diese Entscheidung ausschließlich oder überwiegend auf Grundlage dieser Erkenntnisse getroffen werden sollte.

Die Diskussion des Begriffes politischen Wissens erlaubt nun auch eine differenzierte Sichtweise auf das Eingangszitat. Es stimmt zwar, dass sich mit dem, was Wähler*innen nicht wissen, ganze Bücher füllen ließen. Der Gedanke, die Bürger*innen ließen sich in Wissende und Unwissende einteilen und auf Basis dieser Einteilung ließe sich das Wahlrecht zuteilen, erweist sich aber als zu einfach. Einerseits ist Wissen auf Grund der moralischen Komponente politischer Entscheidungen keine hinreichende Entscheidungsgrundlage. Andererseits zeigt sich bei einer genauen Betrachtung des Wissensbegriffes, dass auch Erfahrungswissen und Betroffenenperspektiven in ihrem Wert für politische Entscheidungsfindung anerkannt werden sollten. Und so ließe sich eben auch mit dem, was einzelne Wähler*innen wissen und erleben ganze Bücher füllen.

Menschen vom Wahlrecht auszuschließen, bedeutet nicht nur, diese Kenntnisse und Perspektiven abzuwerten. Das Wahlrecht der Epistokratie hätte auch die Verschärfung sozialer Ungleichheit zur Folge. Menschen, die ohnehin benachteiligt sind, verlören eine Möglichkeit ihre Perspektive in die politische Entscheidungsfindung einzubringen und schließlich auch die Möglichkeit über die grundlegenden Werte und Ziele einer Gesellschaft mitzubestimmen.


Jonas Carstens ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er beschäftigt sich mit Demokratietheorie und arbeitet zu künstlicher Intelligenz.


Literatur

Bialik, Carl (2012): Americans Stumble on Math of Big Issues. The Wall Street
            Journal, online unter: https://www.wsj.com/articles/SB100014240529702034710045
            77144632919979666
(abgerufen am 30.01.2022).

Bogner, Alexander (2021): Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des
            Wissens die Demokratie gefährdet. Stuttgart: Reclam.

Brennan, Jason (2017): Gegen die Demokratie. Warum wir Politik nicht den
            Unvernünftigen überlassen dürfen. Berlin: Ullstein.

Carpini, Michael X. D. & Scott Keeter (1996): What Americans know about politics and
            why it matters. New Haven: Yale University Press.

Gelman, Andrew.; Jeffrey Fagan & Alex Kiss (2007): An Analysis of the New York City          Police             Department’s “Stop-and-Frisk” Policy in the Context of Claims of Racial Bias,   Journal of the American Statistical Association, 102 (479), 813–823.

Milman, Oliver & David Smith (2019): ‘Listen to the scientists’: Greta Thunberg urges
            Congress to take action. The Guardian, online unter:          https://www.theguardian.com/us-news/2019/sep/18/greta-thunberg-testimony-                       congress-climate-change-action (abgerufen am 29.01.2022)

Stanat, Petra (2006): Schulleistungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund: Die
            Rolle der Zusammensetzung der Schülerschaft. In: Jürgen Baumert, Petra Stanat,
            Petra & Rainer Watermann (Hrsg.) Herkunftsbedingte Disparitäten im Bildungs-
            wesen: Differenzielle Bildungsprozesse und Probleme der Verteilungsgerechtigkeit
.       Berlin: Springer, 189–219.

Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft (Hrsg.) (2016): Hochschul-Bildungs-Report          2020. Jahresbericht 2016. Online unter: https://www.hochschulbildungsreport2020.de
            /download/file/fid/141 (abgerufen am 30.01.2022).

Stiglitz, Joseph (2014): Der Preis der Ungleichheit. Wie die Spaltung der Gesellschaft
            unsere Zukunft bedroht. München: Pantheon.


[1] Natürlich können diese Kenntnisse auch außerhalb der Universität erworben werden. Es ist jedoch davon auszugehen, dass ökonomische und philosophische Kenntnisse unter den Studierenden und Absolventen der jeweiligen Fächer im höheren Maße vorhanden sind.

[2] “I don’t want you to listen to me, I want you to listen to the scientists, I
want you to unite behind the science and then I want you to take real action.” (vgl.
Milman/Smith 2019, 0:30-0:45)

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