17 Okt

Das Nichtwissen und die Philosophie. Einleitung in den Themenschwerpunkt „Nichtwissen“

von Andrea Klonschinski (Kiel) und Tim Kraft (Regensburg)


Im Lexikon des Unwissens von Katrin Passig und Aleks Scholz, das es 2007 auf die Bestsellerlisten schaffte und in dem die Autor*innen von Kugelblitzen über das Schnurren der Katzen bis zu dunkler Materie allerhand Themen aufdecken, über die wir erstaunlich wenig wissen, erfahren wir zu Beginn folgendes: „Das Lexikon des Unwissens ist das erste Buch, nach dessen Lektüre man weniger weiß als zuvor – das aber auf hohem Niveau“ (2007: 7). Nichtwissen durch Wissen? Nichtwissen auf unterschiedlichem Niveau? Was geht hier vor sich? Warum lesen wir so ein Buch überhaupt?

Nichtwissen strahlt unbestritten eine Faszination aus: Ist es nicht viel spannender und interessanter, in einem solchen Lexikon nachzulesen, wo auch die Wissenschaft im Dunkeln tappt, als in einer Enzyklopädie zu erfahren, was sie bereits herausgefunden und abgeheftet hat? Beim Nichtwissen können wir miträtseln und mitspekulieren (sind die Augenzeugenberichte über Kugelblitze wirklich glaubhaft?) oder uns zumindest staunend wundern über die vielen Ideen, auf die Menschen bei ungeklärten Fragen so kommen (etwa darauf, nach kehlkopflosen Katzen zu suchen, um deren Schnurrverhalten untersuchen zu können).

Neben der Faszination wirft das Nichtwissen aber auch philosophische Schwierigkeiten auf. Das beginnt mit dem paradoxen Eindruck – den bereits Sokrates hatte –, dass Wissen und Nichtwissen eigentümlich aufeinander bezogen sind: Wissen gehe mit Nichtwissen einher, könne sogar Nichtwissen erzeugen und das wahre Wissen sei das Wissen vom eigenen Nichtwissen. Wer viel weiß, kann auch viele Fragen stellen, auf die er dann keine Antwort weiß. Und umgekehrt kann derjenige, der wenig weiß, das, was er nicht weiß, überhaupt nicht artikulieren oder sich bewusst machen. Der paradoxe Eindruck verschwindet zwar, wenn man sich klar macht, dass ein Zuwachs an Wissen nicht Nichtwissen erschafft, sondern nur die Einsicht in ein Nichtwissen, das auch vorher schon bestand. Die Autor*innen übertreiben daher, wenn sie behaupten, dass man nach der Lektüre des Lexikon des Unwissens weniger weiß: Die Leser*innen wussten das vorher schon nicht, nur jetzt wissen sie, dass sie dies nicht wussten. Was aber durchaus überzeugt, ist die Überlegung, dass Nichtwissen verschiedene „Niveaus“ haben kann: Auf die Frage, was Kugelblitze sind, antworten die Leser*innen zwar vor wie nach der Lektüre „keine Ahnung“, kann aber nach der Lektüre mindestens drei verschiedene Kandidaten für eine Antwort hinterherschieben.

Faszination und Neugier sind jedoch nicht die einzige Reaktion auf Nichtwissen und auch nicht die häufigste. Es ist nur eine bestimmte Art des Nichtwissens, die unsere Neugier weckt, andere Arten führen zu ganz anderen Strategien des Umgangs mit Nichtwissen. Bei wissenschaftlichem Nichtwissen ist die Sache noch vergleichsweise einfach: Wissenschaftler*innen stoßen an die Grenzen ihres Wissens und entwickeln auf der Basis von Neugier und Erkenntnisinteresse Forschungsfragen und Forschungsprojekte, um die Grenzen des Nichtwissens zu verschieben. Schon bei alltäglichem Nichtwissen, wie der Frage, ob der nächste Bus direkt zum Bahnhof fährt oder über die Haltestelle Rathaus, stehen nicht mehr Erkenntnisinteresse und Neugier im Vordergrund, sondern die pragmatische Überlegung, dass man schlimmstenfalls halt vier Minuten vom Rathaus zum Bahnhof laufen muss. Die Reaktion auf und der praktische Umgang mit verschiedenen Arten des Nichtwissens sind also vielfältig, wie auch die folgenden Beispiele illustrieren:

  • Auf unser Nichtwissen bezüglich der sexuellen Vorlieben unserer Nachbarn mit Faszination und Neugier zu reagieren, ist eher unangemessen. Die richtige Strategie im Umgang mit diesem Nichtwissen ist es, die Privatsphäre der Nachbarn zu respektieren.
  • Nicht so genau über die Produktionsbedingungen ihrer Kleidung oder die Verhältnisse in Schlachthöfen Bescheid zu wissen, dürfte den Meisten ganz Recht sein. In beiden Fällen fungiert Nichtwissen(-Wollen) oder auch Verdrängung des Gewussten als „moralischer Schutzschild“. Vor moralischer Verurteilung schützt ein solches Unwissen die Akteure einer verbreiteten Meinung indes nach nicht; die wäre nur der Fall, wenn sie nicht haben wissen können, unter welchen Bedingungen Kleidung gefertigt und wie Tiere behandelt werden.
  • Nichtwissen kann aber in anderer Hinsicht dem Selbstschutz dienen: Wird man sich seines Nichtwissens über Suizidmethoden bewusst, mag das bei manchen Personen Faszination und Neugier wecken, aber zumindest für die, die sich vor überstürztem Verhalten in Krisensituationen schützen wollen, ist das nicht die angemessene Strategie im Umgang mit Nichtwissen.
  • Geht es nicht um die Schädigung der eigenen Person, sondern die Gefährdung anderer, kann Wissen sogar moralisch problematisch sein. Zu denken wäre hier etwa um das Wissen darum, wie man seinem Gegenüber auf effektive Weise schlimme Schmerzen zufügen kann.
  • Wenn wir nichts darüber wissen, wer das Paper geschrieben hat, das wir begutachten sollen, wäre eine Internetsuche nach der oder dem Autor*in ebenfalls, wenn auch aus ganz anderen Gründen unangemessen. Nichtwissen in Form von Anonymität ist hier konstitutiv für ein faires Begutachtungsverfahren. Analoges gilt für den Rawlsschen Schleier des Nichtwissens: dieser soll ein Nichtwissen induzieren, welches überhaupt erst die Voraussetzung für eine faire Wahl von Gerechtigkeitsgrundsätzen darstellt.
  • Demgegenüber gibt es Nichtwissen, das an sich zu Ungerechtigkeit beiträgt, insofern es in hierarchischen gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen verankert ist. Dazu zählt etwa das Nichtwissen um die Lebensumstände und Erfahrungen von marginalisierten Gruppen.
  • Die Anzahl der Haare nicht zu wissen, die alle Menschen zusammen auf der Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt auf dem Kopf haben, wiederum ist keineswegs problematisch und das Bestreben, dieses Nichtwissen in Wissen zu überführen, käme uns wohl eher wie eine Zeitverschwendung vor.
  • Der oder die Skeptiker*in schließlich ist ohnehin der Überzeugung, dass wir nichts wissen können und schert sich womöglich nicht um die hier angedeuteten Differenzierungen. Auch dies ist eine Strategie im Umgang mit Nichtwissen.

Für die Nicht-Skeptiker*innen unter uns zeigen die genannten Beispiele sowohl deskriptiv, dass wir Nichtwissen offenbar gar nicht immer überwinden wollen, als auch normativ, dass wir Nichtwissen nicht immer überwinden sollen. Manches wollen und sollen wir nicht wissen, manches wollen wir wissen, sollten es aber nicht, anderes wollen wir gar nicht wissen, sollten es aber usw.

Neben der praktisch-normativen Ebene – wie wollen und sollen wir mit Nichtwissen umgehen? – gibt es auch auf der theoretisch-begrifflichen Ebene einige Fragen zu klären. Da „Nichtwissen“ ein Kompositum aus dem Negationspräfix „nicht“ und dem Substantiv „Wissen“ ist, liegt es nahe, Nichtwissen als Abwesenheit, Fehlen oder Nichtvorliegen von Wissen zu verstehen. Nichtwissen ist dann ein Negationsbegriff, so dass man weiß, was Nichtwissen ist, wenn man weiß, was Wissen ist. Die Definition von „Wissen“ ist aber keineswegs ein triviales Unterfangen und so überrascht es nicht, dass der Nachfolgeband zum eingangs genannten Lexikon des Unwissens, der unter dem Titel Das neue Lexikon des Unwissens (2011) erschienen ist, auch einen Artikel zum Thema Wissen beinhaltet. Außerdem ist schon der Ansatz, Nichtwissen als Negationsbegriff zu verstehen, umstritten. Nicht alles Fehlen von Wissen sei eine Form des Nichtwissens, ist eine mögliche Reaktion auf Beispiele wie dieses: Wer starke Indizien dafür hat, dass die obdachlose Person auf der Parkbank bewusstlos ist und medizinische Hilfe benötigt, aber schnellen Schrittes weitergeht, kann sich nicht mit Nichtwissen entschuldigen. Es stimmt zwar, dass ein kurzer Blick im Vorbeigehen für Wissen nicht ausreicht, aber Nichtwissen liegt auch nicht vor. Ein begründeter Verdacht schließt hier offenbar aus, sich auf Nichtwissen berufen zu können.

Aber auch unabhängig davon, ob Nichtwissen ein Negationsbegriff ist, weist es eigene begriffliche Besonderheiten auf. So ist es etwa Donald Rumsfeld zu verdanken, dass die Unterscheidung zwischen bekanntem und unbekanntem Nichtwissen mittlerweile auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist. Auf einer Pressekonferenz im Jahr 2002 sagte dieser: „there are known knowns; there are things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns – the ones we don’t know we don’t know”. Er bezog sich hier auf Gefahren, von denen wir noch nicht einmal wissen, dass wir nichts von ihnen wissen, doch die Unterscheidung ist auch in anderen Kontexten hilfreich. So kann man sich fragen, ob der Schleier des Nichtwissens eigentlich ein Schleier des known unknown oder des unknown unknown istund was daraus für Rawls Argument folgen könnte. Weitere begriffliche und damit einhergehende normative Differenzierungen sind denkbar; so etwa zwischen der negativ bewerteten Unwissenheit und dem neutraleren Nichtwissen oder dem Nichtwissen in Form von falschen Überzeugungen im Gegensatz zum Nichtwissen als Abwesenheit jeglicher Überzeugungen.

Wie diese kurze Darstellung hoffentlich hat deutlich machen können, stellt Nichtwissen ein fruchtbares Thema sowohl für die theoretische als auch für die praktische Philosophie dar (siehe etwa DeNicola 2017 und die Beiträge in Peels/Blaauw 2016 und Peels 2017). Die Beiträge, die in den kommenden Wochen auf praefaktisch.de erscheinen werden, nähern sich diesem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven und im Kontext verschiedener Problemstellungen. So wird sich etwa Wolfgang Lenzen der Frage widmen, was Nichtwissen eigentlich ist, Armin Grunwald und Johannes Müller-Salo beschäftigen sich mit der normativen Relevanz von Nichtwissen in Bezug auf die Zukunft, Franziska Krause gibt einen Einblick in die Rolle, die Nichtwissen in der Medizin spielt, Clemens Sander reflektiert über philosophisches Nichtwissen als (un-)beabsichtigtes Resultat des Philosophieunterrichts in der Schule und Katharina Kaufmann befasst sich mit moralischem Nichtwissen und der Frage, inwiefern dies entschuldigt, um nur einige Themen und Autor*innen des Schwerpunkts zu nennen. Den Aufschlag macht Martina Schmidhuber mit den Fragen, ob man eigentlich wissen wollen sollte, dass man dement wird und ob demente Personen noch wissen, wer sie sind. Alle Beiträge des Themenschwerpunkts finden sich ab ihrem Erscheinen auch gesammelt hier.

Wir wünschen eine unterhaltsame und lehrreiche Lektüre, die das Nichtwissen über Nichtwissen auf ein höheres Niveau heben möge!


Andrea Klonschinski ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Philosophie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Ihre Forschungs- und Interessenschwerpunkte liegen in den Bereichen Philosophy & Economics und Feministische Philosophie. Außerhalb der Uni philosophiert sie gern über populäre Filme.

Tim Kraft ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Universität Regensburg. Er forscht und lehrt vor allem zu Themen aus der Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie.


Literatur

DeNicola, Daniel (2017): Understanding Ignorance. The Surprising Impact of What We Don’t Know. Cambridge/Ms.: MIT Press.

Passig, Kathrin und Aleks Scholz (2007): Lexikon des Unwissens. Worauf es bisher keine Antwort gibt. Reinbek: Rowohlt.

Passig, Kathrin, Aleks Scholz und Kai Schreiber (2011): Das neue Lexikon des Unwissens. Worauf es bisher keine Antwort gibt. Reinbek: Rowohlt.

Peels, Rik (2017): Perspectives on Ignorance from Moral and Social Philosophy. New York/London: Routledge.

Peels, Rik und Martijn Blaauw (Hg.) (2016): The Epistemic Dimension of Ignorance. Cambridge: Cambridge University Press.

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