#Metoo

Die #MeToo-Debatte hat die Öffentlichkeit in letzter Zeit bewegt wie kaum ein zweites Thema. Immer neue Vorwürfe, vor allem gegen berühmte Männer, haben verdeutlicht, was innerhalb von Machtverhältnissen nach wie vor möglich ist. Die moralische Verurteilung dieser Männer ist fast einhellig.  Einige kritische Stimmen vermuten hinter #MeToo eine Debatte, die „nur“ ohnehin privilegierte Frauen in der „westlichen Welt“ betrifft und – so der implizite Vorwurf – möglicherweise wichtigere Themen verdrängt. Die erhobenen Missbrauchsvorwürfe werfen auch eine Reihe interessanter Folgefragen auf: Darf oder kann man Kunstwerke genießen, obwohl sich beteiligte Künstler oder Produzenten unangemessen verhalten haben? Beeinflusst das Fehlverhalten eines Regisseurs bspw. die Qualität eines Films? Ist das anders, wenn ein Hauptdarsteller Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt ist?

Auch in der Politik gab und gibt es Missbrauchsvorwürfe. Gleiches gilt für die Wissenschaften – auch für die Philosophie. In allen Bereichen stellt sich die Frage, wie ein angemessener Umgang mit solchen Vorwürfen aussehen kann. Wie sollten wir als Philosoph_innen mit den nur selten lautstark vorgetragenen Vorwürfen im eigenen Fach umgehen, wie die Betroffenen unterstützen, wie mit den Beschuldigten verfahren? Ist die Philosophie vielleicht sogar durch besondere mentale Infrastrukturen gekennzeichnet – man denke nur an das Ideal philosophischer Genies oder die stark ausgeprägte Schulenbildung –, die sie für Missbrauch besonders anfällig machen?

Die #MeToo-Debatte geht aber weit über Machtverhältnisse hinaus und betrifft tradierte soziale Regeln des alltäglichen menschlichen Miteinanders. Es wird aufs Neue ausgehandelt, was am Arbeitsplatz, in der Familie oder beim Flirten in Ordnung ist und was nicht. Diese Andeutungen zeigen, wie grundlegend und komplex die Fragen sind, die die #MeToo-Debatte angestoßen hat. Entsprechend vielfältig werden die Beiträge in diesem Themenblock sein.

Solchen Fragen widmen sich die Beiträge in diesem Themenblock. Wenn auch Du eine Idee für einen Beitrag hast, schicke uns bitte einfach eine Email!

11 Okt

#MeToo und  Moralischer Fortschritt

von Hilkje Charlotte Hänel (Berlin)


Lange vor Harvey Weinstein, Kevin Spacey und Louis C.K. benutzte Tarana Burke den Ausdruck „me too“, um Betroffene von sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung von ihrer Scham zu befreien und Mädchen und Frauen aus überwiegend schwarzen Communities zu stärken. Später gründete sie die „Me Too“-Kampagne und führte ihre Arbeit als Teil der gemeinnützigen Organisation Girls for Gender Equity fort, 2017 gewann der Hashtag #MeToo nach einem Tweet von Alyssa Milano größere Popularität. Nach einem Sturm von Vorwürfen von sexuellen Übergriffen, sexueller Belästigung und Vergewaltigungen gegen meist prominente Männer begannen immer mehr Frauen den Hashtag zu benutzen, um über ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt zu berichten.

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25 Sep

Gefährliche oder experimentelle Liebe? Philosophische Überlegungen über #MeToo

von Federica Gregoratto (St. Gallen)[1]


„Me too“ ist ein Ausdruck, den fast jede Frau (und einige Männer) als Antwort auf eine Erzählung von sexueller Belästigung formulieren kann. Hashtag #MeToo wurde im Oktober 2017 von der Schauspielerin Alyssa Milano, kurz nach der Veröffentlichung von den erheblichen Anschuldigungen gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein lanciert: Frauen aller Länder wurden aufgerufen, über Twitter oder andere soziale Netzwerke ihre Erfahrungen als Target von ungewollter sexueller Aufmerksamkeit, Stalking, Erpressung, Angriff, Vergewaltigung mitzuteilen. Der Aufruf ging unmittelbar viral.[2] Männer scheinen diejenigen zu sein, die am meisten dazu neigen, ihre politische, ökonomische oder symbolische Macht in sexuellen Bereichen zu missbrauchen; Frauen können es aber auch.[3]

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