14 Jun

Fußball als existenzielle Kontingenzperformanz

von Thomas Bedorf (Hagen)


Vom Trainer des FC Liverpool Bill Shankley ist das Bonmot überliefert, dass Fußball keinesfalls eine Angelegenheit von Leben und Tod, sondern viel ernster sei. Niemand, der die Kontingenz des Fantums für eine bestimmte Mannschaft kennt, das immer mit vollkommener Frag- und Alternativlosigkeit einhergeht; sich an aussichtlosen regenkalten November-Spieltagen ins Stadion geschleppt hat („Ich hab’ ne Dauerkarte, ich muss ins Stadion“ – Fr. Goosen); die stümperhaft, aber liebevoll zusammengenähten Fahnen, Banner und Kutten bewundert hat, die einzelne Fans mit sich herumtragen; und Zeit, Spaß und Manieren auf vergeblichen Auswärtsfahrten vergeudet hat, wird leugnen, dass Fußball einen existenziellen Sitz im Leben haben, für manche seinen Intensitätskern darstellen kann, um den herum sich die beruflichen, familiären, gastronomischen und sexuellen Restaufgaben nur ablagern. Um das zu bemerken und/oder zu leben, braucht es keine Philosophie.

In den Werken einiger berühmter französischer Existenzphilosophen oder existenzphilosophischer Phänomenologen finden sich nun eine Reihe von dem Fußball entlehnten Beispielen. Das könnte ein Zufall sein, da es sich eben um fußballaffine Autoren handelt – was in der Philosophie nicht unbedingt zum Standard gehört, aber hier eben vorgekommen sein mag. Oder aber es besteht eine besondere Nähe des Fußballs zur Reflexion auf die Existenz – und das wäre dann womöglich philosophisch doch interessant.

Der bekannteste Satz unter ihnen stammt vermutlich von Albert Camus, der in einem Artikel über den Verein, für den er in seiner Jugend im Tor stand, Racing Universitaire d’Alger, bekannte:

„[…] alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Sport, habe ich bei RUA gelernt.“ (http://marie-luise-knott.net/Texte/albert-camus-was-ich-dem-sport-verdanke)

Das klingt nun nicht sehr aufregend, es klingt eher nach den muffigen Sonntagsreden der DFB-Funktionäre über die gesellschaftliche Rolle des Fußballs, die Kameradschaft (wie es heute nicht mehr heißt) und die Kraft der Integration [https://www.praefaktisch.de/fussball/nationalspieler-als-soldaten/]. Und das alles, wo der Fußball, den die Funktionäre repräsentieren, Business ist, wo die Grenzen des Solidarischen schneller erreicht sind als man die Sonntagsreden zu Ende hören kann („Ich hob’ noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar g’sehn. Die laufen alle frei rum.“ F. Beckenbauer) Man könnte aber auch einer Spur in Camus’ Gelegenheitstext folgen, die existentialistische Fährten legt:

„Ich begriff sofort, dass der Ball nie so auf einen zukommt, wie man es erwartet. Das war eine Lektion fürs Leben.“ (Ebd.)

Es wäre gewiss absurd, hier bereits das Motiv der Absurdität aller existentieller Entwürfe, das für Camus werkprägend sein wird, vorgezeichnet zu sehen. Aber doch ist die Erfahrung der Kontingenz ein Merkmal auch der existentialphilosophischen Entwürfe von Camus’ Zeitgenossen und zeitweiligen Freunden Merleau-Ponty und Sartre. Fußball ist ja ein im Grunde sehr schicksalsanfälliger Sport. Wenig ist planbar, die Spielzüge mögen einstudiert sein, aber der beste „Matchplan“ hilft nichts, wenn einem der Ball verspringt. Auch werden kaum Tore oder Punkte erzielt, so dass anders als im Basketball oder Handball sich die emotionale Aufmerksamkeit der Fans ganz auf die zwei, drei Situationen konzentriert, in den eben alles auf dem Spiel steht. Aber es geht den drei Freunden nicht nur um die Exemplarität des Fußballs für die Existenz, sondern auch um die Analogie in den Handlungsstrukturen.

Maurice Merleau-Ponty skizziert in seinem Frühwerk „Die Struktur des Verhaltens“ das Verhältnis von Welt und Mensch in Absetzung von bekannten Subjekt-Objekt-Dichotomien. Wenn nun – inspiriert durch die Gestaltpsychologie – das Leben sich in Gestalten und Konfigurationen entwirft, dann begegnen dem Menschen keine bloßen Gegenstände und Reize, sondern immer schon sinnhafte Zusammenhänge. Merleau-Ponty illustriert das anhand der Raumwahrnehmung des Fußballplatzes.

Der Fußballplatz ist für den Spieler in Aktion kein „Objekt”, d. h. der ideelle Zielpunkt, der eine unendliche Mannigfaltigkeit perspektivischer Ansichten zuläßt und in all seinen erscheinungsmäßigen Umformungen den gleichen Wert behauptet. Er ist von Kraftlinien durchzogen („Seitenlinien”, Linien, die den „Strafraum” abgrenzen) — in Abschnitte gegliedert (z. B. die „Lücken” zwischen den Gegnern), die eine Aktion von ganz bestimmter Art herbeirufen, sie auslösen und tragen, gleichsam ohne Wissen des Spielers. Der Spielplatz ist ihm nicht gegeben, sondern er ist gegenwärtig als der immanente Zielpunkt seiner praktischen Intentionen; der Spieler bezieht ihn in seinen Körper mit ein und spürt beispielsweise die Richtung des „Tores” ebenso unmittelbar wie die Vertikale und Horizontale seines eigenen Leibes. (Die Struktur des Verhaltens, Berlin 1976, 193)

Der Raum ist nicht eine leere dreidimensionale Ordnung, die zum Teil mit Dingen vollgestellt ist, denen die Subjekte erst Bedeutung zusprechen müssen, sondern er selbst ist so strukturiert, dass er schon mit unterschiedlichen Sinndimensionen aufgeladen ist und daher die Subjekte gewissermaßen zum Handeln auf eine bestimmte Weise „einlädt“. „Praktische Intentionen“ verbinden uns mit dem Raum, in dem wir leiblich in ihm situiert sind, was wiederum bestimmte Möglichkeiten er- und andere verschließt. Sieht man die Anordnung und Bewegung der Körper auf dem Fußballfeld, dann weiß man (meistens) schon, „wo der Ball hin muss“.

Jean-Paul Sartre schließlich hatte schon in „Das Sein und das Nichts“ Heideggers Mitsein mit dem Beispiel einer Mannschaft illustriert (Das Sein und das Nichts, Reinbek 1991, 447), was durchaus despektierlich gemeint ist (anders als in der selbstfeiernden, pseudo-koketten Marketing-Bezeichnung des DFB-Teams als „Die Mannschaft“). Denn diese ist weder von einer Erkenntnis des oder Konfrontation mit dem Anderen geprägt, sondern von einem „dumpfen Gemeinschaftsgeist“ (ebd.). Sartres eigener Beitrag liegt jedoch in dem weit öfter zitierten Satz, „bei einem Fußballspiel kompliziert sich […] alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft“ (Kritik der dialektischen Vernunft, Reinbek 1980, 503Fn.). Dem mag man nun mitnichten widersprechen, zumal wenn man die Mannschaft eines Vereins anzufeuern pflegt, für den dieser Satz seit einigen Jahrzehnten gewissermaßen habituell jeden Samstag gilt.

Aber dieser Satz bietet – beachtet man seinen Kontext – doch ein wenig mehr als ein Resümee episodisches Fan-Wissens. Denn er steht in der „Kritik der dialektischen Vernunft“, jenem nahezu unlesbaren Buch (900 Seiten, keine Kapitel), in dem Sartre versucht, seine existentialphilosophischen Intuitionen aus der Frühzeit auf die Höhe seiner marxistisch-geschichtsphilosophischen Überzeugungen der späten 1950er Jahre zu bringen. An besagter Stelle steht die Theorie der Gruppe in Frage, d.h. der Versuch zu erklären, wie vereinzelte Existenzen als Kollektive geschichtlich wirksam werden können. Eine Mannschaft gilt Sartre nun nicht mehr als eine dumpfe Gemeinschaft, sondern als ein organisiertes praktisches Ensemble.

Zentral ist dabei für Sartre die Bewegung der Totalisierung. Mit diesem Begriff betont Sartre, dass Totalitäten nicht immer schon statisch substantiell vorhanden sind, sondern sich als Ganzheit erst in einer Bewegung herstellen, also sich totalisieren. Die Nähe zum Begriff der Performativität zeitgenössischer kulturwissenschaftlicher Theoriebildung ist nicht nur aufgrund Sartres antidualistischer Verwendungsweise des Praxisbegriffs offenkundig. Handlungen von Subjekten sind dann keine Zweck-Mittel-Kopplungen, sondern Tätigkeitsvollzüge, in denen sich die Subjekte selbst und ihre Welt wiedererkennen. So hat dann nicht nur ein Fußballplatz „Kraftlinien“, wie Merleau-Ponty schrieb (wie im Übrigen auch Sartre), die eine Aktion von ganz bestimmter Art herbeirufen, sondern eine Mannschaft eine offen-strukturierte Organisationsform. Die gemeinsame Praxis des Kollektivs, des Teams, und die individuellen existentiellen Freiheiten, der Spieler und ihren individuellen Intentionen, verhalten sich wechselseitig konstitutiv zueinander. Das klingt nun weniger aufregend als für all jene, die schon einmal eine Mannschaftssportart ausgeübt haben, trivial – wenn auch hochtrabend ausgedrückt.

Zunächst will Sartre nun darauf hinaus, dass Gemeinsamkeit des Gruppenhandelns und individuell perspektivierte Handlungspraxis in einer (dialektischen) Spannung stehen. Betrachtet man den Vorstoß einer Fußballmannschaft (die ihrer Struktur nach im Übrigen einer bewaffneten Rebellengruppe gleichgestellt wird!), ist – wie es bei Sartre heißt – „die Aktion jedes Spielers als unbestimmte Möglichkeit durch die Funktion vorausbestimmt worden, und zwar in Bezug auf ein künftiges Ziel, das [seinerseits] nur durch eine organisierte Vielheit technischer Aktivität verwirklicht werden konnte.“ (ebd., 485) Nur ein wenig vereinfacht gesprochen: Die Mannschaft ist der Star. So geht der Zuschauer ja auch deswegen ins Stadion, um die ein oder andere Mannschaft zu unterstützen und nicht, um den ein oder anderen Spieler zu sehen. Gleichzeitig wird man sich ärgern, wenn zwei Spieler auf entscheidenden Positionen fehlen, da sie ihre Funktion im Ensemble eben besser erfüllen als andere. Überspitzt lässt sich das darstellen an der Zuspitzung im gelegentlich so genannten Systemfußballs (eine Vokabel, die ihrerseits schon wieder aus der Mode gekommen ist), bei dem allein die Bewegungen des Kollektivs als Kollektiv betrachtet (und trainiert) werden, so dass jeder einzelne Spieler ersetzbar ist, so lange er „dieselben Laufwege“ macht.

Auf der anderen Seite lässt sich aber die Bewegung der Gruppe als Gruppe nicht verstehen, wenn man nicht auf die individuellen Handlungen und die ihnen zugrundeliegenden Fähigkeiten rekurriert. Die Funktion als taktischer Ort eines Spielers in einem Gefüge allein ist nicht hinreichend, um seine tätige Praxis im Spiel zu erklären. Die individuelle Freiheit ist unverzichtbar, um ein Fußballspiel zu einem Fußballspiel zu machen; und das gilt nicht erst für die Profis dieser Welt, sondern für jede Thekenmannschaft.

„Jene Bewegung, jene Ballabgabe, jene Finte können wir ja nicht von der Funktion ableiten: diese definiert nur die abstrakte Möglichkeit gewisser Finten, gewisser Handlungen in einer zugleich begrenzten und unbestimmten Situation. Die Aktion ist unreduzierbar“ (ebd.).

Das überraschende Dribbling ist durch die Regeln wie durch die Vorgaben des Systems zwar erlaubt und ermöglicht, aber nicht durch sie bestimmt und erzeugt. Die einzelne Aktion auf dem Feld gewinnt ihren Sinn überhaupt erst aus dem gemeinsamen Ziel: Raumgewinn und Torerfolg. Der Sinn des Dribblings liegt also nicht in ihm selbst, sondern darin von anderen genutzt und fortgesetzt zu werden. „Gemeinsam“ heißt eben sowohl „meins“, aber auch: „nicht allein meins“. Es gibt eine „gemeinsame Macht“, die auf ein „gemeinsames Ziel“ ausgerichtet ist (ebd., 487). Und zugleich lebt die das Ziel verwirklichende Praxis auch von der individuellen, alles Vorgegebene der Funktion überschreitenden erfinderischen Freiheit.

„Jener zum Beispiel ist ein guter Tormann: er ist es, weil er mehrfach seine Mannschaft durch individuelle Handlungen, das heißt, durch eine Überschreitung seiner Machtbefugnisse in einer schöpferischen Praktik, gerettet hat. [Manuel Neuers Ausflug an die Mittelinie im Spiel ALG-GER, WM 2014] […] [D]as Individuum überschreitet sein gemeinsames Sein, um es zu verwirklichen; man ist nicht Tormann oder Läufer wie man Lohnarbeiter ist.“ (Ebd., 490)

Allerdings ist dies eine analytische Betrachtung, die noch nicht das Fußballspiel als Ganze zu erfassen vermag. Denn an dieser Stelle fügt Sartre seine berühmte Fußnote hinzu: „Bei einem Fußballspiel kompliziert sich […] alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“ Der Gegner ist gewissermaßen die einbrechende Kontingenz, die Störung der Ordnung, die organisch-praktisch mühevoll im Gruppenensemble aufgebaut wird.

Was können diese fußballphilosophischen Funde nun besagen? Sicher nicht viel: Sie behaupten nicht, dass der Fußball die Existenz resümiert, ebenso wenig ist es das Paradebeispiel der Existentialphilosophie; man denkt dabei viel eher an Orte wie das Café, Momente der radikalen Wahl oder den Tod. Aber es vermutlich auch kein Zufall, dass der Fußball zu Wort kommt und ins Bild gerät. Zwar ist er bloß ein Spiel, aber doch ein besonderes, in dessen Vollzug sich nämlich etwas erfahren lässt, was unsere Existenz als ganze kennzeichnet, wie es der zeitgenössische Sportphilosoph Gunter Gebauer ausgedrückt hat:

„Offensichtlich ist der Fußball so organisiert, dass er die Unsicherheit der Existenz zeigen und den Menschen in offene Situationen stellen soll.“ (Gunter Gebauer, Das Leben in 90 Minuten: Eine Philosophie des Fußballs“, München 2016)

Wie sagte schon Adorno: Fußball „ist das Allerernsteste, aber so ernst wieder auch nicht.“


Thomas Bedorf ist Professor für Philosophie an der Fernuniversität in Hagen. In diesem Video spricht er über sein Buch “Verkennende Anerkennung”.

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