15 Jul

Feminismus: Ein Blick in die Medizinethik

Von Regina Müller (Tübingen)


Das Wort Feminismus taucht in den deutschsprachigen Medizinethik-Debatten selten bis gar nicht auf. Dabei sind feministische Diskussionsfelder in der Medizinethik reichlich vorhanden, etwa die Auseinandersetzung mit Körpernormen oder der geschlechterbezogenen Datenlücke in der Medizin. Was ist also das Verhältnis von Feminismus und Medizinethik? Braucht die Medizinethik (mehr) Feminismus bzw. braucht es eine explizit feministische Medizinethik? Was wäre unter einer feministischen Medizinethik zu verstehen und was der Gewinn eines feministischen Programmes?

Feministische Medizinethik: Eine Skizze

In der Medizinethik werden moralische Fragen in der Medizin, im Grenzbereich von Medizin und Biologie sowie im Gesundheitswesen untersucht. Ethische Normen werden begründet, Ethiktheorien entwickelt und Handlungsempfehlungen bereitgestellt. Fragen der Gerechtigkeit, beispielsweise eine faire Mittelverteilung im Gesundheitswesen, haben sich als einer der großen Themenbereiche der Medizinethik etabliert. Dieser „klassische“ Bereich wird zunehmend von Fragen nach Diversität, Partizipation und Demokratisierung durchdrungen, etwa wenn bei medizinethischen Entscheidungsprozessen die Perspektiven der Betroffenen berücksichtigt werden sollen. Die Überschneidungen mit feministischen Themen, zum Beispiel gerechte gesellschaftliche Verhältnisse, treten dabei deutlich zutage.

Das Bearbeiten feministischer Themen allein macht eine Medizinethik aber noch nicht zu einer feministischen Medizinethik. Es geht nicht nur darum, Probleme zu reflektieren, die (ausschließlich) FLINT* betreffen oder feministische Themen als ein „Add on“ zu diskutieren. Der Ursprung feministischer Ethik liegt viel eher darin, bestehende Strukturen und Machtverhältnisse in Frage zu stellen, also zum Beispiel traditionelle Ethiktheorien auf ausschließende oder diskriminierende Tendenzen hin zu analysieren. Davon ausgehend können sich feministische Ethiker*innen allerdings verschiedenen Gegenständen zuwenden, unterschiedliche Methoden nutzen und verschiedene Ziele verfolgen.

Früchte einer feministischen Medizinethik

Auf der Ebene angewandter Problem- und Fragestellungen können feministische Perspektiven zum Einsatz kommen, indem ein konkretes medizinethisches Konfliktfeld mithilfe dieser Perspektive bearbeitet wird. Das Konzept der Intersektionalität1 kann beispielsweise helfen, Benachteiligungen für Schwarze Frauen* im Gesundheitswesen zu identifizieren und zu reflektieren.

Auf der Ebene der Theorien können bestehende Ethikansätze und Modelle aus einem feministischen Blickwinkel heraus hinterfragt werden. In der Medizinethik häufig genutzte Theorien, wie der Utilitarismus oder die Prinzipienethik, können zum Beispiel daraufhin analysiert werden, inwiefern Konzepte wie Diversität abgebildet werden und ob diese Theorien selbst diskriminierende Strukturen aufweisen. Feministische Autor*innen wie Susan D. Sherwin zeigten beispielsweise auf, dass das klassische medizinethische Prinzip Achtung vor der Autonomie individuelle und soziale Kontexte von Patient*innen verkennt. Aus dieser Kritik heraus entstand ein relationales Verständnis von Autonomie, welches heute eine bedeutsame theoretische Alternative zum Standardmodell darstellt.

Nicht zuletzt kann eine feministische Perspektive neue oder bisher kaum als medizinethisch relevant wahrgenommene Themen hervorheben, wie zum Beispiel das Yentl-Syndrom2, genderbasierte Datenlücken, diskriminierende Algorithmen in einer digitalisierten Medizin oder die generell schlechtere gesundheitliche Situation von Schwarzen Frauen*.

Die Beispiele zeigen, die Früchte einer feministischen Medizinethik sind reichhaltig. Sie umfassen Entwicklungen auf theoretisch-konzeptueller Ebene, eine Erweiterung der Wahrnehmung um neue Themen sowie Implikationen für unterschiedliche medizinische Kontexte. In einigen medizinethischen Debatten und immer häufiger auch in Forschungsprojekten finden sich bereits feministische Perspektiven. Aber werden feministische Themen und Theorien auch in der Ethik-Lehre der Gesundheitsberufe thematisiert?

Geschlechtergerechtigkeit in der Medizinethik-Lehre

Das Fach der Medizinethik ist in Deutschland seit der ärztlichen Approbationsordnung von 2002 Bestandteil des Pflichtunterrichts im Medizinstudium und als Teil des Querschnittsbereichs Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin [GTE] an den medizinischen Fakultäten fest verankert.3 Die Geschlechter-Verteilung unter den Medizinstudierenden hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. War die Medizin lange Zeit ein männlich dominiertes Studienfach, studierten im Wintersemester 2019/20 weit mehr weibliche* als männliche* Personen Medizin.4

Der Interdisziplinarität des Faches entsprechend findet Medizinethik-Lehre aber nicht nur im Medizinstudium statt, sondern auch in weiteren Studiengängen wie Public Health sowie in vielen gesundheitsbezogenen Ausbildungsgängen. Oft sind medizinethische Lehrinhalte als Teilgebiete in den jeweiligen Disziplinen inbegriffen, haben die Form eines Fernstudiums oder eines Weiterbildungsangebotes, welches sich an Berufstätige im Gesundheitswesen richtet.

Zahlen über die Geschlechter-Verteilung unter all denjenigen, die medizinethisches Wissen und entsprechende Kompetenzen vermittelt bekommen, sind daher nur schwer zu ermitteln. Die Datenlücke betrifft nicht nur die Studierenden bzw. Auszubildenden, sondern auch die Lehrpersonen. Sowohl das Geschlecht der Lernenden als auch der Lehrkräfte kann allerdings einen Einfluss darauf haben, wie Lehrinhalte aufgenommen und bewertet werden.5 Ohne die genannten Daten ist eine gut informierte Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit in der Medizinethik-Lehre jedoch nur schwer zu führen.

Die Lehrinhalte sind ebenfalls nur sehr schwer zu erfassen. Je nach unterrichtender Disziplin variieren die Unterrichtsformate hinsichtlich der Lehrziele und Methoden stark. Selbst an den GTE Instituten findet sich ein sehr breites Spektrum an Lehrinhalten.6 Allerdings erhalten feministische Ansätze, wie die Care Ethik, in Einführungswerken oder Lehrbüchern wenig, manchmal gar keinen Platz. Zudem ist der Kanon der klassischen Ethikliteratur männlich dominiert. Die in der Medizinethik-Lehre für gewöhnlich verwendeten Theorien (Tugendethik, Utilitarismus, Prinzipienethik, etc.) stammen allesamt von männlichen Autoren. Welche Wirkung das auf FLINT* Studierende haben kann, sollte diskutiert werden, denn angelehnt an die „Stereotype Threat“-Forschung7 könnte das Stereotyp eines intellektuellen männlichen Ethikers Leistungen von FLINT* Studierenden oder deren Motivation, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, prägen.

Welches Geschlecht macht in der Medizinethik Karriere?

Mit dem Begriff der „Leaky Pipeline“ wird der in der Wissenschaft absinkende Frauenanteil auf den höheren Karrierestufen bezeichnet, der trotz zunehmend höherer Bildungsabschlüsse von Frauen* sowie gezielter Maßnahmen zur Frauenförderung immer noch in vielen Fachbereichen zu verzeichnen ist.8 Findet sich die „Leaky Pipeline“ auch in der Medizinethik? Aufgrund der skizzierten Interdisziplinarität sowie der geringen Größe des Faches liegen konkrete Zahlen über den Frauenanteil unter den Promotionen und Habilitationen in der Medizinethik aktuell nicht vor.

Auf der deutschsprachigen Wikipedia „Liste bekannter Medizinethiker [sic!]“, welche ausgewiesene Vertreter*innen der Medizinethik erfasst, finden sich unter 54 genannten Personen sieben weibliche Vornamen.9 Spiegelt diese Aufzählung nun eine Medizinethik-Landschaft wider, in der viel mehr Männer als Frauen arbeiten, oder ist sie das Ergebnis einer Wahrnehmung, in der Männer eher zur Kenntnis genommen und dargestellt werden als Frauen? Da nicht ersichtlich ist, welche Kriterien eine Person erfüllen muss, um als „bekannter Medizinethiker“ zu gelten, kann diese Frage hier nicht abschließend beurteilt werden.

Allerdings finden sich sehr viele (d.h. definitiv mehr als sieben) erfolgreiche Frauen* in der medizinethischen Forschungslandschaft. Das zeigt sich zum Beispiel mit Blick auf die höheren Positionen an den Universitäten. Nicht wenige Professuren für Medizin- oder Bioethik im deutschsprachigen Raum sind mittlerweile von weiblich gelesenen Personen besetzt, mehrere GTE Institute werden inzwischen von weiblich gelesenen Personen geleitet, ebenso der Vorsitz des Deutschen Ethikrats. In der Medizinethik gibt es also durchaus viele starke weibliche „Role Models“, die angesichts anhaltender Phänomene wie der „Leaky Pipeline“ sehr wichtig und wortwörtlich wegweisend sein können.

Feminismus in der Medizinethik: Was gibt’s zu tun?

Feministische Perspektiven können die Medizinethik maßgeblich prägen und weiterentwickeln. Der Gewinn reicht von theoretisch-konzeptuellen Entwicklungen bis hin zu Implikationen für die medizinische Praxis. Beispiele wie das Yentl-Syndrom oder die geschlechterbezogene Datenlücke zeigen, feministisch-ethische Perspektiven sind in der Medizin nicht nur eine Option, eine Erweiterung nach Belieben, sondern eine grundlegende Perspektive, die permanent mitgedacht werden sollte.

Eine feministische Medizinethik sollte deshalb auch weiterhin danach streben, von allen gehört zu werden. Sie sollte einen selbstverständlichen Platz in den deutschsprachigen Medizinethik-Debatten erhalten, auf wissenschaftlichen Veranstaltungen präsent sein, in Forschungsprojekten von Beginn an mitgedacht werden und beispielsweise fester Bestandteil der Lehre sein. Dafür ist es allerdings wichtig, die Auseinandersetzung mit feministischen Themen explizit zu benennen, die ursprüngliche Motivation feministischer Ansätze transparent zu machen und die feministisch-ethischen Reflexionen an alle zu richten und für alle zugänglich zu machen.

Anmerkungen zum Sprachgebrauch

In meinem Beitrag möchte ich alle Interessierten ansprechen. Durch das Gendern mit * möchte ich alle Geschlechtsidentitäten umfassen, d. h. neben den binären Kategorien männlich und weiblich auch all jene Menschen, die sich in der binären Geschlechterordnung nicht wiederfinden bzw. jenseits der heterosexuellen Norm auf den zahlreichen inter- und transsexuellen Zwischenstufen leben.

An einigen Stellen habe ich die Schreibweise FLINT* verwendet. FLINT steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binär und trans Personen – Personen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität patriarchal diskriminiert werden. An manchen Stellen habe ich Frauen und Männer jedoch absichtlich nicht gegendert.

Die Schreibweise „Schwarze (Frauen)“ soll eine soziale Positioniertheit anzeigen; sie beschreibt also nicht die Hautfarbe oder andere phänotypische Merkmale einer Person, sondern meint soziale Positionen in einer rassistisch strukturierten Gesellschaft.


Regina Müller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen. Ihre Forschungs- und Interessenschwerpunkte liegen in den Bereichen der Medizinethik, Digitalisierung und Feminismus/Diversität. Sie plant derzeit unter dem Dach der Akademie für Ethik in der Medizin (AEM) eine neue Arbeitsgruppe „Feministische Perspektiven in der Medizin- und Bioethik“ und freut sich über Anregungen und/oder Fragen. Twitter: @Regina_Mueller_


Fußnoten und Quellen

[1] Der Begriff Intersektionalität (engl. intersection: Überschneidung, Kreuzungspunkt) bezeichnet Wechselwirkungen ungleichheitsgenerierender sozialer Strukturen. Winker, G. & Degele, N. (2009). Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: transcript Verlag.

[2] Das Yentl-Syndrom beschreibt das Phänomen, dass Frauen Fehldiagnosen und -behandlungen erhalten, wenn ihre Symptome oder Erkrankungen nicht denen der Männer entsprechen. C. Noel Bairey Merz. The Yentl syndrome is alive and well, European Heart Journal 2011; 32 (11), 1313–15, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehr083.

[3] Approbationsordnung für Ärzte vom 27. Juni 2002: https://www.gesetze-im-internet.de/_appro_2002/BJNR240500002.html [28.04.2021].

[4] Statistisches Bundesamt: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Tabellen/lrbil05.html;jsessionid=9CA86ED47A9560CD716FBD3218E5C4C1.live712 [28.04.2021].

[5] A. Bug. Swimming against the unseen tide: https://www.swarthmore.edu/feature-stories-archive-2009-2010/swimming-against-unseen-tide [28.04.2021].

[6] J. Schildmann, F. Bruns et al. 10 Jahre Geschichte, Theorie und Ethik (GTE). Eine Umfrage zu Lehrinhalten, Methoden und strukturellen Voraussetzungen an 29 deutschen medizinischen Fakultäten. GMS J Med Educ 2017;34(2): http://www.egms.de/static/de/journals/zma/2017-34/zma001100.shtml.

[7] Befinden sich Mitglieder einer sozialen Gruppe in einer Situation, in der ein negatives Stereotyp über die Gruppe zum Tragen kommt, empfinden sie ein Gefühl der Bedrohung, das negative Stereotyp zu bestätigen. Diese Angst wird als „Stereotype Threat” bezeichnet und kann mit niedrigeren Leistungen, etwa in einer Prüfung, einhergehen. So zeigte sich zum Beispiel, dass Mädchen, die mit dem Stereotyp „Mädchen können kein Mathe” konfrontiert wurden, signifikant niedrigere Matheleistungen erbringen als Mädchen, denen gegenüber das Stereotyp negiert wurde. Steele, C. M. (1997). A threat in the air: How stereotypes shape intellectual identity and performance. American Psychologist, 52(6), 613–29, https://doi.org/10.1037/0003-066X.52.6.613.

[8] “Leaky Pipeline” prägt weiterhin die Wissenschaft. Forschung und Lehre: https://www.forschung-und-lehre.de/karriere/leaky-pipeline-praegt-weiterhin-die-wissenschaft-3277/ [28.04.2021]. Frauenanteile nach akademischer Laufbahn. Statistisches Bundesamt: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Tabellen/frauenanteile-akademischelaufbahn.html;jsessionid=9CA86ED47A9560CD716FBD3218E5C4C1.live712 [28.04.2021].

[9] Wikipedia Liste der bekannten Medizinethiker: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_bekannter_Medizinethiker [29.04.2021].

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