22 Apr

Verletzbarkeit und Benachteiligung in Zeiten von COVID-19

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Verletzbarkeit ist nicht nur eine natürliche Eigenschaft aller Menschen, sondern sie ist stark von den sozialen Verhältnissen geprägt, in denen Menschen leben. Das sehen wir auch jetzt in Zeiten der COVID-19-Pandemie. Es ist zu befürchten, dass insbesondere jene Bevölkerungsgruppen, die von Armut, Ausgrenzung anderen Benachteiligungen betroffen sind, in dieser Pandemie zu Opfern werden.

Die COVID-19-Pandemie macht deutlich, dass alle Menschen und unsere hochentwickelten Gesellschaften und mächtigen Wirtschaftssysteme verletzlich sind. Die Krankheit kennt keine Ländergrenzen und keinen Unterschied zwischen arm und reich, mächtig und ohnmächtig. Sie zwingt gerade die reichen Länder des Westens dazu, ihr soziales und wirtschaftliches Leben drastisch einzuschränken mit wahrscheinlich noch unabsehbaren Folgen.

Dennoch ist zu befürchten, dass manche Bevölkerungsgruppen besonders darunter leiden werden. Das gilt einmal für ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen, bei denen der Verlauf der Krankheit schwerwiegender ist. Daneben gibt es aber auch soziale Faktoren, die eine Rolle spielen können. Die Forschung zu den sozialen Determinanten von Gesundheit und Krankheit zeigen klar und deutlich, dass Ungleichheit, Armut und andere Formen der Benachteiligung eine große Rolle spielen. Das wird sich im Zuge der COVID-19-Pandemie verschärfen.

Wer kann sich nun vor einer Ansteckung schützen? Bekommen alle wirklich den gleichen Zugang zu medizinischer Versorgung und Behandlung? Obwohl es nun allerorts heißt, dass für die Versorgung im Notfall und bei einem schweren Verlauf alle nach den gleichen Kriterien behandelt werden, ist nicht gesichert, ob es nicht doch zu einer Bevorzugung von Angehörigen reicher und einflussreicher Bevölkerungsgruppen kommt. Viele Menschen die in Armut leben, leiden schon dadurch unter einem schlechteren Gesundheitszustand. Menschen, die obdachlos sind, stehen vor der Schwierigkeit, sich zu isolieren. Menschen, die von ihrem geringen Arbeitseinkommen abhängig sind, haben gute Gründe, dieser nachzugehen, sofern es möglich ist. Menschen, die alleinerziehend sind, sind eher in der Notlage ihre Kinder weiterhin extern oder durch die Großeltern betreuen zu lassen. Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus haben eher Gründe, nicht zum Arzt zu gehen, wenn sie fürchten müssen, abgeschoben zu werden. Nicht übersehen werden sollte auch das psychische Leid und der Stress, den Ausgangsbeschränkungen auslösen können. Menschen, die auf beengtem Wohnraum oder mit einem gewalttätigen Partner zusammenleben, Menschen, die über gar kein oder nur schlechtes Internet verfügen, Menschen, deren Wohnraum ungenügend, kalt oder schimmlig ist, werden nun besonders hart strapaziert.

Neben den gesundheitlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und des Todesopfern, sollten aber auch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen nicht vergessen werden. Während die wohlhabenderen Bevölkerungsgruppen durch diese Krise vielleicht relativ glimpflich kommen werden, ist jetzt schon absehbar, dass Millionen Menschen in Europa ihre Arbeit verlieren werden mit all den bekannten Folgen von Armut, Verschuldung und gesundheitlichen Problemen. Es steht zu befürchten, dass hier auch die großzügigen Hilfsprogramme, die nun allerorts für Unternehmen geschnürt werden, letztlich nicht bei denen ankommen, die es am Dringendsten brauchen.

Man sollte auch nicht vergessen, dass es sich hier um eine globale Pandemie handelt und es noch völlig unklar ist, wie stark die Länder des Globalen Süden betroffen sein werden. Die Verletzlichkeit der dortigen Bevölkerung und der viel schwächeren Infrastruktur in diesen Ländern ist wesentlich höher als in Europa und den USA – obwohl auch hier die Sparmaßnahmen der letzten Jahre im Gesundheits- und Sozialsystem jetzt negativ zu Tage treten.  Schon heute leiden Menschen im Globalen Süden unter vielen Krankheiten, die eigentlich gut behandel- oder gänzlich vermeidbar wären und es sterben jedes Jahr Millionen an den Folgen von vermeidbaren Krankheiten, Hunger und Armut. Die COVID-19-Pandemie könnte hier ein besonders drastisches Ereignis sein, welches eingebettet in globale Ungleichheiten, hunderte Millionen Menschen ohne adäquaten Schutz und Versorgung trifft. In vielen Ländern werden auch aus ökonomischer Not und aus Mangel an staatlicher Souveränität und Ressourcen Maßnahmen zur Verlangsamung der Ausbreitung nur ineffektiv oder gar nicht umgesetzt werden können. Das betrifft auch Orte, die nahe an Europe sind wie die Flüchtlingslager in Griechenland oder der Türkei, in denen tausende Menschen auf engem Raum und fast ohne jede medizinische und sonstige Versorgung ausharren müssen. Es wird sich dahingehend auch erst zeigen, ob wir hier von diesen Schicksalen überhaupt erfahren werden – also ob die Kranken und Toten in den Ländern des Globalen Südens, in den Flüchtlingscamps oder in Kriegsgebieten überhaupt ausreichend erfasst werden. Vielleicht werden viele Opfer der COVID-19-Pandmie gar nicht oder nur in Schätzungen wahrgenommen werden und ihr Leiden und Sterben bleiben im Verborgenen.


Eine englische Version dieses Beitrags erschien zuerst auf dem Blog von Policy Press Transforming Society.


Gottfried Schweiger arbeit am Zentrum für Ethik und Armutsforschung an der Universität Salzburg. Dort forscht er hauptsächlich im Bereich der politischen Philosophie und Sozialphilosophie. Gottfried ist Ko-Gründungsherausgeber der Zeitschrift für Praktische Philosophie, der Buchreihe Philosophy and Poverty bei Springer und Associate Editor von Palgrave Communications. 2018 gründete er gemeinsam mit Gunter Graf den Open-Access-Philosophieverlag [dyo]. Seit 2013 organisiert er gemeinsam mit Michael Zichy, Martina Schmidhuber und Gunter Graf an der Universität Salzburg die Tagung für Praktische Philosophie.

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