19 Mai

Die Philosophie-Konzeption des späten Wittgenstein

Von Nicole Rathgeb (Bern)


Dem späten Wittgenstein zufolge ist die Philosophie „ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache“ (PU § 109). Philosophische Probleme basieren auf sprachlich-begrifflichen Verwirrungen und werden gelöst oder aufgelöst, indem diese Verwirrungen beseitigt werden: indem wir uns einen Überblick darüber verschaffen, wie die für das jeweilige philosophische Problem relevanten sprachlichen Ausdrücke normalerweise verwendet werden. Als Beispiel kann das Problem des Fremdpsychischen herangezogen werden: Es scheint, als hätten wir nur zu unserem eigenen Innenleben einen direkten Zugang und nähmen von anderen Personen unmittelbar nur ihr Verhalten wahr. Können wir dann überhaupt mit Sicherheit wissen, welche Überzeugungen, Absichten und Wünsche andere Personen haben, ob sie z.B. gerade Schmerzen haben oder sich langweilen – oder ob sie überhaupt einen Geist bzw. ein Bewusstsein besitzen?

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16 Nov

Über den Begriff der Schreibform bei Ludwig Wittgenstein

Von Marcus Döller (Erfurt)


In einem flüchtigen Notat aus seinen privaten Denktagebüchern gibt Wittgenstein Auskunft über den Begriff der „Schreibform“. Mit dem Begriff der „Schreibform“ gibt Wittgenstein Aufschluss über die Grundform seines Denkens. Die Weise philosophischen Denkens, die Wittgenstein vollzieht, gibt es nur im Schreiben und nur als Schreiben. Denken und Schreiben fallen in eines. Im Schreiben aber wird das Gedachte von innen her transformiert und konstituiert. Es gibt also keinen Gedanken vor dem Schreiben, der für den Vollzug des Denkens im Schreiben bedeutsam wäre, sondern erst im Schreiben als eine Vollzugsform des Denkens bringt sich der Gedanke selbst hervor. Wittgensteins Formulierung dafür ist, dass wir nur fähig sind aufzuschreiben, was „in der Schreibform in uns entsteht“. Damit muss zweierlei verstanden werden: erstens, was es heißt, etwas aufschreiben zu können und zweitens, was es heißt, dass Gedanken in uns entstehen: Was heißt es etwas zu können und was heißt es in diesem Können etwas in uns entstehen zu lassen? Beides, die Fähigkeit schreiben zu können und in der Form des Schreibens das Schreiben von innen her zu verändern, hängen konstitutiv zusammen.

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28 Okt

Wittgensteins Denken erkunden und entdecken

Von Wilhelm Vossenkuhl (München)


Vor 70 Jahren starb Ludwig Wittgenstein. Dies ist ein Anlass, aber noch kein Grund sich mit seinem Denken zu beschäftigen. Der wahre Grund ist unabhängig vom Todesdatum sein Denken. Dessen Bedeutung, Tiefgang und Reichweite wieder und neu zu entdecken, ist lohnend, wird aber von allerlei Vorurteilen und Stereotypen behindert. Ein Vorurteil ist die stereotype Trennung zwischen Frühwerk (Tractatus) und Spätwerk (Philosophische Untersuchungen), ein anderes ist die Unterstellung, er habe im Ansatz eine Theorie sprachlicher Bedeutung entwickelt, ohne sie im Einzelnen ausgeführt und vollendet zu haben. Das liege auch daran, dass seine Texte aphoristisch und unsystematisch seien.

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28 Sep

Grammatik und Gewissheit. Für einen befreiten Wittgenstein

Von Ulrich Metschl (Innsbruck)


Mit gerade einmal einhundert Jahren seit Erstveröffentlichung nimmt sich Wittgensteins Logisch-Philosophische Abhandlung – der Tractatus – unter den klassischen Werken der Philosophie fast noch wie ein Neuzugang aus. Doch vielleicht ist ein Jahrhundert genau der passende Abstand zu fragen, was vom Tractatus, und wenn wir schon dabei sind: von Wittgensteins Philosophie überhaupt, an bleibenden Einsichten zu würdigen ist. Oder, wenn wir dem Urteil zukünftiger Generationen nicht vorgreifen wollen, was an Wittgenstein zumindest heute noch philosophisch belangreich erscheint.

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