15 Apr

Warum wir nicht sagen, was wir denken… Gedanken zur Toleranz in Zeiten von Corona

Von Oliver Hidalgo (Regensburg)


Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, ob es legitim sei, bei einem Report über Islamfeindlichkeit mitzuschreiben, der von der Erdoğan-nahen Stiftung Seta finanziert wird. Und obwohl ich das keinem raten würde, beschäftigt mich seither die Frage: Warum eigentlich nicht? Die feststellbare Diskriminierung von Muslimen in Europa wird ja nicht davon entkräftet, dass die AKP ein Interesse daran besitzt, sie zu dokumentieren. Kommt es also wirklich nicht darauf an, was stimmt und was nicht, sondern allein, wer es für sich ausschlachtet? Und gehen solche Nuancierungen in Zeiten der Corona-Krise nicht ohnehin unter?

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25 Mrz

Toleranz in Liebe und Freundschaft

Von Michael Kühler (Karlsruhe)


Ähnlich wie in der politischen Philosophie scheint Toleranz auch innerhalb von Liebesbeziehungen oder Freundschaften ein zweischneidiges Schwert zu sein.[1] Tolerant zu sein wird einerseits für ein friedliches und gedeihliches Miteinander als außerordentlich hilfreich oder gar geboten gesehen (für eine einführende Übersicht siehe Forst 2017). Dies gilt freilich in erster Linie für das Verhältnis zwischen Menschen, die einander nicht näher bekannt sind. Andererseits lautet eine altbekannte Kritik, dass andere lediglich zu tolerieren fundamental zu kurz greift. Vielmehr ist (wechselseitiger) Respekt vor der Person gefordert. Und während wir auch in Liebesbeziehungen oder Freundschaften den Ratschlag kennen, tolerant zu sein, so erscheint es geradezu widersprüchlich, eine geliebte Person zugleich lediglich zu tolerieren.

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22 Dez

Was ist und welchen moralischen Nutzen hat die Toleranz?

Von Achim Lohmar (Duisburg-Essen)


Eine beliebte Vexierfrage lautet: Kann die Toleranz auch der Intoleranz gelten? Die Reflexion über diese Frage scheint sowohl eine positive als auch negative Antwort zu erzwingen. Wenn Toleranz etwas damit zu tun hat, abweichende Standpunkte und Orientierungen zu dulden, und wenn gerade darin der positive Wert der Toleranz besteht – büßte dann die Toleranz ihren Wert nicht ein, wenn einige Standpunkte von vorneherein von ihr ausgenommen werden? Und wäre das dann überhaupt noch echte Toleranz oder nicht vielmehr eine ausgrenzende Haltung? Mit scheinbar gleichem Recht könnte man aber auch denken, dass die Toleranz gerade dann ihren Wert einbüßen würde, würde sie sich auch auf die Intoleranz richten. Der Intoleranz Raum zu geben, heißt auch, der Intoleranz die Möglichkeit zur Entfaltung zu gewähren. Und wie könnte so etwas gefordert oder etwas Gutes sein? Und wäre eine Haltung, die der Intoleranz die Freiheit zur Entfaltung gewährt, überhaupt noch echte Toleranz oder nicht vielmehr nur moralische Gleichgültigkeit?

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03 Dez

Markt und Wettbewerb – Vehikel der Diskriminierung oder Katalysatoren für Toleranz?

Von Arnd Küppers (Mönchengladbach)


Auf den ersten Blick scheint es geradezu abwegig, beim Thema Toleranz ausgerechnet an Markt und Wettbewerb zu denken. Ist der kapitalistische Markt nicht vielmehr der Ort mannigfaltiger Diskriminierungen und Demütigungen? Der Ort, an dem Menschen von dem Genuss bestimmter Güter ausgeschlossen werden, weil sie zu arm sind, um sie sich zu kaufen? In unseren Breiten sind es vielleicht die Markenklamotten oder das neueste Smartphone: Wer sich solche Prestigeobjekte nicht leisten kann, wird in seiner Peergroup gedisst. Das ist keineswegs nur unter Teenagern so; dort ist es nur am offensichtlichsten. Die Volkswirte wissen schon lange, dass Menschen auch über den Konsum ihren Status herausstellen. Der amerikanische Ökonom Thorstein Veblen hat dieses Phänomen in seiner Theory of the Leisure Class bereits 1899 erörtert.

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12 Nov

Was heißt Toleranz – und warum soll man es verteidigen?

Von Matthias Kaufmann (Halle)


Nachdem Toleranz lange Zeit als einer der wichtigen Beiträge der europäischen Aufklärung zur politischen und sozialen Kultur gefeiert wurde, erfuhr sie heftige Kritik als angebliche Legitimation von Indifferenz und Unmoral. Wenn man die vielen möglichen Verwendungsweisen etwas sortiert und genauer ansieht, wird deutlich, dass Toleranz in ihrer Kernbedeutung zum moralischen Fundament globalen menschlichen Zusammenlebens gehört.

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08 Sep

Pfingsten – oder wie das Christentum seinen religiösen Wahrheitsanspruch und die Toleranz Anderen gegenüber miteinander verbindet.

Von Martin Wendte (Pfarrer der Friedenskirche und Citykirchenpfarrer, Ludwigsburg)


Einstieg: Buddhistische Bäuche und saudi-arabische Gefängnisse – wie erleben wir die Zuordnung von Toleranz und Wahrheit im Bereich der Religion?

Zwei Szenen zum Einstieg: Von den Bücherregalen vieler Menschenfreunde aus dem sozialökologischen Milieu grüßt eine Buddhafigur. Da sitzt er, der Erleuchtete, mit gütigem Lächeln, meist mit sympathischem Bauchansatz, oft in Bronze oder Plastik gegossen. Er strahlt auch mit seinen nur 30 Zentimetern Größe in den ganzen Raum hinaus aus, dass Du schon Deinen eigenen Weg finden wirst, und dass es gut ist, solange das im Bereich positiver Vibrations liegt. Da macht es dann keinen Unterschied, ob Du die Kraft von diesem wahren Selbst in Dir dann Gott oder Allah nennst, Buddha oder Shiwa.  – Doch vielleicht flackert in demselben Zimmer auch das Hellblau eines Laptops, auf dem neueste Nachrichten aus Saudi-Arabien vermeldet werden: Dort wurde ein Mann am Flughafen gefasst und ins Gefängnis geworfen, weil er Saudi-Arabien illegal verlassen wollte – er konvertierte zum Christentum und ist daher in Saudi-Arabien vom Tode bedroht, weil das Christentum eine unwahre Religion ist, und ihr zu folgen ist nicht tolerabel.

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06 Aug

Bloße Toleranz? Anmerkungen zur pädagogischen Ablehnung der Ablehnungskomponente

Von Johannes Drerup (Dortmund & Amsterdam)


Der Begriff der Toleranz führt – ganz ähnlich wie der Begriff der Bildung – in öffentlichen Debatten einer Art „Doppelleben“[1]. Einerseits gilt Toleranz als ein mögliches Allheilmittel für alle nur denkbaren gesellschaftlichen Probleme, andererseits ist die spezifische Relevanz und Bedeutung von Toleranz sowohl mit Bezug auf Grundsatzfragen der theoretischen Konzeptualisierung und normativen Begründung als auch mit Bezug auf Anwendung auf konkrete Konflikte hoch umstritten. Auch in erziehungs- und bildungsphilosophischen und erziehungswissenschaftlichen Debatten finden sich zwar immer wieder kursorische Hinweise darauf, wie wichtig Toleranz im Kontext von pluralistischen Gesellschaften ist, sowie auch eine Reihe von mehr oder weniger normativ ausgerichteten Kritiken von unterschiedlichen Formen der Intoleranz. Gleichwohl findet man kaum eine systematische Auseinandersetzung mit Toleranz als pädagogischer und politischer Leitvorgabe bzw. mit der Frage, was eigentlich unter Intoleranz zu verstehen ist[2]. Was sich dagegen findet, insbesondere im Kontext engagierter Pädagogiken, sind Negativverdikte gegen `bloße Toleranz´ oder `herablassende Toleranz´, die einer zeitgemäßen Konzeption inter- oder transkultureller Bildung und Erziehung, so die Annahme, nicht mehr entsprechen. Toleranz, so scheint es und hier zeigen sich erstaunliche Parallelen zum Umgang mit dem Erziehungsbegriff, gilt als anachronistische Form der Stabilisierung obsoleter Macht- und Herrschaftsformen. Diese Parallelen im Umgang mit beiden Leitkonzepten dürften auch darauf zurückzuführen sein, dass sowohl Toleranz als auch Erziehung immer mit Grenzen und Selektionsvorgaben operieren, die auch normativ zu begründen sind. `Toleranz´, die alles toleriert, löst sich gewissermaßen begrifflich und praktisch auf, `Erziehung´ die keine Grenzen akzeptablen Verhaltens kennt, ist überflüssig. Sowohl Toleranz als auch Erziehung operieren folglich mit Werturteilen, sie beruhen auf Selektionen und damit zugleich auf Formen der Ablehnung, weshalb beide in manchen pädagogischen Milieus häufig als fragwürdige Begriffe, ja geradezu als `dirty terms´ gelten. Man möchte stattdessen lieber `Vielfalt´ feiern und wertschätzen und Kinder freundschaftlich begleiten, statt sie zu erziehen.

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02 Jul

Toleranz als Achtung der Menschenwürde

Von Eva Steinherr (München)


Der Idee der Toleranz liegt die der Menschenwürde zugrunde. Beide Ideen tauchen in der Geschichte relativ spät und ziemlich parallel auf, nämlich im Zeitalter der Aufklärung. Sie waren Voraussetzung für das Entstehen demokratischer Rechtsstaatlichkeit.

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