19 Mrz

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

von Joachim Bromand (Bonn/Mannheim)


Hinsichtlich der Frage nach dem Sinn des Lebens sind zunächst zwei Fragestellungen zu unterscheiden: die ‚subjektive‘ Frage danach, ob bzw. wie es möglich ist, sein Leben sinnerfüllt zu gestalten, und die ‚objektive‘ Frage danach, ob unsere Existenz unabhängig von unseren eigenen Wünschen und Zielen einen bestimmten Zweck besitzt. Hinsichtlich der ersten, in der Philosophie zumeist diskutierten ‚subjektiven‘ Frage sind alltägliche Einschätzungen, welche Arten der Lebensführung sinnerfüllter sind als andere, an der Tagesordnung: „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“ (Loriot) Über dasjenige, was ein sinnerfülltes Leben aus- macht (und ob es tatsächlich einen Mops braucht), kann dabei freilich gestritten werden (vgl. den Beitrag von M. Kühler). Wollte man auf der Basis der uns heute bekannten Fakten aber etwa bestreiten, dass Mutter Theresa ein sinnerfülltes Leben geführt hat, verwendete man den Ausdruck sinnerfüllt wohl einfach in einem anderen als dem allgemein üblichen Sinne und redete somit am allgemeinen Sprachgebrauch vorbei. Im Folgenden wollen wir die ‚subjektive‘ Frage nach einem erfüllten Leben beiseitelassen und uns vielmehr der zweiten, ‚objektiven‘ Frage zuwenden. Hier geht es um die Frage(n), warum oder wozu wir existieren, wobei es im Rahmen der warum-Frage nicht um die physikalisch-biologischen Ursachen unseres Daseins, sondern im Sinne einer teleologischen Erklärung um dessen Funktion bzw. Zweck geht. Bei der zweiten Frage geht es dabei weniger um den spezifischen Sinn der Existenz eines einzelnen Individuums, sondern – wie bereits die bestimmten Artikel in „der Sinn des Lebens“ nahelegen – vielmehr um den Sinn der Existenz denkender Individuen wie uns überhaupt.

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05 Mrz

Wer fragt nach dem Sinn des Lebens?

von Christian Thies (Passau)


Oft hört man die Ansicht, alle Menschen würden nach dem Sinn des Lebens fragen, sogar in allen Epochen und in allen Kulturen. Diese Auffassung halte ich für falsch.

Zwar ist es richtig, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens zu denen gehört, die Immanuel Kant im ersten Satz zur Vorrede der ersten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ beschreibt: Fragen, mit denen die menschliche Vernunft sich selbst belästigt, die sie nicht abweisen kann und die doch ohne Antwort bleiben müssen. Dabei werden sie nicht falsch gestellt – sie ergeben sich im Gegenteil mit einer gewissen gedanklichen Notwendigkeit –, aber wir überschreiten mit ihnen die Grenzen unserer kognitiven Kompetenzen. Solche Fragen gehören in die Metaphysik. Die klassischen Themen, die Kant im Blick hatte, waren Seele, Welt und Gott. Typische Fragen einer modernen Metaphysik sind „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ und „Was darf ich hoffen?“.

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21 Feb

„Besser, nicht geboren zu sein“. Ist es rational, die eigene Existenz zu bedauern?

Dieser Blogbeitrag basiert auf einem Aufsatz, der im Schwerpunkt „Das Schöne, Wahre und Gute. Das sinnvolle Leben in der Diskussion“ in der Zeitschrift für Praktische Philosophie erschienen ist.


von Oliver Hallich (Duisburg-Essen)


Wohl jeder, der sich jenseits der Tagesroutine über das eigene Dasein und dessen Bedeutung Gedanken macht, wird in dunklen Momenten gelegentlich der Ansicht zuneigen, dass das eigene Leben sinnlos sei. Eine Überzeugung, die mit der Einstufung des eigenen Lebens als sinnlos häufig einhergeht, ist diejenige, dass es besser wäre, nicht geboren worden zu sein. Wer sein Leben als sinnlos ansieht, wird häufig seine Nicht-Existenz als vorzugswürdig gegenüber seiner Existenz einstufen und sich wünschen, nicht geboren worden zu sein. Was ist damit gemeint? Und lässt sich eine solche Überzeugung begründen?

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12 Feb

Wie uns Emotionen den Sinn des Lebens zeigen

von Elke Elisabeth Schmidt (Universität Siegen)


Gibt es so etwas wie einen Sinn des Lebens? Wenn ja, worin besteht er, und ist dieser Sinn für alle Menschen der gleiche? Angesichts der zunehmenden Kritik metaphysisch geprägter Weltbilder durch naturalistische Strömungen wird diese Frage auch in der Philosophie immer öfter negativ oder zumindest stark relativierend beantwortet. Sinn habe keinen Platz in einer naturwissenschaftlich aufgeräumten Welt; er sei im besten Fall auf schlechte Weise subjektiv und nie Gegenstand rationaler und das heißt zureichend begründender Argumentation. Ob es so etwas wie einen objektiven, und das soll wohl heißen auf die eine oder andere Weise metaphysisch robusten Sinn gibt oder nicht, soll und kann hier nicht Diskussionsgegenstand sein. Zumindest lässt sich aber Folgendes in aller Kürze sagen: Es gibt Grund skeptisch zu sein. Ein universaler, für alle Menschen festgelegter Sinn des Lebens, oder einer, der zwar für einzelne Individuen, aber unabhängig von deren Wollen besteht, ist, um es behutsam und mit angemessener epistemischer Vorsicht zu sagen, ungewiss. Ich glaube nicht, dass es ihn gibt, aber Glauben ist nicht Wissen und ich bin nicht alle. Wir können uns jedenfalls nicht sicher sein, und so gesehen kann es nicht schaden, nach einer Sinnquelle zu fragen, die ohne Götter und absolute Moral (die zu befolgen manchem verheißungsvoll scheinen könnte) bestehen würde.

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31 Jan

Ein sinnvoller Brückenbau. Viktor Frankl im Gespräch mit der gegenwärtigen Sinnphilosophie

von Roland Kipke (Eichstätt)

Dieser Blogbeitrag basiert auf einem Aufsatz, der im Schwerpunkt „Das Schöne, Wahre und Gute. Das sinnvolle Leben in der Diskussion“ in der Zeitschrift für Praktische Philosophie erschienen ist.


Was macht ein sinnvolles Leben aus? Wie kann man sinnvoll leben? Worin können wir Sinn finden? Diese Fragen stellen sich nahezu jedem Menschen. Sie gelten im Allgemeinen sogar als zentrale philosophische Fragen, doch die akademische Philosophie entdeckt sie erst in den letzten Jahren wieder. In der Existenzanalyse und Logotherapie von Viktor E. Frankl hingegen stehen sie seit jeher im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der österreichische Psychiater hat eine eigene Sinntheorie entwickelt und sie zur Basis seiner psychotherapeutischen Arbeit gemacht.

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17 Jan

Sinn im Leben durch soziale Einbettung

von Michael Kühler (Münster/Hannover)


Dieser Blogbeitrag basiert auf einem Aufsatz, der im Schwerpunkt „Das Schöne, Wahre und Gute. Das sinnvolle Leben in der Diskussion“ in der Zeitschrift für Praktische Philosophie erschienen ist.


Was vermag uns in unserem Leben das (begründete) Gefühl zu geben, dass wir ein sinnvolles Leben führen? Anders gefragt: Welche Elemente in unserem Leben haben das Vermögen, sinnstiftend zu sein?

Die Frage nach dem sinnvollen Leben bzw. der Kategorie des Sinns im Leben hat in jüngerer Zeit in der Philosophie wieder zunehmende Beachtung gefunden, wie nicht zuletzt auch der aktuelle Schwerpunkt zum Thema in der Zeitschrift für Praktische Philosophie bezeugt, auf den sich dieser Blogbeitrag gründet.[1] Diskutiert wird nicht nur einmal mehr die klassische Frage nach einem möglichen Sinn des Lebens im Ganzen, sondern in erster Linie die Frage nach dem Sinn im Leben, d.h. was ein Leben zu einem sinnvoll geführten Leben macht. Paradebeispiele hinsichtlich der letzteren Frage, die in der Literatur immer wieder angeführt werden, sind Nelson Mandela, Mutter Teresa, Albert Einstein und Fjodor Dostojewski, die jeweils Werte wie Freiheit, Barmherzigkeit, wissenschaftliche Erkenntnis oder künstlerisches Schaffen verfolgt, befördert oder geschaffen haben.[2] Ein sinnvolles Leben ist demnach eines, in dem die Person bestimmten als wertvoll und daher sinnstiftend angesehenen Tätigkeiten nachgeht oder bestimmte zur Sinnstiftung geeignete Werte zu befördern sucht.[3]

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03 Jan

Was Melvilles Moby Dick mit dem Sinn des Lebens zu tun hat

von Susanne Hiekel (Duisburg-Essen)


Moby Dick wird wohl üblicherweise als Abenteuerroman aufgefasst und die im Titel hergestellte Verbindung zum Thema des Blogs scheint auf den ersten Blick seltsam zu sein. Der zweite Blick – durch die Brille der Autoren Hubert Dreyfus und Sean Dorrance Kelly – eröffnet allerdings die Verbindung. In All Things Shining stellen Dreyfus und Kelly exemplarisch anhand moderner Klassiker der westlichen Literatur eine Entwicklungsgeschichte von philosophischen Haltungen zur Lebenssinnfrage dar. Sie skizzieren diese Geschichte ausgehend von der verzauberten Welt eines Homerischen Polytheismus und endend in der heutigen entzauberten Welt, die dem Aufklärungsgedanken autonomen Entscheidens verpflichtet ist und mit einem Lebenssinn-Nihilismus einhergeht. Der moderne Klassiker Infinite Jest von David Foster Wallace (im Deutschen Unendlicher Spaß) exemplifiziert diese nihilistische Haltung. Diesem Werk geht nun Melvilles Moby Dick von 1851 voraus, und bildet den Autoren zufolge mit bestimmten Inhalten sozusagen die Vorstufe, die zum Nihilismus führt. Dreyfus und Kelly selbst plädieren allerdings für eine Renaissance eines Homerischen Polytheismus, bei dem wir „act at our best when we open ourselves to being drawn from without.“ (Dreyfus und Kelly 2011, S. 142).

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