28 Apr

Heute Nietzsche?

Von Niklas Corall (Paderborn)


Zu runden Geburtstagen einflussreicher Gestalten ist es üblich, die Aktualität ihres Schaffens einzuordnen. Anlässlich des 175. Geburtstags Friedrich Nietzsches wird die Diskussion „Nietzsche heute“ jedoch von der Frage „heute Nietzsche?“ überschattet, von der Frage, ob man heute noch guten Gewissens Nietzsche lesen dürfe. Die politische Landschaft erscheint als beklemmendes Argument gegen sein Denken. Unverantwortlich erscheint jede Philosophie, die narrative Gestaltungsmöglichkeiten eines dem Gesetz der Wahrheit nicht unterliegenden „Schaffenden“ gegenüber dem vernünftigen, demokratischen Diskurs stark macht. Positioniert man sich als Wertschätzer von Nietzsches Denkens, unterliegt man dem Verdacht, Befürworter des post-faktischen Elements zu sein, dem neuen Schlachtfeld politischer Dispute. Schlimmstenfalls erscheint man als Advokat der wieder aufkeimenden politischen Kultur „starker“ werteschaffender Männer oder rassistisch-völkischer Abgrenzungsnarrative. Nicht selten hört man zu Nietzsche, seine Aufweichung rationaler Grundsätze, Wertekontexte und insbesondere der Wahrheit als Basis humanistischen Fortschritts sei eine Wurzel gegenwärtigen Übels.

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11 Feb

Vom Horror der Philosophie. Ein Essay zu Friedrich Nietzsches 175. Geburtstag

von Eike Brock (Bochum)


„Mein heutiges Leben ist alles andere als glücklich, aber durch die Antidepressiva habe ich einen Boden unter den Füßen.“

(Jamie Morton in Stephen Kings Revival)

I. Trudeln mit Descartes

In René Descartes’ Meditationes de prima philosophia (1641) ist es besonders augenfällig: Die Philosophie – ich schere hier Vielgestaltiges großzügig über einen Kamm – verfügt über ein ausgezeichnetes Talent: Sie ist in der Lage, dem Menschen sogar dann den Boden unter den Füßen wegzuziehen, wenn sie eigentlich angetreten ist, um ein stabiles Fundament zu errichten, auf dem sich bauen lässt. Genau genommen handelt es sich natürlich nicht um ein Talent, sondern eher um eine unheilvolle Konsequenz, die sich daraus ergibt, dass die Philosophie als begründende Wissenschaft den Dingen auf den Grund geht. Spätestens seitdem Gott verstorben ist,[1] stoßen Philosophinnen und Philosophen bei ihren Ergründungen regelmäßig auf Abgründe, in die sie manchmal auch hinabstürzen. Ebenso wäre es auch Descartes ergangen, der freilich noch ein Zeitgenosse Gottes war, den er aber während seiner Überlegungen zunächst ausklammerte. Hätte Descartes an einem bestimmten Punkt seines Nachdenkens unter Aufbietung aller Magie seines beeindruckenden Verstandes nicht vermittels gleich zweier scharfsinniger, letztlich dann aber doch nicht vollständig überzeugender Gottesbeweise doch wieder Gott aus dem Hut gezaubert, so wäre er gewiss gefallen.

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09 Jan

Vom Nutzen und Nachteil von Nietzsches Historienkritik

Von Katrin Meyer (Basel/Zürich)


Das intellektuelle Interesse an Friedrich Nietzsche hat seine eigenen Konjunkturen und folgt eigenen, oft vergänglichen, Aufmerksamkeitsökonomien, die durch theoretische und gesellschaftspolitische Strömungen mitbeeinflusst sind. Nach wie vor lohnend erscheint mir aus heutiger Sicht, sich mit dem Geschichtsverständnis und der Geschichtskritik Nietzsches auseinanderzusetzen, auch wenn das Thema auf den ersten Blick viel von seiner Brisanz und Aktualität verloren hat. So sind zentrale Thesen, die Nietzsche in den 1870er und 1880er Jahren formuliert hat, mittlerweile für das Selbstverständnis der westlichen Gesellschaften Programm und haben ihr aufrührerisches Potential verloren. Dazu gehört insbesondere Nietzsches Diagnose, die Modernität von Gesellschaften und Individuen zeige sich an ihrem nihilistischen Grundzug. Der Nihilismus der Moderne bedeutet demgemäß, dass tradierte Werte und Wahrheiten ihre Geltung verlieren, ja dass die Idee einer überhistorischen Wahrheit überhaupt fraglich wird und es demnach zur Aufgabe der Gegenwart gehört, sich verbindliche Werte und Wahrheiten selbst zu schaffen. Die existenziellen Konsequenzen, die Nietzsche aus dieser historischen Ausgangslage ableitet, sind für das Lebensgefühl und die Alltagspraxis vieler Menschen im 21. Jahrhundert heute selbstverständlich geworden: Individualität, Kreativität und Originalität gelten als primäre Sinnstiftung des persönlichen Lebens und eine kritisch-distanzierte Haltung zu allen tradierten Wahrheiten und Werten erscheint als Bedingung und Voraussetzung der eigenen Gestaltungsmacht. Nietzsches Verknüpfung von Nihilismus und Freiheit ist damit in das Narrativ der (europäischen) Moderne eingegangen.

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26 Dez

Über die „Kluft zwischen Nehmen und Geben“. Vom Schenken des Beschenkt-Werdenden

Von Sarah Bianchi (Frankfurt)


Nun ist es soweit: In diesem Herbst feiern wir Nietzsches 175. Geburtstag. Zu Geburtstagen macht man bekanntlich Geschenke. Das will ich nun nicht tatsächlich tun. Doch eben dies zum Anlass nehmen, um solche Passagen aus seinem Werk herauszugreifen, die sich um das Motiv der sozialen Praktik des Schenkens und um die damit einhergehenden relationalen Gesten des „Nehmen[s] und Geben[s]“ (EH, 6, 346) drehen. Solche leisen Zwischentöne werden bisweilen weniger in Nietzsches Werk verfolgt. Zu oft wird Nietzsche bloß als der Philosoph abgestempelt, der mit dem ‚Hammer philosophiert’. Doch bei genauerem Hinsehen, bei einer Technik also, die er im Übrigen selbst einfordert und sie auch in seiner Lehre einübt, springt einem augenblicklich ins Auge, dass er einen ganz anderen Hammer im Blick hat, nämlich ein Hämmerchen, genaugenommen den Auskultationshammer, wie er hierzu in seiner späten Schrift Götzen-Dämmerung Auskunft gibt. Dieses Hämmerchen kennen wir nur zu gut aus der Medizin. Mit ihm klopft uns der Arzt ab, um genau das hören zu können, was sich mit den bloßen Ohren nicht so leicht vernehmen lässt. So ähnlich verhält es sich mit den leisen Zwischentönen nach Nietzsche. Sie machen im Kleinen aufmerksam auf dasjenige, was im Großen aus dem Rahmen fällt. Meiner Interpretation zufolge charakterisiert eine solche Technik sowohl Nietzsches eigenes Werk als auch dessen Sichtweise auf die Mitwelt. Was dies für das Fallbeispiel des Schenkens bedeutet, soll im Folgenden erkundet werden.[1]

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12 Dez

Mit Nietzsche gegen Nietzsche, oder Nietzsche über ehrliche und blauäugige Lügen

von Maria-Sibylla Lotter (Bochum)


Unsere Gegenwart durchzieht ein widersprüchliches Verhältnis zur Wahrheit, an dem Nietzsche nicht ganz unschuldig ist. Wie der Philosoph Bernard Williams in seiner Studie über Wahrheit und Wahrhaftigkeit diagnostiziert hat, scheinen wir uns einerseits der Wahrheit höchst verpflichtet zu fühlen[1] indem wir in den Wissenschaften und der Politik eine „Schule des Verdachts“ kultivieren, wie es Nietzsche nannte (MA §1). Der Verdacht richtet sich weniger gegen individuelle Lügen, als auf strukturell verankerte Täuschungen, Ideologien und kulturell produzierten Schein aller Art. Man versucht verborgene Macht- und Herrschaftsstrukturen hinter wissenschaftlichen Paradigmen, sozialen Institutionen oder politischen Reformprogrammen zu entlarven. Andererseits hat sich gleichzeitig mit dieser Forderung nach Entlarvung des biederen Scheins ein ebenso grundlegendes Misstrauen gegen über der Wahrheit selbst entwickelt, das sich ebenfalls auf Nietzsche berufen kann. Nietzsche hatte die Frage „Was also ist Wahrheit?“  in seiner berühmten Schrift Über Wahrheit und Lüge im Aussermoralischen Sinne bekanntlich so beantwortet: „Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen […,] die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: Die Wahrheiten sind Illusionen, über die man vergessen hat, dass sie welche sind […]“. Und später, in der (über die Rezeption Michel Foucaults) besonders einflußreichen Genealogie der Moral, hatte er Erkenntnisse als Formen der Überwältigung und Zurechtmachung im Dienste des „in allem Geschehen sich abspielenden Macht-Willens“ (GM II, § 12) bezeichnet. Das legt die Überlegung nahe, ob man nicht ehrlicherweise aufhören sollte, sich selbst vorzuspiegeln, es ginge einem um die Tatsachen. Warum sollte man die wissenschaftliche oder politische Auseinandersetzung dann nicht gleich als das behandeln, was sie ist, nämlich einen Machtkampf, in dem Lügen miteinander konkurrieren? Tatsächlich findet man heute in den Kulturwissenschaften nicht selten Personen, die beide Haltungen gleichzeitig vertreten – das Entlarven von (oft recht schematischen) Wahrheiten und den Unglauben an die Wahrheit. Bekanntlich beruft man sich auch neuerdings in der Politik auf die Möglichkeit von „Alternative facts“ und scheint damit Nietzsches Lehre aufzugreifen, daß es keine Wahrheit, sondern nur Interpretationen im Dienste von Macht-Willen gebe. Sind Trumph und Putin hier nicht die konsequentesten Schüler Nietzsches?

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28 Nov

Wille zur Macht, Wahrheit und Moral. Große – und aktuelle – Themen der Philosophie Nietzsches

von Beatrix Himmelmann ( Tromsø)


Nietzsche ist heute ein höchst lebendiger Denker; weltweit finden seine Ideen ein Echo. Er gehört zu den meist zitierten und diskutierten Autoren der abendländischen philosophischen Tradition. Warum ist das so? In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Nietzsche schrieb, philosophische Abhandlungen und Aphorismen, aber auch literarische Texte wie die Dionysos-Dithyramben, deutete wenig auf eine derart durchschlagende Wirkung. Nietzsche selbst fühlte sich oft verkannt. „Ich selber bin noch nicht an der Zeit, Einige werden posthum geboren“, so schätzte er die eigene Stellung in der späten Schrift Ecce Homo ein. Der weit reichende Einfluss seines Denkens sollte sich tatsächlich erst nachträglich entfalten; er setzte spätestens mit der Jahrhundertwende (Nietzsche starb im August 1900) ein und verstärkte sich mit der Publikation unveröffentlichter Manuskripte aus dem Nachlass. Zu erwähnen sind besonders die späten fragmentarischen Notizen, die alle großen Themen der Philosophie Nietzsches behandeln und die zuerst 1901 unter dem – freilich irreführenden – Titel Der Wille zur Macht erschienen.

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14 Nov

Antike, Kunst und Literatur. Ein Blick in die Basler Vorlesungen Friedrich Nietzsches.

von Carlotta Santini (Paris)


‚Friedrich Nietzsche und die Philologie‘ gilt seit einigen Jahren als ein echtes Schlagwort in der Nietzsche-Forschung. Viele bemerkenswerte Arbeiten haben sich schon darum bemüht, die Beziehung Nietzsches zur klassischen Philologie, zu ihren Methoden und ihren Perspektiven durch die Bestimmung und Bewertung derjenigen Faktoren zu rekonstruieren, die später für seine philosophische Reflexion fruchtbar geworden sind. Der ‚Philologe Nietzsche‘ ist in der Tat viel mehr als eine kurze Phase im Leben des ‚Philosophen Nietzsche‘. Erstens war diese Phase nicht kurz, denn sie umfasst die gesamte schulische und universitäre Ausbildung Nietzsches sowie die zehn Jahre seiner akademischen Lehrtätigkeit (bis 1879), die er nach dem in jungen Jahren erhaltenen Ruf auf den Lehrstuhl für Griechische Sprache und Literatur der Universität Basel ausübte. Zweitens war es nicht nur eine Phase, denn seine klassische Ausbildung, sein kulturelles Vermögen und seine Kenntnisse des Altertums übertrafen an Tiefe alle anderen Bereiche der Bildung Nietzsches und blieben immer die allerersten Quellen, aus denen er seine Gedanken und die Vorbilder für seine philosophischen Untersuchungen schöpfte.

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31 Okt

Einsamkeit als Denk- und Lebensform bei Friedrich Nietzsche

von Raphael Rauh (Freiburg)


Friedrich Nietzsche wird 175 Jahre. Ist das zu alt für uns? Hat seine Philosophie noch die Kraft, uns zu bewegen? Gewisse Aussagen, aus seinem Werk herausgelöst und für bare Münze genommen, haben etwas Geschmackloses und Abstoßendes. Die Art allerdings, wie er fragt und zu antworten versucht, ist zeitlos. Philosophie, wie sie ansteckender und mitreißender nicht sein könnte… Die Aktualität des nietzscheschen Philosophierens lässt sich an Problemen darstellen, die für ihn eine existentielle wie philosophische Herausforderung waren und die auch uns berühren. Eines davon ist die Einsamkeit.

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15 Okt

Was kann man mit Nietzsches Philosophie politisch anfangen?

von Hans-Martin Schönherr-Mann (München)


Fridays for Future stiehlt den rechten Populisten gerade die Show. Greta Thunberg erhält explizit für ihr zivilgesellschaftliches Engagement den alternativen Nobelpreis. Altlinke wie Slavoj Žižek, Nancy Fraser, Paul Mason, Wolfgang Streeck oder Eva Illouz hadern mit den Emanzipationsbewegungen der letzten 50 Jahre, denen sie Kollaboration mit dem Neoliberalismus vorwerfen, applaudieren gar ein wenig den Nationalisten oder kehren in traditionelle Lebensformen ein. Die Rechtspopulisten möchten vor die Kennedy-Ära zurück oder Rot-Grün beerdigen – wahrscheinlich im Sinne des Wortes.

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