19 Nov

Unwissenheit als Unvermögen

von Hannes Worthmann (Erlangen)


Die philosophische Untersuchung des Wissensbegriffs wird nach wie vor dominiert von Varianten der sogenannten Standardanalyse des Wissens. Demnach weiß eine Person S genau dann, dass p der Fall ist, wenn S gerechtfertigt davon überzeugt ist, dass p der Fall ist, und p auch tatsächlich der Fall ist. Neben der Standardauffassung existiert eine weniger verbreitete Sichtweise: Wissen ist eine Fähigkeit. Erachtet man Wissen als Fähigkeit, ist es naheliegend, Unwissenheit als Unvermögen oder Unfähigkeit aufzufassen: Personen, die um einen bestehenden Sachverhalt nicht Wissen, fehlt die Fähigkeit, sich im Denken und Handeln von diesem leiten zu lassen. Um diese Idee verständlich zu machen, werde ich zunächst Grundlegendes zum Begriff der Fähigkeit sagen und dann die Fähigkeitskonzeption des Wissens skizzieren. Im Anschluss wird es um das Phänomen der Unwissenheit gehen.

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29 Okt

Das Nichtwissen über die Verfasstheit unseres Geldes

von Simon Derpmann (Münster)


Henry Ford wird ein Bonmot zugeschrieben, gemäß dem wir angesichts des Nichtwissens über die Verfasstheit unseres Geldes erleichtert sein sollten, bzw. darüber dass die meisten Menschen die Funktionsweise des Geldwesens nicht thematisieren oder nur unvollständig begreifen: „it is well enough that people of the nation do not understand our banking and monetary system, for if they did, I believe there would be a revolution before tomorrow morning.“ Es mag zwar bezweifelt werden, ob eine breite Einsicht in die Grundmechanismen des Banken- und Geldwesen eine Revolution auslösen könnte, geschweige denn über Nacht. Gleichwohl ist es angesichts der zentralen gesellschaftlichen Bedeutung des Geldes in der Tat bemerkenswert, wie wenig wir die fundamentalen Mechanismen des Geldsystems durchdringen, von dem wir doch ausnahmslos abhängen. Die Institution Geld ist maßgebend für die Zuschreibung ökonomischer Vermögensmacht, denn das Geldsystem stellt gewissermaßen eine dezentrale gesellschaftliche Bilanz dar, in der Guthaben und Verbindlichkeiten eines jeden Wirtschaftssubjekts, und damit Ansprüche an den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand, verbucht werden. Insofern schiene es naheliegend anzunehmen, dass der Mechanismus der Geldschöpfung und -verteilung zum allgemein geteilten Wissensbestand gehörte. Wer würde sich nicht über eine Kartenspielrunde wundern, deren Teilnehmerinnen zwar um echte Einsätze spielen, aber nur vage oder falsche Vorstellungen davon haben, nach welchen Regeln der Spielstand notiert wird? 

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30 Jul

Das Nichtwissen und das Unbewusste – psychoanalytisch-philosophische Betrachtungen

von Hilmar Schmiedl-Neuburg (Kiel)


1.      Das Nichtwissen und das Unbewusste in der Psychoanalyse

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“. So eröffnet Sokrates in seinen aporetischen Dialogen die Epoche der klassischen griechischen Philosophie und charakterisiert im Symposion Platons die gesamte Philosophie, schon von ihrem Namen her, als ein liebendes Suchen der Weisheit und damit auch als ein Wissen um das eigene Nichtwissen. Die Problematik des Nichtwissens ist insofern der Philosophie als Hauptfrage schon zu ihrem Beginn in ihren Namen gelegt und wurde von ihr in ihrer Geschichte stets von Neuem thematisiert.

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14 Jul

Die Grenzen unseres Wissens vom Guten

Von Falk Hamann (Frankfurt am Main)


Der Hinweis darauf, dass unser Wissen vom Guten beschränkt ist, ist kein Vorrecht des ethischen Skeptikers, der grundsätzlich die Möglichkeit objektiver Erkenntnis in ethischen Fragen bestreitet. Auch wenn wir an der Objektivität ethischer Urteile festhalten wollen, kommen wir nicht umhin anzuerkennen, dass unserem Erkennen im Bereich des Handelns Grenzen gesetzt sind – Grenzen, die sich so in anderen Bereichen der Wirklichkeit nicht finden. Eine Auseinandersetzung mit ihnen ist durchaus fruchtbar und für die Ethik gewinnbringend. Das soll hier anhand von zwei Denkern gezeigt werden – zum einen Aristoteles, der speziell das ethisch Gute in den Blick nimmt, zum anderen Franz Brentano, dem es allgemein um die Weise geht, wie wir Gutes erkennen. Beide liefern uns Einsichten, die zu einer Selbstvergewisserung und erkenntnistheoretischen Absicherung der Ethik beitragen.

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18 Jun

Was, wenn wir nicht wissen, dass wir einen Android lieben?

Von Michael Kühler (Münster/Twente)


Auch wenn die Entwicklung von KI und Robotik unbestreitbar große Fortschritte macht, so sind wir doch noch weit davon entfernt, „künstliche Menschen“ oder Android zu erschaffen, die wir nicht (mehr) unmittelbar als solche identifizieren können. „Replikanten“ im Film Blade Runner, „Synths“ in der Serie Humans („Hubots“ im schwedischen Original Real Humans) oder die organischen Androiden der Zylonen in der Wiederauflage der Serie Battlestar Galactica bleiben – zumindest bis auf Weiteres – Science-Fiction.

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02 Jun

Das Recht auf Nichtwissen in der Medizin

Von Joachim Boldt (Freiburg) & Franziska Krause (Heidelberg)


Habe ich ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Altersdemenz? Oder für eine andere genetisch bedingte Erkrankung? Wer will, kann sein Genom bei kommerziellen Online-Anbietern auf solche Erkrankungen hin analysieren und auswerten lassen. Das kostet nicht viel und es geht schnell. Was macht man aber dann, wenn das Ergebnis tatsächlich ein erhöhtes Risiko angibt? Was, wenn sich der Krankheit nicht vorbeugen lässt und sie nicht zu therapieren ist?

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20 Mai

‚Nicht wissen‘ und ‚Nicht-Wissen‘. Begriffsanalytische und sprachpragmatische Betrachtungen

von Wolfgang Lenzen (Osnabrück)


Im Alltag passiert es allzu häufig, dass wir etwas, das andere von uns wissen wollen, leider nicht wissen:

  • „Wo sind die Wagenschlüssel?“ – „Ich weiß es nicht!“
  • „Wer war der Mann gerade, der uns zugelächelt hat?“ – „Ich weiß es nicht!“
  • „Wann beginnen in Niedersachsen 2020 die Sommerferien?“ – „Ich weiß es nicht!“
  • „Wie heißt der gegenwärtige Ministerpräsident von Polen?“ – „Ich weiß es nicht!“ …

In gewisser Weise gilt für jeden von uns, dass unser Nicht-Wissen unser Wissen quantitativ weit übertrifft. Im Folgenden soll dieses Nicht-Wissen begriffslogisch näher analysiert werden. Dazu ist es unabdingbar, zunächst den positiven Begriff des Wissens zu präzisieren, und dieses setzt wiederum voraus, auch das Verhältnis von Wissen und Glauben zu klären.

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05 Mai

„Chaos in Ordnung bringen“. Zum Umgang mit Unsicherheit und Ungewissheit im Recht

Von Ino Augsberg (Kiel)


I. Einleitung

Rudolf Wiethölter, einer der wichtigsten deutschen Rechtstheoretiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, charakterisiert sein Verständnis des Rechts gerne mit einer Formel, die er selbst von Adorno übernommen haben will. Diese Quellenangabe ist allerdings eher Reverenz als Referenz. Denn sie unterschlägt, dass der entscheidende Witz jener Formel erst durch Wiethölter geschaffen wird. Erst seine Streichung eines bei Adorno noch gegebenen bestimmten Artikels subvertiert die Ordnung des originalen Satzes und bringt dessen ursprünglich eindeutige Aussage in die Schwebe einer gegenwendigen Doppelbedeutung. Aus Adornos etwas bemüht antibürgerlicher Formulierung, „Aufgabe von Kunst heute“ sei es, „Chaos in die Ordnung zu bringen“ (Adorno 1994, 298), wird bei Wiethölter die knappere, auch imperativisch zu lesende Formel: „Chaos in Ordnung bringen“ (Wiethölter 1994, 107; dazu näher Zabel 2019), die sich in beide Richtungen zugleich lesen lässt, weil sie sowohl Ordnen des Chaos wie Chaotisierung der Ordnung heißen kann.

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21 Apr

Liebe, Verliebtheit und Nichtwissen: Ortegas Kritik an Stendhals Kristallisationstheorie

von Michael Kühler (Münster/Twente)


Liebe, Verliebtheit und Nichtwissen: Ortegas Kritik an Stendhals Kristallisationstheorie

Wie gut kennen wir die Personen, die wir lieben? Einerseits wäre es sicher seltsam, wenn wir über sie nichts oder wenig wüssten. Praktisch alle Vorstellungen von Liebe umfassen auf die ein oder andere Weise die Idee, die geliebte Person möglichst gut zu kennen. Folgt man beispielsweise der Idee, dass es Gründe für die Liebe gibt,[1] so erlaubt erst eine (hinreichende) Kenntnis der geliebten Person, diese als angemessenes Objekt der Liebe ansehen und die Liebe dadurch rational begründen zu können – oder zumindest rational verstehbar zu machen.[2] Die Vorstellung wiederum, die Liebe sei eine spezielle Sorge um die geliebte Person verbunden mit dem Wunsch, ihr Wohlergehen zu befördern,[3] bedarf einer (hinreichenden) Kenntnis der geliebten Person, um zumindest zu wissen, wie man ihr Wohlergehen tatsächlich fördern kann. Wird Liebe schließlich so verstanden, dass sie in einem gemeinsamen Teilen des Lebens[4] oder gar in einer Vereinigung der Liebenden hin zu einer geteilten Wir-Identität[5] besteht, so lässt sich auch dies kaum ohne ein hinreichenden Wissen der Liebenden umeinander denken. So verstanden scheint für ein Nichtwissen in erfolgreicher Liebe kein Platz zu bleiben.

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31 Mrz

Epistemische Verletzlichkeit und gemachte Unwissenheit

von Christina Schües (Lübeck)


Verletzlichkeit

Das Gefühl, in die Unwissenheit verbannt zu werden und seinen Sinnen nicht mehr trauen zu können, macht Menschen verletzlich. Verletzlichkeit ist ein Begriff, der sich auf das Leben, den Körper, die Sprache, Gefühle, aber auch die Wissensordnung bezieht. Die Verletzung gehört in den Bereich einer negativen Sozialphilosophie, die davon ausgeht, was normativ nicht sein soll. Verletzlichkeit bedeutet, dass jemand noch nicht verletzt ist, dass aber durchaus eine Empfindlichkeit, eine Sensibilität, eine Beziehungskomponente, ein Verhältnis existieren, welche Verletzungen – die nicht sein sollen – möglich machen. Der Begriff der Verletzlichkeit richtet sich auf die existentielle körperliche, sprachliche, soziale oder rechtliche Unsicherheit oder Zerbrechlichkeit der einzelnen Person und deren Beziehungen. Menschen sind anderen ausgesetzt und mehr oder weniger verletzlich entsprechend innerer und äußerer Faktoren. Diese Faktoren richten sich nicht nur auf Bedingungen der körperlichen Konstitution oder der Umwelt, sie beziehen sich auch auf die Wissens- und Rechtsordnung einer Gesellschaft, nämlich dann, wenn gefragt wird, wer gehört wird und wer überhaupt ein Unrecht als Unrecht im politisch-ethischen Sinn formulieren kann.

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