09 Mrz

Wahlrecht nur für Wissende? – Epistokratie, Ungleichheit und der Begriff politischen Wissens

von Jonas Carstens (Düsseldorf)


„Ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben, wie wenig die Wähler wissen.“ – Jason Brennan (2017, 54)

In diesem Satz drückt der Autor des Buches Gegen Demokratie Jason Brennan seinen Unmut über den schlechten Informationsstand der Wähler*innen aus; Unmut, welchen viele Menschen angesichts grassierender Verschwörungstheorien über Corona-Maßnahmen und Impfungen sicherlich nachempfinden können. Die Demokratie ist auf kompetente Wähler*innen angewiesen. Was aber, wenn es ihnen an Kompetenz fehlt?

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04 Jan

“Das wüsste ich aber!” Zur Ehrenrettung des argumentum ad ignorantiam

von Hans Rott (Regensburg)


1. Einleitung

In einer virtuellen Pressekonferenz am 30. März 2020 sagte Michael J. Ryan, der Direktor des WHO-Programms für Gesundheitsnotfälle: “there is no specific evidence to suggest that the wearing of masks by the mass population has any particular benefit.” Dass es keine Indizien dafür gebe, die belegen, dass das Tragen von Masken für die von COVID-19 heimgesuchte Allgemeinheit etwas bringt, wurde allgemein so verstanden, dass das Maskentragen keinen Effekt hat. Es galt sozusagen als Bestätigung dessen, was Jerome Adams, der Surgeon General der USA, schon einige Wochen vorher getwittert hatte: “Seriously people – stop buying masks! They are NOT effective in preventing general public from catching #Coronavirus”. So verstanden erscheint Ryans Aussage als ein typisches Beispiel des sogenannten Fehlschlusses aus der Unwissenheit: Es gibt keine Beweise für den Nutzen von Masken, also nützen sie nichts. Wenn es anders wäre, dann wüsste ich das doch! Dass dies keine gute Schlussfolgerung war, ist uns allen heute klar.[1]

SENECA äußerte den Satz “Das wüsste ich aber” immer dann, wenn er anderer Meinung war als seine Dialogpartner, gelegentlich verbunden mit einer Weigerung, Wissenslücken zuzugeben. Der Satz wurde oft als Ausdruck der Persönlichkeit SENECAS angesehen. Tatsächlich führte allerdings wohl einfach ein fehlerhafter Balpirol-Halbleiter zu einem übersteigerten Selbstbewusstsein SENECAS. SENECA ist seit der Inbetriebnahme im Jahre 3540 die zentrale Hyperinpotronik des Fernraumschiffes SOL. Die Solaner schreiben dem Computer Intelligenz und eine Seele zu. So ist es jedenfalls in den vormals berühmten deutschen Perry-Rhodan– und Atlan-Serien.[2]

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14 Dez

“Warum sollte ich’s besser wissen als andere?” Meinungsverschiedenheiten als Quelle des Nichtwissens

von Marc Andree Weber (Mannheim)


Um zu Anfang ein wenig auszuholen: In der klassischen chinesischen Philosophie findet sich bei Zhuangzi, der ungefähr 365 v. Chr. geboren wurde, folgende berühmte Stelle:

Eines nachts träumte Zhuangzi, er sei ein Schmetterling – ein glücklicher Schmetterling, der auf und nieder flatterte, wie er wollte, und nichts davon ahnte, Zhuangzi zu sein. Plötzlich wachte er, schläfrig noch, als Zhuangzi wieder auf. Und er konnte nicht sagen, ob es Zhuangzi war, der geträumt hatte, er sei ein Schmetterling, oder der Schmetterling, der träumte, er sei Zhuangzi. Doch muss zwischen beiden ein Unterschied sein! Das nennt man den “Wandel der Dinge”.[1]

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07 Sep

Shut up and take my money – Die Bedeutung von Nichtwissen für die Konsumverantwortung

Von Sebastian Müller (Köln)


Der Händler, der in Matt Groenings Cartoonserie Futurama die Verkaufsbedingungen des neuen Eye-Phone herunterbetet (“Macht 500 $, läuft nur über einen Provider, die Batterie wird schnell leer und der Empfang ist nicht sehr gut”), wird von dem Hauptprotagonisten Fry mit den Worten „Halt den Mund und nimm mein Geld“ in seinem Sermon unterbrochen. Fry ist so begeistert von dem neuen Smart-Device, dass er alle potenziell störenden Informationen, die mit dem Gerät in Verbindung stehen könnten, im Vorfeld ausblendet. Im Fortgang der Serie verwandelt das Eye-Phone alle NutzerInnen in zombieähnliche Lakaien des Eye-Phone Konzerns.

Ist Fry aufgrund des lückenhaften Informationsstands davor bewahrt, Verantwortung für seinen Konsum übernehmen zu müssen, gibt es marktimmanente Strukturen, die Frys‘ Nichtwissen fördern und ist seine ablehnende Haltung gegenüber unliebsamen Produkt- und Produktionsinformationen symptomatisch für den Konsumalltag? Diesen Fragen möchte ich im Folgenden etwas genauer nachgehen.

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19 Nov

Unwissenheit als Unvermögen

von Hannes Worthmann (Erlangen)


Die philosophische Untersuchung des Wissensbegriffs wird nach wie vor dominiert von Varianten der sogenannten Standardanalyse des Wissens. Demnach weiß eine Person S genau dann, dass p der Fall ist, wenn S gerechtfertigt davon überzeugt ist, dass p der Fall ist, und p auch tatsächlich der Fall ist. Neben der Standardauffassung existiert eine weniger verbreitete Sichtweise: Wissen ist eine Fähigkeit. Erachtet man Wissen als Fähigkeit, ist es naheliegend, Unwissenheit als Unvermögen oder Unfähigkeit aufzufassen: Personen, die um einen bestehenden Sachverhalt nicht Wissen, fehlt die Fähigkeit, sich im Denken und Handeln von diesem leiten zu lassen. Um diese Idee verständlich zu machen, werde ich zunächst Grundlegendes zum Begriff der Fähigkeit sagen und dann die Fähigkeitskonzeption des Wissens skizzieren. Im Anschluss wird es um das Phänomen der Unwissenheit gehen.

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29 Okt

Das Nichtwissen über die Verfasstheit unseres Geldes

von Simon Derpmann (Münster)


Henry Ford wird ein Bonmot zugeschrieben, gemäß dem wir angesichts des Nichtwissens über die Verfasstheit unseres Geldes erleichtert sein sollten, bzw. darüber dass die meisten Menschen die Funktionsweise des Geldwesens nicht thematisieren oder nur unvollständig begreifen: „it is well enough that people of the nation do not understand our banking and monetary system, for if they did, I believe there would be a revolution before tomorrow morning.“ Es mag zwar bezweifelt werden, ob eine breite Einsicht in die Grundmechanismen des Banken- und Geldwesen eine Revolution auslösen könnte, geschweige denn über Nacht. Gleichwohl ist es angesichts der zentralen gesellschaftlichen Bedeutung des Geldes in der Tat bemerkenswert, wie wenig wir die fundamentalen Mechanismen des Geldsystems durchdringen, von dem wir doch ausnahmslos abhängen. Die Institution Geld ist maßgebend für die Zuschreibung ökonomischer Vermögensmacht, denn das Geldsystem stellt gewissermaßen eine dezentrale gesellschaftliche Bilanz dar, in der Guthaben und Verbindlichkeiten eines jeden Wirtschaftssubjekts, und damit Ansprüche an den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand, verbucht werden. Insofern schiene es naheliegend anzunehmen, dass der Mechanismus der Geldschöpfung und -verteilung zum allgemein geteilten Wissensbestand gehörte. Wer würde sich nicht über eine Kartenspielrunde wundern, deren Teilnehmerinnen zwar um echte Einsätze spielen, aber nur vage oder falsche Vorstellungen davon haben, nach welchen Regeln der Spielstand notiert wird? 

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30 Jul

Das Nichtwissen und das Unbewusste – psychoanalytisch-philosophische Betrachtungen

von Hilmar Schmiedl-Neuburg (Kiel)


1.      Das Nichtwissen und das Unbewusste in der Psychoanalyse

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“. So eröffnet Sokrates in seinen aporetischen Dialogen die Epoche der klassischen griechischen Philosophie und charakterisiert im Symposion Platons die gesamte Philosophie, schon von ihrem Namen her, als ein liebendes Suchen der Weisheit und damit auch als ein Wissen um das eigene Nichtwissen. Die Problematik des Nichtwissens ist insofern der Philosophie als Hauptfrage schon zu ihrem Beginn in ihren Namen gelegt und wurde von ihr in ihrer Geschichte stets von Neuem thematisiert.

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14 Jul

Die Grenzen unseres Wissens vom Guten

Von Falk Hamann (Frankfurt am Main)


Der Hinweis darauf, dass unser Wissen vom Guten beschränkt ist, ist kein Vorrecht des ethischen Skeptikers, der grundsätzlich die Möglichkeit objektiver Erkenntnis in ethischen Fragen bestreitet. Auch wenn wir an der Objektivität ethischer Urteile festhalten wollen, kommen wir nicht umhin anzuerkennen, dass unserem Erkennen im Bereich des Handelns Grenzen gesetzt sind – Grenzen, die sich so in anderen Bereichen der Wirklichkeit nicht finden. Eine Auseinandersetzung mit ihnen ist durchaus fruchtbar und für die Ethik gewinnbringend. Das soll hier anhand von zwei Denkern gezeigt werden – zum einen Aristoteles, der speziell das ethisch Gute in den Blick nimmt, zum anderen Franz Brentano, dem es allgemein um die Weise geht, wie wir Gutes erkennen. Beide liefern uns Einsichten, die zu einer Selbstvergewisserung und erkenntnistheoretischen Absicherung der Ethik beitragen.

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18 Jun

Was, wenn wir nicht wissen, dass wir einen Android lieben?

Von Michael Kühler (Münster/Twente)


Auch wenn die Entwicklung von KI und Robotik unbestreitbar große Fortschritte macht, so sind wir doch noch weit davon entfernt, „künstliche Menschen“ oder Android zu erschaffen, die wir nicht (mehr) unmittelbar als solche identifizieren können. „Replikanten“ im Film Blade Runner, „Synths“ in der Serie Humans („Hubots“ im schwedischen Original Real Humans) oder die organischen Androiden der Zylonen in der Wiederauflage der Serie Battlestar Galactica bleiben – zumindest bis auf Weiteres – Science-Fiction.

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02 Jun

Das Recht auf Nichtwissen in der Medizin

Von Joachim Boldt (Freiburg) & Franziska Krause (Heidelberg)


Habe ich ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Altersdemenz? Oder für eine andere genetisch bedingte Erkrankung? Wer will, kann sein Genom bei kommerziellen Online-Anbietern auf solche Erkrankungen hin analysieren und auswerten lassen. Das kostet nicht viel und es geht schnell. Was macht man aber dann, wenn das Ergebnis tatsächlich ein erhöhtes Risiko angibt? Was, wenn sich der Krankheit nicht vorbeugen lässt und sie nicht zu therapieren ist?

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