27 Okt

„Ist das überhaupt noch ‚Ethik‘?“ – Nicht-philosophische Methoden in der interdisziplinären Medizinethik

von Marcel Mertz (Hannover)


Als ich damals – vor über 15 Jahren – meine erste Stelle als studentische Hilfskraft an einem Medizinethik-Institut antrat, beschlich mich rasch ein konsternierendes Gefühl. Ich arbeitete zwar an einem Institut mit der Bezeichnung „Ethik“, konnte aber kaum etwas wiedererkennen, was ich mit meinen bisherigen Semestern im Philosophiestudium mit „Ethik“ in Verbindung brachte, wie Beiträge zur Kritik oder Verteidigung verschiedener Moraltheorien, Analysen moralisch relevanter Begriffe oder schlicht die Frage danach, was auf Grundlage dieser oder jenes Ansatzes z.B. in der Medizin „moralisch richtig“ wäre. Meiner damaligen Auffassung nach forschten die Wissenschaftler*innen an diesem Institut zu „irgendetwas“ – was, vermochte ich zu der Zeit noch nicht so richtig zu fassen –, aber sicher nicht zu Ethik. Die Fragestellungen, Arbeitsweisen und damit letztlich auch die Methoden wirkten auf mich nämlich überhaupt nicht „philosophisch“.

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15 Okt

Der praktische Nutzen des Ideals. Die Relevanz idealer Theorie zur Bewertung politischer Optionen­

Von Jürgen Sirsch (Bamberg)


Wie sollte man aktuelle gesellschaftliche Zustände bewerten? Wie sollte man beurteilen, in welche Richtung wir uns bewegen sollten, wenn wir aktuelle Zustände verändern wollen? Ideale Theorie liefert Antworten auf diese Fragen. In idealer Theorie stellen wir systematisch Überlegungen darüber an, wie eine gerechte Gesellschaft aussehen könnte – etwa, ob es sich hierbei um eine kapitalistische oder sozialistische Gesellschaft handelt. Gleichzeitig liefern uns Ideale auch relevante Hinweise darüber, was wir im Hier und Jetzt tun sollten.

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29 Sep

Das Sokratische Gespräch als eine Methode der praktischen Philosophie

Von Kay Herrmann (Chemnitz)


Hat recht, wer am lautesten und am medienwirksamsten seine Meinung kundtut? Kann sich nur durchsetzen, wer die größte Lobby hat? In einer Zeit erstarkender autokratischer Staatsoberhäupter verliert das Argument an Gewicht. An dessen Stelle treten Selbstinszenierungen. Faktisches wird durch Blendwerk ersetzt. Es lassen sich Parallelen zur Sophistik ziehen: „durch falsche Dialektik das Wahre mit dem Falschen zu verwirren und durch Disputieren, Widerspruch und Schönschwatzen Beifall und Reichtum zu erwerben“ (vgl. Kirchner/Michaëlis, 1907, S. 585). Was liegt näher, als sich auf Sokrates zu besinnen: Postfaktizität (Täuschung und ideologische Verzerrungen) enttarnen, die Tragfähigkeit eines gemeinsamen Fundaments ausloten, nach dem suchen, das dem Faktischen als Bedingung seiner Möglichkeit vorhergeht, dem ‚Präfaktischen‘ (als Apriori von Kant als eigentlicher Inhalt der Philosophie gedacht). Sokrates’ Methode ist die Mäeutik, die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat.

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10 Sep

Ich sehe was, was du nicht siehst

von Svenja Springer (Vet-Med Uni Wien)


In den letzten Jahrzehnten erfreut sich die empirische Ethik einer steigenden Popularität. Doch die Frage was Methoden der empirischen Sozialwissenschaften in der angewandten Ethik leisten können, bleibt dennoch kontrovers diskutiert. In dem folgenden Podcast werden Potenziale und Grenzen der Einbindung gewonnener Daten und Fakten in ethische Urteilsfindung am Beispiel der veterinärmedizinischen Ethik beleuchtet.


Svenja Springer ist PhD-Studentin an der Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung des Messerli Forschungsinstituts und der Universität Kopenhagen. Sie hat Tiermedizin studiert und forscht im Bereich der empirisch informierten veterinärmedizinischen Ethik.

01 Sep

Das Überlegungsgleichgewicht – Was genau ist das?

Von Georg Brun (Bern)


Eine Ethikerin vertritt das Prinzip Die Interessen aller Personen zählen gleich. Aber sie glaubt auch, es sei erlaubt, die eigenen Kinder bevorzugt zu behandeln. Das ist ein Problem: ihre Überlegungen sind nicht im Gleichgewicht, weil das Prinzip und ihr intuitives Urteil über Einzelfälle nicht übereinstimmen. Begründete Positionen verlangen aber ein Überlegungsgleichgewicht – so eine populäre Auffassung in der Ethik. Doch wie soll die Idee des Gleichgewichts genau verstanden werden? Das will dieser Beitrag erklären.

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18 Aug

Der richtige Weg ist kein Spaziergang. Warum das Überlegungsgleichgewicht zur Rechtfertigung unserer moralischen Urteile führen kann

Von Claus Beisbart (Bern)


Methode – das ist der richtige Weg. In der Praktischen Philosophie denken viele, das sei das Überlegungsgleichgewicht. Doch über diesen Weg wird auch gemäkelt. Einige sagen, er führe nicht hoch genug hinaus. Andere denken, er beginne bei einem ungeeigneten Ausgangspunkt – der Intuition. Aber die Einwände sind nicht berechtigt. Der Weg kann zum Ziel führen.

Wir wollen hoch hinaus. Das Ziel: Rechtfertigung. Unsere moralischen Urteile oder Überzeugungen sollen begründet werden. Und wir wollen begründete Antworten auf die Frage, was wir in schwierigen Fällen tun sollten. Wahrheit wäre natürlich auch toll. Aber man soll ja nicht gleich am Anfang zu hoch hinaus wollen. Lassen wir die Wahrheit also mal außen vor.

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23 Jul

Moral gestalten. Methoden der Angewandten Ethik

Von Bert Heinrichs (Bonn)


Die Angewandte Ethik hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer wichtigen Teildisziplin der Praktischen Philosophie entwickelt. Zu vielen gesellschaftlich bedeutsamen Fragen – vor allem aus dem Bereich der Lebenswissenschaften – sind vonseiten der Angewandten Ethik Analysen vorgelegt und Lösungsansätze entwickelt worden. Nicht wenige dieser Lösungsansätze sind von der Politik im Zuge von Gesetzgebungsverfahren aufgegriffen worden und haben damit erheblichen Einfluss auf das Leben vieler Menschen gewonnen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Angewandte Ethik zu ihren Ansätzen kommt.

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