24 Mrz

G. W. F. Hegel

von Christoph Jamme (Lüneburg)


Was feiern wir, wenn wir 250 Jahre Hegel feiern? Feiern wir mit Klaus Vieweg den „Philosophen der Freiheit“? Feiern wir in Hegel den letzten Systematiker, denn das Denken der Freiheit mündet bei ihm in die systematische Ausarbeitung einer Philosophie, die als Idealismus bekannt geworden ist? Oder feiern wir mit Hegel den großen Geschichtsphilosophen, dessen Wirkungen bis hin zu Francis Fukuyamas berühmtem Buch Das Ende der Geschichte reichen? Oder ist Hegel deshalb aktuell, weil er zu Beginn des 19. Jahrhunderts (hier übrigens zusammen mit Goethe) einer der wenigen ist, der jeder Sehnsucht nach Rückkehr in vormoderne Zeiten eine deutliche Absage erteilt hat? Oder ist Hegel einfach nur ein großer Schriftsteller, dessen Hauptwerk Phänomenologie des Geistes als „Geschichte der Bildung des Bewusstseins“ sich auch als Bildungsroman lesen lässt? Oder müssen wir Hegel einfach lieben wegen einiger genialer Sätze wie z.B. dem über die Liebe: „Der Geliebte ist uns nicht entgegengesetzt, er ist eins mit unserem Wesen; wir sehen nur uns in ihm – und dann ist er doch wieder nicht wir – ein Wunder, das wir nicht zu fassen vermögen.“ Noch schöner und eindrucksvoller kurze Bemerkungen wie: „Jedes lieblose ist Gewalt“ oder „der Weg des Geistes ist der Umweg“. Von bleibender Gültigkeit auch seine Bestimmung der Moderne als allgemeine Rechtsfähigkeit: „Es gehört der Bildung, dem Denken als Bewusstsein des Einzelnen in Form der Allgemeinheit, dass Ich als allgemeine Person aufgefasst werde, worin Alle identisch sind. Der Mensch gilt so, weil er Mensch ist, nicht weil er Jude, Katholik, Protestant, Deutscher, Italiener usf. ist. Dies Bewusstsein, dem der Gedanke gilt, ist von unendlicher Wichtigkeit, – nur dann mangelhaft, wenn es etwas als Kosmopolitismus sich dazu fixiert, dem konkreten Staatsleben gegenüberzustehen.“ (Rechtsphilosophie §209). Die aktuelle Gleichsetzung von Kosmopolitismus und Globalisierung müsste von hier aus in Frage gestellt werden.

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03 Mrz

Versuch über Hegels philosophische Anstrengung, die Welt zusammenzuhalten

von David Hellbrück (Freiburg/Wien)


„Zuerst werde ich hier von einer Idee sprechen, die, soviel ich weiß, noch in keines Menschen Sinn gekommen ist – wir müssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber muß im Dienste der Ideen stehen, sie muß eine Mythologie der Vernunft werden.“

Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus

„Man muß ‚die Philosophie beiseite liegenlassen‘ […], man muß aus ihr herausspringen und sich als ein gewöhnlicher Mensch an das Studium der Wirklichkeit geben, wozu auch literarisch ein ungeheures, den Philosophen natürlich unbekanntes Material vorliegt;“

Karl Marx, Deutsche Ideologie

Hier soll sich nicht abermals darauf konzentriert werden, wie sich die Dialektik bei Hegel gestaltet und durch welches Material hindurch sie sich ihren Weg bahnt, sondern warum die Dialektik von Hegel überhaupt innerhalb seiner Geistphilosophie beansprucht werden musste. Nur so erst ließe sich sinnvoll diskutieren, wie die Dialektik bei Hegel auftritt. (1)

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13 Feb

‚Der Weltgeist als Autonomes Automobil‘

von Martin Gessmann (Offenbach)


Wie auch immer die Durchhalteparolen lauten, die sich die Gemeinde der Hegelianer vorsagen: seit dem Mauerfall ist die Luft raus aus den Hegeldebatten. Die Hegelvereinigungen tun sich schwer, das Level der Aufmerksamkeit hoch zu halten. Der Marxismus als Reibefläche und Konkurrent ist verschwunden, und damit scheint auch Hegel von der Weltbühne der wichtigen Auseinandersetzungen endlich abgetreten. Im Grunde ging es darum zu zeigen, dass es auch noch eine ordentliche bürgerliche Alternative gibt zum Theorieanspruch des Kommunismus auf ideologische Weltherrschaft. Mit dem Hegelschen Politik-Original sei langfristig mehr erreicht als mit der Marxschen Klassenkampf-Kopie. Nun sah man sich bestätigt, aber auch mit Oskar Wilde der traurigen Einsicht konfrontiert: Es gibt nichts Schlimmeres als seine hehrsten Ziele irgendwann einmal zu erreichen. Die einstmals aufregenden Hegelstudien sind inzwischen zu einer philosophischen Mottenkiste geworden, man befleißigt sich kundigen Aktenstudiums, und das auch schon nicht mehr auf der Höhe eines Kant oder Heideggers, geschweige denn Platos oder Aristoteles. Hegel wird zum historischen Hinterbänkler.

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