07 Jan

Hegels Nützlichkeit

Von Jonas Heller (Frankfurt am Main)


In seiner Phänomenologie des Geistes hat Hegel eine Dialektik der Aufklärung formuliert, die für die kritische Theorie der ersten Generation schulbildend wurde. Die dialektische Diagnose lautet: Im Prozess ihrer Verwirklichung zerstört sich die Aufklärung selbst.[1] Die Verwirklichung der Aufklärung erfolgt als Prozess der Befreiung. Durch die Verbreitung von Einsicht soll die „allgemeine Masse“ von einer ihren „Eigennutz“ suchenden Priesterschaft und von einer auf „Beherrschung“ zielenden Obrigkeit befreit werden. Doch statt Freiheit zu realisieren, schlägt Aufklärung in absolute Herrschaft um: Die Verwirklichung der Aufklärung vollzieht sich als eine Dialektik der Freiheit. Sie mündet in deren Gegensatz, schließlich in Mord. Hegel hat hier den „Schrecken“, den terreur der Französischen Revolution vor Augen: „Das einzige Werk und Tat der allgemeinen Freiheit ist daher der Tod, […] der kälteste, platteste Tod, ohne mehr Bedeutung, als das Durchhauen eines Kohlhaupts oder ein Schluck Wassers“.[2]

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29 Dez

Bildung und absolutes Wissen im Zeitalter der Klimakatastrophe

Von Oliver Toth (Graz)


Hegels Philosophie des Geistes porträtiert einen idealen Bildungsvorgang: Der Weg des Geistes zu seiner vollständigen Selbsterkenntnis mündet gemäß Hegels Darstellung in der Phänomenologie des Geistes in absolutes Wissen. Hier soll es um die Frage gehen: Hat seine Konzeption von absolutem Wissen heute – 250 Jahren nach Hegels Geburt und angesichts der Klimakatastrophe – noch Aktualität? Meine These lautet: die Klimakrise fordert die Philosophie nach Hegel heraus, sich mit den eigenen bildungsbezogenen Voraussetzungen auseinanderzusetzen.

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23 Dez

Wer denkt abstrakt? Wie Philosophie in der Corona-Krise unter Anleitung von Hegel praktisch werden kann

Von Olivia Mitscherlich-Schönherr (München)


Ein Rückblick auf Hegels Essay „Wer denkt abstrakt?“ vermag die Leerstelle nicht zu schließen, die Gottfried Schweiger der Philosophie in der Corona-Krise attestiert: Leitbilder einer künftigen, gerechten Gesellschaft zu entwerfen. In Auseinandersetzung mit Hegels Text können wir jedoch ein Philosophieren bahnen, das auf andere Weise praktisch wird: indem es Abstraktionen überwindet, zu einem nicht-reduktionistischen Beurteilen der gegenwärtigen Krise befähigt und dergestalt politische Lernprozesse unterstützt.

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10 Dez

Subjektive Freiheit – Warum es in einer Diktatur keine Objektivität geben kann

Von Susanne Herrmann-Sinai (Oxford)


Zu Zeiten des ausgehenden real-existierenden Sozialismus in der DDR erzählte man sich folgenden Witz: „Erich Honecker hat in einer Rede gesagt: ‚Der Kapitalismus steht vor einem Abgrund.‘ Und er hat auch gesagt: ‚Der Sozialismus ist dem Kapitalismus stets einen Schritt voraus.‘“ – Der Charme mag vielleicht etwas angestaubt sein, dennoch eignet sich das Beispiel, um auf die Freiheit des Denkens auf unterschiedlichen Ebenen zu reflektieren. Und auch wenn G.W.F. Hegel selbst kein Zeitzeuge des historischen Kontexts gewesen war, kann seine Philosophie dabei helfen, diese Ebenen zu verstehen.

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24 Nov

Hegel dekolonisieren?!

Von Filipe Campello (Recife, Brasilien)


Wenn wir uns heute – 250 Jahre nach seinem Tod – an Hegel erinnern, ist vielleicht eine der am meisten beunruhigenden Reaktionen die Frage, wie derselbe Philosoph gleichzeitig geschrieben haben kann, “das was wirklich ist, das ist vernünftig” und dass “nichts Großes in der Welt ohne Leidenschaft vollbracht worden ist”. Worauf bezieht sich Hegel denn nun, wenn er von Rationalität spricht? Oder: welche sind diese Leidenschaften, die die Welt bewegen?

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03 Nov

Hegel und die sexuelle Differenz

von Karen Koch (FU Berlin) & Tobias Wieland (FU Berlin)


Anlässlich des 250. Geburtstages Hegels steht die Frage der Aktualität seiner Philosophie im Zentrum der Debatte. In seiner Biographie etwa rühmt Klaus Vieweg Hegel als den Philosophen der Freiheit, dessen Aussagen über Freiheit auch heute noch – und gerade zu Krisenzeiten – aufklären können.

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20 Okt

Hegel für uns

Von Christine Weckwerth (Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften)


Hegels zweihundertfünfzigster Geburtstag ist ein, wenngleich rein biographischer Anlass zu fragen, wie wir es mit diesem Klassiker der deutschen Philosophie denn halten. Beginnt mit seiner Philosophie die kritische Selbstvergewisserung der Moderne oder ist sie als ein gescheitertes Theorieprogramm anzusehen? Ein Streitpunkt zwischen Hegelfreunden und Hegelgegnern bis in die Gegenwart. Bezeichnend ist, dass der Jubilar vor einer Problemlage steht, die der unsrigen ähnelt. Am Beginn seines philosophischen Werdeganges sieht er sich einer umfassenden kulturellen Krise gegenüber, die er auch als einen Dualismus zwischen subjektiver und objektiver Welt umschreibt. Zu dieser Einsicht hatten die Desillusionierungen nach der Französischen Revolution wie die sich durchsetzende kapitalistische Organisation der Wirtschaft beigetragen. Symptomatisch spricht Hegel von einer „Tragödie im Sittlichen“, die sich als Metapher für eine durch soziokulturelle Ausdifferenzierung der Gesellschaft erzeugte Abtrennung der Individuen vom Gemeinwesen interpretieren lässt. Angesichts der prognostizierten Klimakatastrophe, Wirtschaftskrisen, sozialer Ungleichheit wie anhaltender Kriege erscheint auch uns die Welt als eine fremde und Hegels Zeitdiagnose zutreffend. Parallelen zeigen sich ebenso in intellektueller Hinsicht. Der von ihm konstatierte Dualismus zwischen einem Objektivismus auf der einen und einem die Persönlichkeit generalisierenden Subjektivismus auf der anderen Seite tritt in der Gegenwartsphilosophie in vorherrschenden objektivistischen (Szientismus, Naturalismus) und subjektivistischen, normativen Ansätzen zutage, in denen entweder das Subjekt oder die Natur und geschichtliche Welt ausgeklammert werden. Im Gegenzuge dazu hat sich eine medial präsente, populäre Philosophie herausgebildet, die das steinige Gelände (nach)meta­physi­scher Problembewältigung bewusst umgeht, um sich Themen der richtigen Lebensgestaltung zuzuwenden. Nicht zuletzt die Lage der Gegenwartsphilosophie ist ein Anlass nach dem Hegel’schen Ausweg aus der Krise zu fragen.

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27 Aug

Was ist eigentlich der Begriff? Ein Plädoyer anlässlich des Hegel-Jahres 2020

Von Ermylos Plevrakis (Heidelberg)


Im letzten Kapitel der Wissenschaft der Logik – das ist das Werk, von welchem Hegel gemeint hat, dass sein „Inhalt die Darstellung Gottes ist, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist[1] – ist unter anderem folgender Satz zu lesen:

„Die Methode ist daraus [d.h. aus dem ganzen Verlauf der Wissenschaft der Logik] als der sich selbst wissende, sich als das Absolute […] zum Gegenstande habende Begriff […] hervorgegangen.“[2]

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20 Aug

Zur Aktualität Hegels: Hegel als Denker des Anthropozäns

von Stascha Rohmer (Medellín)


Im Zentrum eines jüdischen Witzes, der Schopenhauer und Beckett gleichermaßen faszinierte, steht das problematische Verhältnis der Welt zu einer Hose. Ein Mann geht zum Schneider und beschwert sich: „Gott hat die Welt in sechs Tagen erschaffen, und Sie brauchen sechs Monate, um eine Hose zu machen.” Darauf antwortet der Schneider: “Aber, mein Herr, sehen Sie sich doch die Welt an, und sehen Sie da Ihre Hose!” Es dürfte kein Zufall sein, dass gerade der Hegel-Antipode und Welt-Verachter Schopenhauer einen tiefen Gefallen an diesem Witz fand. Denn die Diskrepanz zwischen der defekten Welt und der Perfektion der Hose offenbart den Riss im Herzen der Welt, den Hegel mit seinem Denken immer überwinden wollte.

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04 Aug

250 Jahre Hegel – (K)eine Würdigung

Von Marc Nicolas Sommer (Basel)


Es ist Jubiläumsjahr: Neben Beethoven und Hölderlin feiert auch Hegel dieses Jahr seinen 250. Geburtstag. Grund genug für eine Würdigung. Eine solche aber läuft meistens auf die, wie Theodor W. Adorno anlässlich eines früheren Hegeljubiläums schrieb, „abscheuliche Frage“ hinaus, was an Hegel der Gegenwart noch etwas zu bedeuten habe. Abscheulich ist die Frage, weil sich in ihr die Anmaßung ausspricht, man könne, bloß weil man von Berufs wegen sich mit dem Toten befasst, ihm von einer überlegenen Position aus souverän seine Stelle zuweisen.[1] So weit sind wir noch nicht und deshalb wäre jede Würdigung Hegels verfrüht.

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