17 Jun

Der Trolley-Führerschein. Eine pragmatische Bedienungsanleitung zu Gedankenexperimenten im Seminaralltag

Von Fredrik Brüggen, Johannes Löhr und Nils Wendler (Kiel)


Ob als nützliche Illustration moralphilosophischer Überlegungen geschätzt oder als weltfremde Spielereien abgetan – die philosophische Diskussion um Gedankenexperimente ist mindestens so lang wie der berühmte Trolley, der droht, auf fünf Gleisarbeiter*innen zuzufahren. Ähnlich vernichtend wie dieser Trolley für die fünf hilflosen Personen wäre, fallen auch einige Reflexionen über den Nutzen von Gedankenexperimenten in der Philosophie aus. Trotz der Fülle an Literatur hätten wir uns manchmal vor allem eines gewünscht: eine Bedienungsanleitung inklusive (kleingedruckter) AGB für den Umgang mit Gedankenexperimenten.

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16 Mrz

Epische Phänomene und Quallen (von denen Mary aber nichts weiß)

Von Sebastian Rosengrün (Berlin)


Dieser Artikel ist ein Gedankenexperiment. Es handelt von Mary. Mary ist eine brillante Philosophin, die, aus welchen Gründen auch immer, gezwungen ist, über die Welt von einer Bibliothek aus nachzudenken, die zwar einen durchaus beachtlichen Bestand aufweist, aus deren Büchern, Aufsätzen und sonstigen Texten aber alle Gedankenexperimente (und nur diese) ausradiert wurden. Und von hier ausgehend wird dieses Gedankenexperiment so wunderbar widersinnig, dass es am Schluss nicht weniger verwirrend wird als jede andere Einsicht der Philosophie.

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04 Mrz

Was ist das Ziel wissenschaftlicher Gedankenexperimente?

Von Harald A. Wiltsche (Linköping)


Die wissenschaftstheoretische Debatte um Gedankenexperimente (kurz: GEs)dreht sich häufig darum, das so genannte „Paradox der GEs“ zu lösen. Dieses besteht darin, dass GEs zwar nur im Geiste durchgeführt werden und demnach ohne den Import neuer Daten auskommen, aber dennoch beanspruchen, Wissen über die Welt zu generieren und dieses auch zu rechtfertigen. Ich halte dieses Paradox für ein Scheinproblem, das uns zu lange von weitaus wichtigeren Fragen im Zusammenhang mit GEs abgelenkt hat.

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11 Feb

Gedanken- als Wahrnehmungsexperimente. Überlegungen zu audiovisuellen Fake-Gesprächen Alexander Kluges

Von Florian Wobser (Passau)


Das Spannungsfeld aus Wahrnehmen und Denken betrifft jedes Philosophieren. Alexander Kluge nimmt darin eine eigensinnige Verschiebung vor. Während ein Gedankenexperiment von seiner Form lebt, die eine oft kreative kontrafaktische Situation als Vorstellung verlangt, letztlich aber der Reflexion dient, wertet Kluge die audiovisuelle Inszenierung ihrer Artikulation auf, die es reflektiert wahrzunehmen gilt. Dass so ein Experiment gelingt, bei dem heuristisch – anders als beim regulären Gedankenexperiment – sinnlicheReize wirken, das jener Denkmethode im performativen Prozess jedoch verbunden bleibt, möchte ich in diesem Beitrag an einem von und mit Kluge produzierten Fake-Gespräch zeigen.

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04 Feb

Es gibt keine Gedankenexperimente!

Von Julia Langkau (Fribourg)


Gedankenexperimente haben in letzter Zeit viel Aufsehen erregt, und das nicht nur in der akademischen Philosophie. Die zeitgenössische (analytische) Philosophie scheint endlich etwas gefunden zu haben, das einerseits dem Kern ihrer Tätigkeit entspricht und andererseits in kompakter Form etwas darstellt, woran alle teilnehmen können. Das Gedankenexperiment ist zum Paradebeispiel gelungener Philosophie-Vermittlung geworden. Indem es eine konkrete, meist auch absurde Geschichte erzählt, gibt es dem Laien einen repräsentativen und im besten Falle unterhaltsamen Einblick in philosophisches Denken. Das Gedankenexperiment ist zugleich befremdlich und zugänglich. Es vermittelt den Eindruck, dass wir es mit etwas spezifisch Philosophischem zu tun haben, gleichzeitig aber keinen grossen Aufwand betreiben müssen, ja uns beim Philosophieren sogar unterhalten lassen dürfen. Es suggeriert, dass es in der Philosophie nicht nur um die schwierigen, grossen Fragen danach, was wir wissen können, was wir tun sollen und hoffen dürfen etc. geht, sondern manchmal auch um das ganz Konkrete: um chinesische Schriftzeichen, um Liebespillen, um einen Geiger, um Smith und Jones und Swampman und Mary … und wie sie sonst noch alle heissen.

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26 Jan

Philosophie als Experiment. Eine existenzielle Note

Von Tim-Florian Steinbach (Wuppertal)


Das Gedankenexperiment gilt gemeinhin als ein rein theoretisches Bestandstück experimentierenden Verhaltens, als ein Instrument, das der praktischen Umsetzung in Form des physischen Experiments vorausgeht. Im Hinblick auf das physische Experiment sollen mittels eines Gedankenexperiments die Erfolgsaussichten einer bestimmten Versuchsanordnung eingeschätzt werden. In diesem Sinne besitzt das Gedankenexperiment prospektiven Charakter. Der gesetzliche Charakter kausaler Ursache-Wirkungs-Reihen, der dem physischen Experiment zugrunde liegt, wird im Gedankenexperiment dadurch abgeschwächt, dass verschiedene Bedingungen vorgestellt und variiert werden. Es werden Möglichkeiten abgewogen, die zu dem gewünschten Ergebnis führen können, nicht aber zwangsläufig müssen. Die von Naturgesetzen bestimmte Wirklichkeit tritt in den Hintergrund, im Gegenzug rücken Möglichkeiten in den Vordergrund. Das Gedankenexperiment dient der Entwicklung von Modellen, es moduliert und präpariert Bedingungen heraus, die ein bestimmtes Ergebnis herbeiführen können – in der Umsetzung jedoch zu überprüfen, ob die im Gedankenexperiment angenommenen Bedingungen auch zutreffen, bleibt dem Experiment vorbehalten. Einschlägige Verwendung findet der Begriff des Gedankenexperiments erst Ende des 19. Jahrhunderts bei Ernst Mach.

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12 Jan

Darf ich Sie auf ein Gedankenexperiment einladen?

Von Štefan Riegelnik (Zürich/Wien)


In unseren Gedanken können wir uns Szenarien vorstellen, die mit der Realität nichts zu tun haben. In diesem Beitrag möchte ich der Frage nachgehen, ob uns dabei Grenzen gesetzt sind. Und falls ja, welche? Oder können wir uns beliebige Szenarien denken? Ich möchte auf einige Aspekte dieser Frage eingehen und andeuten, wie wir mit Gedankenexperimenten an Grenzen stoßen.

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05 Jan

Ein «Experiment der reinen Vernunft»: Kants Erfindung des philosophischen Gedankenexperiments

Von Jelscha Schmid (Basel)


Gedankenexperimente haben die Philosophie insofern schon immer beschäftigt, als solche Experimente schon immer Teil dessen ausgemacht haben, was es heisst zu philosophieren. Eine explizite Debatte über das, was ein Gedankenexperiment ist, entsteht aber erst viel später, nämlich einerseits als Teilgebiet der Wissenschaftsphilosophie und andererseits als Teilgebiet der Metaphilosophie. Wie und wann aber entstand dieses Nachdenken über und nicht nur mit Gedankenexperimenten? Entgegen der gängigen Auffassung führt uns eine Antwort auf diese Frage zurück zu Immanuel Kant (1724-1804) und seinem kritischen Unterfangen, «das bisherige Verfahren der Metaphysik» zu revolutionieren (Bxxii).

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15 Dez

Boris liest etwas, das nicht aufgeht, und schaut “House of Cards”

Erzählung als Gedankenexperiment

Von Veronika Reichl (Berlin)


Dies ist eine Erzählung über das Lesen von Hegel und darüber, wie man mit seinen Aufhebungen umgehen könnte. Sie ist auf der Basis von Interviews mit Hegelleser*innen entstanden, doch ich ordne Motive und Beobachtungen, Thesen und Erfahrungen aus verschiedenen Interviews neu an. Ich kürze, was die Erzählung sprengt. Ich spekuliere und entwerfe Zusammenhänge, während ich eine Fiktion formuliere, als wäre sie geschehen. Und so fange ich an:

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01 Dez

Undenkbare Gedankenexperimente

Von Fabian Börchers (Berlin)


Was macht man in einem philosophischen Gedankenexperiment? Eine vorläufige und prima facie plausible Antwort lautet so: In einem philosophischen Gedankenexperiment stellt man sich einen Gegenstand, einen Sachverhalt, eine Situation vor, die man in der Realität so nicht antrifft oder vielleicht nicht antreffen kann und wertet diese Vorstellung aus, um philosophische Schlussfolgerungen aus ihr zu ziehen. Was aber, wenn eine wichtige und einflussreiche Gruppe von Experimenten von dieser Bestimmung gerade nicht getroffen wird?

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