13 Jul

Biopolitik und Vulnerabilität in der Corona-Pandemie

Dieser Blogbeitrag basiert auf einem Aufsatz, der in einem Schwerpunkt zur COVID-19 Pandemie in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift für Praktische Philosophie (ZfPP) erschienen ist. Der Aufsatz kann auf der Website der ZfPP kostenlos heruntergeladen werden.


Von Sonja Gassner (Wien)


Seit dem Beginn der Corona-Pandemie steht die politische Philosophie vor neuen Herausforderungen. Unbestritten ist, dass es Maßnahmen zum Schutz der Menschen und zur Eindämmung des Virus bedarf. Im letzten Jahr hat sich jedoch gezeigt, dass diese vor allem dort greifen, wo es um die Gesundheit und die Leben sozial anerkannter und ökonomisch bessergestellter Bevölkerungsgruppen geht. Währenddessen sind ohnehin schon benachteiligte Gruppen in unverhältnismäßiger Weise vom Virus betroffen. Sei es durch den fehlenden Zugang zu Gesundheits- und Sozialsystemen und dem dadurch erhöhten Infektionsrisiko, sei es durch Arbeitslosigkeit oder unbezahlte Mehrarbeit – soziale Ungleichheiten spitzen sich weiter zu.

Michel Foucaults Konzept der Biopolitik sowie Donna Haraways und Judith Butlers Überlegungen zu Körperlichkeit, Immunität und Vulnerabilität bilden Ansätze, um die Ungleichverteilung von Vulnerabilität zu problematisieren.

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09 Jul

Wenn Selbstsorge das Schützen des ganzen Lebens impliziert: denn was kann wertvoller als das Leben sein?

Von Aracely R. Berny (Wien/Mexiko-Stadt)


Der Körper ist zerbrechlich, das Leben ist extrem zerbrechlich, es hängt sprichwörtlich am seidenen Faden. Es ist allgemein bekannt, dass der Oberbegriff „Krebs“, unzählige Missverhältnisse in der Entwicklung menschlicher Zellen umfasst und als unvorhersehbarer Feind noch immer schwer zu kontrollieren ist.

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06 Jul

Die Pandemie der Privatiers: Neoliberale Kontinuitäten in der Corona-Krise

von Jonas Heller (Frankfurt) & Katharina Hoppe (Frankfurt)


Die mit der Corona-Pandemie einhergehenden politischen Maßnahmen wurden vielfach als massiver Eingriff in den Raum des Privaten erfahren. Weil in der Krise ein regulierendes Handeln des Staates spürbar wurde, erschien sie vielen als Unterbrechung. Wie die Folgen der Pandemie ist auch diese Erfahrung keinesfalls gleich verteilt. Während Hartz IV-Empfangende staatliche Regulierung ebenso alltäglich erleben wie Geflüchtete, deren Bewegungsradius wie selbstverständlich Gegenstand staatlicher Kontrolle ist, war die umfassende Erfahrung staatlich induzierter Beschränkung für andere Teile der Bevölkerung völlig neu. Dies hat – jetzt, da es viele traf – eine ganze Reihe von Diskussionen über eine Krise des Liberalismus aufgerufen. Während diese Krise sich für einige in den Einschränkungen liberaler Freiheitsrechte manifestierte[1], wurde von anderen breiter als bislang die Vorstellung liberaler Freiheit selbst problematisiert.[2]

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05 Jul

Die Liebe in Zeiten der Pandemie. Welches Nachdenken über die Krise fruchtbar sein könnte und welches nicht.

Von Franziskus v. Heereman


Wer heute grundsätzlich über die Corona-Pandemie nachdenken will, sollte wissen, dass weder er noch sonst jemand bereits jetzt dieser Epoche gerecht werden kann. Was von jedem Witz, jedem Roman, jedem Musikstück und jedem Leben gilt, ist nicht weniger wahr in Bezug auf geschichtliche Ereignisse: Was etwas ist, weiß man erst, wenn es vorbei ist. Deshalb kennen paradoxerweise Zeitzeugen ihre Epoche schlechter als jene, die auf sie zurückschauen. Solange jener militärische Konflikt währte, der 1618 durch den Ständeaufstand in Böhmen ausgelöst wurde, konnte niemand wissen, dass dies der 30-jährige Krieg war und, was evidenter Weise von seiner namengebenden Länge gilt, gilt gleichermaßen von seiner geschichtlichen Bedeutung. Die Eule der Minverva fliegt eben am Abend, Vordenken ist immer tentativ, tastend, unsicher; das Wesen steht erst dem Nachdenken offen (es ist eben erst, was es ist, wenn es ge-wesen ist; erst im Perfekt ist es perfekt).

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01 Jul

Querfühlen statt Querdenken? Tocqueville zu Solidarität, Gemeinsinn und Individualismus in Zeiten von Corona

Von Sarah Rebecca Strömel (Regensburg)


Die QuerdenkerInnen-Bewegung ist seit geraumer Zeit in aller Munde. Woche für Woche reklamieren ihre VertreterInnen das kritische Denken und das Hinterfragen der Entscheidungen von etablierten PolitikerInnen für sich. Von Personen, die ihren Unmut über die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus zum Ausdruck bringen möchten, über generelle ImpfgegnerInnen bis hin zu strikten Leugnern der Existenz eines Coronavirus, VerschwörungstheoretikerInnen und nationalistischen Akteuren, die jede Gelegenheit nutzen, ohne Maske und Abstandsregel ihre Parolen schwingen zu dürfen, ist alles dabei. Der folgende Text möchte zeigen, was Alexis de Tocqueville – kritischer Analytiker der Demokratie – zum Zusammenhang von Emotionen im Kontext des Politischen und dem Erstarken der QuerdenkerInnen-Bewegung beizutragen hat.

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05 Jun

Wie sich in der Impfpriorisierung die (fehlende) Wertschätzung gesellschaftlicher Rollen zeigt

Von Christiana Werner (Duisburg-Essen)


Obwohl die Entwicklung der verschiedenen Impfstoffe gegen das Coronavirus ein wichtiger Schritt war und Anlass zur Hoffnung gibt, ist die Verteilung des Impfstoffs nicht unproblematisch. Ein großes Problem ist die internationale Verteilung des Impfstoffs. Ein weiteres Problem, mit dem ich mich hier beschäftigen möchte, ist die Verteilung auf nationaler Ebene. Ich beziehe mich mit meinen Überlegungen auf die Situation in Deutschland.

An der Entscheidung der Impfpriorisierung waren bzw. sind Gremien auf Bundes-, Landes- und Kreisebene beteiligt, so dass es bei der Frage, wer den Impfstoff schon bekommen kann und wer nicht, durchaus auch zu regionalen Unterschieden kommen kann. Bei der Festlegung der Priorisierungen wurden medizinische Kriterien berücksichtigt. Klar ist aber, dass nicht nur medizinische Kriterien berücksichtigt wurden.

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19 Mai

Zeiten der Pandemie – Zeiten der Improvisation?

Von Claus Beisbart (Bern)


Die Pandemie hat so manchen Plan durchkreuzt. Einige halten daher das Improvisieren für angesagt und ziehen eine Parallele zur künstlerischen Improvisation. Doch ein genauerer philosophischer Blick zeigt: Was wir in Zeiten der Pandemie tun, kann zwar aus einer langfristigen Zeitperspektive als Improvisieren gelten. Doch im Detail geht künstlerische Improvisation anders.

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18 Mai

Integrität im Anthropozän

Von Stefan Knauß (Halle & Erfurt)


Corona und Anthropozän

Als Anthropozän wird das gegenwärtige Erdzeitalter bezeichnet, das durch die massive, menschengemachte Veränderung natürlicher Ökosysteme gekennzeichnet ist (Crutzen und Stoermer 2000). Naturwissenschaftler sprechen von einer „Geologie der Menschheit“ (Crutzen 2002). Sie gehen davon aus, dass die Menschheit spätestens seit der industriellen Revolution zu einer den Planeten prägenden „Naturgewalt“ geworden ist. Menschliche Handlungen werden als Ursache der globalen Erwärmung, eines beispiellosen Artensterbens und der rasanten Ausbreitung von Krankheiten betrachtet. Die Veränderungen der natürlichen Rahmenbedingungen wirken u. a. durch Waldbrände, Überschwemmungen, Hitze- und Dürreperioden auf das menschliche Wohlergehen zurück. Mensch und Natur im Zusammenhang zu betrachten und die Rückkopplungsschleifen in den Blick zu nehmen, die sich aus den größtenteils nicht-intendierten Folgen menschlicher Handlungen und den komplexen Dynamiken einer als System begriffenen Erde ergeben, ist gewissermaßen das Markenzeichen des Anthropozäns.   

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12 Mai

Alle zusammen oder jeder allein? Der Wert von (un)einheitlichem Handeln in unsicheren Zeiten

Von Moritz Schulz (Dresden)


In diesen Tagen verabschiedet die Bundesregierung ein Gesetz, dass die Länder in einigen Aspekten der Pandemiebekämpfung zu einheitlichem Handeln verpflichtet. Wann und warum ist einheitliches Handeln eigentlich wünschenswert? Dieser Beitrag soll zeigen: ob (un)einheitliches Handeln gut oder schlecht ist, hängt stark vom Ausmaß der Unsicherheit ab. Bei großer Unsicherheit verspricht uneinheitliches Handeln einen Zuwachs an Informationen. Umgekehrt gilt aber auch: je besser man Bescheid weiß, desto mehr spricht für einheitliches Handeln.

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