12 Jun

Respekt und Kontroversität: Eine liberal perfektionistische Replik auf Johannes Giesinger

von Johannes Drerup (Freie Universität Amsterdam & Koblenz-Landau)


Dissens ist konstitutiv für liberale Demokratie und Dissensfähigkeit und Dissenstoleranz sind zentrale demokratische Tugenden. Die Frage nach den legitimen Grenzen von Dissens und Toleranz steht auch im Zentrum der Debatte über die angemessene Bestimmung von Kriterien für das, was im schulischen Unterricht legitimer Weise als kontrovers (oder nicht kontrovers) zu diskutieren ist.

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23 Mai

Bildung zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit

von Sabrina Schröder und Charlotte Spellenberg (Halle-Wittenberg)


Studierende der Erziehungswissenschaften können in Einführungsveranstaltungen das Pech haben, mit einer marktlogisch geführten Uni konfrontiert zu sein, die auf Problemlösung statt auf Problematisierung setzt und ihnen hinsichtlich der eigenen Wissens- und Kompetenzbildung das Blaue vom Himmel verspricht. Wenn ‚Bildung‘ so als „Marschgepäck“ (Schwanitz 1999, 8) verkauft wird, wird sich in den Vorlesungen, Seminaren und Diskussionen dann auch die Frage nach deren ‚Mehrwert‘ einstellen. Demgegenüber klingt ein Satz wie: „Das Schlimmste, was Ihnen im Studium passieren kann ist, dass Sie dieselbe bleiben“ fast schon wie eine Drohung. Das Bedrohliche bezieht sich dann nicht auf die Frage, inwiefern man in der Lage ist, ein ‚zur Verfügung stehendes Wissen‘ für sich selbst effektiv ‚verwertbar‘ zu machen, sondern auf die Möglichkeit, das Unvorhersehbare auszuhalten. Die Forderung ‚nicht dieselbe zu bleiben‘ ließe sich so übersetzen in einen unmöglichen Anspruch, der mit der Potenzialität der Bildung zu tun hat: Es geht darum, offen zu sein für etwas, von dem man nicht weiß, ob es sich ereignet.

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18 Apr

Zur Kontroverse um das Kontroversitätsgebot: Ein politisch-liberales Kriterium

von Johannes Giesinger (Zürich)


In einem anregenden Beitrag auf diesem Blog befasst sich Johannes Drerup mit der Frage, was in der Schule „direktiv“ und was „kontrovers“ unterrichtet werden sollte. Als direktiv gilt hier ein Unterricht, der bestimmte Inhalte als gültig (wahr, richtig) vermittelt. Unterrichtet man ein Thema in kontroverser Weise, so bedeutet das hingegen, dass man es mit offenem Ausgang präsentiert und diskutiert. Drerup spannt den Bogen vom Beutelsbacher Konsens von 1976, der als normative Grundlage der politischen Bildung in Deutschland gilt, zur aktuellen internationalen Debatte. Letztere dreht sich um drei verschiedene Kriterien dafür, was kontrovers zu unterrichten ist.

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21 Mrz

„Der Mensch wird nur unter Menschen ein Mensch“

von Leonhard Weiss (Alfter bei Bonn )


Wie auch in einigen Beiträgen zu diesem Blog thematisiert wird, ist in der aktuellen öffentlichen Debatte oft eine Reduktion von „Bildung“ auf „Kompetenzerwerb“ zu erleben, die etwa vom Kunstpädagogen und Bildungstheoretiker Jochen Krautz zurecht als Ausdruck einer „Ökonomisierung“ von Bildung diagnostiziert und kritisiert wird[1]. Verbunden mit dieser Tendenz, die „Bildung“ letztlich zu nichts anderem, als einer im Sinne der eigenen marktwirtschaftlichen Attraktivität zu erwerbenden „Ware“ macht, ist zugleich eine, wie ich es nennen möchte, „Entpersonalisierung von Bildung“.

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28 Feb

Politische Bildung und die Kontroverse über Kontroversitätsgebote

von Johannes Drerup (Koblenz-Landau)


Die Frage, was im Unterricht kontrovers, d.h. mit offenem Ausgang und nicht direktiv diskutiert werden sollte und was nicht, ist Gegenstand anhaltender nationaler und internationaler Debatten. Wie ist es z.B. mit den Themen Klimawandel oder Migration und wie sollten Lehrer als Vertreter liberaler Demokratie mit der Aussage umgehen, das dritte Reich sei nur ein `Vogelschiss´ in der deutschen Geschichte?

Ausgehend von einer kurzen Einführung in aktuelle Problemvorgaben der Kontroverse über Kontroversitätsgebote, werde ich im Folgenden die gängigsten Kriterien, die in der Debatte zur Differenzierung zwischen kontroversen und nicht kontroversen Themen vorgeschlagen wurden, rekonstruieren und auf den Prüfstand stellen (soziale, politische und epistemische Kriterien). Abschließend werde ich auf einige praktische und organisatorische Herausforderungen und Hindernisse eingehen, mit denen politische Bildung und Demokratieerziehung in Deutschland konfrontiert sind.

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05 Feb

Bildung zum Anderen

von René Torkler (Eichstätt)


Der Erwerb von Bildung gilt vielen als Schlüssel zu einer gelingenden Lebensgestaltung. In diesem Sinne ist Bildung ohne Frage ein Zukunftsthema, da nur derjenige vor den Aufgaben des Lebens bestehen wird, der sich durch zukunftsfeste Bildung hinreichend auf diese vorbereitet. Solches Vorbereitsein auf zentrale Lebensaufgaben dürfte immer schon eine grundlegende Motivation für die mit Bildungsprozessen verbundenen Anstrengungen gewesen sein.

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22 Jan

Was ist philosophische Bildung? – Annäherung an eine Reflexionskategorie

von Carsten Roeger (Köln)


Nicht Halbbildung ist das Problem unserer Epoche, sondern die Abwesenheit jeder normativen Idee von Bildung, an der sich so etwas wie Halbbildung noch ablesen ließe. (Liessmann,  2006, S. 9)

In der schulischen Praxis ist von Bildungsprozessen meist nur noch als Kompetenzerwerb die Rede. Die Kompetenzorientierung, welche den Kompetenzerwerb — also den Erwerb von Voraussetzungen für ein spezifisches Können (Weinert, 2001, S. 62) — als primären  Zweck von Unterricht ausweist, ist allerdings aus einer bildungstheoretischen Perspektive  ein wenig aussichtsreicher  Kandidat dafür, die Idee der Bildung zu ersetzen, können sie doch nach Bieri (2010, S. 205f.) als kategorial verschieden betrachtet werden: „Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden,  arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.“ Bieri bezieht sich hier auf das Bildungsdenken Humboldts. Auch bei Humboldt (2010, S. 188) findet sich die kategoriale Unterscheidung von Bildung und Ausbildung als Differenz von „allgemeiner Bildung“ und „specieller Bildung“. Mit „specieller Bildung“ bezeichnet Humboldt nützliche Fertigkeiten, was dem Kompetenzverständnis der Kultusministerkonferenz (2001, S. 1) entspricht. Eine Reduktion von Bildung auf Ausbildung, respektive Kompetenzerwerb, verfehlt also den Zweck humanistischer Bildungprozesse, auch wenn Bildung offensichtlich Kompetenzen nicht ausschließt, denn um beurteilen zu können, auf welche Art und Weise man in der Welt ist, muss man auch etwas können: beurteilen.

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08 Jan

Schule als ‚Bollwerk der Bildung‘

von Thomas Rucker (Bern)


„Schule muß heute eine Institution zur Verteidigung der Bildung werden. Ja, sie stellt vielleicht das letzte Bollwerk dar, in dessen Schutz Bildung in dem ihrer Geschichte angemessenen Sinn bewahrt, aber auch gewährt werden kann“ – Dieser Satz stammt von Theodor Ballauff und findet sich in einem kleinen Bändchen aus dem Jahre 1964 mit dem Titel Die Schule der Zukunft.[1] Der Satz könnte ebenso heute formuliert worden sein, denn Bildung im pädagogischen Verständnis ist auch im Jahre 2018 keine Selbstverständlichkeit, auf die man rekurriert, wenn Schule zum Thema gemacht wird. Ballauff ist sich freilich darüber im Klaren, dass die Schule zunächst einmal als eine Institution, d.h. eine auf Dauer gestellte Problemlöseinstanz der Gesellschaft begriffen werden muss und in diesem Sinne nicht nur ein Ort der Ermöglichung von Bildung ist bzw. sein kann. Gleichwohl insistiert Ballauff darauf, dass es für eine pädagogische Perspektive auf Schule, die sich ihrer philosophischen Tradition verpflichtet weiß, von großer Bedeutung ist, Schule als einen (möglichen) ‚Ort‘ der Bildung in den Blick zu rücken.

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20 Dez

Sollten wir alle Feministen sein? Feministische Bildung für junge Männer

von Johannes Giesinger (Zürich)


„We Should All Be Feminists“ – so lautet der Titel eines Ted-Talks, der von der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie im Jahre 2012 gehalten wurde und 2014 in Buchform erschien.[i] Der Titel traf gerade deshalb einen Nerv, weil der Begriff des Feminismus bei jungen Leuten heute nicht gut angeschrieben ist. Wenige männliche Jugendliche würden sich als „Feministen“ bezeichnen, und auch manche viele Frauen schrecken davor zurück, den Begriff auf sich selbst anzuwenden.

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11 Dez

Erziehen durch Erzählen. Moralische Bildung im Raum des Fiktionalen

von Anke Redecker (Bonn)


Versteht man Bildung als ein sinn- und verantwortungsvolles Sich-ins-Verhältnis-Setzen zu anderen, anderem und sich selbst, so kann damit ein Humboldtsches Bildungsverständnis angesprochen werden,[1] das sich im fortlaufenden – zum Beispiel wahrnehmenden, bestimmenden und wertenden – Bezug des Menschen zur Welt charakterisieren lässt. Da es sich bei diesem Weltbezug nicht um „meine“ von mir –zum Beispiel  ideologisch oder kulturspezifisch – zurechtgedachte Welt, sondern um „die“ Welt handelt, ist mit dieser Auseinandersetzung zugleich eine zwar je perspektivische, aber letztlich kosmopolitische Relation[2] verbunden, geht es doch um „den“ Menschen schlechthin, der die Welt – mit ihren vielfältigen Bewohnerinnen und Bewohnern – erfährt und zu verstehen versucht sowie zu verantwortlichen weltbezogenen Urteilen und Gestaltungen aufgerufen ist.

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