30 Mrz

Ein Loch in der „Leaky Pipeline“ der akademischen Philosophie? Eine geschlechtsspezifische Betrachtung von Anträgen und Förderquoten bei der DFG

Andrea Klonschinski (Kiel), auf der Basis eines gemeinsamen Textes mit Lisa Herzog und Christine Bratu


Einleitung

In der akademischen Philosophie wird der Frauenanteil umso geringer, je höher es die akademische Karriereleiter hinauf geht – ein Phänomen, das als „Leaky Pipeline“ bezeichnet wird. Woran aber liegt es, dass Frauen der Philosophie überproportional häufig den Rücken kehren? Da die Einwerbung von Drittmitteln nicht nur als essentielles Element im CV von Wissenschaftler:innen gilt sondern oft auch der eigenen Finanzierung zwischen Promotion und Dauerstelle dient, bietet es sich an, auf der Suche nach Erklärungen für die undichte Leitung einen genaueren Blick auf die Förderquoten von Drittmittelgebern zu werfen. Dies haben wir am Beispiel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hier getan. Dabei zeigt sich, dass Frauen in der Tat unter den Antragsteller:innen unterrepräsentiert sind und die Förderquoten der Frauen unterhalb der der Männer liegen. Im vorliegenden Beitrag fasse ich die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammen und diskutiere mögliche Ursachen der festgestellten geschlechtsspezifischen Ungleichheiten.

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24 Mrz

Im Namen von Wissenschaftsfreiheit. Eine Replik

von Dieter Schönecker (Siegen)


Dieser Blogbeitrag kann auch als Podcast gehört und heruntergeladen werden:


Das neue Netzwerk Wissenschaftsfreiheit (NW) ist in kürzester Zeit um mehrere hundert Mitglieder gewachsen. Aber es hat auch zahlreiche Kritiker, ja Feinde, die es als „rechts“ abtun oder als überflüssiges Spektakel. Auf praefaktisch hat auch Alexander Reutlinger das NW attackiert: Es gehe dem Netzwerk gar nicht um Wissenschaftsfreiheit. Mit der Verletzung von Wissenschaftsfreiheit durch wissenschaftsexterne Kritik befasse es sich nicht, innerwissenschaftliche Kritik sei dagegen die übliche Praxis in den Wissenschaften. Viel Feind, viel Ehr, könnte man denken. Aber die Ehre gibt’s nur, wenn der Feind stark ist. Die Waffen von Reutlinger, so werde ich zeigen, sind stumpf.

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10 Mrz

Rassismus bei Kant – Philosophie als „System der Selbstprüfung“

von Peggy H. Breitenstein, Danilo Gajić, Daniel Kersting, Yann Schosser


Rassistische Äußerungen in Kants Schriften stellen die heutige akademische Philosophie vor Herausforderungen: Wie kann ein angemessener Umgang mit ihnen in Forschung und Lehre, Schule und Hochschule aussehen? Welches Licht werfen diese Passagen auf den Universalismus und Humanismus der Philosophie Kants, die besonders in rechtsphilosophischen oder ethischen Debatten eine so große Rolle spielen? Überzeugt das Argument, Kant sei in einigen seiner Überzeugungen eben auch „im Zeitgeist“ gefangen gewesen? All diese Fragen rufen die Philosophie zur Selbstprüfung auf, zu der die kürzlich abgeschlossene Veranstaltungsreihe „Kant – Ein Rassist?“ ein wichtiger Beitrag war. Mit ihr reagiert die deutsche Kantforschung auf kritische Impulse aus der Zivilgesellschaft und lässt sich auf die bisher von ihr wenig beachtete Auseinandersetzung mit dem Rassismus in Kants Schriften ein. Der vorliegende Beitrag versucht sich an einem knappen Resümee der Reihe, will aber zugleich auf die Grenzen der aktuellen wie auch auf Aufgaben künftiger philosophischer Debatten über die Frage nach dem Umgang mit  Rassismus – aber auch mit Sexismus und Antisemitismus – in Werken der Philosophie hinweisen.

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09 Mrz

Wissenschaftsfreiheit? Nur dem Namen nach! Ein kritischer Kommentar zum „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“

Von Alexander Reutlinger (München)


Eine Gruppe von Wissenschaftlern und Philosophen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hat Anfang Februar das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit[1] gegründet. Das Netzwerk möchte Verletzungen der Wissenschaftsfreiheit dokumentieren und kritisieren.

Hat dieses Netzwerk nicht ein hehres Ziel? Muss nicht jeder Wissenschaftler, jeder Bürger, aufschreien, wenn die Erforschung und Lehre bestimmter Fragen staatlich verboten oder Universitäten ihre Autonomie genommen wird (wie gegenwärtig in Ungarn, der Türkei oder Serbien, um nur einige Beispiele in Europa zu nennen)? Muss man sich nicht z.B. mit der Central European University solidarisch zeigen, weil diese aufgrund eines 2017 von der ungarischen Regierung verabschiedeten Gesetzes („Lex CEU“) Budapest verlassen und nach Wien umziehen musste? Ja, man muss selbstverständlich solche Missstände klar als Verletzungen der Wissenschaftsfreiheit benennen und kritisieren. Aber muss man deswegen auch das neue Netzwerk unterstützen? Nein, das muss und sollte man keineswegs.

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05 Mrz

Rosa Luxemburg – die Wahr-Sprecherin

Von Michael Brie (Rosa Luxemburg Stiftung)


Die globale Linke hatte im 20. Jahrhundert viele Helden und auch einige Heldinnen. Aber unter diesen vielen sind zwei, die über alle Spaltungen der Linken hinweg auch heute noch die größte Ausstrahlung haben, sieht man von Karl Marx ab. Es sind Che Guevara und Rosa Luxemburg. Was aber ist das Geheimnis der Ausstrahlung von Rosa Luxemburg? Luxemburg hat keine wissenschaftliche Revolution vollzogen wie Karl Marx, sie hat keinen Staat gegründet wie Wladimir Iljitsch Lenin oder Mao Zedong. Sie hat keine neue Theorie sozialistische Strategie hinterlassen wie Antonio Gramsci. Das Genie Luxemburgs, das sie weit über andere erhebt, drückte sich in ihrem Leben aus.

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22 Feb

Ungeheure Gefährt*innenschaften – der Beginn einer Reise. Eine philosophische Reflexion zu Marc Bauders Film Wer Wir Waren

von Janina Loh (Wien)


In der altgriechischen Tragödie Antigone des Dramatikers Sophokles gibt es einen Satz, der mich schon lange beschäftigt, wenn auch immer wieder erneut und aus unterschiedlichen Gründen. Er lautet übersetzt etwa »Es gibt viele ungeheure Dinge, aber nichts ist ungeheurer als der Mensch«. Da ist zunächst die Doppeldeutigkeit des Wortes »ungeheuer« oder »ungeheuerlich«. Das Ungeheure im menschlichen Wesen treibt mich als Technikphilosophin in der Tat in seinen zahlreichen Facetten schon aufgrund meiner Profession um. Dinge, die uns ungeheuer erscheinen, sind häufig groß und mächtig, zuweilen auch unerklärlich und deshalb vielleicht sogar gruselig, sie sind uns tatsächlich nicht »geheuer«, können sowohl schlimm und gefährlich als auch wunderbar und nicht- bzw. übermenschlich in einem großartigen Sinne sein. So etwa von Menschen geschaffene Technologien und Techniken, also Artefakte und Praktiken. Sie reichen von wie ungeheure Wunder wirkenden Dingen wie der Sprache und Schrift, dem Buchdruck, Medikamenten, Flugzeugen, Raketen, dem Gesang, sportlichen Höchstleistungen und vermutlich auch dem Internet bis hin zu ungeheuerlich zerstörerischen Schöpfungen wie Waffen, Atombomben, Giften, Folterinstrumenten und dem Krieg als einem der sicherlich verabscheuungswürdigsten menschlichen Konglomerate sehr spezifischer Tod und Verderben bringender Technologien und Techniken. Ja, in der Tat, es gibt viele ungeheure Dinge auf diesem Planten und viele davon, wenn auch sicherlich nicht alle wurden von Menschen in Gedanken entworfen und irgendwann in die Tat umgesetzt.  

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31 Dez

Zwanzig-zwanzig mit Lacan

Ein Versuch über die Drei Register

Von Frank Wörler


In der Frage, wie wir unsere Welt wahrnehmen und damit mindestens ein Stück weit konstituieren, scheint sich heute die Lage zu verkomplizieren. Durch die Massenmedien und, in einem zweiten Schritt, die Sozialen Medien vervielfachen sich die möglichen Ebenen der Repräsentation. Während die Erkennbarkeit des Dings an sich mal eine philosophische Frage war, sind wir über die phänomenologische Ebene, über das Eingeständnis der Vorläufigkeit von Erkenntnis heute an einen Rand getreten – den Rand eines tiefen Kraters der Verunsicherung, vom ‚User’ der Social Media beherzt als Möglichkeit der freien Entfaltung verstanden.

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17 Dez

„Er ist wieder da!“ Die Renaissance des Stoizismus

Von Markus Rüther (Jülich)


In den USA erfährt der Stoizismus gerade eine Renaissance. Auf Workshops lassen sich Unternehmer und Manager mittels der antiken Philosophie coachen. Es gibt mittlerweile Apps wie „Pocketstoic“, die einem jeden Tag ein Zitat von Marc Aurel, Epiktet und Seneca näherbringen. Die Bücherregale sind voll mit Titeln wie „The Obstacle Is the Way“, „How to Be a Stoic“ oder „How to Think Like a Roman Emperor.“ Und wer sich intensiver mit dem Stoizismus auseinandersetzen will, kann das in den USA auf inzwischen regelmäßig stattfindenden Konferenzen wie der Stoicon oder der Stoic Week tun oder sich mittels eines stoic fellowships in regionalen Gruppen zusammenschließen. Dieser Trend lässt sich auch für Deutschland festhalten, wenngleich er (noch) nicht in der gleichen Weise „Feuer“ gefangen hat. Hierzulande beschränken sich die Bemühungen des „Modern Stoicism“, so nennt sich der Zusammenschluss von Stoikern, vor allem auf kleinere Beiträge im Feuilleton (Für ausgewählte Beispiele siehe etwa SZ I und SZ II und Die Zeit. Ebenso sind die praktischen Überlegungen der Stoa mehr oder weniger regelmäßig Gegenstand von öffentlichen Publikumsvorträgen, wie etwa auf der Phil.Cologne (siehe für ein Beispiel aus 2019), der größten deutschsprachigen Vortragsmesse für Philosophie, oder auch in Philosophischen Cafés (siehe für ein Beispiel in Münster).

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16 Dez

Der Ethikrat über Suizidwünsche und Suizidbeihilfe – Fiktion und Wirklichkeit

Von Olivia Mitscherlich-Schönherr   


Im Herbst 2020 fanden zwei Sitzungen des Deutschen Ethikrats zu Sterbewunsch und Suizidbeihilfe statt. Bundesgesundheitsminister Spahn hatte den Ethikrat um eine Stellungnahme gebeten. Zwischen den beiden Sitzungen des realen Ethikrats hat die ARD Ende November Ferdinands von Schirach Spielfilm „Gott“ über eine fiktive Ethikrat-Anhörung zum selben Thema ausgestrahlt. In dieser zeitlichen Koinzidenz wird deutlich, dass beide voneinander lernen können – und zwar im Interesse sowohl der Kunst als auch der Arbeit als wissenschaftlich-ethisches Beratungsgremium: von Schirach könnte bessere Kunst machen, der Deutsche Ethikrat könnte sich demokratisieren.

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04 Dez

Pflichtgemäß. Immanuel Kant und Brad Raffensperger

von Herbert Hrachovec (Wien)


Der Innenminister des US-amerikanischen Bundesstaates Georgia ist lebenslanger Republikaner. Er unterstützte Donald Trumps Wahlkampf finanziell und wählte ihn im November 2020. Zu diesem Zeitpunkt war er in seiner politischen Funktion auch für die korrekte Abwicklung dieser Wahl zuständig. Joe Biden gewann in Georgia mit circa 12.000 von 5 Millionen Stimmen Vorsprung. Trumps Rechtsanwälte fochten das Ergebnis sofort an; sie reklamierten umfassenden Wahlbetrug. Während der darauf folgenden Neuauszählung wurde der Minister zur Zielscheibe erregter Trump-Anhänger. Anonyme EMails warnten: „You better not botch this recount, Your life depends on it.“ Lindsey Graham, Senator für South Carolina, „erkundigte“ sich, ob man Wahlkarten nicht für ungültig erklären könnte. Die Überprüfung des vorläufigen Resultates in den einzelnen Wahlbezirken änderte nichts am Endergebnis. Laut Gesetz musste es vom Innenminister bestätigt werden.

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