06 Nov

Die Gabe unter Derrida

von Grit Becher (Wien)

Jacques Derrida, französischer Philosoph, Begründer und Hauptvertreter der philosophischen Denkrichtung der Dekonstruktion[1], zielt in seinem Konzept der Gabe auf die Vereinigung von sich gleichzeitig ausschließenden Formen wie das Paradox und die Ironie, auf das, was die Logik eigentlich ausschließt. Derridas Sozialphilosophie beschreibt nicht die Struktur des Tauschs oder der Reziprozität wechselseitiger Bedürfnisbefriedigung, sondern die Struktur der Gabe, in der Schenkung ohne Dankbarkeit, in der radikal nicht reziproken Freigebigkeit, die immer schon dann zerstört ist, wenn auch nur Spurenelemente von Symmetrie, Gegenseitigkeit, Anerkennung oder Dankbarkeit vorhanden sind.

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18 Okt

Die Philosophiezeitschrift Narthex bittet um Unterstützung

von der Narthex-Radaktion

Wie schon zu vor über einem Jahr die Narthex 4, will sich die Narthex 5 teilweise durch eine Crowdfundingkampagne finanzieren. Zum Thema „Personale Authentizität“ wurde ein wie gewohnt buntes, anregendes und tiefschürfendes Heft produziert. Doch es gilt wie stets im Leben unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen: Ohne Bares nichts Wahres.

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22 Mai

Ach, das Kopftuch… Gegen staatliche Enthüllungsverordnungen

von Johannes Drerup (Freie Universität Amsterdam & Koblenz-Landau)


Einleitung

Die öffentlichen Schulsysteme liberaler Demokratien sind kontinuierlich Austragungsorte von Toleranzdebatten und -konflikten, in denen es stets auch um die legitime Rolle und Funktion von Religion, d.h. religiöser Praktiken, Überzeugungen und Symbole im Rahmen eines weltanschaulich neutralen Staates geht. Ausgangspunkt und Gegenstand dieser Kontroversen ist die Frage, wie in einer pluralistischen Gesellschaft mit divergierenden Wertvorstellungen umgegangen werden sollte, die in vielen Fällen zu Wertkonflikten Anlass geben können, wenn es um die Festlegung, Abstimmung und Durchsetzung von Aufgaben, Rechten und Pflichten des liberalen Staats, von Eltern und Religionsgemeinschaften und von Kindern geht. Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand in den letzten Jahren immer wieder das Kopftuch, eine Kontroverse, die derzeit nicht zuletzt durch die Verbote des Kopftuchtragens für Kinder (in Kindergärten und Grundschulen) in Österreich und entsprechende politische Vorschläge in Deutschland an politischer Brisanz gewonnen hat.[1] Gegner des Tragens von Kopftüchern in Kindergärten und öffentlichen Schulen berufen sich in Teilen auf eine spezifische Auslegung des staatlichen Neutralitätsgebots und gehen z.B. davon aus, dass das Kopftuch mit der freien und selbstbewussten Entwicklung von Kindern nicht vereinbar und Ausdruck religiösen Zwangs sei. Befürworter dagegen interpretieren das Verbot als Ausdruck antireligiöser und dezidiert antimuslimischer Symbolpolitik, die auf die Einschränkung grundlegender Rechte (u.a. Religionsfreiheit) von Eltern und Kindern hinauslaufen. Im Folgenden sollen unterschiedliche Positionen in der öffentlichen Kontroverse über ein Kopftuchverbot in Kindergärten und öffentliche Schulen rekonstruiert und diskutiert werden. Eine entsprechende staatliche `Enthüllungsverordnung´, so meine Argumentation, ist mit einer angemessenen Interpretation grundlegender Prinzipien liberaler Politik und Erziehung nicht zu vereinbaren.

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16 Mai

Aktualität und Wahrheit – oder: Von Marx zu Hegel. Eine spekulative Anamnesis , Teil II

von Gregor Schäfer (Basel)


Wir bringen diesen zweiteiligen Beitrag verspätet zum Marx Jubiläum, da er uns auf Grund eines technischen Gebrechens erst jetzt erreicht hat, obwohl er schon vor einem halben Jahr fertig gestellt wurde. Der erste Teil ist hier.


III.

Als «Verwirklichung der Philosophie» bleibt der Marxismus vom Hegelschen Idealismus – unhintergehbar – abhängig. Dies zum einen in begründungstheoretischer Hinsicht: Ein Marxismus, der sich als die neue, für sich selbst stehende Position eines «Materialismus» begründet, muss darin, nimmt er die Begründungsfrage überhaupt ernst, scheitern; er wird zum objektivistischen Dogmatismus, der hinter den Begründungsanspruch des Hegelschen Idealismus zurückfällt und sich dessen nicht bewusst ist, dass auch noch sein eigener Wahrheitsanspruch – unhintergehabr – vom objektiven Idealismus zehrt, den er überwunden zu haben wähnt. Dies zum andern aber auch in subjekt- und, dadurch vermittelt, revolutionstheoretischer Hinsicht: Es ist freilich kein Zufall, dass Lukács’ Geschichte und Klassenbewusstsein (1923) – wie Agnes Heller einmal feststellt, das einzige philosophische Buch des Marxismus, das je geschrieben wurde – sich auf das Hegelsche (und Fichtesche) Erbe besinnt, um den Marxismus aus dem – als solchen a-politischen – szientistischen (ökonomistischen) Positivismus und historizistischen Schema zu befreien, zu denen ihn die II. Internationale nivellierte.[i]

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06 Mai

Zur Verantwortung der Intellektuellen. Ein Statement

Von Janina Loh (Wien)

Vor ein paar Monaten wurde ich dazu eingeladen, auf der 4. Love and Sex with Robots Konferenz (LSR) eine Keynote zum Thema “Sexrobotik – Ethische Fragen und feministische Herausforderungen” zu geben. Meine Freude darüber währte allerdings ebenso kurz wie intensiv. Denn als ich das Event vor gut drei Wochen auf meinen social media Kanälen teilte, reagierten Arbeitskolleg*innen mit Skepsis. Mir wurde berichtet, dass einer der beiden Chairs der LSR, nämlich Adrian Cheok, Computerwissenschaftler und Direktor des Imagineering Institute (Malaysia), im vergangenen Jahr zu der von ihm ausgerichteten 15. International Conference on Advances in Computer Entertainment Technology als Keynote Sprecher Steve Bannon eingeladen hat.

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02 Mai

Aktualität und Wahrheit – oder: Von Marx zu Hegel. Eine spekulative Anamnesis , Teil I

von Gregor Schäfer (Basel)

Wir bringen diesen zweiteiligen Beitrag verspätet zum Marx Jubiläum, da er uns auf Grund eines technischen Gebrechens erst jetzt erreicht hat, obwohl er schon vor einem halben Jahr fertig gestellt wurde. Der zweite Teil erscheint in zwei Wochen.


I.

Die Frage nach der Aktualität des Marxismus fokussiert sich in der öffentlichen Diskussion, die das zufällig-historische Faktum des 200. Geburtstags von Karl Marx zu ihrem Anlass nimmt, in der einen oder anderen Weise zumeist darauf, ob er «uns» «heute» noch etwas zu sagen habe. Spezifischer: welche seiner Theorieteile, Subtheorien oder praktischen Forderungen und Programme noch aktuell seien. Je nach dem mögen die Antworten hierauf lauten, der Marxismus sei – wie ohnehin längst bekannt – überholt. Oder aber – in einer Einstellung kritischerer Offenheit – er liefere nach wie vor taugliche Instrumente, die es hinsichtlich ihrer deskriptiv-phänomenologischen Adäquatheit, ihrer analytisch-explanativen Fruchtbarkeit oder ihres kritischen Potentials im Blick auf Erscheinungen und Symptome der späten Moderne neu zu entdecken und zu würdigen gälte. Die Aktualität der Marxschen Kapital-Analyse vermag zumal angesichts der seit 2007 jäh ins allgemeine Bewusstsein eingebrochenen Entwicklung der Finanzmärkte, über engere orthodoxe Zirkel hinaus, in den Feuilletons der großen Zeitungen wieder auf breite öffentliche Resonanz zu stoßen.[i]

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11 Apr

Geburtstagsgedanken – Teil 2

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Vor einem Jahr haben wir praefaktisch ins Lebens gerufen. Die Geburt war relativ einfach, was danach kam mitunter mühsam aber lohnend. Es ist ein Jubiläum und das sollte man ja feiern aber dennoch kritisch zurück und mutig voraus blicken. (Falls sich ein paar Dinge hier wiederholen, die auch schon Norbert geschrieben hat, dann liegt das wohl daran, dass wir ähnliche Erfahrungen gemacht haben.)

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10 Apr

Ein Jahr Praefaktisch – oder: sie werden so schnell groß

von Norbert Paulo (Graz & Salzburg)

Am 10. April 2018 haben wir mit einem Interview mit Mari Mikkola den Philosophieblog Praefaktisch gestartet. Seither haben wir – mit kurzen Unterbrechungen im Sommer und um Weihnachten – durchgängig jede Woche mindestens zwei Beiträge veröffentlicht. Immerhin knapp 100 Beiträge im ersten Jahr. Die meisten davon sind Themenblöcken zugeordnet, die den Leser_innen zumindest eine gewisse Orientierung ermöglichen und uns die Planung erleichtern sollen. Begonnen haben wir mit Themenblöcken zum 200. Geburtstag von Karl Marx, zur Rolle der Philosophie in der Öffentlichkeit, zum Problem des Postfaktischen und zu deutschsprachigen Philosophiezeitschriften. Diese Themen waren bewusst divers gewählt, sie betreffen teilweise die Philosophie als Fach, überwiegend aber Fragen von allgemeinem Interesse.

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19 Feb

Sich besser fühlen dank analytischer Philosophie

von Thomas Pölzler (Graz)

Jeder von uns trägt ein gewisses Maß an Problemen mit sich herum. Manche werden regelmäßig von Reue oder Schuldgefühlen heimgesucht; andere haben eine Neigung, sich zu ängstigen; wieder andere wurden betrogen und schaffen es deshalb nur schwer, ihrem/r Partner/in zu vertrauen. Probleme wie diese beeinträchtigen unser psychisches Wohlbefinden. Werden sie zu intensiv oder manifestieren sich zu häufig, sprechen wir von psychischen Erkrankungen.

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18 Nov

Endlich kontroverse Ideen!?

Von Norbert Paulo (Graz/Salzburg)

Im Rahmen einer interessanten BBC-Radiodokumentation über politische Meinungsvielfalt an Universitäten hat Jeff McMahan, Professor für Moralphilosophie in Oxford, seine Initiative für eine neue Fachzeitschrift erläutert, die 2019 gegründet werden soll: The Journal of Controversial Ideas. Die grundsätzliche Idee dafür hat Peter Singer, der die Zeitschrift mit McMahan und Francesca Minerva (Gent) herausgeben wird, bereits 2017 in einem Interview angedeutet: In Zeiten extremer gesellschaftlicher Polarisierung könnten Autor_innen heute leichter als früher davon abgehalten werden, Ideen zu veröffentlichen, die in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen unpopulär sind oder außerhalb dessen liegen, was (mehrheits-)gesellschaftlich akzeptabel erscheint.

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