22 Mai

Ach, das Kopftuch… Gegen staatliche Enthüllungsverordnungen

von Johannes Drerup (Freie Universität Amsterdam & Koblenz-Landau)


Einleitung

Die öffentlichen Schulsysteme liberaler Demokratien sind kontinuierlich Austragungsorte von Toleranzdebatten und -konflikten, in denen es stets auch um die legitime Rolle und Funktion von Religion, d.h. religiöser Praktiken, Überzeugungen und Symbole im Rahmen eines weltanschaulich neutralen Staates geht. Ausgangspunkt und Gegenstand dieser Kontroversen ist die Frage, wie in einer pluralistischen Gesellschaft mit divergierenden Wertvorstellungen umgegangen werden sollte, die in vielen Fällen zu Wertkonflikten Anlass geben können, wenn es um die Festlegung, Abstimmung und Durchsetzung von Aufgaben, Rechten und Pflichten des liberalen Staats, von Eltern und Religionsgemeinschaften und von Kindern geht. Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand in den letzten Jahren immer wieder das Kopftuch, eine Kontroverse, die derzeit nicht zuletzt durch die Verbote des Kopftuchtragens für Kinder (in Kindergärten und Grundschulen) in Österreich und entsprechende politische Vorschläge in Deutschland an politischer Brisanz gewonnen hat.[1] Gegner des Tragens von Kopftüchern in Kindergärten und öffentlichen Schulen berufen sich in Teilen auf eine spezifische Auslegung des staatlichen Neutralitätsgebots und gehen z.B. davon aus, dass das Kopftuch mit der freien und selbstbewussten Entwicklung von Kindern nicht vereinbar und Ausdruck religiösen Zwangs sei. Befürworter dagegen interpretieren das Verbot als Ausdruck antireligiöser und dezidiert antimuslimischer Symbolpolitik, die auf die Einschränkung grundlegender Rechte (u.a. Religionsfreiheit) von Eltern und Kindern hinauslaufen. Im Folgenden sollen unterschiedliche Positionen in der öffentlichen Kontroverse über ein Kopftuchverbot in Kindergärten und öffentliche Schulen rekonstruiert und diskutiert werden. Eine entsprechende staatliche `Enthüllungsverordnung´, so meine Argumentation, ist mit einer angemessenen Interpretation grundlegender Prinzipien liberaler Politik und Erziehung nicht zu vereinbaren.

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16 Mai

Aktualität und Wahrheit – oder: Von Marx zu Hegel. Eine spekulative Anamnesis , Teil II

von Gregor Schäfer (Basel)


Wir bringen diesen zweiteiligen Beitrag verspätet zum Marx Jubiläum, da er uns auf Grund eines technischen Gebrechens erst jetzt erreicht hat, obwohl er schon vor einem halben Jahr fertig gestellt wurde. Der erste Teil ist hier.


III.

Als «Verwirklichung der Philosophie» bleibt der Marxismus vom Hegelschen Idealismus – unhintergehbar – abhängig. Dies zum einen in begründungstheoretischer Hinsicht: Ein Marxismus, der sich als die neue, für sich selbst stehende Position eines «Materialismus» begründet, muss darin, nimmt er die Begründungsfrage überhaupt ernst, scheitern; er wird zum objektivistischen Dogmatismus, der hinter den Begründungsanspruch des Hegelschen Idealismus zurückfällt und sich dessen nicht bewusst ist, dass auch noch sein eigener Wahrheitsanspruch – unhintergehabr – vom objektiven Idealismus zehrt, den er überwunden zu haben wähnt. Dies zum andern aber auch in subjekt- und, dadurch vermittelt, revolutionstheoretischer Hinsicht: Es ist freilich kein Zufall, dass Lukács’ Geschichte und Klassenbewusstsein (1923) – wie Agnes Heller einmal feststellt, das einzige philosophische Buch des Marxismus, das je geschrieben wurde – sich auf das Hegelsche (und Fichtesche) Erbe besinnt, um den Marxismus aus dem – als solchen a-politischen – szientistischen (ökonomistischen) Positivismus und historizistischen Schema zu befreien, zu denen ihn die II. Internationale nivellierte.[i]

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06 Mai

Zur Verantwortung der Intellektuellen. Ein Statement

Von Janina Loh (Wien)

Vor ein paar Monaten wurde ich dazu eingeladen, auf der 4. Love and Sex with Robots Konferenz (LSR) eine Keynote zum Thema “Sexrobotik – Ethische Fragen und feministische Herausforderungen” zu geben. Meine Freude darüber währte allerdings ebenso kurz wie intensiv. Denn als ich das Event vor gut drei Wochen auf meinen social media Kanälen teilte, reagierten Arbeitskolleg*innen mit Skepsis. Mir wurde berichtet, dass einer der beiden Chairs der LSR, nämlich Adrian Cheok, Computerwissenschaftler und Direktor des Imagineering Institute (Malaysia), im vergangenen Jahr zu der von ihm ausgerichteten 15. International Conference on Advances in Computer Entertainment Technology als Keynote Sprecher Steve Bannon eingeladen hat.

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02 Mai

Aktualität und Wahrheit – oder: Von Marx zu Hegel. Eine spekulative Anamnesis , Teil I

von Gregor Schäfer (Basel)

Wir bringen diesen zweiteiligen Beitrag verspätet zum Marx Jubiläum, da er uns auf Grund eines technischen Gebrechens erst jetzt erreicht hat, obwohl er schon vor einem halben Jahr fertig gestellt wurde. Der zweite Teil erscheint in zwei Wochen.


I.

Die Frage nach der Aktualität des Marxismus fokussiert sich in der öffentlichen Diskussion, die das zufällig-historische Faktum des 200. Geburtstags von Karl Marx zu ihrem Anlass nimmt, in der einen oder anderen Weise zumeist darauf, ob er «uns» «heute» noch etwas zu sagen habe. Spezifischer: welche seiner Theorieteile, Subtheorien oder praktischen Forderungen und Programme noch aktuell seien. Je nach dem mögen die Antworten hierauf lauten, der Marxismus sei – wie ohnehin längst bekannt – überholt. Oder aber – in einer Einstellung kritischerer Offenheit – er liefere nach wie vor taugliche Instrumente, die es hinsichtlich ihrer deskriptiv-phänomenologischen Adäquatheit, ihrer analytisch-explanativen Fruchtbarkeit oder ihres kritischen Potentials im Blick auf Erscheinungen und Symptome der späten Moderne neu zu entdecken und zu würdigen gälte. Die Aktualität der Marxschen Kapital-Analyse vermag zumal angesichts der seit 2007 jäh ins allgemeine Bewusstsein eingebrochenen Entwicklung der Finanzmärkte, über engere orthodoxe Zirkel hinaus, in den Feuilletons der großen Zeitungen wieder auf breite öffentliche Resonanz zu stoßen.[i]

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11 Apr

Geburtstagsgedanken – Teil 2

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Vor einem Jahr haben wir praefaktisch ins Lebens gerufen. Die Geburt war relativ einfach, was danach kam mitunter mühsam aber lohnend. Es ist ein Jubiläum und das sollte man ja feiern aber dennoch kritisch zurück und mutig voraus blicken. (Falls sich ein paar Dinge hier wiederholen, die auch schon Norbert geschrieben hat, dann liegt das wohl daran, dass wir ähnliche Erfahrungen gemacht haben.)

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10 Apr

Ein Jahr Praefaktisch – oder: sie werden so schnell groß

von Norbert Paulo (Graz & Salzburg)

Am 10. April 2018 haben wir mit einem Interview mit Mari Mikkola den Philosophieblog Praefaktisch gestartet. Seither haben wir – mit kurzen Unterbrechungen im Sommer und um Weihnachten – durchgängig jede Woche mindestens zwei Beiträge veröffentlicht. Immerhin knapp 100 Beiträge im ersten Jahr. Die meisten davon sind Themenblöcken zugeordnet, die den Leser_innen zumindest eine gewisse Orientierung ermöglichen und uns die Planung erleichtern sollen. Begonnen haben wir mit Themenblöcken zum 200. Geburtstag von Karl Marx, zur Rolle der Philosophie in der Öffentlichkeit, zum Problem des Postfaktischen und zu deutschsprachigen Philosophiezeitschriften. Diese Themen waren bewusst divers gewählt, sie betreffen teilweise die Philosophie als Fach, überwiegend aber Fragen von allgemeinem Interesse.

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19 Feb

Sich besser fühlen dank analytischer Philosophie

von Thomas Pölzler (Graz)

Jeder von uns trägt ein gewisses Maß an Problemen mit sich herum. Manche werden regelmäßig von Reue oder Schuldgefühlen heimgesucht; andere haben eine Neigung, sich zu ängstigen; wieder andere wurden betrogen und schaffen es deshalb nur schwer, ihrem/r Partner/in zu vertrauen. Probleme wie diese beeinträchtigen unser psychisches Wohlbefinden. Werden sie zu intensiv oder manifestieren sich zu häufig, sprechen wir von psychischen Erkrankungen.

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18 Nov

Endlich kontroverse Ideen!?

Von Norbert Paulo (Graz/Salzburg)

Im Rahmen einer interessanten BBC-Radiodokumentation über politische Meinungsvielfalt an Universitäten hat Jeff McMahan, Professor für Moralphilosophie in Oxford, seine Initiative für eine neue Fachzeitschrift erläutert, die 2019 gegründet werden soll: The Journal of Controversial Ideas. Die grundsätzliche Idee dafür hat Peter Singer, der die Zeitschrift mit McMahan und Francesca Minerva (Gent) herausgeben wird, bereits 2017 in einem Interview angedeutet: In Zeiten extremer gesellschaftlicher Polarisierung könnten Autor_innen heute leichter als früher davon abgehalten werden, Ideen zu veröffentlichen, die in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen unpopulär sind oder außerhalb dessen liegen, was (mehrheits-)gesellschaftlich akzeptabel erscheint.

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10 Okt

Fake! Hoax! Bullshit-Wissenschaft! Sind einige Gebiete der Geistes- und Sozialwissenschaften unwissenschaftliches Blabla?

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Mittlerweile hat der Hoax von  Helen Pluckrose, James Lindsay und Peter Boghossian auch die Mainstreammedien im deutschsprachigen Raum erreicht. Worum geht es eigentlich? Diese drei – Pluckrose ist Journalistin, Lindsay ein Mathematiker und Boghossian Assistenzprofessor für Philosophie – haben zwanzig Aufsätze verfasst, die sie selbst für Bullshit halten, dann an wissenschaftliche Zeitschriften geschickt, und es geschafft, dass einige davon publiziert wurden. In den Aufsätzen geht es um so illustre Themen wie die Vergewaltigungskultur in einem Hundepark, fat bodybuilding oder darum, ob Homophobie durch die Verwendung von Analspielzeug bei Männern bekämpft werden könnte. Das Ganze war also keine schnelle Hauruckaktion, sondern durchdacht und langfristig geplant. Sie haben wohl ein Jahr an der Sache gearbeitet und sind  bei Auswahl der Themen und Zeitschriften systematisch vorgegangen. Wer sich dafür interessiert, alle Aufsätze und alle Gutachten können eingesehen und gelesen werden. Ich beschränke mich hier auf die Frage, was die AutorInnen mit diesem Experiment wirklich gezeigt haben.

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04 Okt

Homos Digitalos – Persönliche Identität

von Stefan Pfeifer (Wien)


Einführung

Wir stehen am Abgrund! Das Smartphone lässt uns verblöden, die Digitalisierung entfremdet den Menschen, macht ihn arbeitslos und überflüssig. Der Mensch beutet sich in einer Art von Burn-Out-Euphorie selbst aus und der Klassiker der Kulturpessimisten , dass der grassierende Nihilismus der Jugend uns alle zugrunde richtet, ist auch wieder, oder besser gesagt noch immer, en vogue. In der Geschichte der Menschheit sind diese oder ähnliche Aussagen keine Seltenheit, vor allem nicht während kultureller oder technischer Umbruchsphasen. Auf der anderen Seite der Medaille finden wir die „everything is awesome“ (vgl. Lego Movie) Gesellschaft, die nicht weniger fanatisch aber wenigstens optimistisch in die Zukunft schaut. Was macht der digitale Umbruch mit unserer Identität, unserer Gruppenidentität und unserem traditionellen Verständnis von Macht? Diese Fragen werden in den nächsten drei Kapiteln behandelt.

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