Bildung

Bildung und Philosophie stehen in einem besonderem Verhältnis zueinander. Einerseits wird in einem weit verbreiteten Verständnis, Philosophie oder zu philosophieren zu lernen, als Teil einer (guten, humanistischen) Bildung angesehen. Andererseits reflektiert Philosophie auf Bildung – was sie ist und was sie sein soll.

Bildung und Philosophie stehen in einem Verhältnis der (kritischen) Distanz und der Nähe zueinander, welches sich auch darin ausdrückt, dass hier unterschiedliche Orte, Praktiken und Disziplinen in den Blick zu nehmen sind, wenn es gilt, ihr Verhältnis angemessen zu bestimmen.

Philosophie wird an unterschiedlichen Orten gelehrt und gelernt – an den Universitäten, Schulen, in philosophischen Praxen und in unzähligen frei organisierten Formen (Cafés, Blogs, Foren, Lesekreisen). Der Beitrag der Philosophie zur Bildung und erst recht zur Ausbildung ist aber nicht unumstritten.

Bildung wiederum erscheint als überladener und vager Begriff, in den schon so Vieles hineingepackt und der für so viele unterschiedliche Zwecke verwendet wurde, dass seine Bedeutung erst recht umstritten ist. Ob die Philosophie hier einen Beitrag zu Klärung leisten kann? Schließlich gibt es ja mit der Pädagogik und Erziehungswissenschaft eine eigene Disziplin, die im Kern ihrer Forschung den Bildungsbegriff hat.

Fragen, die dieser Block beleuchten will, betreffen unter anderen das rechte Verständnis von Bildungsgerechtigkeit, Philosophie und Ideengeschichte der Bildung und Erziehung, Bildung und Erziehung in und außerhalb (staatlicher) Institutionen, Paternalismus und Bildung, das Verhältnis von Bildung und Ausbildung, Ethische Bildung und Moralentwicklung, Philosophie und empirische Zugänge zu Bildung und Erziehung, Philosophie in der Schule und Philosophiedidaktik, Bildung während und nach der Kindheit.

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20 Sep

Über den Status der Philosophie im Kompetenzdschungel

von Christian Prust (Siegen)


Mindestens dreißig zu entwickelnde oder zu fördernde Kernkompetenzen stehen in jedem Schulfach – wohl auch oder gar primär als eine Reaktion auf den Pisa-Schock – in den entsprechenden Curricula und Kernlehrplänen – ein nahezu undurchschaubarer Kompetenzdschungel. Das gilt freilich auch für die Philosophie. Aber ist ein kompetenzorientierter (Philosophie)-Unterricht wirklich eine gute Lösung für etwaig erhobene Missstände im Bildungssystem? Ich werde anhand einiger komparatistischer Säulen, z. B.  Kompetenz versus (philosophische) Bildung, Kompetenzorientierung versus Vermittlung von Fachwissen, pädagogische, didaktische und bildungsphilosophische Vorstellungen versus zentrale Vorgaben der OECD, Probleme skizzieren und einleiten, die mit der Kompetenzorientierung einhergehen. Der prominenten Definition von Franz E. Weinert zufolge sind Kompetenzen „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen (d. h. absichts- und willensbezogenen) und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“[1] Auffällig ist auf den ersten Blick, dass hier Kompetenz notwendig an Motivation und Volition geknüpft sein soll; hier stellt sich die Frage: habe ich die Argumentationskompetenz nur dann, wenn ich auch argumentieren will? Das ist höchst diskussionswürdig, dafür ist hier aber nicht der geeignete Ort, auch weil dies nur eine Definition unter vielen ist.[2] Ich möchte den Fokus auf den weniger strittigen Teil der Definition legen, demzufolge die Kompetenzorientierung sich vor allem dadurch auszeichnet, den Blick darauf zu richten, dass Schülerinnen und Schüler die Probleme der jeweiligen Disziplin besser verstehen und entsprechend auch besser lösen können, d. h. Kirsten Meyer zufolge auch  „besser philosophieren können sollen.“[3]

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