07 Feb

10 Gründe, besser heute als morgen Atheist zu werden

von Lisz Hirn (Wien)


1. Atheisten glauben auch. Nur eben daran, dass es Gott nicht gibt.

Der Atheismus ist nicht der Gegenspieler der Religionen, für den er gehalten wird. Der schlaue Hinweis kam bereits von Arthur Schopenhauer: „Was für eine schlaue Erschleichung und hinterlistige Insinuation in dem Wort Atheismus liegt! – als verstände der Theismus sich von selbst.“ Ein Atheist glaubt nämlich, dass es Gott nicht gibt. Denn auch das nicht-an-einen Gott-zu-glauben ist noch immer ein Glaube, der sich unter Kategorien wie wahr oder falsch stellen lässt. Friedrich Nietzsche, einer der bekanntesten Gottlosen in der Philosophiegeschichte, schreibt in seinem Buch „Ecce Homo“: “Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebnis, noch weniger als Ereignis: er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu fragwürdig, zu übermütig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu lassen.“

Weiterlesen

05 Feb

Bildung zum Anderen

von René Torkler (Eichstätt)


Der Erwerb von Bildung gilt vielen als Schlüssel zu einer gelingenden Lebensgestaltung. In diesem Sinne ist Bildung ohne Frage ein Zukunftsthema, da nur derjenige vor den Aufgaben des Lebens bestehen wird, der sich durch zukunftsfeste Bildung hinreichend auf diese vorbereitet. Solches Vorbereitsein auf zentrale Lebensaufgaben dürfte immer schon eine grundlegende Motivation für die mit Bildungsprozessen verbundenen Anstrengungen gewesen sein.

Weiterlesen
31 Jan

Ein sinnvoller Brückenbau. Viktor Frankl im Gespräch mit der gegenwärtigen Sinnphilosophie

von Roland Kipke (Eichstätt)

Dieser Blogbeitrag basiert auf einem Aufsatz, der im Schwerpunkt „Das Schöne, Wahre und Gute. Das sinnvolle Leben in der Diskussion“ in der Zeitschrift für Praktische Philosophie erschienen ist.


Was macht ein sinnvolles Leben aus? Wie kann man sinnvoll leben? Worin können wir Sinn finden? Diese Fragen stellen sich nahezu jedem Menschen. Sie gelten im Allgemeinen sogar als zentrale philosophische Fragen, doch die akademische Philosophie entdeckt sie erst in den letzten Jahren wieder. In der Existenzanalyse und Logotherapie von Viktor E. Frankl hingegen stehen sie seit jeher im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der österreichische Psychiater hat eine eigene Sinntheorie entwickelt und sie zur Basis seiner psychotherapeutischen Arbeit gemacht.

Weiterlesen
29 Jan

#MeToo – Versuch einer Bilanz

von Tatjana Hörnle (Berlin)


Die Folgen der internationalen Empörungsbewegung, die mit dem Hashtag #MeToo bezeichnet wird, waren drastisch: arbeitsrechtliche und strafrechtliche Konsequenzen und/oder soziale Ächtung für viele Beschuldigte, darunter prominente und einflussreiche Personen (in der Regel Männer). Es lohnt sich, im Rückblick positive und negative Aspekte dieser Bewegung zu benennen. Eine zentrale Frage ist, ob sich Verhaltensnormen geändert haben und wie solche Veränderungen zu bewerten sind. Von Verschärfungen sozialer Normen ist auszugehen: Sexualisiertes Verhalten, das nicht von allen Beteiligten konsentiert ist, wird zunehmend sozial abgelehnt. Es ist zudem wahrscheinlich, dass #MeToo nicht nur restriktivere Verhaltensstandards verankert hat, sondern auch abschreckende Wirkung für egozentrische, wenig an sozialen Normen interessierte Personen entfaltet. Wie groß solche Effekte sind, ist schwer zu sagen – aber es ist plausibel anzunehmen, dass die #MeToo-Bewegung nicht folgenlos ist.

Weiterlesen
24 Jan

Heilloses Lachen. Gelotophile Affinitäten in Philosophie und Religion

von Robert Lehmann (Greifswald)


Selbstbeherrschung

„Religion ist eine ernste Sache“, dachte ich, als mich vor einigen Jahren zwei Notärztinnen mit Kabeln umkränzt aus einer Kirche trugen. Myokardinfarkt mit Anfang 30 ist unwahrscheinlich, selbst unter Philosophen. Und auch ich sollte am Ende zum rettenden Durchschnitt gehören. Was meine Brust zuschnüren, Arm und Kiefer schmerzen ließ, war, wie ich später erfuhr, nämlich nicht der träge Muskel meines Herzens. Es waren wohl auch nicht die Verlockungen des Engels der Duineser Elegien, die an diesem Abend mit Verve und heiligem Ernst von der Kanzel erklungen waren. Es war vielmehr die schiere Gewalt, die es brauchte, damit ich der unfreiwilligen Komik dieses Ernstes nicht den Platz einräumte, den sie so dringlich einforderte. Verkniffen und verkrampft habe ich mich in den Griff bekommen, bin nicht dem rüden Reflex schallenden Gelächters erlegen. Das war schon deshalb vernüftig, weil ich nun für einen Augenblick Repräsentant eines erstaunlichen Menschenschlages war: des Selbstbeherrschers, jenes Wesen, das sich in der paradoxen Leistung gefällt, sich zusammenreißen zu können.

Weiterlesen
22 Jan

Was ist philosophische Bildung? – Annäherung an eine Reflexionskategorie

von Carsten Roeger (Köln)


Nicht Halbbildung ist das Problem unserer Epoche, sondern die Abwesenheit jeder normativen Idee von Bildung, an der sich so etwas wie Halbbildung noch ablesen ließe. (Liessmann,  2006, S. 9)

In der schulischen Praxis ist von Bildungsprozessen meist nur noch als Kompetenzerwerb die Rede. Die Kompetenzorientierung, welche den Kompetenzerwerb — also den Erwerb von Voraussetzungen für ein spezifisches Können (Weinert, 2001, S. 62) — als primären  Zweck von Unterricht ausweist, ist allerdings aus einer bildungstheoretischen Perspektive  ein wenig aussichtsreicher  Kandidat dafür, die Idee der Bildung zu ersetzen, können sie doch nach Bieri (2010, S. 205f.) als kategorial verschieden betrachtet werden: „Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden,  arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.“ Bieri bezieht sich hier auf das Bildungsdenken Humboldts. Auch bei Humboldt (2010, S. 188) findet sich die kategoriale Unterscheidung von Bildung und Ausbildung als Differenz von „allgemeiner Bildung“ und „specieller Bildung“. Mit „specieller Bildung“ bezeichnet Humboldt nützliche Fertigkeiten, was dem Kompetenzverständnis der Kultusministerkonferenz (2001, S. 1) entspricht. Eine Reduktion von Bildung auf Ausbildung, respektive Kompetenzerwerb, verfehlt also den Zweck humanistischer Bildungprozesse, auch wenn Bildung offensichtlich Kompetenzen nicht ausschließt, denn um beurteilen zu können, auf welche Art und Weise man in der Welt ist, muss man auch etwas können: beurteilen.

Weiterlesen

17 Jan

Sinn im Leben durch soziale Einbettung

von Michael Kühler (Münster/Hannover)


Dieser Blogbeitrag basiert auf einem Aufsatz, der im Schwerpunkt „Das Schöne, Wahre und Gute. Das sinnvolle Leben in der Diskussion“ in der Zeitschrift für Praktische Philosophie erschienen ist.


Was vermag uns in unserem Leben das (begründete) Gefühl zu geben, dass wir ein sinnvolles Leben führen? Anders gefragt: Welche Elemente in unserem Leben haben das Vermögen, sinnstiftend zu sein?

Die Frage nach dem sinnvollen Leben bzw. der Kategorie des Sinns im Leben hat in jüngerer Zeit in der Philosophie wieder zunehmende Beachtung gefunden, wie nicht zuletzt auch der aktuelle Schwerpunkt zum Thema in der Zeitschrift für Praktische Philosophie bezeugt, auf den sich dieser Blogbeitrag gründet.[1] Diskutiert wird nicht nur einmal mehr die klassische Frage nach einem möglichen Sinn des Lebens im Ganzen, sondern in erster Linie die Frage nach dem Sinn im Leben, d.h. was ein Leben zu einem sinnvoll geführten Leben macht. Paradebeispiele hinsichtlich der letzteren Frage, die in der Literatur immer wieder angeführt werden, sind Nelson Mandela, Mutter Teresa, Albert Einstein und Fjodor Dostojewski, die jeweils Werte wie Freiheit, Barmherzigkeit, wissenschaftliche Erkenntnis oder künstlerisches Schaffen verfolgt, befördert oder geschaffen haben.[2] Ein sinnvolles Leben ist demnach eines, in dem die Person bestimmten als wertvoll und daher sinnstiftend angesehenen Tätigkeiten nachgeht oder bestimmte zur Sinnstiftung geeignete Werte zu befördern sucht.[3]

Weiterlesen

10 Jan

Was trägt? Philosophische Religionskritik als Belastbarkeitstest und (Selbst-)Aufklärung

von Ana Honnacker (Hannover)


Wie verhalten sich Philosophie und Religion zueinander? Was auf den ersten Blick zunächst als scheinbar einfache (und vermeintlich längst geklärte) Frage daherkommt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als beinahe unentwirrbare Problemstellung, handelt es sich doch um zwei Phänomenkomplexe, denen nicht gut beizukommen ist, da ihr Gegenstandsbereich je nach (kulturellem und historischem) Blickwinkel und Vorverständnis variiert. Über das Verhältnis von Philosophie und Religion nachzudenken, erfordert dementsprechend eine gleichermaßen heikle wie verräterische definitorische Eingrenzung dessen, was man jeweils unter Philosophie und Religion versteht, und das heißt eben auch: verstanden wissen möchte.

Weiterlesen

08 Jan

Schule als ‚Bollwerk der Bildung‘

von Thomas Rucker (Bern)


„Schule muß heute eine Institution zur Verteidigung der Bildung werden. Ja, sie stellt vielleicht das letzte Bollwerk dar, in dessen Schutz Bildung in dem ihrer Geschichte angemessenen Sinn bewahrt, aber auch gewährt werden kann“ – Dieser Satz stammt von Theodor Ballauff und findet sich in einem kleinen Bändchen aus dem Jahre 1964 mit dem Titel Die Schule der Zukunft.[1] Der Satz könnte ebenso heute formuliert worden sein, denn Bildung im pädagogischen Verständnis ist auch im Jahre 2018 keine Selbstverständlichkeit, auf die man rekurriert, wenn Schule zum Thema gemacht wird. Ballauff ist sich freilich darüber im Klaren, dass die Schule zunächst einmal als eine Institution, d.h. eine auf Dauer gestellte Problemlöseinstanz der Gesellschaft begriffen werden muss und in diesem Sinne nicht nur ein Ort der Ermöglichung von Bildung ist bzw. sein kann. Gleichwohl insistiert Ballauff darauf, dass es für eine pädagogische Perspektive auf Schule, die sich ihrer philosophischen Tradition verpflichtet weiß, von großer Bedeutung ist, Schule als einen (möglichen) ‚Ort‘ der Bildung in den Blick zu rücken.

Weiterlesen

03 Jan

Was Melvilles Moby Dick mit dem Sinn des Lebens zu tun hat

von Susanne Hiekel (Duisburg-Essen)


Moby Dick wird wohl üblicherweise als Abenteuerroman aufgefasst und die im Titel hergestellte Verbindung zum Thema des Blogs scheint auf den ersten Blick seltsam zu sein. Der zweite Blick – durch die Brille der Autoren Hubert Dreyfus und Sean Dorrance Kelly – eröffnet allerdings die Verbindung. In All Things Shining stellen Dreyfus und Kelly exemplarisch anhand moderner Klassiker der westlichen Literatur eine Entwicklungsgeschichte von philosophischen Haltungen zur Lebenssinnfrage dar. Sie skizzieren diese Geschichte ausgehend von der verzauberten Welt eines Homerischen Polytheismus und endend in der heutigen entzauberten Welt, die dem Aufklärungsgedanken autonomen Entscheidens verpflichtet ist und mit einem Lebenssinn-Nihilismus einhergeht. Der moderne Klassiker Infinite Jest von David Foster Wallace (im Deutschen Unendlicher Spaß) exemplifiziert diese nihilistische Haltung. Diesem Werk geht nun Melvilles Moby Dick von 1851 voraus, und bildet den Autoren zufolge mit bestimmten Inhalten sozusagen die Vorstufe, die zum Nihilismus führt. Dreyfus und Kelly selbst plädieren allerdings für eine Renaissance eines Homerischen Polytheismus, bei dem wir „act at our best when we open ourselves to being drawn from without.“ (Dreyfus und Kelly 2011, S. 142).

Weiterlesen