19 Apr

Ein bisschen Frieden? – Eine uneigentliche Philosophie des Schlagers

von Florian Arnold (HfG Offenbach)


Als Nicole beim Eurovision Song Contest 1982 einer der erfolgreichsten deutschen Schlager performte, wusste sie nicht, was sie damit anrichten sollte. Nicht nur gewann die erst 17-jährige den ersten Preis und erlebte einen kometenhaften Aufstieg in die obersten Klangsphären des Schlagerkosmos, sondern sie verlieh der buchstäblichen „Eurovision“ zugleich eine Deutung, die heute, nach 40 Jahren, leider wieder an Aktualität gewonnen hat, denkt man etwa an den Ukraine-Russland-Krieg oder Fridays for Future. In einem Jahr des Falkland- und ersten Libanonkriegs, des Regierungswechsels Schmidt-Kohl per Misstrauensvotum und des NATO-Gipfels in Bonn machte sich die noch junge Friedensbewegung seinerzeit Luft gegen die Angst vor weiterer Aufrüstung und einer sich abzeichnenden ökologischen Krise. Und als weithin sichtbarer Ausdruck dieses Umdenkens muss man auch Nicoles Beitrag werten.

Im Rückblick interessant jedoch scheint weniger diese Tatsache selbst, als die Art und Weise, der Ton, durch den sie sich Gehör verschaffte. So lautet die zweite Strophe:

„Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel.
Ich bin nur ein Mädchen, das sagt, was es fühlt.
Allein bin ich hilflos, ein Vogel im Wind,
der spürt, dass der Sturm beginnt.“

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16 Apr

Legitime Sicherheitsinteressen Russlands? Eine Kritik an Klaus Dörre.

Von Konrad Ott (Kiel)


I

Klaus Dörre hat 2021 ein Buch zur „Utopie des Sozialismus“ publiziert. Dörres Konzeption von Sozialismus steht im Folgenden nicht zur Debatte. Zur Debatte stellen möchte ich aus aktuellem Anlass eine Passage, die sich im Kapitel „Übergänge: Nachhaltiger Sozialismus jetzt!“ auf S. 242 des Buches findet. Ich zitiere in voller Länge:

„Man muss nicht zu den Beschönigern expansiver Bestrebungen des autoritären Putin-Regimes gehören, um anzuerkennen, dass Russland nach den Erfahrungen des zweiten Weltkrieges ein legitimes Interesse daran hat, seine Außengrenzen nicht mit konkurrierenden Militärbündnissen wie der NATO teilen zu müssen. Europa ist eben größer als die Europäische Union. Nachhaltige Entspannungspolitik schließt die Anerkennung basaler Sicherheitsinteressen der Russischen Föderation zwingend ein.“

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12 Apr

Der Feminismus der Kritik. Zur zarten, wohlwollenden und unbedingt kollektiven Seite von kritischen Praktiken

Von Janna Hilger


Kritik ist mit Antagonismen verbunden: Ein Kritiker erhebt die Stimme, weist auf Missstände hin, verneint, lehnt ab. Sein Nein gilt dabei nicht nur den bestehenden Umständen. Direkt oder indirekt konfrontiert er auch andere. Und auch angesichts von Versuchen, ein kritisches Sprechen einzuhegen und erträglicher zu machen („konstruktive Kritik“), bleibt dieser verneinende und aversive Zug bestehen. In diesem Text möchte ich mich nicht gegen diese Kritikeigenschaft an sich aussprechen. Ich will jedoch aufzeigen, dass Kritik vielschichtiger ist. Sie ist nur möglich aufgrund von Figuren, die wir im kritischen Sprechen zunächst nicht vermuten würden: Bejahung, Angewiesenheit und Sorge.

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06 Apr

Selbstbestimmung, Abhängigkeit und Solidarität in der Pandemie

Von Philip Schwarz (Göttingen)


Wenn es um die Aufhebung der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie geht, ist viel von „Freiheit“ die Rede. Wir müssen uns aber fragen, unter welchen Bedingungen wir überhaupt frei und selbstbestimmt sind. Die Berücksichtigung unserer verkörperlichten Bedingtheit zeigt uns, dass Freiheit Solidarität voraussetzt.

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05 Apr

Ideologisch sind immer die Anderen: Zu Uwe Steinhoffs Polemik gegen Koch und Mühlebach

von Daniel Lucas


Auf diesem Blog hatten sich Heiner Koch und Deborah Mühlebach um eine Versachlichung der Debatte um die Äußerung von Kathleen Stock bemüht. Uwe Steinhoff hat darauf mit einer Replik geantwortet. Warum die Philosophie häufiger der Demut bedarf und die Grenzen ihrer Selbst wahrnehmen sollte.

Wo die scharfe Auseinandersetzung endet und die plumpe Beleidigung beginnt, mag im Auge der Betrachter*innen liegen (ja, mit einem komischen Sonderzeichen mitten im Wort). Dass die Polemik ein Teil der philosophischen Tradition ist, scheint mir zuzutreffen. Ob Steinhoffs Intervention in der Causa Kathleen Stock sich in diese Tradition einordnen kann, ist jedoch fraglich. Denn es stellt sich die Frage, inwiefern Beiträge als relevanter Teil einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung auftreten, die etwa solche Absätze beinhalten:

„Wenn der GAP an offener Diskussion gelegen ist, sollte sie Begrifflichkeiten vermeiden, welche sich eher für das einstige Sowjetregime mit seiner ausgeprägten Neigung eignen, Dissidenten als Geistesgestörte in die Psychiatrie zu sperren. Umgekehrt freilich ist die Popularität solcher Begrifflichkeiten im „woken“ linksautoritären Milieu nur die Fortsetzung der eigenen Tradition.“

Es hilft wenig zur Versachlichung der Debatte, wenn man seine Gegner*innen in die Nachfolge stalinistischer Vernichtungspolitik setzt.

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29 Mrz

Erwartungshaltungen. Feministische Perspektiven auf Supererogation

Von Katharina Naumann (Magdeburg), Marie-Luise Raters (Potsdam) und Karoline Reinhardt (Tübingen)


Wozu bin ich moralisch verpflichtet und was kann nun wirklich keiner von mir verlangen? Ist es besonders lobenswert, wenn ich mehr leiste? Und bin ich immer zur Dankbarkeit verpflichtet, wenn mir jemand etwas Gutes tut, oder hat das seine Grenzen? Außergewöhnliche Situationen, die mit besonderem Einsatz oder Risiko verbunden sind, werfen diese Fragen genauso auf wie freundliche Gesten. Aber wo beginnt die ‚Mehrleistung‘ und ist die Schwelle für alle gleich?

In unserer moralischen Urteilspraxis werden manche Handlungen als in hohem Maße moralisch wertvoll, aber dennoch nicht geboten betrachtet. Die Moralphilosophie bezeichnet diese als ‚supererogatorisch‘. Aber obwohl unsere Vorstellungen davon, wer zu was verpflichtet ist, zweifellos stark von Rollenbildern geprägt sind und keineswegs ‚genderneutral‘ sind, hat die Moralphilosophie diesen Aspekt bislang weitgehend ausgespart: Eine systematische Auseinandersetzung mit dem Konzept der ‚Supererogation‘ aus feministischer Perspektive stellt bislang ein Forschungsdesiderat dar.

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22 Mrz

Reduktion als Reiz: Zur Einfachheit in Videospielen

von Thomas Arnold (Heidelberg)


Dieser Blogbeitrag kann auch als Podcast gehört und heruntergeladen werden:


Videospiele sind einfältig – und unter anderem deshalb so reizvoll; sie reduzieren Erfahrung und bieten gerade deshalb mehr Erlebnis. Dass viele Videospiele uns mit Mechanismen von Herausforderung, Belohnung und Flow bei der Stange halten (ähnlich wie beim Glücksspiel), ist hinlänglich bekannt. Auch die Attraktion von simulierter Autonomie und Macht ist uns vertraut: endlich frei, endlich ungebunden agieren zu können. Ein weiterer, weniger beleuchteter Aspekt der Videospiele so reizvoll macht, besteht in der  Einfachheit, Einheitlichkeit und Eindeutigkeit, denen wir in ihnen begegnen – und das in mehrfacher Hinsicht, wie wir im Folgenden sehen werden.

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15 Mrz

Mensch-Natur-Verhältnis revisited. Eine Replik auf Giulia Valpione

Von Kira Meyer (Kiel)


Giulia Valpione plädiert für die Wiederaufnahme romantischer Motive, um die Mensch-Natur-Beziehung neu zu konzeptualisieren. In ihrer Forderung nach einer notwendigen Überarbeitung dieses Verhältnisses möchte ich Valpione beipflichten, jedoch auf einen weiteren wichtigen Diskussionsstrang verweisen, der mir dafür unerlässlich erscheint: Die Berücksichtigung der Leiblichkeit des Menschen, wie sie in der (Neuen) Phänomenologie entwickelt wurde, und die darin begründete Zugehörigkeit zur Natur. Somit könnte dargelegt werden, was bei Valpione beziehungsweise den RomantikerInnen im Vagen verbleibt: Die behauptete Nähe des Menschen zur Natur ist in seiner Leiblichkeit begründet, den Leib als Natur zu verstehen würde zudem wichtige normative Implikationen sowie ein modifiziertes Freiheits-Verständnis mit sich bringen.

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