27 Nov

Wenn die Philosophie ein iPhone wär’

Von Urs Siegfried (Zürich)

 

Haben sie schon einmal ein iPhone ausgepackt? Dieser Vorgang hat fast etwas Sakrales und ist ein bisschen wie eine Offenbarung in drei Akten. Da sind erstens die Eleganz und die Hochwertigkeit der Verpackung. Sie zeigen: Hier erwartet dich etwas Aussergewöhnliches und Wertvolles. Da ist zweitens das schöne Gefühl als Gerätebesitzer_in Teil der Apple-Community zu werden, einer Gemeinschaft von jungen, kreativen und weltoffenen Menschen. Und da ist drittens das Gerät selbst, Spitzentechnologie in verführerisch zugänglicher Form. Ich glaube, es sind genau diese drei Elemente, die die Philosophie braucht, um noch besser bei einem breiteren Publikum anzukommen: Komplexer Inhalt mit einer einfachen Bedienungsoberfläche, kombiniert mit einer Geschichte, die persönlich und emotional berührt, eingehüllt in eine Verpackung, die die Augen zum Leuchten bringt.

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29 Nov

#metoo und Männlichkeit. Soziologische Zugänge und Perspektiven auf die Überwindung sexueller Gewalt

von Paul Scheibelhofer (Innsbruck)[1]


Unter dem Label „MeToo“ hat die schwarze Bürgerrechtsaktivistin Tarana Burke bereits vor Jahren damit begonnen, öffentliches Bewusstsein für die weite Verbreitung von sexuellen Übergriffen gegen Frauen zu schaffen. Befeuert durch aufsehenerregende Fälle und breite mediale Berichterstattung wurde diese Realität nun weithin sichtbar und drängte sich in das Leben vieler, die das Thema bis dato ausblendeten oder belächelten. Die #metoo-Bewegung stellte damit auch gängige Erzählungen über männliche sexuelle Gewalt in Frage, die diese lediglich an den gesellschaftlichen Rändern verortete und dadurch ein positives Selbstbild einer aufgeklärten gesellschaftlichen Mitte nährt. Hier setzt der vorliegende Text an und wirft einen Blick auf Männlichkeiten im Kontext von #metoo. Gefragt wird, welche Erklärungen eine soziologische Perspektive auf Männlichkeit für jene Realitäten bietet, die von #metoo zur Sprache kamen. Und welche Implikationen so eine Perspektive für die Überwindung sexualisierter Gewalt von Männern gegen Frauen hat.

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22 Nov

Wenn heute von Bildung die Rede ist, ist meistens doch nur Kompetenz gemeint

von Bernd Lederer (Innsbruck)


Jeder und alle, so hat es den Anschein, reden heute unentwegt von Bildung. Kein Tag vergeht, an dem nicht Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur, aus dem Erziehungs- und Bildungsbereich sowieso, mehr und bessere Bildung einforderten – ohne aber zugleich auch zu benennen, was den gebildeten Menschen eigentlich ausmacht und auszeichnet, was Bildung mithin tatsächlich meint. Ein Missverhältnis, das auch Konrad Paul Liessmann in seinem neuesten Buch „Bildung als Provokation“ (2017) zu Recht beklagt. Ein auto-complete der Begriffe „Bildung ist …“ auf google beispielsweise liefert einen durchaus repräsentativen Wildwuchs fundamentaler Qualitäten und Eigenschaften dieses Schlüsselbegriffs: „Bildung ist beste Zukunftsinvestition“, „Bildung ist Option für die Armen“, „Bildung ist keine Wunderwaffe gegen Armut“, „Bildung ist ein Menschenrecht“, „Bildung ist Gesellschaftspolitik“, „Bildung ist die beste Innovation“,  „Bildung ist Schlüssel für erfolgreiche Integration“, „Bildung ist ein Recht und keine Ware“, „Bildung ist wie Treppensteigen“, „Bildung ist Zukunft“, „Bildung ist der Schlüssel für Wohlstand“, „Bildung ist mehr als Schule“, „Bildung ist mehr als Berufstraining“, „Bildung ist politische Chefsache“, „Mehr Bildung ist die Lösung nach der Krise“, „Bildung ist Lebensqualität“ und nicht zuletzt: „Was ist Bildung wirklich?“ Angesichts solcher im Sprechen über Bildung geäußerten Erwartungen und Ansprüche spricht Liessmann folgerichtig von Bildung als einem regelrechten neuen „Opium des Volkes“.

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20 Nov

Zur Departmentstruktur

von Christine Tiefensee (Frankfurt)


Will man Thomas Kuhn Glauben schenken, folgt auf die Krise des alten wissenschaftlichen Paradigmas wissenschaftliche Revolution. Der Vergleich zwischen Kuhns Revolutionen und der derzeit stark diskutierten Transition von der traditionellen Lehrstuhlstruktur hin zu einer Departmentstruktur hinkt zugegebenermaßen an mehreren Stellen. ‚Krise‘ und ‚Revolution‘ sind schließlich sehr starke Begriffe, wobei sich Philosoph*innen—bis auf wenige Ausnahmen—gemeinhin nicht gerade durch revolutionären Tatendrang und ausgeprägten Aktivismus hervortun. Dennoch lädt dieses Bild dazu ein, zwei drängende Fragen zu beantworten: Erstens, befindet sich das traditionelle Lehrstuhlsystem, in dem weisungsgebundene Mitarbeiterstellen Lehrstühlen zugeordnet sind, in einer ‚Krise‘, d.h. sieht es sich mit gravierenden Problemen konfrontiert, die nicht länger ignoriert werden können und dürfen? Zweitens, könnte eine beispielsweise aus den USA und Großbritannien bekannte Departmentstruktur, in der es keinen weisungsgebundenen Mittelbau gibt, sondern Philosophen*innen als weisungsunabhängige Professoren oder Lecturers forschen und lehren, diese Probleme überwinden, und wie könnte eine ‚Revolution‘ angegangen werden?

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18 Nov

Endlich kontroverse Ideen!?

Von Norbert Paulo (Graz/Salzburg)

Im Rahmen einer interessanten BBC-Radiodokumentation über politische Meinungsvielfalt an Universitäten hat Jeff McMahan, Professor für Moralphilosophie in Oxford, seine Initiative für eine neue Fachzeitschrift erläutert, die 2019 gegründet werden soll: The Journal of Controversial Ideas. Die grundsätzliche Idee dafür hat Peter Singer, der die Zeitschrift mit McMahan und Francesca Minerva (Gent) herausgeben wird, bereits 2017 in einem Interview angedeutet: In Zeiten extremer gesellschaftlicher Polarisierung könnten Autor_innen heute leichter als früher davon abgehalten werden, Ideen zu veröffentlichen, die in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen unpopulär sind oder außerhalb dessen liegen, was (mehrheits-)gesellschaftlich akzeptabel erscheint.

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15 Nov

Denken mit Geländer

von Bettina Bussmann (Salzburg)


Wer in den 1980er Jahren seine Schule beendet und ein Studium begonnen hat, der weiß, was es bedeutet, einer Lehrkraft oder einem Dozenten[i] stundenlang zuzuhören und wenig Möglichkeiten zu haben, sich Wissen kreativ und mit unterschiedlichen Methoden anzueignen. Der weiß auch, dass (bis heute) in vielen Ländern der Philosophieunterricht nicht schülerinnen-,  sondern dozentenorientiert aufgebaut ist. Ähnliches galt für die Uni. Es gab immer nur wenige – häufig ausschließlich männliche Studierende, – die den Mut hatten, sich in philosophischen Veranstaltungen an Diskussionen zu beteiligen.

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13 Nov

#Metoo und Frauen in der akademischen Philosophie: Der perfekte Sturm

von Andrea Klonschinski (Kiel)


Was ist die #Metoo Debatte?

Bevor das Thema #Metoo sinnvoll diskutiert werden kann, gilt es zunächst zu klären, was genau eigentlich gemeint ist, wenn von der #Metoo Debatte die Rede ist. Hier sind mindestens zwei verschiedenartige Phänomene zu unterscheiden: erstens der Hashtag #Metoo, unter dem zunächst Vergewaltigungsvorwürfe gegenüber Hollywoodgrößen laut wurden, der sich später aber zu einem Forum entwickelte, in dem Frauen ein breites Spektrum an Erfahrungen mit Sexismus schildern. Diese Berichte sind sicherlich „undifferenziert“, wie Kritiker häufig einwenden, insofern sie subjektiv sind und zunächst einmal unverbunden nebeneinanderstehen. Aber genau darin liegt auch die Wirkungsmacht von #Metoo: diese Erfahrungen erst einmal ungefiltert an die Öffentlichkeit zu bringen. Zweitens hat dieses Twitter-Phänomen nämlich bekanntermaßen eine mediale und gesellschaftliche Debatte über den Umgang von heterosexuellen Frauen und Männern miteinander im Rahmen gesellschaftlicher Machtverhältnisse angestoßen.[*] Diese Debatte findet im Feuilleton statt, in Talkshows, am Küchen- oder Stammtisch sowie in der Paneldiskussion „#Metoo@Philosophie“ im Rahmen der VI. Tagung für Praktische Philosophie, auf der dieser Text basiert.

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08 Nov

Zur Relevanz einer psychologisch informierten Moralphilosophie: Eine Replik auf Königs

von Christoph Bublitz (Hamburg)

In einem jüngst in diesem Blog erschienenen Beitrag taxiert Peter Königs die Relevanz der  moralpsychologisch informierten Moralphilosophie (MiM) als gering. Sein Beitrag durchzieht das Bemühen, die Erträge der in den vergangenen Jahren international aufblühenden Forschungsrichtung an der Schnittstelle von Empirie und Philosophie in die Nähe des ad hominem Fehlschlusses zu rücken. In der Tat beziehen sich normative Argumente der MiM regelmäßig auf psychologische Aspekte moralischen Urteilens wie  Rationalisierungen, Unvoreingenommenheit oder Unparteilichkeit und damit notwendigerweise auch auf die Person des moralischen Urteilenden. Doch Schlüsse von psychologischen auf normative Eigenschaften seien, so Königs, ad hominem und damit jedenfalls in akademischen Debatten unzulässig. Im besten Falle lieferten sie „ressourcensparende, aber ungenaue“ Heuristiken. Erkenntnisgewinne in der Sache seien durch die MiM nicht zu erwarten. Mehr noch: die Argumente Joshua Greenes, einem der Protagonisten des Feldes, stellten gar eine „empirisch informierte Beleidigung“ bzw. „Diffamierung“ von Andersdenkenden, namentlich Deontologen, dar.

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06 Nov

Über das empirisch informierte Beleidigen von Kollegen

von Peter Königs (Karlsruhe)


Akademische Debatten unterliegen bestimmten Diskursregeln. Dazu zählen etwa die Pflicht, bereits existierende Forschungsliteratur zu berücksichtigen, die Pflicht, das Principle of Charity zu achten und auch die Pflicht, Argumente inhaltlich zu prüfen, anstatt einfach deren Urheber persönlich anzugreifen. Dass ad hominem-Attacken unzulässig sind, vielleicht sogar Fehlschlüsse, lernt jeder Philosophiestudent im ersten Semester. Was jedoch genau das Problem ist mit ad hominem-Attacken, ist – überraschenderweise – gar nicht so klar, wie man zunächst meinen würde. Und – vielleicht auch etwas überraschend − wirft eine aktuelle moralpsychologische Debatte genau diese Frage auf.

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01 Nov

Aufklärung, Wissenschaft und „post-truth politics“: Viele Fragezeichen und einige Ausrufezeichen

von Konrad Ott (Kiel)


Als vor Jahresfrist in Russland mehrere Hundert Demonstranten festgenommen wurden, kommentierte der Präsident der Duma, W. Wolodin, dieses Ereignis mit folgenden Worten: „Auf den Straßen Europas löst die Polizei täglich Demonstrationen noch härter auf als dies die russische Polizei tue“ (so die FAZ vom 28. März 2017, S. 1). Meine erste Reaktion war: „Das stimmt nicht, das ist nicht wahr“. Meine zweite Reaktion war: „Naja, ein weiteres Beispiel von ‚post-truth politics‘“. Meine dritte Reaktion: „Oh, ich fange an, mich daran allmählich zu gewöhnen!“. Seither ist es eher noch schlimmer geworden; die Präsidentschaft Trumps ist aber nur die sichtbare Spitze des Eisbergs.

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