21 Mrz

Was bleibt vom späten Rawls?

Von Fabian Wendt (Chapel Hill)


In den 1980er Jahren beginnt John Rawls, die Idee einer „freistehenden“, rein politischen Gerechtigkeitskonzeption zu entwickeln, einer Gerechtigkeitskonzeption, die sich aus allen umstrittenen moralischen, religiösen und sonstigen weltanschaulichen Fragen heraushält. Eine solche Konzeption, so Rawls, könnte sich wie ein Modul in die unterschiedlichsten sogenannten „umfassenden Lehren“ einfügen, die in einer liberalen Gesellschaft nebeneinanderher bestehen, und somit eine geeinte und stabile pluralistische Gesellschaft ermöglichen.

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18 Mrz

Zwei gute Methoden der Praktischen Philosophie: idealisierende Hermeneutik und technischer Konstruktivismus

von Christoph Lumer (Siena)


Seit den 1980er Jahren verwenden Praktischen Philosophen als Methode immer dominanter den Intuitionismus. Was dabei letztlich zählt, ist die Intuition des Autors. Nach Ansicht der Kritiker liefert der Intuitionismus aber einfach keine Begründung: Argumentationstheoretisch gesehen ist er eine Petitio principii: Er setzt voraus, was er begründen sollte. Der Hauptkonkurrent, der methodische Naturalismus, bleibt hingegen rein empirisch und kann normative nicht Fragen beantworten. Aber es geht auch anders, nämlich mit philosophischen Methoden, die u.a. auch Werturteile begründen können.

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16 Mrz

Epische Phänomene und Quallen (von denen Mary aber nichts weiß)

Von Sebastian Rosengrün (Berlin)


Dieser Artikel ist ein Gedankenexperiment. Es handelt von Mary. Mary ist eine brillante Philosophin, die, aus welchen Gründen auch immer, gezwungen ist, über die Welt von einer Bibliothek aus nachzudenken, die zwar einen durchaus beachtlichen Bestand aufweist, aus deren Büchern, Aufsätzen und sonstigen Texten aber alle Gedankenexperimente (und nur diese) ausradiert wurden. Und von hier ausgehend wird dieses Gedankenexperiment so wunderbar widersinnig, dass es am Schluss nicht weniger verwirrend wird als jede andere Einsicht der Philosophie.

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14 Mrz

Rawls und die Neuordnung der praktisch-philosophischen Landkarte

Von Michael Reder (München)


John Rawls ist mit Jürgen Habermas die zentrale Figur der praktischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. Es gibt gegenwärtig wohl keine Studierenden der Philosophie weltweit, die nicht mit seinen Grundbegriffen vertraut sind: mit den Prinzipien der Gerechtigkeit, dem Urzustand oder dem Liberalismus als politische Ordnungsform. Gerechtigkeit ist zur unumstößlichen Mitte vieler praktisch-philosophischer Debatten geworden. Rawls hat mit seinen Begriffen also die Landkarte der praktischen Philosophie neugeordnet – egal, ob man seine Argumente teilt oder nicht.

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11 Mrz

Emotionen und Handlungen

Von Christiana Werner (Duisburg-Essen)


Emotionen scheinen eine besonders enge Beziehung zu Handlungen oder Verhaltensweisen zu haben. Dass das ein Allgemeinplatz ist, legen unzählige Redewendungen nahe, die wir im Deutschen im Alltag benutzen: Wir erstarren vor Angst, platzen vor Wut, strahlen vor Freude usw. Auch das eigene Erleben emotionaler Zustände legt diese enge Beziehung nahe. Wir fühlen uns oft in einem emotionalen Zustand gewissermaßen gedrängt, uns auf eine bestimmte Weise zu verhalten, manchmal sogar so stark, dass wir den Eindruck haben, gar nicht anders zu können, als uns in dieser Weise zu verhalten.

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10 Mrz

Rassismus bei Kant – Philosophie als „System der Selbstprüfung“

von Peggy H. Breitenstein, Danilo Gajić, Daniel Kersting, Yann Schosser


Rassistische Äußerungen in Kants Schriften stellen die heutige akademische Philosophie vor Herausforderungen: Wie kann ein angemessener Umgang mit ihnen in Forschung und Lehre, Schule und Hochschule aussehen? Welches Licht werfen diese Passagen auf den Universalismus und Humanismus der Philosophie Kants, die besonders in rechtsphilosophischen oder ethischen Debatten eine so große Rolle spielen? Überzeugt das Argument, Kant sei in einigen seiner Überzeugungen eben auch „im Zeitgeist“ gefangen gewesen? All diese Fragen rufen die Philosophie zur Selbstprüfung auf, zu der die kürzlich abgeschlossene Veranstaltungsreihe „Kant – Ein Rassist?“ ein wichtiger Beitrag war. Mit ihr reagiert die deutsche Kantforschung auf kritische Impulse aus der Zivilgesellschaft und lässt sich auf die bisher von ihr wenig beachtete Auseinandersetzung mit dem Rassismus in Kants Schriften ein. Der vorliegende Beitrag versucht sich an einem knappen Resümee der Reihe, will aber zugleich auf die Grenzen der aktuellen wie auch auf Aufgaben künftiger philosophischer Debatten über die Frage nach dem Umgang mit  Rassismus – aber auch mit Sexismus und Antisemitismus – in Werken der Philosophie hinweisen.

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09 Mrz

Wissenschaftsfreiheit? Nur dem Namen nach! Ein kritischer Kommentar zum „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“

Von Alexander Reutlinger (München)


Eine Gruppe von Wissenschaftlern und Philosophen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hat Anfang Februar das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit[1] gegründet. Das Netzwerk möchte Verletzungen der Wissenschaftsfreiheit dokumentieren und kritisieren.

Hat dieses Netzwerk nicht ein hehres Ziel? Muss nicht jeder Wissenschaftler, jeder Bürger, aufschreien, wenn die Erforschung und Lehre bestimmter Fragen staatlich verboten oder Universitäten ihre Autonomie genommen wird (wie gegenwärtig in Ungarn, der Türkei oder Serbien, um nur einige Beispiele in Europa zu nennen)? Muss man sich nicht z.B. mit der Central European University solidarisch zeigen, weil diese aufgrund eines 2017 von der ungarischen Regierung verabschiedeten Gesetzes („Lex CEU“) Budapest verlassen und nach Wien umziehen musste? Ja, man muss selbstverständlich solche Missstände klar als Verletzungen der Wissenschaftsfreiheit benennen und kritisieren. Aber muss man deswegen auch das neue Netzwerk unterstützen? Nein, das muss und sollte man keineswegs.

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07 Mrz

Vier offene Fragen über soziale Gerechtigkeit

Von Thomas Pogge (New Haven, USA)


Die von John Rawls 1971 vorgelegte Gerechtigkeitskonzeption wirft vier wichtige Grundsatzfragen auf, hinsichtlich derer wir in den letzten 50 Jahren kaum Fortschritte gemacht haben. Diese Fragen sollen hier von den vielen Detailproblemen seiner Theorie abgelöst und so genau, kurz und allgemein wie möglich formuliert werden.

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05 Mrz

Rosa Luxemburg – die Wahr-Sprecherin

Von Michael Brie (Rosa Luxemburg Stiftung)


Die globale Linke hatte im 20. Jahrhundert viele Helden und auch einige Heldinnen. Aber unter diesen vielen sind zwei, die über alle Spaltungen der Linken hinweg auch heute noch die größte Ausstrahlung haben, sieht man von Karl Marx ab. Es sind Che Guevara und Rosa Luxemburg. Was aber ist das Geheimnis der Ausstrahlung von Rosa Luxemburg? Luxemburg hat keine wissenschaftliche Revolution vollzogen wie Karl Marx, sie hat keinen Staat gegründet wie Wladimir Iljitsch Lenin oder Mao Zedong. Sie hat keine neue Theorie sozialistische Strategie hinterlassen wie Antonio Gramsci. Das Genie Luxemburgs, das sie weit über andere erhebt, drückte sich in ihrem Leben aus.

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04 Mrz

Was ist das Ziel wissenschaftlicher Gedankenexperimente?

Von Harald A. Wiltsche (Linköping)


Die wissenschaftstheoretische Debatte um Gedankenexperimente (kurz: GEs)dreht sich häufig darum, das so genannte „Paradox der GEs“ zu lösen. Dieses besteht darin, dass GEs zwar nur im Geiste durchgeführt werden und demnach ohne den Import neuer Daten auskommen, aber dennoch beanspruchen, Wissen über die Welt zu generieren und dieses auch zu rechtfertigen. Ich halte dieses Paradox für ein Scheinproblem, das uns zu lange von weitaus wichtigeren Fragen im Zusammenhang mit GEs abgelenkt hat.

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