19 Dez

“My device made me do it” – Zur Wechselwirkung von Heteronomie und Autonomie bei der Interaktion mit künstlichen intelligenten Systemen

Von Andreas Schönau (Seattle)

Noch befinden wir uns im Jahr 2019 – dem Jahr, das in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zum Jahr der künstlichen Intelligenz (KI) gekürt worden ist und mit zahlreichen integrativen Projekten einhergeht, die aktuelle Entwicklungen sowie zukünftige Erwartungen aufarbeiten, veranschaulichen und reflektieren. Ein Blick auf die inhaltlichen Schwerpunkte der dazugehörigen Website verrät, dass KI eine große Bandbreite an Themen umfasst, die u.a. Grundsatzfragen um Mobilität, Medizin sowie Bildung beinhalten. Bei all den diskutierten Versprechungen, Hoffnungen und vielleicht auch Ängsten ist oft aber noch nicht ganz klar, was KI genau ist und auf welchen Ebenen sie welche Prozesse überhaupt verbessern oder gar erleichtern soll. Tatsächlich erweist es sich nicht als ganz einfach, darauf eine zufriedenstellende Antwort zu geben.

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17 Dez

Was nicht passt, wird passen gemacht? – Angemessene und widerspenstige Emotionen

Von Steffen Steinert (Delft)

Emotionen spielen eine wichtige Rolle in so gut wie allen Lebensbereichen. Was wären etwa Filme oder Musik, wenn sie keine Emotionen in uns hervorrufen würden? Oder man denke an bewegende Großereignisse, wie etwa Fußballspiele oder Konzerte, bei denen Menschenmassen gleichzeitig von einer Emotion ergriffen werden und sich dadurch miteinander verbunden fühlen.

Es gibt jedoch auch Situationen in denen uns unsere eigenen Emotionen, oder die Emotionen anderer, als unangemessen, wenn nicht sogar irrational vorkommen. Meist stößt die Aussage, eine Emotion sei unangemessen oder unpassend allerdings auf Unverständnis. Besonders bei der Person, die die Emotion fühlt. Wie entscheiden wir also, ob und wann eine Emotion angemessen ist, und wann sie irrational ist?

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12 Dez

Mit Nietzsche gegen Nietzsche, oder Nietzsche über ehrliche und blauäugige Lügen

von Maria-Sibylla Lotter (Bochum)


Unsere Gegenwart durchzieht ein widersprüchliches Verhältnis zur Wahrheit, an dem Nietzsche nicht ganz unschuldig ist. Wie der Philosoph Bernard Williams in seiner Studie über Wahrheit und Wahrhaftigkeit diagnostiziert hat, scheinen wir uns einerseits der Wahrheit höchst verpflichtet zu fühlen[1] indem wir in den Wissenschaften und der Politik eine „Schule des Verdachts“ kultivieren, wie es Nietzsche nannte (MA §1). Der Verdacht richtet sich weniger gegen individuelle Lügen, als auf strukturell verankerte Täuschungen, Ideologien und kulturell produzierten Schein aller Art. Man versucht verborgene Macht- und Herrschaftsstrukturen hinter wissenschaftlichen Paradigmen, sozialen Institutionen oder politischen Reformprogrammen zu entlarven. Andererseits hat sich gleichzeitig mit dieser Forderung nach Entlarvung des biederen Scheins ein ebenso grundlegendes Misstrauen gegen über der Wahrheit selbst entwickelt, das sich ebenfalls auf Nietzsche berufen kann. Nietzsche hatte die Frage „Was also ist Wahrheit?“  in seiner berühmten Schrift Über Wahrheit und Lüge im Aussermoralischen Sinne bekanntlich so beantwortet: „Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen […,] die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: Die Wahrheiten sind Illusionen, über die man vergessen hat, dass sie welche sind […]“. Und später, in der (über die Rezeption Michel Foucaults) besonders einflußreichen Genealogie der Moral, hatte er Erkenntnisse als Formen der Überwältigung und Zurechtmachung im Dienste des „in allem Geschehen sich abspielenden Macht-Willens“ (GM II, § 12) bezeichnet. Das legt die Überlegung nahe, ob man nicht ehrlicherweise aufhören sollte, sich selbst vorzuspiegeln, es ginge einem um die Tatsachen. Warum sollte man die wissenschaftliche oder politische Auseinandersetzung dann nicht gleich als das behandeln, was sie ist, nämlich einen Machtkampf, in dem Lügen miteinander konkurrieren? Tatsächlich findet man heute in den Kulturwissenschaften nicht selten Personen, die beide Haltungen gleichzeitig vertreten – das Entlarven von (oft recht schematischen) Wahrheiten und den Unglauben an die Wahrheit. Bekanntlich beruft man sich auch neuerdings in der Politik auf die Möglichkeit von „Alternative facts“ und scheint damit Nietzsches Lehre aufzugreifen, daß es keine Wahrheit, sondern nur Interpretationen im Dienste von Macht-Willen gebe. Sind Trumph und Putin hier nicht die konsequentesten Schüler Nietzsches?

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10 Dez

Der Mensch und das Tier. Wer ist der Mensch?

von Sarah Tietz (Bremen)


Tiere haben uns Menschen schon immer interessiert. Schon immer wollten wir wissen, wie sich Hunde, Hasen, Pferde, Schafe oder Bienen verhalten, weil wir diese und andere Tiere nutzen: zur Jagd, zur Zucht, zum Hüten, zum Essen oder einfach nur zur privaten Haltung. In all diesen Fällen ist es hilfreich, die Eigenarten von Tieren zu kennen.

Wir studieren Tierverhalten aber nicht nur, um Tiere nutzen zu können. Ein Klick auf youtube, und es wimmelt von dokumentierenden Tiervideos: Videos von Tieren im Regenwald, Tieren im Wasser, Tieren in der Wüste oder Tieren zu Hause. Sie alle erfreuen sich enormer Klickmengen. Tiere interessieren uns einfach, so wie uns auch vieles andere interessiert.

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05 Dez

„Vermännlichung“ und „Androgyn-Werden“ – Zwei Ideale menschlicher Vortrefflichkeit in den neuplatonischen Schriften. Teil 2: Das Androgyn-Werden der Seele

Von Jana Schultz (Berlin)

Im ersten Teil meines Blogbeitrags habe ich dargelegt, dass die Neuplatoniker für die Gleichheit der Tugend von Männern und Frauen argumentieren, jedoch innerhalb eines ontologischen Systems, das stets das Männliche bevorzugt. Im Metaphysischen ist die männlich konnotierte Grenze der weiblich konnotierten Unbegrenztheit (Kraft) überlegen und im Bereich der Seele ist die männlich verstandene Kontemplation den auf das Wahrnehmbare bezogenen Tätigkeiten der Seele überlegen, die weiblich gedacht werden.

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03 Dez

„Vermännlichung“ und „Androgyn-Werden“ – Zwei Ideale menschlicher Vortrefflichkeit in den neuplatonischen Schriften. Teil 1: Die Vermännlichung der Seele

Von Jana Schultz (Berlin)

Seit ungefähr drei Jahren arbeite ich an den Konzepten der „Frau“ und des „Weiblichen“ in den Schriften der neuplatonischen Philosophen. Mein Interesse ist philosophiehistorischer Natur. Ich frage nicht primär: „Wie verstehen wir die Konzepte „Männlich“ und Weiblich“, oder wie sollten wir diese verstehen? Kann uns der Neuplatonismus hier Hinweise liefern?“, Stattdessen stelle ich mir Fragen wie: „Wie konzeptualisiert der Philosoph Proklos das Weibliche in seinen metaphysischen Schriften? Ist sein Konzept innerhalb einer Schrift oder im Vergleich verschiedener Schriften konsistent oder finden Verschiebungen statt?“

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28 Nov

Wille zur Macht, Wahrheit und Moral. Große – und aktuelle – Themen der Philosophie Nietzsches

von Beatrix Himmelmann ( Tromsø)


Nietzsche ist heute ein höchst lebendiger Denker; weltweit finden seine Ideen ein Echo. Er gehört zu den meist zitierten und diskutierten Autoren der abendländischen philosophischen Tradition. Warum ist das so? In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Nietzsche schrieb, philosophische Abhandlungen und Aphorismen, aber auch literarische Texte wie die Dionysos-Dithyramben, deutete wenig auf eine derart durchschlagende Wirkung. Nietzsche selbst fühlte sich oft verkannt. „Ich selber bin noch nicht an der Zeit, Einige werden posthum geboren“, so schätzte er die eigene Stellung in der späten Schrift Ecce Homo ein. Der weit reichende Einfluss seines Denkens sollte sich tatsächlich erst nachträglich entfalten; er setzte spätestens mit der Jahrhundertwende (Nietzsche starb im August 1900) ein und verstärkte sich mit der Publikation unveröffentlichter Manuskripte aus dem Nachlass. Zu erwähnen sind besonders die späten fragmentarischen Notizen, die alle großen Themen der Philosophie Nietzsches behandeln und die zuerst 1901 unter dem – freilich irreführenden – Titel Der Wille zur Macht erschienen.

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26 Nov

„Know nothing“ als Resultat des Philosophie- und Ethikunterrichts?

von Clemens Sander (Wien)


Ein philosophiebegeisterter Schüler, der in der Oberstufe an meinem sokratisch geprägten Ethik- und Philosophieunterricht teilgenommen hatte, schenkte mir zum Abschied ein T-Shirt auf dem Sokrates’ Gesicht zu sehen ist, und darüber steht in großen Lettern: KNOW NOTHING. Natürlich freute ich mich über das herzliche Geschenk, aber es brachte mich auch zum Nachdenken: Versteht der Schüler das als Aufforderung, ist das seine Quintessenz aus der Beschäftigung mit Philosophie?

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19 Nov

Zur Rolle von Religion und Weltanschauungen in der Tierethik

von Clemens Wustmans (Berlin)


Religiöse Überzeugungen spielen im komplexen Feld von Tierethik, Tierschutz und Tierrechtsbewegung eine ambivalente Rolle: Tierschutzvereine und Tierheime sind in großer Zahl nach Albert Schweitzer benannt, auf der Ebene sozialer Bewegungen begründen nicht wenige Menschen ihre Motivation für den Tierschutz mit ihrer religiösen Sicht auf die Welt, um sich für ihre Mitgeschöpfe einzusetzen (ein Begriff, der so auch im deutschen Tierschutzgesetz zu finden ist) und zumindest im deutschsprachigen Raum ist die Umweltbewegung der 1970er und 80er Jahre kaum ohne ihre religiöse Dimension denkbar.

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14 Nov

Antike, Kunst und Literatur. Ein Blick in die Basler Vorlesungen Friedrich Nietzsches.

von Carlotta Santini (Paris)


‚Friedrich Nietzsche und die Philologie‘ gilt seit einigen Jahren als ein echtes Schlagwort in der Nietzsche-Forschung. Viele bemerkenswerte Arbeiten haben sich schon darum bemüht, die Beziehung Nietzsches zur klassischen Philologie, zu ihren Methoden und ihren Perspektiven durch die Bestimmung und Bewertung derjenigen Faktoren zu rekonstruieren, die später für seine philosophische Reflexion fruchtbar geworden sind. Der ‚Philologe Nietzsche‘ ist in der Tat viel mehr als eine kurze Phase im Leben des ‚Philosophen Nietzsche‘. Erstens war diese Phase nicht kurz, denn sie umfasst die gesamte schulische und universitäre Ausbildung Nietzsches sowie die zehn Jahre seiner akademischen Lehrtätigkeit (bis 1879), die er nach dem in jungen Jahren erhaltenen Ruf auf den Lehrstuhl für Griechische Sprache und Literatur der Universität Basel ausübte. Zweitens war es nicht nur eine Phase, denn seine klassische Ausbildung, sein kulturelles Vermögen und seine Kenntnisse des Altertums übertrafen an Tiefe alle anderen Bereiche der Bildung Nietzsches und blieben immer die allerersten Quellen, aus denen er seine Gedanken und die Vorbilder für seine philosophischen Untersuchungen schöpfte.

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