17 Nov

Verschont das Denken mit Experimenten. Oder: Warum Gedankenexperimente in Philosophie und Moral nichts zu suchen haben

Von Falk Bornmüller (Halle-Wittenberg)


Es scheint ganz einfach zu sein: Gedankenexperimente sind Experimente in Gedanken – und da beide Komponenten dieses Wortes positiv besetzt sind, wird das charmant verkuppelte Kompositum in philosophischen Kontexten mittlerweile derart rege und affirmativ gebraucht, als verstünde es sich bereits von selbst, was Experimentieren in Gedanken zu bedeuten habe. Dabei evoziert das Wort „Gedankenexperiment“ eine latent szientistische Vorstellung, die gerade im Bereich der Praktischen Philosophie kritisch zu betrachten ist.

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11 Nov

Gedankenexperimente zwischen Himmel und Erde

Von Yiftach Fehige (Toronto)


Einst war es möglich, im Laufe eines Wochenendes zu Experten*innen in Sachen Gedankenexperimente zu werden. So wenig Literatur gab es dazu. Das kann man sich kaum noch vorstellen, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Monographien, Anthologien und Fachzeitschriftenartikel es heute zum Thema gibt. So blickt etwa sehr wirkungsvoll der Kanadier James R. Brown zum Platonischen Himmel, um zu erklären, wie uns Gedankexperimente Wissen über die Welt verschaffen können. Manfrau kann aber noch viel höher hinaus. Das legen zumindest die Gedankenexperimente der Offenbarungstheologie nahe.

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05 Nov

Was taugen philosophische Gedankenexperimente? Zur Ethik des Kontrafaktischen

Von Florian Arnold (Stuttgart)


Wer sich in seinem Leben länger an philosophischen Instituten aufgehalten hat, dem dürfte die Situation schon einmal untergekommen sein, dass im Zuge einer Seminarübung, ausgestattet mit einem oder mehreren Texten und befeuert durch den didaktischen Übermut des Dozierenden, die Welt in Gedanken kurzerhand auch einmal vernichtet werden kann – wenn auch in der erklärten Absicht, sie wieder aufzubauen. Wer zudem noch im Heidelberg der Nullerjahre die Gelegenheit hatte, den Gedankengängen eines äußerst jungen, begeisternden Dozenten zu folgen, die nicht selten in einem skeptischen Szenario eines totalen Verblendungszusammenhangs mündeten, der mag sich seinerseits heute nicht mehr wundern, dass es die Welt nicht geben soll und der Geist zu einer Fiktion par excellence geworden ist. – Aber kann man das so einfach: Szenarien im Kopf entwerfen, daraus Konsequenzen entwickeln und zu guter Letzt behaupten, der Wahrheit näher gekommen zu sein? Klingt das nicht zu sehr nach dem Wunsch, die Differenz von Wunsch und Wirklichkeit zu verwischen? Und überhaupt, spricht hieraus nicht die berühmt-berüchtigte Weltfremdheit einer ewig alten Philosophenzunft: Kopfgeburten zur Welt zu bringen und bei Komplikationen eher die Existenzberechtigung der Welt in Zweifel zu ziehen? Kann man eine solche Weltverweigerungshaltung mit absolutem Wahrheitsanspruch heute noch ernst nehmen?

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22 Okt

Vehikel der Unmittelbarkeit: Gedankenexperimente und Erkenntnis

Von Alexander Fischer (Basel)


Wir kennen Gedankenexperimente als kurze, im Kontext philosophischer Argumentation strategisch eingesetzte Narrative[i], die darauf abzielen, möglichst alle relevanten Aspekte einer Problemstellung zu vergegenwärtigen, Muster aufzuzeigen und Lösungsrichtungen innerhalb eines Arguments einsehbar zu machen. Das berühmte Höhlengleichnis Platons, das Straßenbahn-Dilemma Philippa Foots oder John Rawls’ Szenario vom Schleier des Nichtwissens sind nur drei bekannte und oft auch im philosophischen Unterricht eingesetzte Gedankenexperimente. Aufgrund ihrer unmittelbaren Bilderstärke führen sie effektiver als ein langer, rational-diskursiv verhandelnder Text in die innere Aushandlung. Gerade deshalb sind sie als didaktisches Mittel so beliebt und lassen sich gut in andere Formen wie Kurzfilme übertragen und künstlerisch variieren.[ii] Doch was genau ist es in ihrer Gestaltung, das sie im gelungenen Falle zu einem Vehikel unmittelbarer Einsicht werden lässt? Hierauf möchte ich ein kurzes Schlaglicht werfen.

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14 Okt

Videoblog-Wettbewerb für Student*innen: Darf man heute noch Kinder haben?

Fast alle Menschen haben im Laufe ihres Lebens Kinder. Für viele gehören eigene Kinder zu einem erfüllten Leben. Doch ist es angesichts einer immer weiterwachsenden Weltbevölkerung, die immer mehr Ressourcen verbraucht, und der Auswirkungen der Klimakrise heute überhaupt noch moralisch vertretbar, Kinder zu haben? Und wenn es besser wäre, weniger oder gar keine Kinder zu bekommen, wie dürfen wir die Menschen dazu bringen, sich daran zu halten?

Der Philosophieblog praefaktisch.de sucht die besten Antworten auf diese Fragen in Form philosophischer Videoblogs. Wenn Du Lust hast, mitzumachen, dann schicke Dein Video mit einer Länge von max. fünf Minuten bis 31. Dezember 2020 an blog@praefaktisch.de. Große Dateien können einfach über WeTransfer oder einen ähnlichen Dienst verschickt werden. Oder Du gibst uns das Video über Google Drive oder Dropbox frei. Bitte schick ein paar Zeilen über Dich und wo Du studierst mit.

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13 Aug

Engagiert und hoffnungslos: Philosophieren am Ende der Welt (wie wir sie kennen)

Von Ana Honnacker (Forschungsinstitut für Philosophie Hannover)


Im Sommer 2019 saß ich schwitzend am Schreibtisch und zweifelte zunehmend die Sinnhaftigkeit meines Tuns an. Die Aussicht darauf, ein mehrjähriges Schreibprojekt zu verfolgen, während das Zeitbudget, das der globalen menschlichen Gemeinschaft bleibt, um ihre Treibhausgasemissionen auf Null zu bringen, ähnlich rasant dahinschmilzt wie der Grönländische Eisschild, befremdete mich zusehends. Ein Buch auf den Weg zu bringen, zumal ein akademisch-philosophisches, dessen gesamtgesellschaftlicher Wirkungsgrad eingestandenermaßen gering sein würde, schien an geradezu lachhafter Weltferne nicht zu überbieten.

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11 Jul

Ausnahmezustand und Verfassung: Sind die Corona-Demonstranten die wahren Verfassungspatrioten?

Von Lena Güldner (München)

„Wir sind das Volk.“ Dieser altbekannte Schlachtruf ertönt seit Kurzem wieder häufig in Deutschland und zwar im Zusammenhang mit Demonstrationen gegen die gegenwärtigen Maßnahmen zur Eindämmung von Corona. „Wir sind das Volk“: ein Ausruf, der durch seine historische Bezugnahme auf die Montagsdemonstrationen in der DDR gleichsam eine gerechte Auflehnung gegen den totalitären Unterdrückungsstaat, eine demokratische Bewegung als Bekenntnis und Kampf zu liberalen Freiheitsrechten impliziert. Das ist es auch, was sich viele Teilnehmer*innen der Protestbewegungen zumindest offiziell auf die Fahne schreiben. So heißt es auf dem YouTube Kanal der Initiative Querdenken 711Wir sind für das Grundgesetz“ und auch die Vereinigung Demokratischer Widerstand titelt auf ihrer Webseite: „Demokratischer Widerstand für Verfassung, Grundrechte & transparente Gestaltung der neuen Wirtschaftsregeln durch die Menschen selbst“. Es scheint sich um besorgte Bürger*innen zu handeln, die Prinzipien des Grundgesetzes verletzt sehen und sich in ihren Bürgerrechten unrechtmäßig eingeschränkt fühlen. Doch spätestens seit den Pegida-Demonstrationen ab Oktober 2014 ist „Wir sind das Volk“ nicht mehr ausschließlich positiv konnotiert. Denn dort nutzten Extremist*innen diese Parole, um unter dem Deckmantel der Demokratie ihre rechte Propaganda zu verbreiten. Dass dies auch bei den bei den aktuellen Demonstrationen gegen die Anti-Corona-Maßnahmen der Fall ist, scheint durchaus eine Möglichkeit. Nun stellt sich die Frage, ob und inwiefern sich sich die Demonstrationen mit einer verfassungspatriotischen Grundhaltung rechtfertigen lassen: Wären wir als wahre Verfassungspatrioten vielleicht sogar gezwungen, im Angesicht massiver Grundrechtsbeschränkungen aufgrund von Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 unsere demokratischen Prinzipien und Bürgerrechte aktiv zu verteidigen? Oder, anders gefragt: Unter welchen Bedingungen dürfen wir aus einer verfassungspatriotischen Gesinnung heraus gegen die Einschränkungen demonstrieren? Ich werde im Folgenden zunächst den Begriff Verfassungspatriotismus kurz darlegen, anschließend über die Legitimität von Demonstrationen sprechen und zuletzt zwei Kriterien skizzieren, wann die aktuellen Proteste als verfassungspatriotisch gelten können.

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06 Jul

Bildung und Erziehung im Ausnahmezustand. Was kann philosophische Reflexion im Rahmen der COVID-19-Pandemie leisten?

Von Johannes Drerup (TU Dortmund/VU Amsterdam) und Gottfried Schweiger (Salzburg)


Die COVID-19-Pandemie hat unseren Alltag innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt. Das soziale und wirtschaftliche Leben wurde für einige Wochen auf ein Minimum reduziert, Schulen, Kinderbetreuungseinrichtungen und Hochschulen wurden geschlossen. Die Familie ist dadurch (wieder) zum zentralen Lern- und Lehrort geworden, zum räumlichen Mittelpunkt des beruflichen und sozialen Lebens vieler Menschen. Das stellt Familien und die Bildungseinrichtungen vor besondere Herausforderungen. Eltern mussten Homeschooling, Kinderbetreuung und Home Office unter einen Hut bringen.[i] Von der Hilfe durch Großeltern und andere Verwandte, die nicht im selben Haushalt wohnen, wurde mit guten Gründen abgeraten. Die größte Last dieser Umstellungen hatten Frauen, insbesondere Mütter, zu tragen. Lehrer*innen standen unter dem Druck, oft ohne medientechnologische Ausbildung und ohne Vorlaufzeit Lernmaterialen neu zu planen und zur Verfügung zu stellen. Die technischen Mittel dafür sind aber nicht in allen Schulen und auch nicht in allen Familien ausreichend vorhanden. Es ist daher zu erwarten, dass ohnehin schon bestehende Bildungsungleichheiten sich als eine Folge der COVID-19 Pandemie vergrößern und verfestigen. Die Situation in manchen Familien war und ist prekär. Eltern wurden arbeitslos oder in Kurzarbeit geschickt und kämpfen nun mit Zukunftsängsten. Gewalt gegen Frauen und Kinder, so eine gängige und plausible Annahme, nimmt in Familien zu und das in einer Zeit, wo der Kontakt zu Vertrauenspersonen, Sozialarbeiter*innen und Lehrer*innen reduziert oder gänzlich eingestellt wurde.

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05 Jul

Plurale Wahrheit mit menschlichem Antlitz

In Krisenzeiten wie in der gegenwärtigen Corona-Pandemie nimmt der Mensch die Welt als besonders kontingent wahr. Das Virus ist unberechenbar. Dies weckt Sehnsucht nach klaren Parametern des Wissens, es muss aber gleichzeitig ein Umgang mit dem Nichtwissen gefunden werden. Als Orientierungshilfe hilft eine pragmatische Perspektive. – Ein philosophischer Versuch.

Von Richard Blättel

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