14 Aug

Wissenschaftssprachen und Businessmodelle

von Christoph Schirmer (Berlin, de Gruyter)


Zeitschriftenartikel werden in der Philosophie immer wichtiger. Die regelmäßigen Evaluierungen von Wissenschaftler*innen und Instituten verlangen nach hochfrequentem Output, der mit Büchern in der Regel nicht erbracht werden kann. Auch die Teammitglieder langjähriger Forschungsprojekte, die z.B. von der ERC gefördert werden, bringen ihre jeweiligen Forschungsergebnisse zunehmend eher in einzelnen Zeitschriftenartikeln heraus, den klassischen Projektband gibt es nur noch zum Abschluss.

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07 Aug

Eine Dosis Populismus gefällig?

von Thomas Plieseis (Salzburg)


Im Jahr 2000 ging ein Aufschrei durch die demokratischen Länder Europas und der westlichen Welt. Die Europäische Union sah sich zum ersten Mal mit einer Regierung in der eigenen Reihe konfrontiert, die zum Teil aus einer populistischen Partei bestand. Die Rede ist von der Regierungsbeteiligung der damals EU-kritischen FPÖ in Österreich. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) formte gemeinsam mit Jörg Haider von der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) eine schwarzblaue Koalition. Die in den Augen vieler als klar populistisch-einzustufende FPÖ machte im Wahlkampf vor allem mit einem EU-kritischen und ausländerfeindlichen Wahlkampf auf sich aufmerksam und erreichte bei der Nationalratswahl 1999 Platz 2 mit rund 27 Prozent der Stimmen. Sie verwies damit sogar knapp die Altpartei ÖVP auf den dritten Rang. Als diese zwei Parteien eine Regierung bildeten und die erstplatzierte Sozialdemokratische Partei Österreich (SPÖ) in die Opposition schickten, ertönten sowohl national als auch international kritische Stimmen, die darin eine Gefahr für unsere westlichen, demokratischen Werte sahen. Der österreichische Bundespräsident Thomas Klestil (ÖVP) musste am Ende sichtlich widerwillig die neue Regierung angeloben, doch nicht ohne zuvor von Schüssel und Haider ein klares Bekenntnis zur Demokratie und der Europäischen Union abzuverlangen. International kündigten 14 der damals 15 Mitgliedstaaten an, Österreich im Falle einer Regierungsbeteiligung der FPÖ zukünftig diplomatisch zu isolieren. Am Ende gab es eine typisch österreichische Lösung, um alle zu befriedigen: Die ÖVP und die FPÖ bildeten zwar eine Regierung, aber Jörg Haider wurde nicht Teil davon und wurde stattdessen Landeshauptmann von Kärnten.

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03 Aug

Tagungskomplikationen – Moralische Erpressung

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Ich glaube, ich wurde Opfer einer moralischen Erpressung. Zumindest bin ich unverschuldet in eine etwas unangenehme Situation geraten. Aber was war geschehen? Als ich vor ein paar Tagen auf dem Weg in den Urlaub am Flughafen noch kurz meine E-Mails las – ein Blogbeitrag über die negativen Auswirkungen der Unfähigkeit vieler (jüngerer) Wissenschaftler_innen, ihre E-Mails nicht andauernd und überall zu lesen, kommt später einmal – waren zwei sehr ärgerliche dabei. Hier will ich aber nur über eine Sache schreiben, die andere kommt dann nächste Woche dran. Die eine E-Mail war die Antwort einer Kollegin, die ich für einen Plenarvortrag für eine Tagung nächstes Jahr eingeladen hatte. Ich werde hier natürlich keine Namen nennen und auch die betreffende Tagung verschweigen. Da ich an einem interdisziplinären Forschungszentrum arbeite, organisiere ich nicht nur Philosophieveranstaltungen, sondern auch einen Haufen anderer Sachen, aber die Disziplin dieser Kollegin spielt eigentlich keine Rolle.

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31 Jul

Naturalismus, Ontologie und Geschichte bei Marx. Eine Metareplik

Von Kurt Bayertz (Münster)


In seiner Replik auf meinen in diesem Blog erschienenen Marx-Beitrag, sowie auf mein Buch Interpretieren, um zu verändern[1], hat Urs Lindner drei zentrale Thesen meiner Überlegungen hervorgehoben und als „überaus fragwürdig“ charakterisiert. Bevor ich auf seine Kritik an diesen Thesen zu sprechen komme, möchte ich zwei allgemeine Bemerkungen voranschicken.

Zunächst fällt auf, dass Lindner ein zentrales Charakteristikum der Theorie von Marx völlig unberührt lässt: ihren Praxisbezug. Dieser Bezug ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis dieser Theorie und liefert daher einen entscheidenden Interpretationsleitfaden bis in ihre (scheinbar) abstraktesten metaphysischen Annahmen hinein. Eine adäquate Metareplik auf die von Lindner erhobenen Einwände müsste daher von diesem Praxisbezug ausgehen, den ich bereits im Titel meines Buches angedeutet habe. Aus Platzgründen ist das leider nicht möglich, so dass ich mich an dieser Stelle damit begnügen muß, auf einige der einschlägigen Stellen meines Buches zu verweisen: [53ff; 228ff; 245f]. Alle drei von Lindner hervorgehobenen Thesen stehen mit dem von Marx angestrebten Praxisbezug seiner Theorie in Zusammenhang.

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02 Aug

Seid einfach unbequem

Christoph von Eichhorn (München)


„Die Beschäftigung ist rauf, die Steuern sind runter. Viel Spaß!“ twitterte US-Präsident Donald Trump kürzlich („Employment is up, Taxes are DOWN. Enjoy!“). Alles bestens, genießt es doch einfach! Maximale Vereinfachung und Verkürzung. Maximale Wirkung. Vereinfacher wie Trump haben weltweit gerade Erfolg. Aber es geht um mehr als um den Vormarsch von Populismus. Die Vereinfachung selbst ist auf dem Vormarsch. Trumps Tweets sind sicher kein Brunnen der Weisheit. Aber sie zeigen, dass wir in einem Zeitalter der großen Vereinfachung und Verkürzung leben.

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26 Jul

Philosophiezeitschriften: wofür sie gebraucht und wie sie gemacht werden könnten

Von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Zeitschriften erfüllen zumindest drei Funktionen für Philosoph_innen: Sie bieten den Autor_innen die Möglichkeit, ihre Texte zu veröffentlichen. Sie bieten den Herausgeber_innen die Möglichkeit, die Texte anderer zu veröffentlichen. Sie bieten den Leser_innen (aka der peer group, weil wer anderer ist es meistens nicht) die Möglichkeit, diese Texte zu lesen. Für die Autor_innen und Herausgeber_innen sind mit diesen Tätigkeiten weitere Vorteile (auch einige Nachteile) verbunden: sie können Leser_innen finden und mit ihrer peer-group interagieren, Prestige und Satus aus der Veröffentlichung bzw. Herausgabe ziehen (was wiederum relevant für die Karriere etc. ist), eventuell damit Geld verdienen (über die VG Wort, sonst eher nicht) und ihren Job gegenüber ihrem Arbeitgeber (der sie u.a. für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Texte bezahlt) und auch anderen rechtfertigen (z.B. gegenüber Freunden und Verwandten, die manchmal fragen, was man als Philosoph_in denn so eigentlich tut). Die Nachteile sind aber mitunter auch nicht ohne: es macht viel Arbeit, Zeitschriftenartikel zu schreiben und Zeitschriften herauszugeben (und auch zu begutachten, aber Gutachter_innen sind eine besonders gering geschätzte und unsichtbare Gruppe in dieser ganzen Sache). Es kann auch sehr frustrierend sein, wobei die Frustration nicht gleichmäßig verteilt ist und Autor_innen oft stärker darunter leiden als die Herausgeber_innen. Dann kommt das hohe Risiko dazu, enttäuscht zu werden – wiederum ein Risiko, das die Autor_innen schultern müssen. Und wessen Beiträge (fast) immer und (fast) überall abgelehnt werden, der ist mitunter in Gefahr, aus dem System rauszufallen (publish or perish heißt es für die vielen befristeten Kolleg_innen) oder das Feld zwecks Selbstschutz zu verlassen, weil es nur schwer zu ertragen ist, ständig zu lesen, dass die eigenen Arbeiten eigentlich Mist sind.

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24 Jul

Populäre Moralphilosophie und moralische Expertise

von Frauke Albersmeier (Düsseldorf) und  Alexander Christian (Düsseldorf)


Öffentliches Interesse an Philosophie richtet sich häufiger als auf die Probleme der theoretischen auf jene der praktischen Philosophie. Fragen nach den Grenzen des Wissens oder dem Wesen von Emotionen werden eher an Psychologen und Kognitionswissenschaftler, solche nach der Beschaffenheit der Welt an Physiker oder Biologen gerichtet, während Philosophinnen und Philosophen für Fragen der individuellen Lebensführung, nach kollektiven Pflichten, Gerechtigkeit und Freiheitsansprüchen weiterhin zu den naheliegenden Ansprechpartnern gezählt werden. Manche Philosophen sprechen durchaus bereitwillig z.B. über die sog. Flüchtlingskrise, Sterbehilfe oder die moralischen Rechte von Tieren. Zu lesen ist dann beispielsweise, dass die deutsche Regierung sich in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung durch Flüchtlinge preisgegeben hätte, obwohl es keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung gebe (Peter Sloterdijk in einem Interview mit der Zeitschrift Cicero). Sterbehilfe sei moralisch inakzeptabel, da der Mensch um den Akt des Sterbens betrogen werde und es keine gute Art des Tötens gebe (Robert Spaemann: Euthanasie in der Zeit). Tiere dürfe man essen, weil die meisten Nutztiere eben Augenblicksgeschöpfe seien, denen man nicht viel nehme, wenn man sie nach einem guten Leben rasch und schmerzlos tötet und durch andere Tiere der gleichen Art ersetzt (Konrad Ott in einem Interview in der taz).

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19 Jul

Produktionsverhältnisse, Produktivkräfte, Proletariat: Präfaktisch denken mit Marx

von Eva Bockenheimer (Köln)


„Fakten, Fakten, Fakten“ – mit diesem Werbespruch buhlte ein großes deutsches Nachrichtenmagazin in den 1990er Jahren um die Leserschaft. Dieser Werbespruch war so erfolgreich, dass er zu einer Art geflügeltem Wort wurde und sogar Eingang in die Satire fand. Sogenannte „Fakten“ stehen immer noch hoch im Kurs und werden kritisch gegen postfaktische Meinungsmache ins Feld geführt. Auch Karl Marx hat die Fakten seiner Zeit intensiv studiert und selbst statistische Daten gesammelt, z.B. über die Weltwirtschaftskrise von 1857. Eine marxistische Analyse der Gegenwart muss also selbstverständlich informiert sein über die bestehenden Fakten und diese gegebenenfalls auch gegen das Postfaktische ins Feld führen. Aber Marx wusste auch, dass alle Wissenschaft überflüssig wäre, „wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen“ (MEW 25, 825). Fakten allein, nicht zuletzt, weil sie meist widersprüchlich sind, lassen uns also noch nichts begreifen – dazu müssen wir den inneren Zusammenhang dieser Fakten erfassen. Haben wir den Zusammenhang begriffen, erscheinen nicht nur die Fakten oft in einem ganz anderen Licht, sondern auch die postfaktischen Gefühlslagen, deren Ursache wir dann vielleicht besser verstehen können. Das rechtfertigt zwar nicht die oft reaktionären Forderungen, die auf Grundlage postfaktischer Affekte gestellt werden. Aber es kann in manchen Fällen – sofern das Postfaktische nicht ohnehin bloß der Machtdemonstration dient – vielleicht ein Gespräch eröffnen über die wahren Ursachen für den postfaktischen Unmut und die bestehende Wut dorthin lenken, wo sie eigentlich hingehört.

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18 Jul

Bedrohte akademische Freiheit. Der Fall Central European University

von Alexander Reutlinger (München)


Seit einem Jahr steht die Central European University (CEU) in Budapest unter hohem Druck, ja letztlich droht ihre Schließung. Grund dafür ist ein 2017 von der ungarischen Regierung verabschiedetes Gesetz („Lex CEU“). Dieser Vorgang ist ein – zumindest in der EU – beispielloser Angriff auf eine Universität. Nach der jüngsten Wiederwahl von Viktor Orbán hat sich die Lage der Universität in Ungarn keinesfalls verbessert.

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