12 Sep

Geld und Babys: Leihmutterschaft und die Kosten der sozialen Reproduktion

von Anna Schriefl (Bonn)


Welche Dinge dürfen Geld kosten? Und welche Dinge sollten auf keinen Fall kommerzialisiert werden? Mit besonderer Heftigkeit wird immer wieder diskutiert, ob Menschen sexuelle Dienste für Geld anbieten und kaufen dürfen, also ob Sexarbeit legal sein darf oder nicht. Dieselbe Debatte findet neuerdings mit Blick auf kommerzielle Leihmutterschaft statt, mit auffallend ähnlichen Positionen und Argumenten.

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11 Sep

Demokratische Erfahrungen in der Diskussion. Eine Replik auf Ole Hilbrich.

von Johannes Drerup (Amsterdam)


Meines Erachtens wird in der gegenwärtigen deutschsprachigen Erziehungs- und Bildungsphilosophie zu wenig diskutiert, d.h. es gibt nicht sonderlich viele kontinuierliche, aufeinander aufbauende und über längere Zeiträume verlaufende Debatten und Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Positionen.[i] Auch deshalb freue ich mich über die interessante und konstruktive Kritik von Ole Hilbrich[ii]. Also zur Sache.

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10 Sep

Darf man biologische Kinder bekommen?

Anlässlich der Veröffentlichung des Handbuch Philosophie der Kindheit (J.B. Metzler 2019) bringt praefaktisch Texte zur Philosophie der Kindheit.


von Ezio Di Nucci (Kopenhagen)


Nein, ich habe mich nicht verschrieben. Die Frage, die ich hier gerne stellen – und ansatzweise beantworten – möchte, ist nicht, ob es moralisch erlaubt sein sollte, nicht-biologische Kinder zu bekommen (zum Beispiel durch reproduktive Technologien); meine Frage ist tatsächlich, ob man seine eigenen biologischen Kinder bekommen darf, nämlich Kinder, mit denen man sein genetisches Gut teilt.

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05 Sep

Pornographie und befreite Sexualität

von Anne Weber (Lübeck)


Pornographie, d.h. die graphische und literarische Darstellung menschlicher Sexualität im Dienste sexueller Erregung, ist so alt, wie die Menschheit selbst. Ob an Höhlenwänden, auf Bildern, VHS-Kassetten, im Internet oder mit virtual-reality-Brille, pornographische Artefakte sind zeiten-, länder- und kulturübergreifend präsent. Es ist zunächst auch jenseits ethischer oder pädagogischer bzw. rechtlicher Beurteilung des Phänomens deshalb nicht von der Hand zu weisen, dass Pornographie einen wichtigen Beitrag zur (Selbst-)Beschreibung menschlicher Sexualität leistet (Sven Lewandoswki).

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04 Sep

Interview mit Kirsten Meyer

Kirsten Meyer ist seit 2011 Professorin für Praktische Philosophie und Didaktik der Philosophie am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie hält einen der beiden Plenarvorträge auf der VII. Tagung für Praktische Philosophie, die 26. und 27. September 2019 an der Universität Salzburg stattfindet.

prae|faktisch:  Was würden Sie heute machen, wenn Sie keine Philosophin geworden wären?

Kirsten Meyer: Wenn ich nicht Philosophieprofessorin geworden wäre, dann wäre ich Philosophielehrerin geworden. Mein zweites Unterrichtsfach wäre Biologie gewesen. Nach dem Abitur hatte ich vor, später im praktischen Naturschutz zu arbeiten, und deshalb habe ich Diplombiologie studiert. Da mich im Studium aber vor allem die theoretischen und grundsätzlichen Fragen interessierten und ich daher Philosophieseminare besuchen wollte, habe ich parallel dazu noch Philosophie und Biologie auf Lehramt studiert. Mit diesem Doppelstudium habe ich in Münster begonnen, nach dem Vordiplom bin ich dann an die Universität Bielefeld gewechselt. Meine Diplomarbeit in der Biologie enthielt dann eigentlich zu viele philosophische Aspekte. Zu meinem Glück waren die Biologen in Bielefeld demgegenüber aber sehr offen und schätzten die Interdisziplinarität. Aus dieser Arbeit und deren Weiterführung hat sich dann letztlich eine Promotion in der Philosophie ergeben.

Nach der Promotion bin ich dann ins Referendariat gegangen und habe an zwei Gymnasien die Fächer Philosophie und Biologie unterrichtet. Das Unterrichten an der Schule hat mir viel Freude bereitet. Nachdem ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin zurück an die Uni gekommen bin, habe ich daher nicht ausgeschlossen, danach auch wieder zurück an die Schule zu gehen. Philosophielehrerin wäre ja ein Beruf gewesen, in dem ich mich immer noch mit Philosophie beschäftigt hätte. Den Kontakt zur Philosophie ganz zu verlieren, wäre für mich keine gute Vorstellung gewesen – so aber war das Lehramt immer eine echte Alternative.

Allerdings bin ich heute doch sehr dankbar dafür, dass es an der Uni für mich immer weiterging und dass ich als Professorin die Zeit zum philosophischen Schreiben habe und Studierende unterrichten kann. Es ist großartig, mit jungen Menschen diskutieren zu dürfen, deren vorrangiges Interesse die Philosophie ist.

Der Philosophieunterricht an der Schule beschäftigt mich aber als Fachdidaktikerin nach wie vor. Zum Beispiel besuche ich die Lehramtsstudierenden an ihren Praktikumsschulen und konzipiere mit KollegInnen Unterrichtsreihen. Die Brücke zur Schule ist mir auch deshalb wichtig, weil mir an dem Transfer von Philosophie in die Öffentlichkeit sehr liegt. Es gibt dazu meines Erachtens kaum einen besseren Ort als den Philosophie- und Ethikunterricht in der Schule. Hier können wichtige Grundlagen des Argumentierens und der Verständigung über ethische Fragen vermittelt werden.

Welche Unterschiede gab es zwischen den Instituten/Universitäten an denen Sie tätig waren?

Ich war bisher in Bielefeld, Regensburg, Göttingen und Berlin als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Professorin tätig. In Bielefeld konnte ich mit sehr freundlichen Studierenden meine ersten Lehrerfahrungen sammeln, in Regensburg habe ich gute Erfahrungen in der Kooperation mit KollegInnen anderer Fächer gemacht, z.B. in gemeinsamen Lehrveranstaltungen und der Organisation einer Ringvorlesung. In Göttingen kannten sich die Studierenden fast alle untereinander und haben sich sehr mit der Philosophie identifiziert, was die Atmosphäre am Philosophischen Seminar sehr positiv geprägt hat. Auch in Berlin haben mich von Anfang an die sehr interessierten und diskussionsfreudigen Studierenden begeistert. Außerdem kommen sehr viele hervorragende Philosophinnen aus dem In- und Ausland nach Berlin und tragen dort vor. Ich habe es also an allen Orten, an denen ich war, sehr gut angetroffen, und mit meinen Kolleginnen und Kollegen hatte ich auch überall viel Glück.

Welche Themen waren für Sie während Ihrer Studienzeit bzw. Postdoc-Phase besonders wichtig – und sind es heute andere?

Ich habe mich im Studium zunächst vor allem für die Schnittstelle zwischen der Biologie und Philosophie interessiert. Das reichte von eher wissenschaftstheoretischen Fragen bis hin zu Fragen nach dem intrinsischen und dem ästhetischen Wert der Natur. Meine Interessen wurden dann immer breiter und umfassen heute nahezu den gesamten Bereich der praktischen Philosophie. Meistens beginne ich zunächst mit eher anwendungsorientierten Problemstellungen, aber dann werden die Fragen unweigerlich grundsätzlicher. So denke ich zum Beispiel, dass viele Fragen der angewandten Ethik sehr grundsätzliche Fragen der normativen Ethik aufwerfen. Das ist letztlich der Grund, warum ich angefangen habe etwa über das Thema interpersoneller Aggregation nachzudenken und zu schreiben.  

In der Zeit meiner Habilitation habe ich vor allem über die Philosophie der Bildung und Erziehung nachgedacht. Daraus ist dann mein Buch „Bildung“ entstanden.  In der Bildungsphilosophie interessiert mich zurzeit vor allem die im öffentlichen Diskurs verbreitete Rede von Fähigkeiten, Talenten und Potentialen, die ich für klärungsbedürftig halte. Ich vermute nämlich, dass diese Rede starke Implikation für ein bestimmtes Verständnis von Bildungsgerechtigkeit und die Einrichtung unserer Schulen hat.

Seit ein paar Jahren beschäftige ich mich auch wieder zunehmend mit der Umweltethik und vor allem mit der Frage, was wir künftigen Generationen schulden. Dazu ist 2018 mein Buch mit dem Titel „Was schulden wir künftigen Generationen? Herausforderung Zukunftsethik“ erschienen.  Auch in der Zukunftsethik geht es wiederum um sehr grundlegende Fragen der normativen Ethik.

Worin bestehen Ihrer Meinung nach die Unterschiede zwischen der heutigen und ihrer Generation von PhilosophiestudentInnen?

Allzu groß scheinen mir die Unterschiede gar nicht zu sein. Es wurde ja oft vermutet, die „Verschulung“ des Studiums durch die Einrichtung von BA und MA Studiengängen werde dazu führen, dass die Studierenden zu stark über den Erwerb von Leistungspunkten nachdenken und darüber ihre genuin philosophischen Interessen vernachlässigen. Ich kann mich allerdings über das Interesse der Berliner Studierenden nicht beschweren – viele Studierende begeistern mich stattdessen mit ihrem Einsatz und Engagement.  

Vielleicht führt die Verschulung dazu, dass sich heute weniger Studierende die Zeit nehmen können, Veranstaltungen anderer Fächer zu besuchen und dass sie im Studium weniger gut nach den eigenen Neigungen gehen können. Wenn das so wäre, hielte ich das für bedauerlich. Man sollte meines Erachtens in den BA und MA Studiengängen darauf achten, dass ausreichend viele solche Möglichkeiten bleiben. Wir haben in Berlin zum Beispiel im Master ein Modul „Projektarbeit“, dessen Offenheit viele Möglichkeiten lässt, Lesegruppen, Konferenzbesuche usw. als Bestandteil des Masterstudiums zu integrieren, und wir haben einen „überfachlichen Wahlpflichtbereich“, in dem die Studierenden Veranstaltungen anderer Fächer besuchen können. Es steht ihnen dabei vollkommen frei, welche Fächer das sind, und das finde ich sehr gut so.

Von der Möglichkeit zum Besuch von Veranstaltungen in Fächern, die mich interessierten, habe ich selbst in meinem eigenen Studium sehr profitiert. Insgesamt habe ich die Zeit meines Studiums als ausgesprochen erfüllend erlebt und Veranstaltungen in verschiedenen Fächern besucht. Ich hatte zum Beispiel auch ein großes Interesse an den Erziehungswissenschaften. Daher kam es mir sehr entgegen, dass ich im Rahmen meines Lehramtsstudiums deren Veranstaltungen besuchen konnte. Die theoretischen Grundlagen der Reformpädagogik und die Bielefelder Laborschule haben mich dabei besonders interessiert. An der Absolventenstudie der Bielefelder Laborschule habe ich mich als studentische Hilfskraft beteiligt und so auch Einblicke in empirische Forschungsmethoden gewonnen. Mein Studium war also sehr breit gefächert, und dafür bin ich rückblickend sehr dankbar.

Welche Enttäuschungen haben Sie im Laufe ihrer Karriere erlebt? Wie sind Sie damit umgegangen?

Größere Enttäuschungen gab es nicht, aber wenn ein Aufsatz oder ein Antrag abgelehnt wird, kann das schon enttäuschend sein. Schließlich hatte ich dafür bereits viel Zeit investiert. Und Ablehnung kratzt erst einmal an dem eigenen Selbstbewusstsein. Insgesamt versuche ich mir in diesen Dingen zu sagen, dass Niederlagen auch für alle anderen Teil des Wettbewerbs sind und grundsätzlich allen widerfahren können. Ich versuche also, Niederlagen nicht zu persönlich zu nehmen und es selbst einfach wieder zu versuchen.

Was macht Ihnen in Ihrem beruflichen Alltag am meisten Freude, was ärgert sie?

Am meisten Freude macht mir das Unterrichten und das eigene philosophische Schreiben. Gute Diskussionen auf Workshops oder in meinem Kolloquium empfinde ich als sehr bereichernd. Nachrichten über Veröffentlichungen meiner Doktorandinnen und Doktoranden machen mich froh, und grundsätzlich freut es mich sehr, mich von den Überlegungen der DoktorandInnen inspirieren zu lassen. Wenn wir im Kreis der Kollegen zusammen eine Sache gut gestalten und sie in dieser Zusammenarbeit umso besser wird, so macht mich das auch glücklich.

Ich ärgere mich darüber, wenn die Prioritäten der Universität zu stark auf dem Verfassen von Anträgen und der Organisation von Prozessen und zu wenig auf der wissenschaftlichen Arbeit und vor allem zu wenig auf der Lehre liegen. Ich kann mich sehr über Prozesse ärgern, die ich für überflüssig halte, zum Beispiel Akkreditierungen. Und ich verliere schnell die Geduld, wenn manche bürokratischen Prozesse (zum Beispiel Einstellungen von Personal) sehr lange dauern und (in meinen Augen) nicht sinnvolle Hürden dafür aufgebaut werden.

Welchen Ratschlag würden Sie Studierenden und KollegInnen am Anfang ihrer Karriere geben?

Den Studierenden: sich anstecken zu lassen von der Begeisterung anderer und sich selbst aktiv zu beteiligen, zum Beispiel an der Seminardiskussion und an der Organisation studentischer Veranstaltungen. In späteren Karrierephasen: sich die Freunde an der Philosophie zu bewahren. Und nicht der Karriere zuliebe auf Kinder verzichten, denn beides lässt sich meiner Erfahrung nach gut vereinbaren und Kinder sind einfach wunderbar.

Welche Trends innerhalb der Philosophie begrüßen Sie, welche sehen Sie kritisch?

Ich mache mir über Veröffentlichungen in internationalen Fachzeitschriften als (in meiner Wahrnehmung) zunehmend wichtiges Kriterium in Berufungsverfahren Gedanken. Einerseits sind solche Publikationen oft von hoher Qualität und führen zu einem größeren internationalen Austausch. Insofern gibt es gute Gründe für diesen Trend. Andererseits habe ich aber auch den Eindruck, dass dies beim wissenschaftlichen Nachwuchs insgesamt zu einer großen Spezialisierung führt, und dass man philosophischen Weitblick, Originalität und ggf. auch die Anschlussfähigkeit an öffentliche Debatten als Qualifikation für den wissenschaftlichen Nachwuchs im Blick behalten sollte.

Welche Rolle kann und soll Philosophie in der Öffentlichkeit heute spielen?

Die Philosophie sollte eine große Rolle spielen, da insbesondere die strukturierende Funktion der Philosophie für öffentliche Debatten hilfreich ist. Zum Beispiel kann die Philosophie fragen: Welche verschiedenen Forderungen der Gerechtigkeit stehen zurzeit im Raum? Gibt es im Bereich der Umweltpolitik Konflikte zwischen diesen Forderungen, z.B. zwischen Forderungen der Gerechtigkeit innerhalb der jetzigen Generation und zwischen den Generationen? Die Wahrnehmung dieser Konflikte ist eine wichtige Voraussetzung für ihre Lösung, und zur Beschreibung dieser normativen Konflikte kann die Philosophie einen wichtigen Beitrag leisten. Es geht also darum, Dinge zu strukturieren und so für den Diskurs aufzubereiten, dass man sich darin besser verorten kann. Das gilt zum Beispiel auch für die Bildungspolitik: Was erwarten wir von einem gerechten Bildungssystem? Falls es die Einlösung der Forderung nach Chancengleichheit wäre: wie genau ist diese Forderung überhaupt zu verstehen? Und was ist heute die wesentliche Aufgabe von Schule? Ich begrüße die Initiativen der DGPhil und der GAP, die Philosophie stärker in die Öffentlichkeit zu bringen, daher sehr. Und ich möchte dem hinzufügen, dass unsere Lehramtsstudierenden, die nachher Generationen von SchülerInnen unterrichten, unsere wichtigsten MultiplikatorInnen sind. Der Ausbildung der Studierenden des Lehramts und dem Einsatz der Fachphilosophie für die Unterrichtsfächer Philosophie, Ethik, praktische Philosophie etc. an den Schulen sollte also meines Erachtens große Bedeutung beigemessen werden. 

Was macht gute Philosophie aus, und was macht eine/n gute/n PhilosophIn aus?

Klarheit. Und Relevanz, wobei ich kein gutes Kriterium für Relevanz angeben kann.

Gibt es Bücher oder Aufsätze die Ihrer Meinung nach jede/r PhilosophIn gelesen haben sollte und warum?

Eher nicht, da ich denke, dass dies stark von den eigenen Fragestellungen abhängt.

Was bedeutet Philosophie für ihr eigenes Leben abseits von Forschung und Lehre?

Ich interessiere mich sehr für Politik und verfolge politische Diskussionen oft vor dem Hintergrund bestimmter philosophischen Überlegungen, die mir einschlägig erscheinen. Manchmal verschwimmen diese grundsätzlichen philosophischen Überlegungen aber auch gerade im Lichte der konkreten politischen Praxis.

Die Philosophie wirkt auch sonst in mein Leben abseits von Lehre und Forschung. Im Anschluss an meine Vorlesung zur Philosophie des Glücks denke ich öfter über die vermeintlichen Kriterien für ein gelungenes Leben nach und beziehe das zum Beispiel auf Fragen des Umgangs mit meinen Kindern. Philosophie wirkt hier also auf mein Leben außerhalb der Universität. Aber sie tut das auch nicht ständig.  Vor allem bin ich wirklich dankbar und glücklich über das Geschenk meines Berufes. Dadurch so viel Zeit mit der Philosophie verbringen zu können, ist einfach großartig.

03 Sep

Bildung zum Streit und zum gemeinsamen Widerstreit – eine Skizze

von Miguel Zulaica y Mugica (TU Dortmund)


Die Frage, wofür Bildung, scheint quasi selbsterklärend und die Antwort, um ein gutes, selbstbestimmtes Leben zu führen, ist wohl kaum strittig. Wäre da nicht die Unbestimmtheit dessen, was genau ein gutes und selbstbestimmtes Leben sein soll und was Bildung dazu beitragen soll.

In meinen Ausführungen wird es mir um eine Produktivität bzw. dialektische Spannung gehen, die sich um die Frage nach Bildung und Selbstbestimmung herum formiert. Ziel der Argumentation ist es, den sachlichen Streit im Sinne eines gemeinsamen Widerstreits als Form der Problembearbeitung zu skizzieren und als einen bildungstheoretischen Einsatz zu formulieren. (1) Hierfür werde ich im ersten Schritt auf die Konfliktualität von Bildung und die Produktivität der Idee der Selbstbestimmung für den Diskurs eingehen. (2) In einem zweiten Argumentationsschritt soll auf eine hegelianische Tradition zurückgegriffen werden, mit der Bildung als eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Allgemeinen und in Hinsicht einer Allgemeinwerdung verstanden wird. (3) In einer dritten gedanklichen Bewegung sollen bildungstheoretische Überlegungen zum gemeinsamen Widerstreit skizziert und an aktuellen Beobachtungen zum Verhältnis von Wissen und Öffentlichkeit konkretisiert werden.

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29 Aug

Die ethische Relevanz des Geldes

von Edeltraud Koller (Frankfurt a. Main)


Die Wirtschaftswissenschaften verstehen Geld herkömmlich recht nüchtern als Mittel, um verschiedene Waren und Dienstleistungen zu tauschen und deren Wert festzulegen. Das Geld erleichtert den Austausch, weil Güter verkauft bzw. gekauft werden können, ohne auf den direkten Tausch Ware gegen Ware angewiesen zu sein. Es ist somit zunächst schlicht das Mittel für die Zahlung, zum Rechnen, für die Bewertung und zur Wertaufbewahrung.

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27 Aug

Selber denken macht schlau – was man aus der (Philosophie)Geschichte (nicht) lernen kann

von Bettina Bohle (Bochum)

Spricht man von Philosophiegeschichte oder historischer Philosophie – was meint man dann genau? Das ist ja ähnlich wie wenn man über etwas Zeitgenössisches spricht und es von etwas Historischem unterscheidet. Grundsätzlich heißt das nur: nicht JETZT. Früher. Wie viel früher und was dieses „Früher“ über den bloßen Zeitpunkt hinaus, der vor dem jetzigen liegt, bedeutet, ist erst einmal nicht notwendig festgelegt.

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22 Aug

Nein, Sex ist nicht wie eine Tasse Tee

von Maya Burkhardt


„Entscheidungen bezüglich des Sexuallebens können Erwägungen über Aufrichtigkeit, Rücksicht auf andere, Klugheit oder die Schadensvermeidung für andere usw. einschließen, aber dasselbe ließe sich zu Entscheidungen sagen, die das Autofahren betreffen. (Tatsächlich sind die moralischen Probleme, zu denen das Autofahren Anlass gibt, sowohl vom Standpunkt der Umwelt als auch dem der Sicherheit, viel schwerwiegender als Probleme, die sich aus geschütztem Sexualverkehr ergeben.) Dieses Buch enthält demgemäß keine Diskussion über Sexualmoral. Es gibt wichtigere Fragen der Ethik, die zu bedenken sind.“

Das schreibt Peter Singer in der Einleitung der dritten Auflage seines Buches „Praktische Ethik“ zum Thema Sexualmoral in dem Bemühen, ernstzunehmende moralische Überlegungen von einem „System widerwärtiger puritanischer Verbote […]“ abzugrenzen, „[…] dass hauptsächlich dazu bestimmt ist zu verhindern, dass Menschen ihr Vergnügen haben.“[1] Singer nutzt den Vergleich mit dem Autofahren hier am Anfang seines Buches, um das Thema Sexualität aus seiner weiteren Auseinandersetzung herauszuhalten.

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20 Aug

Das Theodizeeproblem oder ein Problem mit der Theodizee? Was passiert mit klassischen Fragen, wenn wir die Religionsphilosophie neu denken?

von Amber L. Griffioen (Konstanz)


Wer mal eine Einführung in die „klassischen Debatten“ der Religionsphilosophie besucht hat, ist wahrscheinlich über den Begriff Theodizee gestolpert. Grob gesagt ist eine Theodizee der Versuch, den allmächtigen, allwissenden, allgütigen Gott des sogenannten klassischen Theismus angesichts der Übel in der Welt zu rechtfertigen. Etwas weniger grob gesagt geht es bei der Theodizee nicht wirklich darum, Gott zu rechtfertigen (denn wenn es eine solche Gottheit gibt, braucht diese unsere Hilfe nicht, sich zu verteidigen). Es geht vielmehr darum, die Überzeugung[1] derjenigen zu rechtfertigen, die an diesen Gott glauben. Dies ist eine wichtige Präzisierung, denn sie deutet auf einen zentralen Schwerpunkt der analytischen Religionsphilosophie des 20-21. Jahrhunderts hin, nämlich auf den wiederholten Versuch, die Rationalität oder zumindest die rationale Zulässigkeit der klassisch monotheistischen Überzeugung zu prüfen (und meistens zu verteidigen) – hier in Anbetracht eines möglichen defeaters (Gegenbelegs), nämlich der Menge an erlebtem Bösen bzw. subjektivem Leiden in der Welt. Dieser Fokus auf die Rationalität der religiösen Überzeugung macht das sogenannte „Theodizeeproblem“ also eher zu einem Rätsel für die Religionsphilosophie, das es zu „lösen“ gilt: Wie kann man den klassischen Monotheismus mit den Übeln der Welt so versöhnen, dass es nicht irrational wäre, weiterhin an diesen Gott zu glauben?

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