14 Okt

Staatliche Souveränität in der multipolaren Weltgemeinschaft

Von Max Gottschlich (KPU Linz)


Es gehört heute zum vornehmen Ton in der Einschätzung politischer Verhältnisse, die Rede von staatlicher Souveränität für gehaltlos anzusehen. Man verweist dazu auf die Evidenz allseitiger Abhängigkeitsverhältnisse sowie ökologischer, ökonomischer, gesundheitspolitischer und sicherheitspolitischer Herausforderungen, die nicht auf einzelstaatlicher Ebene bewältigbar sind. Das zunehmende Gewicht supranationaler Bezüglichkeiten lasse doch, so scheint es, keinen Raum mehr für Souveränitätspolitik. Damit wird konsequenterweise der Staat selbst in seinem Existenzrecht fraglich. So scheint der Staat – und zwar v.a. unter dem Vorzeichen eines bloß instrumentellen Staatsverständnisses –obsolet zu sein. Zweifellos: Beschränkte sich die Legitimation staatlicher Souveränität auf die Sicherung des Funktionierens der Gesellschaft, des Waren- und Kapitalverkehrs, dann hätte er ausgedient. Dazu ist nämlich kein Staat im Alleingang mehr in der Lage. Dazu kommen grundsätzlichere Vorbehalte: Sind staatliche Grenzen nicht Relikte der Geschichte wildgewordener Nationalgeister? Sollte an deren Stelle nicht eine globale Zivilgesellschaft treten, die den Naturzustand unter den Staaten beendet und allen Menschen die gleichen Realisierungschancen ihres pursuit of happiness ermöglicht, besorgt und behütet durch einen Weltstaat? Die bleibende Bedeutung des Staates und seiner Souveränität begreift sich erst, wenn der Staat als Wirklichkeit von Freiheit gedacht wird. Damit gerät das Vernünftige am Schritt in die Überstaatlichkeit nicht aus dem Blick.

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07 Okt

Tiere ernähren

Von Bernd Ladwig (Berlin)


Jedes Tier muss sich von etwas ernähren, um überleben und gut leben zu können. Wir Menschen machen da keine Ausnahme. Allerdings unterscheidet uns manches von anderen Tieren. Zunächst einmal sind wir Omnivoren: Wir vertragen pflanzliche ebenso wie tierliche Nährstoffe. Sodann sind wir besonders erfinderisch und können Nährstoffe synthetisch herstellen. Vitamin B12 zum Beispiel ist in Pflanzen kaum enthalten, aber wir gewinnen es biotechnologisch aus Bakterienkolonien, was uns eine vegane Lebensweise erlaubt. Und schließlich sind wir zur Reflexion fähig und darum für unser Handeln normativ zuständig. Eine Bratwurst mag noch so verlockend duften, wir können ihr dennoch widerstehen, wenn wir dafür gute Gründe zu haben glauben.

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05 Okt

„Monetäre Armut“: die Details hinter diesem Armutsbegriff

von Stefan Angel (WU Wien) und Karin Heitzmann (WU Wien)


Dieser Blogbeitrag bezieht sich auf einen ausführlichen Beitrag im neuen Handbuch Philosophie und Armut, welches im April 2021 bei J.B. Metzler erschienen ist.


Die Frage, wie Armut definiert und gemessen werden kann ist nicht nur ein wissenschaftliches oder statistisches „Problem“, sondern auch eine höchst politische Angelegenheit. „Monetäre“ Armut ist nur eine, aber eine relativ weitverbreitete Möglichkeit, um Armut zu erfassen. Dieser Blogbeitrag beleuchtet die Details hinter diesem Armutsbegriff, was er ermöglicht und was er ausblendet.

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30 Sep

Das Berliner Volksbegehren und die politische Theorie des Unternehmens

von Philipp Stehr (Utrecht)


Die Initiative Deutsche Wohnen & Co. enteignen ist eine der erfolgreichsten sozialen Bewegungen im deutschsprachigen Raum. Am Sonntag wurde der Vorschlag der Bewegung zur Vergesellschaftung des Wohnungsbestands großer profitorientierter Unternehmen von einer Mehrheit der Berlinerinnen angenommen. Diese Entscheidung ist auch aus philosophischer Sicht hochinteressant, weil er an zentrale Elemente einer philosophischen Debatte über Unternehmen anknüpft und gleichzeitig neue Impulse für sie liefert.

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28 Sep

Grammatik und Gewissheit. Für einen befreiten Wittgenstein

Von Ulrich Metschl (Innsbruck)


Mit gerade einmal einhundert Jahren seit Erstveröffentlichung nimmt sich Wittgensteins Logisch-Philosophische Abhandlung – der Tractatus – unter den klassischen Werken der Philosophie fast noch wie ein Neuzugang aus. Doch vielleicht ist ein Jahrhundert genau der passende Abstand zu fragen, was vom Tractatus, und wenn wir schon dabei sind: von Wittgensteins Philosophie überhaupt, an bleibenden Einsichten zu würdigen ist. Oder, wenn wir dem Urteil zukünftiger Generationen nicht vorgreifen wollen, was an Wittgenstein zumindest heute noch philosophisch belangreich erscheint.

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21 Sep

Seine Geschichte der Philosophie. Zum Alterswerk von Jürgen Habermas

Vittorio Hösle (University of Notre Dame, USA)


Für alle eine Überraschung war es für viele ein erneuter Anlass zur Bewunderung und für einige wohl auch ein kleines Wunder, als Jürgen Habermas mit seinem umfangreichen Alterswerk: Auch eine Geschichte der Philosophie (2 Bände, Suhrkamp 2019) nochmals die Summe aus seinem Schaffen und dem seiner Zunft zu ziehen unternahm. Die Resonanz war groß, wie zu erwarten vielstimmig und doch immer auch von der Verlegenheit begleitet, die knapp 1700 Seiten überhaupt angemessen würdigen zu können. Vittorio Hösle hat es in der Philosophischen Rundschau, anlässlich des neuen Hermeneutik-Sonderhefts, nun auf sich genommen, auf immerhin knapp 40 Seiten eine eingehende Besprechung zu verfassen, die sich zugleich als Antwort auf Habermas philosophisches Epochen- und Weltbild versteht. Im folgenden Beitrag, einem repräsentativen Auszug, findet sich eine Art Resümee der Auseinandersetzung, die insbesondere das Verhältnis von Glauben und Wissen bei Habermas kritisch pointiert. (Anmerkung der Redaktion)

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14 Sep

Feminist Strike: Frauen machen Revolution.

von Maria Robaszkiewicz (Paderborn)


Der Begriff des feministischen Streiks rückt wieder ins Zentrum feministischer Debatten, diesmal durch das Buch von Verónica Gago, Feminist Inernational. How to change everything.[1] Gago und ihre Compañeras vom Kollektiv Ni una menos gerieten auch ins Blickfeld der Mainstream-Medien, als kurz vor dem Ende des letzten Jahres in Argentinien ein Gesetz verabschiedet wurde, das die kostenlose Abtreibung bis zur 14. Schwangerschaftswoche legalisiert. Die Massen von Aktivist*innen, die sich vor dem Argentinischen Nationalkongress versammelt haben, jubelten vor Freude.

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07 Sep

Shut up and take my money – Die Bedeutung von Nichtwissen für die Konsumverantwortung

Von Sebastian Müller (Köln)


Der Händler, der in Matt Groenings Cartoonserie Futurama die Verkaufsbedingungen des neuen Eye-Phone herunterbetet (“Macht 500 $, läuft nur über einen Provider, die Batterie wird schnell leer und der Empfang ist nicht sehr gut”), wird von dem Hauptprotagonisten Fry mit den Worten „Halt den Mund und nimm mein Geld“ in seinem Sermon unterbrochen. Fry ist so begeistert von dem neuen Smart-Device, dass er alle potenziell störenden Informationen, die mit dem Gerät in Verbindung stehen könnten, im Vorfeld ausblendet. Im Fortgang der Serie verwandelt das Eye-Phone alle NutzerInnen in zombieähnliche Lakaien des Eye-Phone Konzerns.

Ist Fry aufgrund des lückenhaften Informationsstands davor bewahrt, Verantwortung für seinen Konsum übernehmen zu müssen, gibt es marktimmanente Strukturen, die Frys‘ Nichtwissen fördern und ist seine ablehnende Haltung gegenüber unliebsamen Produkt- und Produktionsinformationen symptomatisch für den Konsumalltag? Diesen Fragen möchte ich im Folgenden etwas genauer nachgehen.

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