23 Jan

Geld als kollektives kulturelles Symbolsystem bei Georg Simmel

von Annika Schlitte (Mainz)


„Geld regiert die Welt“ – es gibt wohl kaum einen Philosophen, der diesen scheinbaren Gemeinplatz jemals so ernst genommen hat wie Georg Simmel. Dass das Geld die Welt regiert, ist hier nicht (oder jedenfalls nicht nur) Ausdruck der seit der Antike bekannten Klage, dass Geld im praktischen Zusammenleben eine viel zu große und moralisch fragwürdige Rolle spielt, sondern besagt, dass die moderne Welt als Ganze sich nur vom Geld her angemessen verstehen lässt. Umgekehrt heißt das aber auch, dass man das Geld seinerseits nicht richtig erfasst, wenn man es ausschließlich aus einer ökonomischen Perspektive betrachtet und seine gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung vernachlässigt. So kommt es, dass Simmel im Jahr 1900 das Geld nicht nur zum Thema eines ganzen Buches, sondern gar zum Mittelpunkt seiner Philosophie macht – nämlich einer Philosophie des Geldes.[1] Die zentrale Frage, die er dabei stellt, ist die folgende: Was für eine Weltsicht ergibt sich, wenn man das Geld zum Prinzip erklärt – zu dem, was die Welt im Innersten zusammenhält? Simmels Text, um den es im Folgenden gehen soll, ist daher auch heute noch ein wichtiger Bezugspunkt für alle, die sich dem Rätsel Geld stellen. [2]

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22 Jan

Bemerkungen zu Wolfram Eilenbergers Zeit der Zauberer

Von Ansgar Beckermann (Bielefeld)


Dies ist, das soll gleich zu Anfang gesagt sein, ein außerordentlich gut geschriebenes, sehr informatives und insgesamt überaus spannendes Buch. Aber ist es auch ein Buch, das es ermöglicht, sich auf vernünftige Weise der Philosophie der von Eilenberger (E.) behandelten Protagonisten Wittgenstein, Benjamin, Cassirer und Heidegger zu nähern? Ich habe da meine Zweifel.

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21 Jan

Sexphilosophie

Von Anna Mense (Gießen)


Einleitung[1]

In diesem Text geht es darum, nachzuspüren, inwieweit erlebte Körperlichkeit sowie Aspekte des Sexuellen Teil philosophischer Praktiken sind oder sein können, die, insofern sie unbewusst bleiben, ihr epistemisches Potential nicht frei entfalten können. Ich möchte einerseits den Phänomenbereich Sexualitäten zum Anlass nehmen, um über philosophische Praktiken nachzudenken und ein Gespür dafür zu entwickeln wie Sexualitäten in philosophische Praktiken hineinwirken können. Andererseits möchte ich Aspekte des Sexuellen performativ erfassen, wenn ich letztlich der Frage nachgehe, wie eine philosophische Praxis aussehen könnte, die von ihrer Sexualität nicht absieht, sondern sie explizit macht und textuell gestaltet. Während der erste Teil des Textes verschiedene Weisen von Abwesenheiten des Sexuellen innerhalb philosophischer Praktiken reflektiert, offeriert der zweite Teil zunächst eine Reihe von Beschreibungen sexueller Aspekte innerhalb philosophischer Praktiken.  Der zweite Teil schließt mit einer Skizze dessen, was ich Sexphilosophie nenne.

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14 Jan

Nichtwissen in der Technikfolgenabschätzung

von Armin Grunwald (Karlsruhe)


1.         Technikfolgenabschätzung (TA)

Spätestens seit den 1960er Jahren wurden erhebliche nicht intendierte Folgen von wissenschaftlich-technischen Entwicklungen in teils dramatischen Ausprägungen unübersehbar. Unfälle in technischen Anlagen (Seveso, Bhopal, Tschernobyl, Fukushima), Folgen für die natürliche Umwelt (Artensterben, Luft- und Gewässerverschmutzung, Ozonloch, Klimawandel), soziale Nebenfolgen von Technik (z.B. Arbeitsmarktprobleme als Folge der Automatisierung), ethische Herausforderungen (z.B. der Pflegerobotik) und absichtlicher Missbrauch von Technik (z.B. durch Cyber-Attacken) haben Schatten auf allzu fortschrittsoptimistische Zukunftserwartungen geworfen. Neben der weiter bestehenden Hoffnung auf bessere Technik ist ihre Ambivalenz zu einer zentralen Gegenwartsdiagnose geworden (Grunwald 2010).

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09 Jan

Vom Nutzen und Nachteil von Nietzsches Historienkritik

Von Katrin Meyer (Basel/Zürich)


Das intellektuelle Interesse an Friedrich Nietzsche hat seine eigenen Konjunkturen und folgt eigenen, oft vergänglichen, Aufmerksamkeitsökonomien, die durch theoretische und gesellschaftspolitische Strömungen mitbeeinflusst sind. Nach wie vor lohnend erscheint mir aus heutiger Sicht, sich mit dem Geschichtsverständnis und der Geschichtskritik Nietzsches auseinanderzusetzen, auch wenn das Thema auf den ersten Blick viel von seiner Brisanz und Aktualität verloren hat. So sind zentrale Thesen, die Nietzsche in den 1870er und 1880er Jahren formuliert hat, mittlerweile für das Selbstverständnis der westlichen Gesellschaften Programm und haben ihr aufrührerisches Potential verloren. Dazu gehört insbesondere Nietzsches Diagnose, die Modernität von Gesellschaften und Individuen zeige sich an ihrem nihilistischen Grundzug. Der Nihilismus der Moderne bedeutet demgemäß, dass tradierte Werte und Wahrheiten ihre Geltung verlieren, ja dass die Idee einer überhistorischen Wahrheit überhaupt fraglich wird und es demnach zur Aufgabe der Gegenwart gehört, sich verbindliche Werte und Wahrheiten selbst zu schaffen. Die existenziellen Konsequenzen, die Nietzsche aus dieser historischen Ausgangslage ableitet, sind für das Lebensgefühl und die Alltagspraxis vieler Menschen im 21. Jahrhundert heute selbstverständlich geworden: Individualität, Kreativität und Originalität gelten als primäre Sinnstiftung des persönlichen Lebens und eine kritisch-distanzierte Haltung zu allen tradierten Wahrheiten und Werten erscheint als Bedingung und Voraussetzung der eigenen Gestaltungsmacht. Nietzsches Verknüpfung von Nihilismus und Freiheit ist damit in das Narrativ der (europäischen) Moderne eingegangen.

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07 Jan

Neutralität: Ein hartnäckiger Mythos (nicht nur) in der Philosophiegeschichtsschreibung

Von Martin Lenz (Groningen)

Neutralität gilt vielen als eine zentrale Tugend in den Wissenschaften. Obwohl die Idee, dass Wissenschaft völlig wertfrei sein könne, wiederholt und einschlägig kritisiert wurde, wird Neutralität gerade in den letzten Jahren immer wieder eingefordert. Während wissenschaftsfeindliche Populist*innen gerne behaupten, dass in den Wissenschaften „linksgrüne“ Parteilichkeit herrsche, gehen Vertreter*innen aus der Wissenschaft nicht selten in die Defensive, indem sie behaupten, diese habe „keine Agenda“. Eine vergleichbare Neutralitätsidee gibt es auch unter Philosophiehistoriker*innen. Sie findet sich vor allem in der Forderung, Historiker*innen müssten Anachronismen vermeiden. Die Idee ist folgende: Wenn Sie etwa ein Argument oder eine These von Spinoza rekonstruieren, müssen Sie darauf achten, Spinoza keine Annahmen zuzuschreiben, die er nicht auch selbst hätte akzeptieren können. Behaupten Sie zum Beispiel, Spinozas Annahmen über den Geist müssen sich an neurowissenschaftlichen Thesen messen lassen, so scheinen Sie sich schon schlicht deshalb des Anachronismus schuldig zu machen, weil es zu Spinozas Zeiten keine Neurowissenschaften gab. Nun ist diese Begründung natürlich trivial. Aber der Vorwurf ist nicht nur der, dass Sie die technologischen Entwicklungen ignorieren. Vielmehr geht es um die Wertmaßstäbe, die Sie bei der Evaluation von Argumenten anlegen. Die eigentliche Frage ist, ob neurowissenschaftliche Überlegungen einen angemessenen Kontext für die Rekonstruktion Spinozas bieten. Hier haben sich in den vergangenen Jahren zwei Lager herausgebildet: der Kontextualismus und der Appropriationismus bzw. der rationale Rekonstruktionismus. Während letzterer von gegenwärtigen Standards ausgeht und die Aneignung von historischen Argumenten betreibt, insistiert ersterer auf der Berücksichtigung der historischen Gegebenheiten. Ausschlaggebend bei unseren Interpretationen soll nicht das sein, was wir für richtig halten, sondern die Bedingungen, die sich aus den relevanten Kontexten ermitteln lassen. Kürzlich hat Christia Mercer sogar behauptet, dass die Auseinandersetzung zugunsten des Kontextualismus entschieden sei, da inzwischen selbst Appropriationist*innen historische Wahrheiten nicht ignorieren wollten. Zwar erschöpft sich der Kontextualismus keineswegs in Annahmen über historische Neutralität oder Objektivität, doch kann Mercers Aufsatz über die „kontextualistische Revolution“ durchaus als Zurückweisung des anachronistischen Appropriationismus gelesen werden.* Im folgenden möchte ich zumindest andeuten, warum ich glaube, dass die hinter dem Kontextualismus liegende Idee von Neutralität auf einem Mythos beruht.

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02 Jan

“Mankind is no longer alone” – Über den Sinn und Unsinn der Asimov’schen Roboter-Gesetze

Von Isabella Hermann (Berlin)

“There was a time when humanity faced the universe alone and without a friend. Now he has creatures to help him; stronger creatures than himself, more faithful, more useful, and absolutely devoted to him. Mankind is no longer alone.”

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31 Dez

Tier(e), Mensch(en) & Ethik – Philosophische Verhältnisbestimmungen zwischen Exklusion, Inklusion und Integration in moralischer Absicht

Von Heike Baranzke (Wuppertal)


Die Beziehung des Menschen zum Tier ist fundamental und ambivalent. Tiere gehören zu den frühesten Bildmotiven archaischer Menschen, die die Bedeutung der Tiere als Lebensbedrohung, Nahrungslieferant und Gefährte, ihre Nähe und Ferne zum Menschen, reflektieren. Die Reflexion wird philosophisch, wenn sie auf Begriffe gebracht wird, nämlich auf die Begriffe ‚Mensch‘ und ‚Tier‘. Der Singulargebrauch: der Mensch, das Tier zeigt, dass sich das Erkenntnisinteresse hier nicht mit zoologischer Neugier auf die Vielfalt von Tierarten und ihre Eigenschaften und Fähigkeiten richtet, sondern einzig und alleine auf die anthropologische Differenz. Es ist die Sprache der philosophischen Anthropologie, mit der wir vergleichend zu begreifen versuchen, was uns als Menschen ausmacht. Im Dienste dieses philosophischen Zieles menschlicher Identitätssuche werden Tiere lediglich als Hintergrundfolie zur Differenzbestimmung herangezogen. Da das Interesse nicht ihnen gilt, sind sie austauschbar. Der Mensch kann sich auch mit anderen Wesen vergleichen, z.B. mit Göttern oder mit Robotern.

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26 Dez

Über die „Kluft zwischen Nehmen und Geben“. Vom Schenken des Beschenkt-Werdenden

Von Sarah Bianchi (Frankfurt)


Nun ist es soweit: In diesem Herbst feiern wir Nietzsches 175. Geburtstag. Zu Geburtstagen macht man bekanntlich Geschenke. Das will ich nun nicht tatsächlich tun. Doch eben dies zum Anlass nehmen, um solche Passagen aus seinem Werk herauszugreifen, die sich um das Motiv der sozialen Praktik des Schenkens und um die damit einhergehenden relationalen Gesten des „Nehmen[s] und Geben[s]“ (EH, 6, 346) drehen. Solche leisen Zwischentöne werden bisweilen weniger in Nietzsches Werk verfolgt. Zu oft wird Nietzsche bloß als der Philosoph abgestempelt, der mit dem ‚Hammer philosophiert’. Doch bei genauerem Hinsehen, bei einer Technik also, die er im Übrigen selbst einfordert und sie auch in seiner Lehre einübt, springt einem augenblicklich ins Auge, dass er einen ganz anderen Hammer im Blick hat, nämlich ein Hämmerchen, genaugenommen den Auskultationshammer, wie er hierzu in seiner späten Schrift Götzen-Dämmerung Auskunft gibt. Dieses Hämmerchen kennen wir nur zu gut aus der Medizin. Mit ihm klopft uns der Arzt ab, um genau das hören zu können, was sich mit den bloßen Ohren nicht so leicht vernehmen lässt. So ähnlich verhält es sich mit den leisen Zwischentönen nach Nietzsche. Sie machen im Kleinen aufmerksam auf dasjenige, was im Großen aus dem Rahmen fällt. Meiner Interpretation zufolge charakterisiert eine solche Technik sowohl Nietzsches eigenes Werk als auch dessen Sichtweise auf die Mitwelt. Was dies für das Fallbeispiel des Schenkens bedeutet, soll im Folgenden erkundet werden.[1]

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24 Dez

Die Wahrheit des Nichtwissens

von Tim Kraft (Universität Regensburg)


Was ist Nichtwissen? Da das Wort “Nichtwissen” ein Kompositum aus einem Negationspräfix, “nicht”, und einem Substantiv, “Wissen”, ist, liegt es nahe, Nichtwissen als Negation, Nichtvorliegen, Abwesenheit oder Fehlen von Wissen zu verstehen. Wenn das zutrifft, ist die Eingangsfrage schnell beantwortet: Alle begrifflichen Fragen über Nichtwissen können beantwortet werden, indem man sich klar macht, was Wissen ist: Nichtwissen liegt genau dann vor, wenn die Bedingungen für Wissen nicht erfüllt sind. In diesem Beitrag möchte ich eine Schwäche dieses Bilds aufzeigen und dabei illustrieren, dass sich bereits anhand der grundlegenden Frage, ob Nichtwissen die Negation von Wissen ist, eine Reihe von faszinierenden philosophischen Probleme diskutieren lassen. Besonders herausgreifen möchte ich die Frage, wie sich Nichtwissen und Wahrheit zueinander verhalten. Die – vielleicht überraschende – These dieses Beitrags wird sein, dass Nichtwissen ebenso faktiv ist wie Wissen: Wir können sowohl Wissen als auch Nichtwissen nur von Wahrheiten haben.

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