22 Jul

Die Macht der Affekte

Von Mesut Bayraktar (Hamburg)


»Ich denke, also bin ich« heißt es bei Descartes. Der Affektenlehre Spinozas ließe sich die Frage voranstellen: Was bin ich, wenn ich nicht denke? Der Spielball äußerer Einwirkungen, die mich affizieren. Ich bin die „menschliche Ohnmacht“ und „Unfreiheit“, „denn der den Affekten unterworfene Mensch befindet sich nicht in seiner eigenen Gewalt, sondern in der des Schicksals, in dessen Macht er gefangen ist, sodass er oft gezwungen wird, dem Schlechteren zu folgen, obgleich er das Bessere einsieht.“[1] Ich bin – aber meine Freiheit ist die Freiheit eines anderen. Sie ist unter innerer oder äußerer Notwendigkeit subsumiert.

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20 Jul

Verdammt(e) Gefühle!? Vorschläge gegen Indifferenz und Gleichgültigkeit

Von Peggy H. Breitenstein (Jena)


Etwa zeitgleich mit Donald Trumps Einzug ins Weiße Haus haben sich eigentümlich widersinnige Reden im politischen Diskurs eingenistet: Paradoxe Formulierungen wie „alternative Fakten“, „postfaktische Politik“, „Postwahrheit“ zeigen ernsthafte Zweifel darüber an, dass über Tatsachen und Tatsachenwahrheiten eigentlich nicht gestritten werden kann. Zugleich wird diesem Zweifel auch vehement widersprochen. Dabei jedoch geraten immer wieder die Gefühle bzw. Emotionen in den Fokus, wird ihnen doch die Schuld an der Verwirrung zugeschrieben. Das Politische werde „emotionalisiert“ und Wahrheiten nur noch „gefühlt“, heißt es. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass der eigentliche Fehler im Intellekt selbst liegt: im Versäumnis, begrifflich sorgfältig und verantwortungsvoll zwischen Meinung, Tatsachen und Tatsachenwahrheiten zu unterscheiden.

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15 Jul

Feminismus: Ein Blick in die Medizinethik

Von Regina Müller (Tübingen)


Das Wort Feminismus taucht in den deutschsprachigen Medizinethik-Debatten selten bis gar nicht auf. Dabei sind feministische Diskussionsfelder in der Medizinethik reichlich vorhanden, etwa die Auseinandersetzung mit Körpernormen oder der geschlechterbezogenen Datenlücke in der Medizin. Was ist also das Verhältnis von Feminismus und Medizinethik? Braucht die Medizinethik (mehr) Feminismus bzw. braucht es eine explizit feministische Medizinethik? Was wäre unter einer feministischen Medizinethik zu verstehen und was der Gewinn eines feministischen Programmes?

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14 Jul

Mind the GAP, Teil II

Zur Preisfrage 2021 der GAP: “Was haben Platon, Kant oder Arendt besser verstanden als die gegenwärtige analytische Philosophie?”

Von Daniel-Pascal Zorn und Martin Lenz


Die diesjährige Preisfrage der GAP scheint auf das Verhältnis der gegenwärtigen analytischen Philosophie zur Geschichte zu zielen. Die Frage ist wichtig, hat in der gegebenen Form jedoch zumindest in den sozialen Medien ein gewisses Erstaunen ausgelöst. Da wir an einem Dialog über diese Frage interessiert sind und rasch feststellten, dass unsere Bedenken konvergieren, haben wir uns entschlossen, zwei Dinge zu tun: Erstens möchten wir die Vorannahmen der Frage näher betrachten (Teil I hier); zweitens möchten wir Kriterien möglicher Antworten ausloten.

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12 Jul

Mind the GAP, Teil I

Zur Preisfrage 2021 der GAP: “Was haben Platon, Kant oder Arendt besser verstanden als die gegenwärtige analytische Philosophie?”

Von Martin Lenz und Daniel-Pascal Zorn


Die diesjährige Preisfrage der GAP scheint auf das Verhältnis der gegenwärtigen analytischen Philosophie zur Geschichte zu zielen. Die Frage ist wichtig, hat in der gegebenen Form jedoch zumindest in den sozialen Medien ein gewisses Erstaunen ausgelöst. Da wir an einem Dialog über diese Frage interessiert sind und rasch feststellten, dass unsere Bedenken konvergieren, haben wir uns entschlossen, zwei Dinge zu tun: Erstens möchten wir die Vorannahmen der Frage näher betrachten; zweitens möchten wir Kriterien möglicher Antworten ausloten.

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09 Jul

Wenn Selbstsorge das Schützen des ganzen Lebens impliziert: denn was kann wertvoller als das Leben sein?

Von Aracely R. Berny (Wien/Mexiko-Stadt)


Der Körper ist zerbrechlich, das Leben ist extrem zerbrechlich, es hängt sprichwörtlich am seidenen Faden. Es ist allgemein bekannt, dass der Oberbegriff „Krebs“, unzählige Missverhältnisse in der Entwicklung menschlicher Zellen umfasst und als unvorhersehbarer Feind noch immer schwer zu kontrollieren ist.

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08 Jul

Chancengleichheit und Armut

Dieser Blogbeitrag bezieht sich auf einen ausführlichen Beitrag im neuen Handbuch Philosophie und Armut, welches im April 2021 bei J.B. Metzler erschienen ist.


Von Marcel Twele (Bern)


Die Begriffe “Armut” und “Chancengleichheit” lassen verschiedene Interpretationen zu. Umfasst Armut nur das Entbehren absoluter Güter (wie eine nahrhafte Ernährung) oder auch positionaler Güter (wie gesellschaftliche Anerkennung)? Haben Menschen bereits dann gleiche Chancen, wenn sie, ohne diskriminiert zu werden, mit allen anderen um vorteilhafte  gesellschaftliche Positionen wetteifern können, oder erfordert Chancengleicheit einen Ausgleich sozial- oder gar genetisch ungleicher Ausgangsbedingungen, womöglich bereits im Kindesalter (oder früher)? Dies ist mehr als ein Streit um Worte, denn viele Menschen glauben, dass wir Gründe haben, Armut zu bekämpfen und Chancenungleichheit zu verringern. Doch auch hier ist man sich keinesfalls einig: Manche sehen Handlungsbedarf hinsichtlich keines oder nur eines der beiden Phänomene. Diejenigen, die sowohl ein (moralisches bzw. politisches) Prinzip der Beseitigung von Armut (im Folgenden “Suffizienzprinzip”) als auch ein Prinzip der Chancengleichheit akzeptieren, können zudem unterschiedlicher Ansicht darüber sein, was von beiden im Konfliktfall Vorrag hat.

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07 Jul

Vom Sinn und Zweck eines Rassismusvorwurfs gegen Hegel

von Charlotte Baumann (Sussex)


Zanders Reaktion auf James und Knappiks Beitrag über Hegels Rassismus wirft neben Interpretations-fragen zu  bestimmten Stellen bei Hegel vor allem die Frage auf: Was bringt es, Hegel des Rassismus zu beschuldigen? Dies ist eine berechtigte Frage, nicht zuletzt deswegen, weil diese Frage de facto bei vielen ähnlichen Diskussionen im Raum steht und zum polemischen Begriff der Cancel Culture beigetragen hat. Also, zwei Dinge sollten von vornherein klar sein: Es kann nicht darum gehen, dass man von Hegel erwartet, nach heutigen Maßstäben ‚woke’ zu sein, und es geht James und Knappik ganz bestimmt nicht darum, nie wieder Hegel zu lesen oder andere dazu zu motivieren. (Sie sind ja selbst Hegelianer und richten ihren Kommentar vor allem an uns andere Hegelianer). Was bringt es dann, wenn man aufzeigt, wo und wie Hegel andere Ethnien oder generell marginalisierte Gruppen abschätzig behandelt? Zunächst ist es klar, dass Rassismus nicht unbedingt etwas mit Biologie zu tun haben muss[1] und dass eine Wortklauberei nicht zielführend sein kann. Stattdessen geht es meines Erachtens um vier Dinge: 1.  historische Korrektheit, 2. analytische Schärfe, 3. den ‚eigenen’ Hegel und 4. die Lehre und das Hegel-ernst-Nehmen.

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06 Jul

Die Pandemie der Privatiers: Neoliberale Kontinuitäten in der Corona-Krise

von Jonas Heller (Frankfurt) & Katharina Hoppe (Frankfurt)


Die mit der Corona-Pandemie einhergehenden politischen Maßnahmen wurden vielfach als massiver Eingriff in den Raum des Privaten erfahren. Weil in der Krise ein regulierendes Handeln des Staates spürbar wurde, erschien sie vielen als Unterbrechung. Wie die Folgen der Pandemie ist auch diese Erfahrung keinesfalls gleich verteilt. Während Hartz IV-Empfangende staatliche Regulierung ebenso alltäglich erleben wie Geflüchtete, deren Bewegungsradius wie selbstverständlich Gegenstand staatlicher Kontrolle ist, war die umfassende Erfahrung staatlich induzierter Beschränkung für andere Teile der Bevölkerung völlig neu. Dies hat – jetzt, da es viele traf – eine ganze Reihe von Diskussionen über eine Krise des Liberalismus aufgerufen. Während diese Krise sich für einige in den Einschränkungen liberaler Freiheitsrechte manifestierte[1], wurde von anderen breiter als bislang die Vorstellung liberaler Freiheit selbst problematisiert.[2]

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05 Jul

Die Liebe in Zeiten der Pandemie. Welches Nachdenken über die Krise fruchtbar sein könnte und welches nicht.

Von Franziskus v. Heereman


Wer heute grundsätzlich über die Corona-Pandemie nachdenken will, sollte wissen, dass weder er noch sonst jemand bereits jetzt dieser Epoche gerecht werden kann. Was von jedem Witz, jedem Roman, jedem Musikstück und jedem Leben gilt, ist nicht weniger wahr in Bezug auf geschichtliche Ereignisse: Was etwas ist, weiß man erst, wenn es vorbei ist. Deshalb kennen paradoxerweise Zeitzeugen ihre Epoche schlechter als jene, die auf sie zurückschauen. Solange jener militärische Konflikt währte, der 1618 durch den Ständeaufstand in Böhmen ausgelöst wurde, konnte niemand wissen, dass dies der 30-jährige Krieg war und, was evidenter Weise von seiner namengebenden Länge gilt, gilt gleichermaßen von seiner geschichtlichen Bedeutung. Die Eule der Minverva fliegt eben am Abend, Vordenken ist immer tentativ, tastend, unsicher; das Wesen steht erst dem Nachdenken offen (es ist eben erst, was es ist, wenn es ge-wesen ist; erst im Perfekt ist es perfekt).

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