03 Mai

Kuhn über Herrschaft und Sturz von Paradigmen

Von Cord Friebe (Siegen)


Wissenschaft ist kein Prozess stetigen Forstschritts, bei dem man sich nach und nach der Wahrheit annähert. Vielmehr ist Wissenschaft die Dynamik von Revolutionen, dem Aufstieg und Niedergang wohletabliert erscheinender Paradigmen – wie etwa der Newtonschen Physik. Wissenschaft ist daher wesentlich Streit, Kritik am Etablierten, die Bereitschaft, das Vertraute in Frage zu stellen. So könnte man Thomas Kuhn (1922-1996) verstehen, wie ja schon der Titel seines Hauptwerks von 1962 – The Structure of Scientific Revolutions – deutlich zum Ausdruck bringe.

Eigentliche Wissenschaft betreibt demnach nicht jemand, der ein Paradigma bloß anwendet, sondern solche, die es hinterfragen. Denn gäbe es solche AbweichlerInnen nicht, wie könnte dann ein herrschendes Paradigma jemals in eine Krise kommen, gar in einer wissenschaftlichen Revolution abgelöst werden? Und also könnte es ohne AbweichlerInnen keine echte Wissenschaft inklusive Paradigmenwechsel geben. Kuhn, so scheint es, stünde auf der Seite der Bohmschen Mechanik gegen die Standard-Quantenmechanik, auf der Seite der Homöopathie gegen die ‚Schulmedizin‘ und gegen den Mainstream bzgl. menschengemachtem Klimawandel. Ist das so? Ist das die Lehre von Kuhns Wissenschaftsauffassung?

       Komplexer wird die Sache, da nach Kuhn Revolutionen nur in Phasen „außergewöhnlicher“ Forschung stattfinden, in zeitlich begrenzten Ausnahmesituationen, in denen das bislang herrschende Paradigma in die Krise gekommen ist – wie etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Newtonsche Physik. Jahrzehnte vorher aber und Jahrzehnte danach, in weitaus längeren Zeitabschnitten also, ging und geht Wissenschaft ihren „normalwissenschaftlichen“ Gang, und das bedeutet: Ebenso wesentlich wie Krisenanfälligkeit ist für Wissenschaft, dass überhaupt erst einmal ein Paradigma herrscht. In einem Paradigma drücken sich fundamentale Gesetze, musterhafte Lösungsverfahren und genormte statistische Methoden aus, wie sie kanonisch in den Einführungsvorlesungen der jeweiligen Wissenschaft gelehrt werden. Ein Paradigma bringt bestimmte Leistungen der Vergangenheit zum Ausdruck, die von der jeweiligen wissenschaftlichen Gemeinschaft als Grundlage anerkannt werden. Ohne die Herrschaft eines Paradigmas, so Kuhn, käme man nicht aus den Startblöcken heraus, bliebe man im Schulenstreit stecken (wie vielleicht die Philosophie), und es gäbe gar keinen Fortschritt.

       In der Normalwissenschaft wird also tatsächlich ein Paradigma bloß angewendet. Normalwissenschaftliche Tätigkeit besteht im „Rätsellösen“: Normale wissenschaftliche Probleme – von der Vereinigung der Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik bis zur Entwicklung eines Impfstoffs – sind (für Kuhn) wie Rätsel in einem Kreuzworträtsel. Wir ‚wissen‘, heißt das, dass es eine Lösung gibt, dass, wenn wir uns nicht zu blöd anstellen, mithilfe des herrschenden Paradigmas das Problem irgendwann gelöst wird. Dieses Rätsellösen stellt Fortschritt einer Wissenschaft dar, wobei dieser Fortschritt sich immer nur innerhalb eines Paradigmas entwickeln kann. Das Paradigma wird nicht in Frage gestellt, es ist in der normalwissenschaftlichen Phase nicht einmal thematisch im Sinne von Gegenstand der Forschung; es ist einfach in Gebrauch. So formuliert, erscheint Kuhn als Cancel-Culture-Prophet, den ‚normalerweise‘ AbweichlerInnen nur stören.

       Doch so einfach ist es wiederum nicht. Zunächst bedeutet, ein Paradigma anzuwenden, ja nicht, dass überhaupt keine Hypothese aufgestellt, getestet und gegebenenfalls verworfen würde. Nur sind das gewöhnlich solche Hypothesen in der „Hülle“, nicht im „Kern“ der „Forschungsprogramme“, wie sich Imre Lakatos (1922-1974) ausgedrückt hat. Aber auch, dass ein Paradigma herrscht, d.h. ein Kern anerkannt ist, bedeutet nicht, dass es dies ausschließlich gibt, dass es in der Normalwissenschaft überhaupt keine AbweichlerInnen gibt oder gar geben dürfte. Sie herrschen halt nur nicht. Dies kann man durchaus mit dem populären Slogan extraordinary claims require extraordinary evidence beschreiben: Vom Paradigma geht eine normative Kraft aus, die verlangt, dass die Ablehnung des Paradigmas durch außerordentliche Beobachtungen oder außergewöhnliche Argumente gestützt wird. Galileo musste mit einem neuen Fernrohr kommen, nicht nur mit Beobachtungen mit bloßem Auge. Solche gab es nämlich auch längst vor ihm, ohne dass das Ptolemäische Weltsystem dadurch auch nur thematisch wurde. Wer also beispielsweise die These „Impfen tötet!“ stützen möchte, soll und darf das tun, muss aber dafür auch arbeiten, nämlich solche Daten oder Argumente liefern, die ebenso außergewöhnlich sind wie die These.

       Bei der Herrschaft eines Paradigmas geht es (nach Kuhn) also mit rechten Dingen zu. Beim Wechsel eines Paradigmas ist das allerdings nicht so klar. Wie gesagt, teilt sich laut Kuhn Wissenschaft zeitlich in zwei Phasen – Normalwissenschaft und Außerordentliche Forschung –, die Etablierung eines herrschenden Paradigmas und dessen Krisenanfälligkeit sind gleichermaßen wesentliche Aufbaustücke von Wissenschaft. Wenn nun ein bislang herrschendes Paradigma in eine Krise geraten ist, gibt es mindestens ein gleichwertig konkurrierendes Paradigma und einen Kampf um die Vorherrschaft. Wie dieser Kampf ausgeht, ist aber nicht immer schon entschieden; es kann zu einer Revolution, d.h. zu einem Paradigmenwechsel kommen, muss es aber nicht, das alte kann die Krise auch überstehen. Was entscheidet darüber, ob es zu einer Revolution kommt?

       Man sollte vielleicht erwarten, dass die bessere Theorie siegt, dass etwa die Allgemeine Relativitätstheorie mehr Gravitationsphänomene erklären kann als das Newtonsche Gravitationsgesetz. Doch an dieser Stelle kommt Kuhn mit seiner berüchtigten Inkommensurabilitätsthese, d.h. mit der Behauptung, dass Theorien mit unterschiedlichem Paradigma „inkommensurabel“, also unvergleichbar, seien. Nicht etwa unvereinbar, sondern unvergleichbar. Sie widersprechen einander nicht, sondern haben kein gemeinsames Maß, woran sie im Vergleich als besser oder schlechter bewertet werden könnten. Kippbilder sollen die Inkommensurabilitätsthese veranschaulichen: Wie man auf Basis derselben Zeichnung entweder die Gestalt eines Hasen mit langen Ohren oder aber die einer Ente mit langem Schnabel wahrnimmt, so sähen NewtonianerInnen bei vermeintlich demselben Phänomen eine Gravitationskraft, während AnhängerInnen Einsteins dort Krümmung der Raumzeit wahrnähmen.

       In ihrer starken Version, wie sie etwa von Paul Feyerabend (1924-1994) vertreten wurde, folgt aus der Inkommensurabilitätsthese, dass es bei wissenschaftlichen Revolutionen keinen rationalen Fortschritt gibt. Es gibt hier keine bessere Theorie, die konkurrierenden Theorien beziehen sich vielmehr auf zwei verschiedene Welten; welche der Theorien sich durchsetzt, ist dann eher eine Machtfrage. Statt rationale Kriterien des Theorienvergleichs, wie sie Lakatos gegen Kuhn zu verteidigen versucht hat, würden individualpsychologische oder sozial-politische Gründe die ausschlaggebenden sein. Dann müsste man in der Tat sagen, dass Wissenschaft so interessegeleitet ist, dass es letztlich nicht um Fakten oder Rationalität ginge, sondern dass all ihre Aussagen just politics wären.

       Man kann die Inkommensurabilität aber auch so verstehen, dass sie nur die Erklärung von Phänomenen betrifft, nicht aber ihre Beschreibung. Inkommensurable Theorien leben dann nicht in verschiedenen Welten. Ein Paradebeispiel von Kuhn/Feyerabend für Inkommensurabilität war die nunmehrige Relativität der räumlichen Länge, sodass ein Satz wie „dieser Stab ist 5m lang“, speziell-relativistisch gemeint, etwas unvergleichbar anderes bedeute als derselbe Satz, klassisch gemeint. Doch selbst bei diesem Beispiel bestätigen sich ihre anti-realistischen Konsequenzen nicht: Betrachten wir eine Platte mit einem Schlitz, der gerade so groß ist, dass bei relativer Ruhe (d.h. übereinandergelegt) der Stab noch nicht durch den Schlitz fällt. Dann kommt es nach Newton bei relativer Bewegung von Stab gegen Platte zur Kollision, während nach Einstein bei (geeigneter) relativer Bewegung der Stab durch den Schlitz hindurchfliegt. Einstein erklärt dieses Phänomen mit seinen „inkommensurablen“ Begriffen (Längenkontraktion; Zeit-Dilatation), doch seine Beschreibung (keine Kollision) kommt ganz ohne diese aus. Sie gilt für alle Bezugssysteme, ist also nicht relativ, sondern absolut. Auch Newton verstünde daher die Beschreibung.

       Ein rationaler Theorienvergleich im Sinne von Lakatos’ „progressiven“ versus „regressiven“ Forschungsprogrammen erscheint somit jederzeit als möglich. Kuhn liefert keine Basis dafür, in alternativen Informationswelten leben zu müssen.


Cord Friebe ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Siegen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Philosophie der Physik und der theoretischen Philosophie Kants. Zum Thema hat er als Co-Autor das einführende Buch Thomas Kuhn (Paderborn: mentis, 2009) veröffentlicht, hierin insbesondere das Kapitel 3 zur „Popper-Kuhn-Kontroverse“, einschließlich der Positionen von Lakatos und Feyerabend.

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