28 Feb

Licht und Schatten John Rawls’ politischer Philosophie

Von Julian Culp (Paris)


John Rawls’ egalitärer Liberalismus ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur dominanten politischen Philosophie in der angloamerikanischen Wissenschaft avanciert und hat auch in der deutschsprachigen Wissenschaft eine sehr große Wirkung entfalten können. Was erklärt die Strahlkraft Rawls’ politischer Philosophie?

Philosophische Gründe für die Wirkmächtigkeit Rawls` politischer Philosophie lassen sich leicht identifizieren. Rawls` erste Monographie, Eine Theorie der Gerechtigkeit, ist ein äußerst ausgereiftes Werk, das 1971 erst nach jahrzehntelanger Arbeit erschienen ist, obwohl Rawls dessen Grundidee – „Gerechtigkeit als Fairness“ – bereits 1958 in Aufsatzform veröffentlicht hatte. Rawls gelingen in diesem Buch eine ganze Reihe begrifflicher Innovationen, die sich als äußerst fruchtbar erweisen und bis heute philosophische Diskussionen prägen. Hierzu zählen etwa die Idee eines „Überlegungsgleichgewichts,“ das ein methodisches Hilfsmittel einer kohärentistischen Begründungstheorie ist und in der analytisch orientierten Ethik und politischen Philosophie geradezu standardmäßig verwendet wird. Ferner sind der an die Naturzustandstheorien der neuzeitlichen Vertragstheoretiker anknüpfende Begriff eines „Urzustands“ sowie der Begriff der „Hintergrundgerechtigkeit“ zu nennen. Während ersterer eine Heuristik darstellt, um reziprok begründbare Grundsätze sozialer Praktiken zu bestimmen, ist letzterer ein Schlüsselbegriff für einen die Individualethik überschreitenden strukturellen Ansatz der Gerechtigkeitsforschung. Rawls` philosophische Kreativität entspringt profunder Kenntnis nicht nur des westlichen philosophischen Kanons von Kant über Wittgenstein bis hin zu Quine, sondern auch der wirtschaftstheoretischen, spieltheoretischen sowie entwicklungspsychologischen Arbeiten von Knight, von Neumann und Morgenstern sowie Kohlberg. Rawls` Eine Theorie der Gerechtigkeit ist somit wissenschaftlich auf der Höhe seiner Zeit und besticht durch seine interdisziplinäre Anlage und philosophische Vielschichtigkeit.

Darüber hinaus formuliert Rawls bereits sehr früh in Eine Theorie der Gerechtigkeit eine scharfe Kritik an dem damals weit verbreiteten Utilitarismus. Sie besagt, dass die utilitaristische Aggregation individuellen Wohlergehens die Verschiedenheit einzelner Menschen nicht ernst nehme, weil sie die Verletzung individueller Grundfreiheiten zugunsten des Gesamtwohls einfordere, und zwar selbst dann, wenn hierdurch keine anderen Grundfreiheiten geschützt würden. Aufgrund der Überzeugungskraft, die Rawls` eigene, dem Utilitarismus entgegengestellte Theorie im Verlauf des Buchs zu entwickeln vermag, liegt es dann auch nicht allzu fern, Eine Theorie der Gerechtigkeit als einen Paradigmenwechsel innerhalb des angloamerikanischen Kanons politischer Philosophie zu interpretieren.

Robert Nozick deutete Rawls` Theorie bereits 1974 auf diese Weise, als er behauptete, dass jeder Philosoph und jede Philosophin von nun entweder Rawls` Theorie zu folgen habe oder aber erklären müsse, warum er oder sie dies nicht tue. Und in der Tat bestand – mit den Worten Thomas Kuhns – die „Normalwissenschaft“ der politischen Philosophie in den darauffolgenden Jahrzehnten in einer Auseinandersetzung mit Rawls` Theorie. Und Rawls wusste diese Auseinandersetzung auf kluge Weise zur Weiterentwicklung seiner Theorie zu nutzen. Diese Weiterentwicklung mündete u.a. in dem 1993 erschienenen Buch Politischer Liberalismus, das in seiner ideengeschichtlichen Relevanz für den Liberalismus kaum zu überschätzen ist. Denn Rawls stellt hierin die die Allgemeingültigkeit des Humboldt`schen und Mill`schen liberalen Lebensideals der Individualität in Frage und macht den politischen Liberalismus dadurch tauglich für die von einem weltanschaulichen Pluralismus geprägte Spätmoderne.  Es erschien auch kurz vor Rawls` Tod 2001 das auf Vorlesungen aus den 1980er Jahren basierende Buch Gerechtigkeit als Fairness – Ein Neuentwurf, das, in äußerst komprimierter Form, die von Rawls überarbeitete und von Erin Kelly herausgegebene Fassung seiner Gerechtigkeitstheorie darstellte.

Rawls` Schaffen und Wirken klingt wie eine einzige Erfolgsgeschichte – sie haben aber auch Schatten! Seyla Benhabib und Katrina Forrester bemängeln etwa, dass die Dominanz des liberal-egalitären Mainstream der politischen Philosophie viele Themen und Theoriestränge marginalisiert habe. Unter anderem weil Rawls` Theorie in der von stetig zunehmendem Wohlstand, keynesianischer Wirtschaftspolitik und nationaler Solidarität geprägten Nachkriegszeit entstanden sei, seien etwa Themen wie die Organisation eines unter einem Privatisierungsimperativ agierenden Staates, die Regulierung post-industrieller Arbeitsverhältnisse sowie die Ausgestaltung der Geschlechterverhältnisse vernachlässigt worden. Zudem seien andersartige Theorien entweder mittels liberal-egalitärer Begrifflichkeiten zu einer Gerechtigkeitstheorie umformuliert oder aber gänzlich ausgeblendet worden. Der analytische Marxismus ist ein Beispiel für das erste und die Critical Race Theory ein Beispiel für das zweite Phänomen. Wie berechtigt sind diese Kritiken?

Hinsichtlich der angeblich fehlenden thematischen Vielfalt ist zunächst festzuhalten, dass dieser Kritik ein merkwürdiges Verständnis politischer Philosophie zugrunde zu liegen scheint, demzufolge politische Philosophie auf die jeweils drängenden politischen Fragen mittels konkreter Handlungsempfehlungen zu reagieren habe. Wie ist auf die Privatisierung staatlicher Unternehmen oder der Verschiebung der Beschäftigung in den Dienstleistungsbereich politisch zu reagieren? Mir zumindest scheint zweifelhaft, dass Rawls diese Fragen als Philosoph sonderlich interessiert haben. Nochmals zur Erinnerung: Rawls entwirft eine Theorie sozialer Gerechtigkeit, welche die Idee eines Sozialvertrags aktualisiert und eine Alternative zum Utilitarismus darstellt. Es lässt sich aus Rawls` derart entwickelter Vorstellung sozialer Gerechtigkeit durchaus „ableiten“, wenn auch nur indirekt, weshalb ein allzu handlungsunfähiger Staat unzureichend und inwiefern die Entwertung von Industriearbeit ein schwerwiegendes soziales und politisches Problem darstellt. Samuel Scheffler hat dies kürzlich klar und deutlich für die USA aufgezeigt. Rawls` Theorie hat also eine durchaus weitreichende Praktikabilität, welche von gesellschaftlichen Entwicklungen nicht allzu schnell unterminiert wird – das habe ich unlängst auch für den Bereich des Bildungswesens zu zeigen versucht.

Dennoch scheinen diese „Anwendungsfragen“ in der Tat nicht im Zentrum Rawls` philosophischer Aufmerksamkeit gestanden zu haben. Vielmehr hat er sich wohl für die Erarbeitung einer politischen Philosophie interessiert, die es in ihrer Komplexität mit den „großen“ Theorien der Philosophiegeschichte aufnehmen könnte. Will man Rawls daraus einen Vorwurf machen? Ist es nicht allzu verständlich, dass er als Philosoph eher mit dem sich über Jahrhunderte erstreckenden philosophischen Diskurs anstatt mit Regierungsvertretern und politischen Aktivist:innen im Dialog steht? Und ist es nicht auch ein Problem gerade mancher zeitgenössischen politischen Philosoph:innen, dass deren kleinteilige Analysen bestimmter Politikfelder es keineswegs vermögen, einen systematisch ebenbürtigen Gegenentwurf zu dem Rawls`schen Paradigma zu liefern?

Darüber hinaus war und ist Rawls` politische Philosophie gerade deswegen so einflussreich, weil sich eine seiner zentralen Ideen, nämlich dass soziale Praktiken nur dann als gerecht gelten können, wenn sich deren maßgeblichen Grundsätze reziprok begründen lassen, auf eine Vielzahl von sozialen Praktiken beziehen lässt. Rawls selbst hat zu seinem Lebensende hin auf diese Weise auch eine internationalistische Auffassung globaler Gerechtigkeit skizziert, die ihren Ausgangspunkt in einer Rekonstruktion der Praxis des Völkerrechts nimmt. Andere Theoretiker:innen wie Charles Beitz und Miriam Ronzoni haben derart auch Einsichten in die Gestaltung der internationalen Menschenrechtspraxis und der internationalen Steuerregulierung generieren können. Es ist also fraglich, wie problematisch die Dominanz der Rawls`schen Theorie hinsichtlich der durch sie vermeintlich hervorgerufenen thematischen Engführung tatsächlich ist.

Wenden wir unseren Blick auf die durch die liberal-egalitäre politische Philosophie bedingte Verringerung der theoretischen Diversität, ist zunächst festzuhalten, dass etwa aristotelische, feministische, kommunitaristische, libertäre, marxistische, multikulturalistische, realistische und republikanische Ansätze – sowie auch die Critical Race Theory ­– gerade in ihrer Abgrenzung zu Rawls ihr eigenes Profil haben schärfen können. Haben diese und andere Theorien dennoch nicht gebührend wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhalten? Ein eindeutiges Urteil lässt sich nur schwer fällen. Es wäre wohl nicht nur zu zeigen, dass die alternativen Ansätze personell sowie in Publikationen nur kaum in Erscheinung getreten sind, sondern auch, dass die geringe Aufmerksamkeit nicht im Verhältnis zu der jeweiligen philosophischen Qualität dieser Ansätze steht. Mir zumindest erschiene die Vernachlässigung libertärer Ansätze, auch aufgrund Rawls` Kritik an diesen, vollkommen einleuchtend. Zu einer solchen ist es in den USA aber, soweit ich das überblicken kann, nicht gekommen.

Darüber hinaus sollte auch geklärt werden, ob die philosophische Marginalisierung bestimmter Theorien wesentlich stärker ausfällt, als es angesichts gewöhnlicher Prozesse von wissenschaftlichen Paradigmenwechseln zu erwarten wäre. Der Wissenschaftstheorie Thomas Kuhn folgend ist es bekanntlich der gewöhnliche Lauf der Dinge, dass eine bestimmte Theorie in der Normalwissenschaft das Paradigma darstellt, an dem sich andere Theorien so lange abzuarbeiten haben, bis es zu einem Modelldrift, einer Modellkrise und schließlich einer Modellrevolution kommt. Es ist also nicht bloß zu fragen, ob Rawls` Theorie dominant gewesen ist und andere Theorien marginalisiert hat. Die Frage lautet vielmehr, ob Rawls` politische Philosophie übermäßig dominant war und weiterhin ist, und deswegen möglicherweise der von der Konkurrenz unterschiedlicher Theorien befeuerte Erkenntnisgewinn Schaden genommen hat. Anstatt an dieser Stelle ein Urteil hierüber zu fällen, möchte ich abschließend kurz plausibilisieren, weshalb einiges für eine wissenschaftssoziologische Untersuchung spräche, um diese Frage nach der womöglich erkenntnisbeeinträchtigenden Dominanz Rawls` Theorie zu beantworten.

Forrester hält es zwar für „prosaisch,“ also phantasielos, wissenschaftssoziologische Gründe ins Feld zu führen, um die Dominanz des Rawlsianischen Paradigmas politischer Philosophie zu erklären. Es scheint ihr wohl allzu offensichtlich, dass Rawls` herausgehobene Stellung als Harvardprofessor sowie seine engen Kontakte nach Oxford und Princeton zumindest teilweise erklären, weshalb die angloamerikanische, wissenschaftliche Elite sich Rawls` philosophischem Programm verschreibt. Dennoch ist diesen Gründen womöglich mehr Aufmerksamkeit zu schenken und Gewicht zuzuschreiben als Forrester bereit ist, dies zu tun.

Und zwar auch deswegen, weil Forresters „Gespenstergeschichte“, die sie als wesentliche Erklärung für Rawls` Dominanz vorbringt, nicht wirklich überzeugt. Dieser Geschichte zufolge erkläre sich nämlich die Wirkmächtigkeit Rawls` Philosophie daraus, dass sie während den hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit relativ günstigen Bedingungen der Nachkriegszeit entstanden und daher anspruchsvoller und attraktiver sei als solche Theorien, die auf die mehr und mehr neoliberalen Bedingungen Bezug nehmen würden, die mit Beginn der 1980er entstehen. Unklar an dieser Geschichte ist jedoch, weshalb der Umstand, von den raueren Verhältnissen des späten 20. Jahrhunderts entrückt zu sein, zur Attraktivität Rawls` Theorie beitragen soll. Die von den Entstehungsbedingungen der Theorie sich mehr und mehr unterscheidenden kulturellen, ökonomischen und politischen Verhältnissen könnten ja auch zu einer abnehmenden Wertschätzung beitragen – und Forresters Kritik an Rawls` thematischer Fokussierung drückt ja auch ein solches negatives Urteil aus. Forrester gesteht ein, dass ihre Gespenstergeschichte auf dem „scheinbaren“ Paradox beruht, dass darin die sich ändernden Verhältnisse sowohl als Grund gesehen werden, Rawls` Theorie für attraktiv zu halten, als auch als Grund angeführt werden, weshalb seine Theorie fehlerhaft ist. Nur scheint es sich hierbei um ein wirkliches und nicht bloß um ein scheinbaresParadox zu handeln.

Wie lässt sich also plausibilisieren, die Dominanz der Rawls`schen politischen Philosophie wissenschaftssoziologisch zu untersuchen? Es ist zunächst hervorzuheben, dass es seit 1980 in der gesamten westlichen Welt, in besonderer Weise aber in den USA, zu einer immensen Zunahme an sozioökonomischer Ungleichheit gekommen ist, wie wir unter anderem aufgrund des World Inequality Report 2018 wissen. Im Jahr 2015 erhielt das oberste Einkommensperzentil in den USA 22% des Nationaleinkommens. Diese Entwicklung ist auch nicht folgenlos für die Ausgestaltung des US-amerikanischen Wissenschaftssystems, weil sich in den USA die Eliten über Bildungserfolg reproduzieren und mittels Zuwendungen und Studiengebühren zum finanziellen Auskommen der US-amerikanischen Eliteuniversitäten beitragen. Wie Daniel Markovits in The Meritocracy Trap (New York: Penguin Books, 2019, S.25)  dargestellt hat, ist in Harvard und Yale die Anzahl der Studierenden, die dem obersten Einkommensperzentil entstammen, größer als die Anzahl der Studierenden aus der gesamten unteren Einkommenshälfte. Die Eliteuniversitäten profitieren von diesem Reproduktionsmechanismus und gewinnen dadurch massiv an finanziellem Einfluss und Prestige. Wie Wissenschaftler zeigen konnten ist Prestige über alle Fächer hinweg ein entscheidender Faktor bei Einstellungsentscheidungen innerhalb des Wissenschaftssystems, wodurch sich die akademische Elite gewissermaßen auch selbst reproduziert. Der Abstand zwischen den Eliteuniversitäten und den übrigen Institutionen vergrößert sich dadurch weiter.

Angesichts dieser sich in den letzten Jahrzehnten vollzogenen Aufwertung der Eliteuniversitäten wäre also soziologisch zu untersuchen, wie sich diese auf die Generierung und Verbreitung von Wissen ausgewirkt hat. Hat sie die Dominanz Rawls` politischer Philosophie allzu sehr begünstigt? Hat sie zu einer Verringerung philosophischer Vielfalt geführt und ist sie dadurch dem Erkenntnisgewinn abträglich gewesen? Das wäre wichtig zu klären.

Wenn wir auf ähnliche Weise auf die kontinentaleuropäischen Wissenschaftssysteme blicken und die dortige Situation der politischen Philosophie zu analysieren versuchen, können wir eventuell erleichtert feststellen, dass nicht nur Rawls` politische Philosophie, sondern auch keine andere, etwa die von Habermas, annähernd so dominant sind, wie es die von Rawls in der angloamerikanischen Wissenschaft ist. Freilich ließe sich aber auch fragen, ob es nicht auch zu bedauern ist, dass es in den vergangenen Jahrzehnten niemanden aus diesen Wissenschaftssystemen gelungen ist, eine ähnlich wirkungsmächtige politische Philosophie zu entwickeln.


Julian Culp ist Assistenzprofessor für Philosophie an der American University in Paris. Er ist Autor von Global Justice and Development (Palgrave, 2014) und Democratic Education in a Globalized World (Routledge, 2019) sowie zahlreicher Aufsätze in politischer Philosophie und Ethik. Zudem ist er Herausgeber von Global Justice: Theory Practice Rhetoric.

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