16 Jan

Polyamorie und der Fetisch der romantischen Liebe in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


And so I fall in love just a little ol‘ little bit
Every day with someone new

I fall in love just a little ol′ little bit
Every day with someone new 
I fall in love just a little ol‘ little bit
Every day with someone new
I fall in love just a little ol‘ little bit
Every day with someone new

Hozier, Someone new

Polyamorie kann als liberales Projekt verstanden werden. Damit meine ich, dass Polyamorie, erstens, das Konzept der Liebe liberalisieren will, also frei machen von der Vorstellung, sie wäre exklusiv auf eine einzige Person bezogen. Und, das folgt daraus, dass Polyamorie, zweitens, die Praxis der Liebe liberalisieren will, also betont, dass Menschen tatsächlich frei darin sein sollten, mehrere Menschen zu lieben und mit ihnen eine Liebesbeziehung einzugehen. Ob dies, unter aktuellen Bedingungen, gelingen kann, ist damit nicht gesagt und auch nicht, welcher Preis für diese Befreiung zu zahlen ist.

Zunächst: dieser Text ist nicht an einer fundamentalen Kritik polyamorer Konzepte oder Praktiken interessiert – die keineswegs uniform sind, sondern eine breite Palette an Variationen aufweisen -, sondern an der der Polyamorie – wie der romantischen Liebe im Allgemeinen, also auch der Monoamorie – innewohnenden Dialektik, unter anderem von Befreiung und Zwang und von Authentizität und Konformität; insbesondere unter den heutigen Bedingungen ihrer Realisierung, in einer Gesellschaft, in der romantische Liebe ein Fetisch ist. Konzepte und Praktiken sind nicht in eins zu setzen, aber sie sind miteinander verschränkt, weshalb beide hier adressiert werden.

Romantische Liebe in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft

Romantische Liebe gilt, das hat Eva Illouz eindrücklich gezeigt, als zentrale Idee der Moderne; man kann präzisieren: der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Das hat zwei Seiten und die romantische Liebe ist dialektisch mit dieser Gesellschaft verbunden. Sie ist einerseits Rückzugsort, der nicht marktlich kolonisiert werden kann, weil romantische Liebe auf das unverfügbare Individuum und seine Gefühle abstellt – das überträgt sich auf und schützt die romantische Liebesbeziehung. Andererseits ist romantische Liebe kapitalisiert und eingebunden in den Markt und wird selbst zu einer Ware. Romantische Liebe ist ohne Waren nicht zu haben und was wir über sie wissen, ist geprägt durch Waren, allen voran Medien. Romantische Liebe ist ein Fetisch, in dem Sinne, dass sie überhöht und übersteigert wird, sie gilt als etwas, das man wollen soll und dem ein “magischer” Zauber innewohnt; ihr Charakter als soziales Produkt und in bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften als Ware wird dabei fast vollständig verdeckt. Romantische Liebe ist essentialisiert und naturalisiert, wo sie, insbesondere als Praxis, doch wenig Natürliches an sich hat.

Das alles hat auch etwas mit dem Liberalismus als Kernideologie der bürgerlichen Gesellschaft zu tun (was nicht ausschließt, dass der Liberalismus je nach Spielart in radikaler Opposition zu bestimmten Aspekten dieser Gesellschaft steht). Romantische Liebe als das, was (fast) alle haben wollen, und was sie dabei gleichzeitig nur frei haben können, bestätigt und verlangt die Freiheit des Einzelnen. Kein Bereich des Lebens soll so frei sein von äußeren Zwängen wie die romantische Liebe, niemand darf, ja niemand kann zur Liebe gezwungen werden. Gleichzeitig herrscht hier auch gar viel Unfreiheit. Man soll romantische Liebe haben wollen und man soll sie so haben wollen, wie das nun mal dem Ideal entspricht – authentisch, individuell, frei, einmalig usw. Das ist das Wesen sozialer Normierung und aller Fetische moderner Gesellschaften, dass sie sich dem Einzelnen letztlich entziehen und dabei Macht über dessen Fühlen, Denken und Handeln ausüben. Es geht also auch nicht darum, ob diese fetischisierten Gegenstände einmal oder noch immer wertvoll waren oder sind; sondern: wieso wollen seit ca. 200 Jahren sehr viele Menschen (im bürgerlichen Kapitalismus) romantische Liebe und sehen sie als wichtige Dimension eines guten Lebens? Das kann als Fortschritt durch Liberalisierung, also die Lösung alter sozialer Normen und Zwänge, verstanden werden, erzeugt aber gleichsam ebensolche und dadurch Potentiale für Leiden. Trotz, in mancher Hinsicht aber auch wegen, des Ideals der romantischen Liebe sind romantische Beziehungen in der Praxis oft durchsetzt von ungleichen sozialen Normierungen, Zwängen, Manipulation und anderen Formens des Leids; Orte der radikalen Negation des Liebesideals.

Polyamorie und die Warenlogik

Was hat das nun mit Polyamorie zu tun? Wenn meine kursorischen Ausführungen zum Charakter und Fetisch der Liebe in heutigen Gesellschaften plausibel sind, ist Polyamorie nicht notwendig progressive Befreiung, nicht notwendig oder immer ein anti-bürgerliches oder gar anti-kapitalistisches Projekt (die Kritik an der Polyamorie, sie sei eine neoliberale Beziehungsform wurde schon vor über einem Jahrzehnt artikuliert und diese wiederum kritisiert). Sie erscheint zwar als befreiende Praxis, weil sie eine der letzten zentralen Normierungen der romantischen Liebe auflöst, die die bürgerliche Gesellschaft geprägt hat: exklusive Zweisamkeit. Damit gerät sie aber in Gefahr, gemeinsame Sache mit der Entfaltung der Marktlogik in ebendieser Gesellschaft zu machen und die Logik der Akkumulation von Waren auf die Liebe zu übertragen: eine Akkumulation von Liebesbeziehungen, ja der Liebe selbst, als erstrebenswert zu erachten. Ob sich Liebe überhaupt akkumulieren lässt, ist dann eher eine theoretische Diskussion, da es dem Kapitalismus gelungen ist, alle möglichen Dinge in dieser Hinsicht zu verdinglichen; was zählt ist nicht, ob die “echte” Liebe sich der Akkumulation sperrt, sondern, ob die Menschen akkumulieren (versuchen), was sie als Liebe verstehen, erleben, fühlen und wahrnehmen. Das Sich-gegen-die-Akkumulation-sperren, welches dem Ideal der romantischen Liebe innewohnt, eröffnet die schon genannten progressiven Spielräume, ob sie gesehen oder gar genutzt werden (können), steht auf einem anderen Blatt.

Anders als Sex, der auch unter Bedingungen der Exklusivität seriell akkumuliert werden kann, sperrt sich die exklusive romantische Liebe im Ideal der Dauerhaftigkeit (“ewige Liebe”) der Serialität, obwohl die allermeisten Menschen praktisch anders leben. Polyamorie dagegen ist auf Gleichzeitigkeit der vielen Liebe und Liebesbeziehungen aus. Insofern die Fetischisierung der romantischen Liebe nicht aufgehoben wird, überträgt sich dies auf die Polyamorie: der Fetisch einer exklusiven Liebe wird durch den Fetisch vieler Lieben ersetzt, der Fetisch einer exklusiven Zweierbeziehung durch den Fetisch vieler Liebesbeziehungen. Unter anderem darin liegt das Potential einer Überhöhung der Polyamorie gegenüber der Monoamorie. Das klingt auch plausibel: insofern Liebe etwas Gutes ist, ihre Güte aber nicht mehr von ihrer Exklusivität auf eine Person abhängt, ist es besser, mehr Liebe und entsprechende Beziehungen im Leben zu haben als weniger. Diese Überhöhung kann weiters abgesichert werden, wenn die Polyamorie unter dem Pathos eines ethischen Liebes- und Beziehungskonzepts auftritt, in dem alle frei und gleich und fürsorglich und authentisch und die schlechten Gefühle von Eifersucht und Besitzdenken überwindend miteinander verbunden sind. Dass, wie bei allen Waren, nicht alle Beteiligten gleich erfolgreich am Markt der Liebe sind, kann, muss aber nicht unbedingt Probleme wie Selbstzweifel, Eifersucht, Anerkennungsmangel oder Enttäuschung erzeugen.

Das ist vor allem eine Kritik an der Gesellschaft, in der, und dem historischen Zeitpunkt, an dem Polyamorie prominent auftritt. Die oben beschriebene Dialektik, dass romantische Liebe gleichzeitig ein nicht-kommodifzierbares Element enthält und ein Refugium für Authentizität und Freiheit darstellen kann, bleibt dabei erhalten. Auch der Fetischcharakter der romantischen Liebe ist in seiner Macht begrenzt und Menschen können sich ihm entziehen. Und es sind jene Elemente, auf die sich auch die Polyamorie positiv beziehen kann, wenn sie für sich in Anspruch nimmt, dass es ihr um romantische Liebe geht; in einem etwas älteren Aufsatz wird das die dissidente und transformative Kraft der Polyamorie genannt, die durchaus einigen Aspekten der bestehenden Verhältnisse entgegensteht. Diese gilt es zu realisieren und auch theoretisch einzuholen.

Ethische Polyamorie

Die romantische Liebe polyamor zu befreien, kann daher auch ethisch aufgeladen werden. Nicht nur soll jede:r viele lieben dürfen, sondern soll das auf ethisch richtige Art und Weise tun. Die polyamore Liebe soll – wie natürlich jede Liebe – nicht toxisch, unterdrückerisch, betrügerisch oder egoistisch sein, sondern konsensuell, fürsorglich oder aufrichtig. Ob das in polyamoren Beziehungen besser oder schlechter klappt, ist dann eine empirische Frage; ergibt sich jedoch nicht aus dem Konzept der Polyamorie selbst, weshalb es sinnvoll und nötig ist, über ethische Polyamorie und das richtige Handeln in polyamoren Beziehungen nachzudenken, wie das z.B. Janina Loh tut.

In polyamoren Beziehungen kann es – das mag als Binsenweisheit erscheinen, macht es aber nicht weniger relevant – alles geben, was Beziehungen gut und alles, was diese schlecht macht (wie z.B. eine sexistische Aufteilung von Sorgearbeit, Lügen, Manipulation, gaslighting, stalking, love bombing usw.). Und es kann Schlechtes geben, das spezifisch für diese Beziehungsform ist. Während in exklusiven Zweierbeziehungen einige darunter leiden, nicht mit anderen zusammen sein zu dürfen, werden einige Menschen in polyamoren Beziehungen darunter leiden, dass ihr:e Partner:in:nen genau das wollen und tun. Die Durchsetzung egoistischer Interessen ist in allen Beziehungsformen möglich und schon die Wahl der Beziehungsform kann sowohl das Resultat eines vertrauensvollen und gemeinsam getragenen Konsens zwischen den Beteiligten, aber auch das Resultat emotionaler Erpressung sein oder der Angst, den:die Partner:in zu verlieren, wenn man nicht darauf einsteigt. In diesem Sinne ist es durchaus möglich – entgegen, dem was Michael Kühler und Janina Loh aus dem Begriff der Polyamorie verbannen wollen – dass eine polyamore Beziehung in manchen Fällen für einige der beteiligten Menschen nichts anderes ist als eine modisch getarnte Variante für das, was man in exklusiven monoamoren Beziehungen Fremdgehen nennen kann. Ebenso wenig wie aus dem herrschenden Konzept der Monoamorie auf ihre gelungene praktische Umsetzung in exklusiven Zweierbeziehungen geschlossen werden kann – und die Wirklichkeit bestätigt diesen Hiatus eindrucksvoll -, ist dies bei der Polyamorie der Fall. Es geht aber nicht nur um ein Auseinanderfallen von Konzept und Praxis, sondern interessant wird es dort, wo sich negative Potentiale aus einer inneren Spannung heraus entfalten. Um es mit Illouz zu wenden: wo auch die richtige (polyamore) Liebe weh tut, unter anderem weil Menschen an ihrem Ideal und der Idealisierung durch die Gesellschaft scheitern.

Polyamore Individualisierung

Damit komme ich zum Schluss auf etwas, was man einen Überforderungseinwand unter Bedingungen der liberalisierten Individualisierung nennen könnte. Auch dieser ist nicht spezifisch für die Polyamorie – es kann auch die exklusive Zweierbeziehung überfordernd sein – aber das Problem tritt hier nun mal auch auf. Jede soziale Norm hat etwas befreiendes und einschränkendes zugleich. Die Individualisierung, wie sie prominent Ulrich Beck und andere, als Charakter eben jener bürgerlich-kapitalistischen Moderne beschrieben haben, hat Uneindeutigkeiten geschaffen, viele Freiräume eröffnet, aber natürlich auch wiederum Zwänge.

Nun darf und soll sich jede:r überlegen, was sie:er aus ihrem:seinem Leben machen will, weil das nicht mehr durch soziale Normen vorgeben ist, aber diese Freiheit gibt es nicht ohne den Zwang, es sich eben selbst überlegen zu müssen und dann auch dafür geradezustehen, wenn man sich falsch entschieden hat. Die individualisierte Lebensgestaltung verlangt sehr viel vom Individuum, u.a. sich selbst zu finden und so zu leben – eine Last, die viele erschöpft, um es mit Alain Ehrenberg zu sagen. Das alles gilt auch für die romantische Liebe, für die das Ideal der Einzigartigkeit der geliebten Person(en) und der Liebesbeziehung Maßstab ist. Mit der paradoxen Auswirkung, dass die Authentizität, die darin angestrebt wird, durchaus uniform vermarktet und gelebt werden kann. Polyamorie als liberales Projekt geht Hand in Hand mit der Individualisierung, der Lösung aus den ehemals starren sozialen Normen der exklusiven Liebe und ihrer prominenten Beziehungsform der Zweierbeziehung.

Der Befreiung folgt der (äußere und innere) Zwang gleich hinterher. Natürlich nicht auf Ebene des herrschenden Konzepts. Dort wird die romantische Liebe frei gehalten von Zwang, und ebenso gilt dies für Polyamorie, für die Freiheit und Zwanglosigkeit von vielen als zentrale Elemente betont werden. Wie gesagt, das heißt nicht, dass es in diesen Beziehungen keine Zwänge in unterschiedlichen Graden geben würde. Der davon zu unterscheidende, wenn auch in die Mikroebene der Praxis hinein spielende Zwang eines Fetisch, der sozial normierend wirkt, erzeugt noch etwas anderes. Gelten jene, die keine romantische Liebe, keine glückliche Liebesbeziehung in ihrem Leben haben, jetzt schon als bedauernswert – und ein reichhaltiges Angebot an Ratgebern, Selbsttechnologien und profitablen Vermittlungsplattformen steht bereit, ihnen aus der misslichen Lage zu helfen -, ist es durchaus wahrscheinlich, dass je nach Milieu oder Peergroup, jene, die keine polyamore Beziehung haben, sich als ziemliche Loser fühlen dürfen, die “etwas” verpassen. Egal, ob sie es nicht können, z.B. weil sie am polyamoren Beziehungsmarkt scheitern, oder nicht wollen; oder weil sie gar als verblendete “Opfer” der herrschenden monoamoren Ideologie und ihrer Zwänge gesehen werden.

Auch hierbei geht es nicht primär um die einzelnen Handlungen und Einstellungen polyamorer Menschen oder dass sie versuchen würden, ihre Vorstellungen eines guten Lebens, der richtigen Liebe und Liebesbeziehung hegemonial durchzusetzen (wobei ein gewisser Messianismus bei manchen vorhanden sein wird; wie auch bei einigen Vertreter:innen der Monoamorie). Dass ein gesunder und fitter Körper, eine romantische Liebesbeziehung wie im Hollywoodfilm, ein authentisches Leben mit vielen hedonistischen Erlebnishöhepunkten, viel guter Sex usw. Fetische geworden sind, also idealisierte Gegenstände, die man haben wollen soll, ist primär das Resultat einer sozialtheoretisch und empirisch zu reflektierenden Kombination aus gesellschaftlichen (Macht-) Verhältnissen, ökonomischen Interessen, medialer Verbreitung, der Präsenz von role models, dem Bezug auf sozial geteilte Werte und deren Wandel. Dass die eben genannten und viele andere Dinge auch tatsächlich gut sein können, steht dem nicht entgegen, sondern zeigt nur ihre Dialektik.

Es wäre sicher falsch, die für einige Meschen befreienden Potentiale der Polyamorie klein zu reden. Der Versuch, ihre Dialektik und damit auch ihre negativen Potentiale in den Blick zu nehmen, scheint mir aber sinnvoll, wenn man etwa Luc Boltanski und Ève Chiapello folgt, die eindrücklich gezeigt haben, dass die bürgerlich-kapitalistische Moderne dadurch gekennzeichnet ist, dass sie solch wichtige und progressive Werte wie Authentizität, Selbstverwirklichung oder Autonomie dazu benutzen kann, um Zwang, Ausbeutung, Ungleichheit und Herrschaft zu erzeugen, zu verschleiern und zu legitimieren und Menschen zu entfremden. Die romantische Liebe, und damit auch die Polyamorie, sind davor ebenso nicht gefeit und es ist daher anzunehmen, dass auch das polyamore Versprechen der Befreiung unter den herrschenden Bedingungen ihren Preis hat.


In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Praktische Philosophie ist ein Schwerpunkt zum Thema Polyamorie erschienen. Die Texte darin waren Anlass und vielfältige Reflexionsfolie für diesen Blogbeitrag. Ich danke Janina Loh und Michael Kühler, die den Schwerpunkt herausgegeben haben, für sehr sinnvolle Verbesserungsvorschläge; ich bin durchaus nicht allen nachgekommen.


Gottfried Schweiger arbeitet an der Universität Salzburg. Gemeinsam mit Michael Kühler organisiert er auf der XI. Tagung für Praktische Philosophie in Passau, 19. und 20.9.2024, ein Panel zur Philosophie der Liebe und Sexualität. Der Call for Papers dafür ist hier.

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