10 Okt

Fake! Hoax! Bullshit-Wissenschaft! Sind einige Gebiete der Geistes- und Sozialwissenschaften unwissenschaftliches Blabla?

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Mittlerweile hat der Hoax von  Helen Pluckrose, James Lindsay und Peter Boghossian auch die Mainstreammedien im deutschsprachigen Raum erreicht. Worum geht es eigentlich? Diese drei – Pluckrose ist Journalistin, Lindsay ein Mathematiker und Boghossian Assistenzprofessor für Philosophie – haben zwanzig Aufsätze verfasst, die sie selbst für Bullshit halten, dann an wissenschaftliche Zeitschriften geschickt, und es geschafft, dass einige davon publiziert wurden. In den Aufsätzen geht es um so illustre Themen wie die Vergewaltigungskultur in einem Hundepark, fat bodybuilding oder darum, ob Homophobie durch die Verwendung von Analspielzeug bei Männern bekämpft werden könnte. Das Ganze war also keine schnelle Hauruckaktion, sondern durchdacht und langfristig geplant. Sie haben wohl ein Jahr an der Sache gearbeitet und sind  bei Auswahl der Themen und Zeitschriften systematisch vorgegangen. Wer sich dafür interessiert, alle Aufsätze und alle Gutachten können eingesehen und gelesen werden. Ich beschränke mich hier auf die Frage, was die AutorInnen mit diesem Experiment wirklich gezeigt haben.

Ich muss zwei Dinge gleich einmal klar stellen: Ich habe nicht alle Aufsätze oder Gutachten gelesen und auch nicht alle Berichte, Kommentare und Äußerungen von Pluckrose, Lindsay und Boghossian zur Sache. Mittlerweile ist das Netz voll damit, z.B. hier, hier oder hier. Es kann also gut und gerne sein, dass ich hier Punkte vorbringe, die schon woanders geschrieben wurden. Zweitens gebe ich zu, dass ich in vielen Gebieten, die in den Aufsätzen behandelt werden wahrlich kein Experte bin. Ich kenne also großteils weder die Einschläge Literatur dazu noch kann ich viel zu den Zeitschriften sagen, die hier „Opfer“ wurden. Aus philosophischer Sicht am interessantestes ist wohl, dass Hypatia einen Aufsatz der drei zur Publikation angenommen hat, nämlich einen mit dem Titel „When the Joke Is on You: A Feminist Perspective on How Positionality Influences Satire“. Hypatia ist – oder jetzt vielleicht: war – eines der wichtigsten Zeitschriften im Bereich der feministischen Philosophie. Hatte aber vor Kurzem schon mit dem Tuvel-Skandal zu kämpfen, der ihr Ansehen durchaus beschädigt hat. Andere betroffene Zeitschriften, die fake-Aufsätze gedruckt haben, sind unter anderem Gender, Place & Culture: A Journal of Feminist Geography, Sex Roles oder Fat Studies.

Um es kurz zu machen, beschränke ich mich auf zwei Punkte von Pluckrose, Lindsay und Boghossian, die sie in einem Interview vor einigen Tagen vorgebracht haben, in dem sie ihre Motivation und Ziele beschreiben. Eine Langfassung, die das gleiche darlegt, haben die drei auch gleich nach Bekanntwerden des „Skandals“ vorgelegt. Ich lasse also auch alle Fragen nach der Legitimität ihrer Vorgangsweise und etwaige (wissenschafts)ethische Bedenken hier beiseite.

Erstens, werfen Pluckrose, Lindsay und Boghossian den Zeitschriften, die ihre fake-Artikel akzeptiert und publiziert hätten, vor, dass deren wissenschaftliche Kontrollmechanismen – das Begutachtungsverfahren – nicht funktioniert haben, weil die Methoden, Argumente und Schlussfolgerungen in den jeweiligen Artikeln lächerlich, absurd und hohl seien. Lindsay beschreibt es im Interview so:

„I do understand that academic research depends upon trust. But, the peer review system is designed to be able to weed out broken scholarship. Even though we took advantage of that trust, the papers we put forth should have been able to have been detected by a rigorous field as being bogus. Whether it was the data being ludicrous, or our arguments being completely specious, or our methodology being nonsensical—all of these problems should have been things that peer reviewers picked up on.”

Der Vorwurf sollte für jeden Aufsatz selbst genau geprüft werden, auf Basis meiner oberflächlichen Lektüre, scheint er mir aber nicht haltbar. Wieso? Es geht hier um mehrere Dinge. Erstens sind die empirischen Methoden zu hinterfragen. In dem Aufsatz über die Vergewaltigungskultur in einem Hundepark wurde eine teilnehmende Beobachtung gewählt und die Autorin saß angeblich – weil das war ja alles erfunden – hunderte Stunden in Hundeparks. Im Aufsatz zum Analspielzeug im Einsatz gegen Homophobie wurden Interviews geführt – natürlich auch nicht, sondern nur erfunden. In beiden wird die jeweilige Methode auch mit Verweis auf Fachliteratur gerechtfertigt. Was sollte daran schlimm sein? Natürlich kann man Methoden kritisieren, das geschieht auch zuhauf, aber die Verwendung einer halbwegs etablierten und in der wissenschaftlichen Gemeinschaft akzeptierten Methode, ist selbst nicht verwerflich und zeigt auch nicht, dass die Methode widersinnig ist. Zweitens zielt der Vorwurf auf absurde Schlussfolgerungen, wie eben dass es vielleicht gut wäre, wenn homophobe Männer Analspielzeug bei sich verwenden würden. Oder dass Fettsein eine Art von Bodybuilding sei, da diese Körper ähnlich wie die Muskelpakete – durch Anstrengung aufgebaut wurden. Absurde Schlussfolgerungen sind aber per se auch nichts schlimmes. Zumindest in der Philosophie haben auch echte Größen ziemlich absurde Schlussfolgerungen gezogen. So etwa Kant, dass man eher einen unschuldigen Freund dem Tod ausliefern sollte als zu lügen. Da scheint mir das Analspielzeug noch harmlos und weniger absurd. Und dass es alle möglichen absurden Sportarten gibt – Bodybuilding gehört hier dazu – ist auch so schon bewiesen. Wenn es dicken Menschen irgendetwas bringt – an Selbstwert, Aufmerksamkeit oder was auch immer (das ist aber eine empirische Frage) – warum sollen sie dann keine eigenen Wettkämpfe im Dicksein durchführen? Olympisch wird es aber wohl eher nicht. (Obwohl es schon Bemühungen gab, Sumo-Ringen olympisch zu machen und das ist ja fast so etwas wie fat bodybuilding.) Drittens kritisieren Pluckrose, Lindsay und Boghossian, dass ihre Aufsätze voll mit (poststrukturalistischen) Jargon sind, der eigentlich leer ist, und dieser Jargon als Argumentationsgrundlage ausreicht. Da haben sie teilweise recht, also damit, dass der Jargon eine relevante Rolle in ihren Aufsätzen spielt. Ob der Jargon unsinnig ist, wird aber nicht dadurch gezeigt, dass man ihn verwendet – gemäß den Regeln und Intentionen derjenigen Wissenschaftsgemeinschaft, für die dieser Jargon relevant ist – sondern, in dem man diesen Jargon relevant kritisiert.

Zweitens suggerieren Pluckrose, Lindsay und Boghossian, dass sie mit ihrer „Studie“ systematische Fehler und Unzulänglichkeiten in den Fächern aufgedeckt hätten, bei deren Zeitschriften sie fake-Artikeln eingereicht haben. Sie nennen diese Fächer, welche critical race studies, postcolonial studies, gender studies, queer studies und andere umfassen, etwas abwertend „grievance studies“. So sagt Lindsay im Interview:

„We’re not doing a comparative study. We’re trying to do an investigation. Somebody asked me why I didn’t do this to math. Why the hell would I do it to math? Yes, people make mistakes and stuff gets by, but I don’t see systematic error going on there.”

Zunächst einmal sind zwanzig Aufsätze von denen einige wenige angenommen wurden, noch kein Hinweis auf einen systematischen Fehler. In fast jeder wichtigen Zeitschrift, in wohl jeder wissenschaftlichen Disziplin, gibt es große Schwankungen was die Qualität der dort veröffentlichten Aufsätze anbelangt. In den Geistes- und Sozialwissenschaften ist das wohl noch viel eher der Fall, da diese methodisch und inhaltlich offener und vager sind. Und selbst wenn ein Aufsatz in Hypatia ausreichen würde, um zu zeigen, dass in der feministischen Philosophie systematisch etwas falsch läuft, welchen solchen systematischen Fehler haben sie den aufgezeigt? Dass eine Zeitschrift wie etwa Sexuality & Culture, die Aufsätze zu allen möglichen normativen, theoretischen und empirischen Fragen der Sexualität im Zusammenhang mit Kultur und Gesellschaft publiziert und dabei thematisch und methodisch auf bestimmte Zugänge fokussiert, eben einen solchen Aufsatz wie jenen zum Einfluss von der Verwendung von Analspielzeug auf Homophobie abdruckt (nachdem er von GutachterInnen, die wohl in dieser wissenschaftlichen Gemeinschaft „zu Hause“ sind, positiv bewertet wurde)? Das war doch irgendwie vorher schon klar. Waren die Aufsätze besonders absurd? Das ist, wenn man kurz einmal die anderen Aufsätze dieser Zeitschriften durchscrollt, fraglich (was zugegebenermaßen aus meiner Sicht nicht unbedingt für diese Zeitschriften spricht). Schließlich haben die drei zugegeben, dass sie jeweils versucht haben, sich in die Disziplin und Methode – und damit auch in den Jargon – einzufinden. Sie haben also, soviel kann man doch eher sagen, es also geschafft, in relativ kurzer Zeit in diesen Fächern eine gewisse Exzellenz zu erreichen, die für die Publikation in für diese Fächer wichtigen Journals ausreicht. Das ist eine anzuerkennende Leistung. Damit ist aber kein systematischer Fehler in diesen Fächern oder in den diese Fächer repräsentierenden Zeitschriften aufgedeckt. Dafür bräuchte – besser: sollte – man diese Fächer und ihre Methoden und Jargons und Theorien nicht nachahmen, sondern kritisieren.

Wie gesagt, ich halte einen absurden Aufsatz weder für sich besonders problematisch noch für einen Hinweis auf einen systematischen Fehler. Wobei, wie oben schon gesagt, Absurdität selbst im Auge des Betrachters liegt. Die bloße Intention von Pluckrose, Lindsay und Boghossian, dass sie ihre Aufsätze selbst für absurd und unwissenschaftlich gehalten und nur so getan haben, als würden sie es ernst meinen, ist dafür auch überhaupt kein besonders zuverlässiges Anzeichen. Man stelle sich vor, Peter Singer gäbe morgen eine Pressekonferenz und verkündet, er sei kein Utilitarist, sondern hat, aus welchen Motiven auch immer, die letzten Jahrzehnte nur einen solchen vorgetäuscht und er sei in Wirklichkeit schon immer davon überzeugt, dass alles, was er in seinen Schriften dargelegt hat, absurder und unwissenschaftlicher Blödsinn sei. Was würde das zeigen? Dass alle Zeitschriften auf den Utilitarismus-hoax hereingefallen sind? Dass seine fake-Artikel die Unsinnigkeit der Philosophie bewiesen haben? Ein Riesenschmäh.

Damit ist nicht gesagt, dass die fake-Aufsätze gut sind – das kann ich großteils nicht beurteilen, manche Thesen und mancher Jargon klingen für mich jedenfalls ziemlich absurd und dumm – oder dass es in diesen Fächern und den Zeitschriften keine groben Schwierigkeiten gibt (was deren theoretischen Grundlagen, Methoden oder auch die wissenschaftliche Qualitätssicherung angeht). Vielleicht ist dort tatsächlich alles Bullshit. Um das zu zeigen, hätte es aber nicht diese „Studie“ gebraucht, sondern eine ernsthafte Kritik der dort vertretenen Theorien, Argumente und Methoden. Man hätte also nur auf die dort erschienene Literatur verweisen und diese analysieren können. Was diese „Studie“ also gebracht ist zweierlei: mediale Aufmerksamkeit, die eine ernsthafte Auseinandersetzung nicht gebracht hätte, und Erklärungsnot bei den Zeitschriften, die auf die fake-Artikel hereingefallen sind – obwohl ich gar nicht weiß, wie sie das verhindern hätten sollen. In diesem Sinne war diese „Studie“ für Pluckrose, Lindsay und Boghossian wohl ein großer Treffer. Und für die vielen KritikerInnen der genannten Fächer ebenso. Die haben nun in der öffentlichen Wahrnehmung neue Munition bekommen, auch wenn das bei näherem Hinsehen eher nicht der Fall ist.


Gottfried Schweiger arbeit am Zentrum für Ethik und Armutsforschung an der Universität Salzburg. Dort forscht er hauptsächlich im Bereich der politischen Philosophie und Sozialphilosophie.

Gottfried ist Ko-Gründungsherausgeber der Zeitschrift für Praktische Philosophie, der Buchreihe Philosophy and Poverty bei Springer und Associate Editor von Palgrave Communications. 2018 gründete er gemeinsam mit Gunter Graf den Open-Access-Philosophieverlag [dyo]. Seit 2013 organisiert er gemeinsam mit Michael Zichy, Martina Schmidhuber und Gunter Graf an der Universität Salzburg die Tagung für Praktische Philosophie.

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