30 Mrz

Ein Loch in der „Leaky Pipeline“ der akademischen Philosophie? Eine geschlechtsspezifische Betrachtung von Anträgen und Förderquoten bei der DFG

Andrea Klonschinski (Kiel), auf der Basis eines gemeinsamen Textes mit Lisa Herzog und Christine Bratu


Einleitung

In der akademischen Philosophie wird der Frauenanteil umso geringer, je höher es die akademische Karriereleiter hinauf geht – ein Phänomen, das als „Leaky Pipeline“ bezeichnet wird. Woran aber liegt es, dass Frauen der Philosophie überproportional häufig den Rücken kehren? Da die Einwerbung von Drittmitteln nicht nur als essentielles Element im CV von Wissenschaftler:innen gilt sondern oft auch der eigenen Finanzierung zwischen Promotion und Dauerstelle dient, bietet es sich an, auf der Suche nach Erklärungen für die undichte Leitung einen genaueren Blick auf die Förderquoten von Drittmittelgebern zu werfen. Dies haben wir am Beispiel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hier getan. Dabei zeigt sich, dass Frauen in der Tat unter den Antragsteller:innen unterrepräsentiert sind und die Förderquoten der Frauen unterhalb der der Männer liegen. Im vorliegenden Beitrag fasse ich die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammen und diskutiere mögliche Ursachen der festgestellten geschlechtsspezifischen Ungleichheiten.

Unterrepräsentation von Frauen in der Philosophie

Abbildung 1 veranschaulicht das Leaky Pipeline-Phänomen: Während noch etwa gleich viele Frauen wie Männer ein Studium der Philosophie aufnehmen, befinden sich im Jahr 2019 unter den Absolvent:innen (mit Ausnahme von Lehramtsabschlüssen) nur noch 42% und unter den Promovend:innen nur gut 30% Frauen. Hinsichtlich der Frauenanteilen liegt die Philosophie damit noch unterhalb derer der Fächergruppe Mathematik und Naturwissenschaften insgesamt (Klonschinski 2020). Bei den Habilitationen schwankt der Frauenanteil aufgrund der geringen Fallzahlen stark, sodass hier der Zeitraum von 2015 bis 2019 betrachtet wird. In diesen vier Jahren befanden sich unter den Habilitierten 27% Frauen. Professuren wurden 2019 zu gut 28% von Frauen besetzt, wobei der Anteil von Frauen auf Lebenszeitprofessuren seit ein paar Jahren bei knapp 22% stagniert.

Abbildung 1: Frauenanteile in verschiedenen Stadien der akademischen Laufbahn der akademischen Philosophie, 2019 (Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 11, Reihen 4.1, 4.2, 4.4

Förderquoten bei der DFG

Warum aber verlassen mehr Frauen als Männer die akademische Philosophie auf dem Weg zur Professur? Hier bietet sich ein Blick auf die Zahl der bei der DFG, einer der größten Drittmittelgeber Deutschlands, eingehenden und bewilligten Anträge von Frauen an.[i] Tabelle 1 zeigt, dass Frauen in dem Zeitraum von 2005-2019 nur gut 20% der bei der DFG eingegangen Anträge gestellt haben. Da promovierte Wissenschaftler:innen antragsberechtigt sind, ergibt sich vor dem Hintergrund der soeben dargestellten Zahlen (etwa ein Drittel Frauen unter den Promovierten, ein gutes Viertel unter den Professor:innen), dass Frauen bei der Antragstellung unterrepräsentiert sind.

Zeitraum (Entscheidung)Antragstellungen InsgesamtAntragstellungen wAntragstellungen w in Prozent
2005-20093727018,8%
2010-20143617119,7%
2015-201960113222,0%
2005-2019133427320,5%
Tabelle 1: Neuanträge auf Einzelförderung bei der DFG im Fachkollegium 108 (Philosophie)

Philosophinnen reichen indes nicht nur seltener Anträge an, sondern diese werden auch häufiger abgelehnt als die Anträge der männlichen Kollegen (Tabelle 2). So lag die Förderquote der Frauen zwischen 2005 und 2019 bei ca. 24%, während die Anträge von Männern zu knapp 35% bewilligt worden sind.

Zeitraum (Entscheidung)Antragstellungen mFörder-quote mAntragstellungen wFörder-quote w
beantragtBewilligtBeantragtbewilligt
2005-200930212039,7%701724,3%
2010-20142909532,8%712028,2%
2015-201946915533,0%1322922,0%
2005-2019106137034,9%2736624,2%
Tabelle 2: Neuanträge auf Einzelförderung bei der DFG im Fachkollegium 108 (Philosophie) nach Geschlecht

Die Aufschlüsselung der Förderquoten nach Programm zeigt dabei, dass die Förderquote von Frauen bei Forschungsstipendien zwar bei knapp über 50% liegt, im Falle des kompetitiven Emmy-Noether-Programms aber beispielsweise nur bei knapp 14%, obwohl gut 30% der Anträge von Frauen stammen.

Erklärungen

Während die geringere Einwerbung von Drittmitteln durch Frauen als ein erklärender Faktor der Leaky Pipeline dienen kann, verlangt diese Beobachtung selbst nach einer Erklärung. Folgende vier Hypothesen liegen hier nahe.

1. Warum werden von Frauen weniger Anträge eingereicht?

Der Befund, dass Frauen in der Antragsstellung bei der DFG relativ zu ihrem Anteil in der Profession unterrepräsentiert sind, deckt sich mit der Beobachtung, dass Frauen weniger, dafür aber häufig qualitativ hochwertig publizieren (Valian 1999: 262-65, Haslanger 2008). Auch konnte gezeigt werden, dass Akademikerinnen weniger Zeit für Forschung aufwenden als ihre männlichen Kollegen und häufiger wenig prestigeträchtige, aber arbeitsintensive Aufgaben, wie die Betreuung von Studierenden und Gremienarbeit übernehmen (Misra et al. 2011).

Diese Phänomene dürften zu einem wesentlichen Teil auf Genderstereotype und die damit verbundenen Erwartungen und Ansprüche an Frauen – sowohl von Männern, anderen Frauen als auch den Frauen an sich selbst – zurückzuführen sein. Vereinfach gesagt: unsere stereotypen Vorstellungen davon, wie ein (Philosophie-)Professor[ii] ist, nämlich rational, scharfsinnig, führungs- und meinungsstark, stimmen nicht damit überein, wie wir uns eine „typische“ Frau vorstellen, nämlich emotional, intuitiv, gemeinschaftsorientiert und zurückhaltend.

Diese empirisch gut belegte Diskrepanz (z. B. Valian 1999, 2005; Carli et al. 2016) führt dazu, dass Frauen systematisch schlechter bewertet werden – und zwar von Männern und Frauen –wenn es um klassische „männliche“ Tätigkeitsbereiche geht, zu denen die Wissenschaft sicherlich zu zählen ist. So konnte etwa gezeigt werden, dass identische Bewerbungen positiver bewertet werden, wenn sie von einem vermeintlich männlichen Bewerber stammen, als wenn die Absenderin weiblich ist (Moss-Racusin et al. 2012) und dass Texte von vermeintlich weiblichen negativer bewertet als die von vermeintlich männlichen Autor:innen (Krawczyk/Smyk 2016). Dabei ist davon auszugehen, dass den Akteur:innen ihre ungleiche Behandlung von Männern und Frauen weitgehend nicht bewusst ist; es handelt sich hier um implizite Vorurteile, die auch bei Personen wirksam sind, die aufrichtig der Überzeugung sind, keinerlei sexistische Vorurteile zu hegen.

Wie hängt dies nun mit der geringeren Antragshäufigkeit von Frauen zusammen? Hier liegt die Vermutung nahe, dass Frauen die tendenziell kritischeren Bewertungen ihrer Leistungen derart internalisiert haben, dass sie vorsichtiger und selbstkritischer vorgehen, daher länger am jeweiligen Antrag schreiben und letztlich weniger Anträge einreichen. Dabei sind problematische Rückkopplungseffekte wahrscheinlich (Leuschner 2019): ein vorsichtigeres Vorgehen könnte dazu führen, dass Frauen seltener von Betreuer:innen oder Kolleg:innen zur Einreichung ermuntert oder dabei unterstützt werden. Beides kostet schließlich Zeit und es ist zu erwarten, dass diese eher in Personen zu investiert wird, die deutlich signalisieren, dass sie ihre akademische Karriere mit Nachdruck verfolgen.

2. Warum ist die Förderquote von Frauen geringer?

i) Die Anträge sind schlechter. Während sich über die Frage, was einen qualitativ hochwertigen Antrag ausmacht, trefflich streiten lässt, legen die im vorigen Abschnitt zitierten Befunde zu Qualität und Quantität der wissenschaftlichen Arbeiten von Frauen die Hypothese, sie reichten „schlechtere“ Anträge ein, nicht unbedingt nahe. Allerdings kann die Formulierung von Drittmittelanträgen als eine spezifische Fähigkeit gelten, die erworben und trainiert werden muss. Frauen könnten sich dieser Notwendigkeit weniger bewusst sein oder, etwa mangels guter Vernetzung oder Ermunterung durch Betreuer:innen, wenig Gelegenheit dazu haben.

ii) Die Anträge sind anders. Auch nach könnten Frauen sozialisationsbedingt oder aufgrund ihres Minderheitenstatus an den Hochschulen an Themen und Zugängen zur Philosophie interessiert sein, die nicht dem Mainstream der Disziplin und damit den Erwartungen der Gutachter:innen entsprechen. Diese Vermutung fällt insoweit mit Hypothese i) zusammen, als es zu den Fähigkeiten des Antragsschreibens gehört. einzuschätzen, welche Themen und Methoden eine Chance auf Förderung haben und welche nicht.

iii) Die Bewertung der Anträge unterliegt impliziten Vorurteilen. Am plausibelsten erscheint uns eine Erklärung der geringeren Förderquoten von Frauen, die unmittelbar an die obigen Überlegungen zu Genderstereotypen und impliziten Vorurteilen anknüpft. Letztere können sich in der Begutachtung der Anträge durch die Gutachter:innen bei der DFG niederschlagen, weil der Begutachtungsprozess nicht anonym erfolgt. Zudem wirken Genderstereotype besonders stark in Situationen, in denen Leistungen nicht nach objektiven Kriterien bewertbar ist (Heilman/Haynes 2005). Dies gilt im Falle der Beurteilung von philosophischer Exzellenz insofern, als viele der zu diesem Zweck gemeinhin herangezogenen Kriterien (Originalität, Relevanz u. ä.) einen großen Interpretationsspielraum zulassen.

Fazit

Ich schließe mit folgenden Thesen:

  1. Es müssen institutionelle Schritte unternommen werden (z. B. weitgehende Anonymisierung), um das Wirksamwerden von impliziten Vorurteilen in Begutachtungsprozessen zu verhindern. Da diese Vorurteile den Akteur:innen nicht bewusst sind, reichen individuelle Appelle nicht aus.
  2. Entscheidungsgremien sollten divers und vor allem mit Männern und Frauen besetzt werden, um eine Vielfalt an Perspektiven zu berücksichtigen.
  3. Begutachtungskriterien sollten möglichst konkret formuliert und kommuniziert und transparent angewendet werden.
  4. Frauen sollten gezielt, etwa durch Mentoringprogramm, auf das Antragschreiben hin geschult werden.
  5. Die hier veröffentlichten Ungleichheiten sollten bei der Bewertung von Bewerber:innen, der Evaluation von Juniorprofessor:innen u. ä. berücksichtig werden.
  6. Es bedarf der regelmäßigen Veröffentlichung entsprechender fachspezifisch aufbereiteter Zahlen wichtiger Drittmittelgeber.

Literatur

Carli, Linda L.; Alawa, Laila; Lee, YoonAh; Zhao, Bei und Elaine Kim (2016): Stereotypes about gender and science: women ≠ scientists. Psychology of Women Quarterly 40(2): 244-260.

Haslanger, Sall (2008): Changing the ideology and culture of philosophy: not by reason (alone). Hypatia 23(2): 210-223.

Heilman, Madeline E. und Michelle C. Haynes (2005): No credit where credit is due: attributional rationalization of women’s success in male-female teams. Journal of Applied Psychology 90(5): 905-916.

Klonschinski, Andrea (2020): Frauen in der Deutschen Akademischen Philosophie – Eine Bestandsaufnahme. Zeitschrift für Philosophische Forschung 74(4): 593-616.

Klonschinski, Andrea, Christine Bratu und Lisa Herzog (2021): Förderquoten von Frauen in der Philosophie in Deutschland –eine Erklärung der “Leaky Pipeline”? In: Mitteilungen der DGPhil Nr. 52, S. 3-9 sowie auf der Homepage von SWIP.

Krawczyk, Michael und Magdalena Smyk (2016): Author’s gender affects rating of academic articles: evidence from an incentivized, deception-free laboratory experiment. European Economic Review 90: 326-335.

Leuschner, Anna (2019): Why so low? Metaphilosophy 50 (3):231-249.

Moss-Racusin, Corinne A.; Dovidio, John F.; Brescoll, Victoria L.; Graham, Mark J. und Jo Handelsman (2012): Science faculty’s subtle gender biases favor male students. PNAS 109(41): 16474-79.

Misra et al. (2011): The ivory ceiling of service work. American Association of University Professors, Jan-Feb 2011, 26. März 2021.

Valian, Virginia (1999): Why so Slow? The Advancement of Women. Cambridge, London: MIT.

— (2005): Beyond gender schemas: improving the advancement of women in academia. Hypatia 20(3): 198-213.

Personen

Andrea Klonschinski ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Philosophie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Gemeinsam mit Lisa Herzog (Groningen) und Christine Bratu (Göttingen) interessiert und engagiert sie sich für (das Thema) Frauen in der Philosophie.


[i] Wir sind der DFG-Geschäftsstelle, und insbesondere Frau Eva Reichwein, der Direktorin der Gruppe Chancengleichheit, Wissenschaftliche Integrität und Verfahrensgestaltung (stellv. Leitung), sehr dankbar, dass sie uns eigens für die Philosophie aufbereitetes Zahlenmaterial zur Verfügung gestellt hat.

[ii] „Professor“ ist an dieser Stelle absichtlich nicht gegendert.

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