13 Feb

Drei Zeithorizonte des guten Lebens

Von Tobias Vogel (Witten/Herdecke)


In unserem Alltag haben wir von der Zeit zu viel oder zu wenig, sie rauscht an uns vorbei oder scheint stillzustehen, konfrontiert uns mit Langeweile oder Hast. Wir planen mit ihr, eignen sie uns aktiv an, und sind passiv von ihr betroffen. Ob wir uns um nachfolgende Generationen sorgen, die Verwirklichung unserer Lebensziele erstreben oder den Moment genießen: unser Bemühen um ein erfülltes Leben richtet sich zugleich auf verschiedene Zeithorizonte.

Zwar bewegen wir uns immer im Hier und Jetzt; in dieser Gegenwart erschöpft sich unsere Perspektive aber nicht. Wir haben stets auch unsere Lebensspanne im Blick, die Erinnerung an unsere Vergangenheit und die Erwartung an unsere Zukunft. Und mehr als das: die Endlichkeit unserer Lebensspanne zwischen Geburt und Tod zieht keineswegs die Grenzen unserer zeitlichen Orientierung, insofern wir uns von unserer Herkunft her verstehen und es uns relevant erscheint, dass mit unserem Ausscheiden aus der Welt nicht auch diese Welt endet. In Anlehnung an den Philosophen Michael Großheim sollen in diesem Sinne drei Zeithorizonte lebenspraktischer Bedeutung unterschieden werden: Die Gegenwart, der Lebenslauf und die Generationenfolge.

Der Umgang mit diesen drei Zeithorizonten unterliegt einem Wandel gesellschaftlicher Zeitstrukturen. Z.B. diagnostiziert der Soziologe Hartmut Rosa eine gesellschaftliche Beschleunigung: zunehmende Geschwindigkeit sozialstrukturellen Wandels, eine Erhöhung des Lebenstempos durch mehr Handlungsvollzüge innerhalb einer gegebenen Zeitspanne, die immer häufiger unterbrochen werden, sowie dynamisierte, diskontinuierliche und sich immer weniger verfestigende Lebenssituationen. Laut dem Philosophen Odo Marquard bedarf ein gutes Leben der Langsamkeit, um eine stabile Identität auszuprägen, und ebenso der Schnelligkeit, um Ziele zu realisieren. Gegenwärtige Beschleunigungen verändern unsere Lebenspraxis daher in ambivalenter Weise: Sie fördern ein gelingendes Leben und beeinträchtigen es zugleich. Dem differenzierten Verständnis dieser Ambivalenzen dient die Analyse der drei Zeithorizonte des guten Lebens.

Wenden wir uns dem Zeithorizont der Generationenfolge zu, ist zunächst unklar, warum etwas für uns relevant sein sollte, das sich vor unserer Geburt oder nach unserem Tod ereignet – wir erleben weder das eine noch das andere. Ausschlaggebend ist, dass wir unsere Erlebnisse stets in weitergefasste Bezüge einbetten. So bemisst sich die Qualität eines Erlebnisses nicht nur daran, wie viel unmittelbare Lust wir an einer bestimmten Tätigkeit verspüren. Umgekehrt ist es so, dass uns eine Tätigkeit insbesondere dann erfüllt und Freude vermittelt, wenn wir dabei auf etwas Bezug nehmen bzw. uns etwas widmen, das uns wertvoll und wichtig ist. Dadurch erleben wir unsere Tätigkeit erst als bedeutsam und unser Leben als sinnhaft.  

Dass wir uns in unserem Lebensvollzug als sinnhaft und bedeutsam erscheinen, erschließt sich bereits durch die sozialen Kontexte unseres Lebensanfangs. Kinder lernen früh, dass die Erfüllung ihrer Bedürfnisse von den wertschätzenden Intentionen der Fürsorgenden abhängt. Indem sich ein Kind diese wertschätzende Perspektive auf seine Bedürfnisse selbstreflexiv zu eigen macht, beschränkt sich die Relevanz des eigenen Wohlergehens keineswegs auf dessen bedürfnisgeleitete Innenperspektive, sondern in seiner Perspektive auf sich selbst erfährt es das eigene Wohlergehen zugleich als einen Sinnbezug für andere. Ein wertschätzendes und sinnorientiertes Selbstverhältnis ist in diesem Sinne das sozialisationspraktische Resultat eines entsprechenden intersubjektiven Verhältnisses. Heranwachsende können dieses Anerkennungsverhältnis durch einen sinnorientierten Bezug auf das Wohlergehen anderer zunehmend aktiv und reziprok reproduzieren.  

In unserer aktiven Lebensführung machen wir uns dadurch in einer generationenübergreifenden Kette von Wertbezügen verortbar, die das eigene Leben mit Bedeutung anreichern und deren Kontinuität vor den Anfangspunkt der eigenen Lebensspanne zurückreicht. Grundlegend ist dafür, von vorgängigen Generationen ein förderliches Erbe erhalten zu haben, es diesen aber nicht in gleicher Weise vergüten zu können, sondern die Reziprozität von Erben und Vererben durch die Weitergabe an Folgegenerationen zu wahren. Dieser generationenübergreifende Sinnbezug liefert zudem eine sinnhafte Möglichkeit, mit unserer Vergänglichkeit umzugehen. Wenn die passiv erlebten Umstände unseres Lebensanfangs uns darin förderten, uns wertzuschätzen, insofern wir in vorgefundenen Anerkennungsverhältnissen aufgewachsen sind, dann schließt sich mit unserem Tod ein Kreis, sofern wir aktiv zu förderlichen Umständen für diejenigen beitragen, die nach uns geboren werden.

Wenn wir im Zeithorizont unseres Lebenslaufs Ideale entwerfen, nach denen wir leben wollen, und aus denen heraus wir unsere Lebensziele setzen, sind diese bereits in die Sinnbezüge eingebettet, die wir dem Zeithorizont der Generationenfolge entnehmen, der unsere eigentliche Lebensspanne übersteigt. Sinnorientierten Idealen in unserem Lebenslauf zu folgen und uns ihnen fortschreitend anzugleichen, bezeichnet den eigentlichen Kern der Selbstverwirklichung – nicht zu verwechseln mit mancherlei zeitgenössischer Selbstverwirklichungs-Rhetorik der Selbst-Optimierung. Der Prozess der Selbstverwirklichung gibt unserem Glück eine spezifische Form: Sogenanntes teleologisches Glück, wie vom Philosophen Martin Seel umfassend analysiert, erfahren wir bei der aktiven Verfolgung und Realisierung von Zielen, die uns aus unseren Idealen heraus als sinnhaft und wertvoll erscheinen.

Aus der Perspektive teleologischen Glücks nehmen wir unser Leben als gelungen wahr, wenn wir unsere längerfristigen Ziele in unserem Lebenslauf erreichen, und damit unsere Lebenssituation so verändern, dass das zunächst jenseits von ihr liegende ein Teil von ihr wird. Realisieren wir z.B. das Ziel, einen Garten zu haben, dann verwandeln wir ein unsere Lebenssituation transzendierendes Ziel in die kurzfristigeren Ziele alltäglicher Gartenpflege, die unserer Lebenssituation immanent sind. Das heißt aber nicht, dass das Verfehlen von Zielen gleichbedeutend mit einem misslungenen Lebenslauf wäre. Zu scheitern kann Anlass sein zu lernen und andere Ziele zu entwerfen – spätere Erfolge können die Resultate früheren Scheiterns sein. Wichtiger für einen gelingenden Lebenslauf ist daher, ob wir Erfolge und Misserfolge zu einer kohärenten Lebensgeschichte zusammenfügen können, der wir im Rückblick einen positiven Trend beimessen.

Selbst wenn es uns gelingt, unsere Ziele zu realisieren, bemisst sich daran allein noch kein gelungener Lebenslauf mit einer reichhaltigen Lebensgeschichte. Denn auch der Prozess der Zielsetzung und Zielverfolgung kann von unterschiedlicher Qualität sein. Einen vielschichtigen Prozess der Selbstverwirklichung durchlaufen wir, wenn wir zugleich unterschiedlichen Zielen folgen, die wir miteinander zur Deckung bringen und wenn wir uns dafür offenhalten, mit unserer Veränderung über die Zeit und mit der Entwicklung unserer Fähigkeiten neue Ziele formulieren und integrieren zu können – das Gegenteil dazu wäre ein vereinseitigtes und verödetes teleologisches Glück.

Zudem führt uns der Zeithorizont der Gegenwart vor Augen, dass teleologisches Glück nicht die einzige Glücksqualität darstellt. Zwar können uns Tätigkeiten im Einklang mit unseren Lebenszielen und entwickelten Fähigkeiten derart erfüllen, dass wir dabei sogenannte Flow-Effekte im Hier und Jetzt erleben. Ein Großteil unserer Alltagstätigkeiten bezieht sich aber nicht vorrangig auf die Verfolgung und Realisierung unserer weitergefassten Ziele, sondern bezeichnet davon unabhängige Routinen. In dieser Gegenwart des Alltags bleiben wir uns gleich und stabilisieren uns gegenüber den Wandlungsprozessen unseres Lebenslaufs. Ebenso gibt es Augenblicke, in denen uns Glück passiv ereilt, gerade weil wir momenthaft von unserer aktiven Zielverfolgung zurücktreten – sei dies im Spiel, im Gespräch oder anderen Formen der Muße. Während für ein aktiv zielverfolgendes Glück die unkalkulierbare Lebenswiderfahrniss vor allem als potenzieller Störfaktor erscheint, erleben wir durch das spontan sich einstellende Glück in Abwesenheit unserer Zielverfolgung eine Versöhnung mit der Passivseite des Lebens.

Solange ein beschleunigter sozialstruktureller Wandel grundlegende Kontinuitäten in unserer generationenübergreifenden Sinnorientierung nicht zerreißt, kann gesellschaftliche Dynamik für unser gutes Leben förderlich sein. Unsere Lebensziele versprechen offener und veränderbarer zu werden und vielschichtige Entwicklungen zuzulassen, die sowohl verhärtete Routinen aufbrechen als auch einer Verödung teleologischen Glücks vorbeugen. Bestrebungen im Einklang mit den eigenen Idealen und Fähigkeiten können ggf. passgenauer und chancenreicher verfolgt werden und nicht nur jeweilige Zielsetzungen begünstigen, sondern auch glückserfüllte Vollzugsmomente zielgerichteter Tätigkeiten.

Allerdings kann auch ein erfüllteres zielverfolgendes Glück unserer gesamten Lebenspraxis gegenüber zudringlicher werden. Je mehr es uns zur alltäglichen Routine wird, uns in eine dynamischere, chancenreichere und umso unbestimmtere Zukunft hineinzuentwerfen, desto mehr drohen sich Routinen abzubauen, die uns in diesen Veränderungen stabilisieren und von unseren Bestrebungen entlasten. In einer gut zu uns passenden Zielverfolgung mögen wir mehr Flow-Momente erleben, drohen uns dabei aber jenen Momenten zu verschließen, in denen das Glück sich in Abwesenheit unserer zielverfolgenden Aktivitäten einstellt. Gerade diese Versöhnung mit der Passivseite unseres Lebens kann umso wichtiger für uns werden, je mehr Dominanz eine sich bietende Fülle teleologischen Glücks für uns hat und je mehr wir uns auf ihre aktive Verwirklichung fixieren – und je mehr wiederum der sich öffnende Raum zukünftiger Möglichkeiten uns als Unwägbarkeit passiver Lebensbetroffenheit begegnet.


Dieser Blogbeitrag basiert auf einem Aufsatz in der Zeitschrift für Praktische Philosophie.


Tobias Vogel arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Philosophie der Universität Witten/Herdecke und forscht schwerpunktmäßig zur Wirtschaftsphilosophie und zu Fragen des guten Lebens.

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