07 Mai

All-male Blog?

von Gottfried Schweiger (Salzburg)


Auf prae|faktisch schreiben nur wenige Frauen. Warum das ein Problem ist, was es mit Philosophie zu tun hat und wie es besser werden könnte. Darüber sollten wir nachdenken.

Frederica Gregoratto hat kürzlich in einem Facebookpost kritisch festgestellt, dass auf Veranstaltungen zum Marxjubiläum fast nur Männer vortragen (z.B. hier und hier). Damit steht sie in einer Reihe mit anderen Kolleg_innen (vor allem aus dem Bereich der feministischen Philosophie), die die Männerlastigkeit (nicht nur) philosophischer Tagungen und Workshops aber auch von Sammelbänden aufzeigen (etwa dieser Band hier, in dem von elf Beiträgen nur zwei von Frauen sind, oder dieser, den ich selbst mitherausgegeben habe). Viel zu oft sind Frauen überhaupt nicht präsent oder nur in untergeordneter Rolle (also nicht als Keynote Speaker). Nun ist der Blog prae|faktisch keine Konferenz und auch keine fachwissenschaftliche Publikation und unterscheidet sich in einigen wesentlichen Punkten von solchen (z.B. ist ein Blog kein abgeschlossenes Projekt, ein Blog verfügt über relativ wenig Prestige in der akademischen Philosophie, einen Blogbeitrag zu schreiben ist keine Kerntätigkeit von Philosoph_innen). Dennoch fällt vermutlich jedem, der es bemerken will, auf, dass auf prae|faktisch fast nur Männer schreiben. Es ist ein Blog, der von Männern als Herausgebern betrieben wird (Norbert Paulo und mir) und von den dreizehn bislang veröffentlichten Beiträgen sind nur zwei und ein halber von Frauen. Das sieht nicht gut aus und ehrlich gesagt wird es auch, soweit Beiträge bereits da sind, in naher Zukunft nicht sehr viel besser (aber ein bisschen schon).

Woran liegt das? Haben wir nur Männer gefragt? Uns zu wenig bemüht? Oder sind es die Themen – haben wir als Männer Männerthemen gewählt? Obwohl ich darüber nachgedacht habe, habe ich keine gute Antworten und Lösungen parat, aber zumindest ein paar Gedanken. Die große Frage, wie es um Frauen in der Philosophie als akademischer Disziplin insgesamt bestellt ist, lasse ich dabei einmal beiseite. Dazu gäbe es weit mehr zu sagen als ich es hier jetzt einmal tun kann. Einen guten Einstieg und Überblick vermittelt z.B. dieser Artikel hier.

Nun zu prae|faktisch. Klar ist für uns jedenfalls, wir hätten gerne mehr Frauen dabei und wir sehen das Problem. Wir haben auch gar nicht so wenige Frauen angefragt, aber doch weniger als Männer. Das war bei ein paar Themenblöcken auch tatsächlich einfacher, z.B. zum Marxjubiläum. Da vor allem ich in der Akquise der Autor_innen zu diesem Themenblock aktiv war, kann ich sagen,  dass mir ehrlich hier gleich einmal ein Dutzend Männer eingefallen sind. Ein paar mehr Namen von Frauen wurden es als ich Kolleg_innen um Rat gefragt habe. Bis auf eine Frau habe ich aber von allen anderen nur Absagen kassiert. Ähnlich war es bei fast allen unseren Themenblöcken. Klar ist, dass ein Blogbeitrag jetzt nicht ganz weit oben steht, wenn es darum geht, andere Schreib- und Lehraufgaben dafür zu schieben. Und obwohl man vermuten könnte, dass Frauen und Männer gleichermaßen davon betroffen sind, kam das deutlich häufiger von Frauen als Absagegrund als bei Männern (und zwar unabhängig zu welchem Thema ich Autor_innen angefragt habe).

Für den Themenblock zur Lage deutschsprachiger Philosophiezeitschriften haben wir zunächst einmal alle bekannten Zeitschriften abgeklappert und überall eine E-Mail-Anfrage hingeschickt. Erstens haben ein paar davon überhaupt nur Männer als Herausgeber und zweitens haben, interessanterweise, auch von denen, wo Frauen als Herausgeberinnen beteiligt sind, fast immer die Männer den Blogbeitrag geschrieben. Von ein paar Zeitschriften haben wir trotz mehrfacher Nachfrage nie etwas gehört.

Die Tatsache, dass prae|faktisch ein deutschsprachiger Blog ist, macht alles nochmals prekärer. Kolleginnen (und Kollegen) aus dem anglo-amerikanischen Raum wie auch aus Frankreich, Spanien oder den Niederlanden scheiden von vorne herein schon mal aus. Ich habe den (unbestätigten) Eindruck, dass es in Deutschland, Österreich und der Schweiz nochmals schwieriger ist, Frauen in der Philosophie (zu manchen Themen) zu finden. Was wahrscheinlich schlicht an der bedeutend größeren Masse liegt, die außerhalb des deutschsprachigen Raums arbeitet. Dazu kommt, dass die Suche über solche Datenbanken wie Philpapers aber auch Google Scholars für unsere Zwecke mühsamer und gar nicht so hilfreich ist: die sind einfach hauptsächlich voll mit englischsprachigen Aufsätzen, Büchern und Bänden.

Ein Faktor ist wohl auch, dass prae|faktisch ein Freizeit- und Freiwilligenprojekt ist und unsere (zeitlichen) Ressourcen limitiert sind. Es ist schon so – aber wir wollen ja nicht jammern – ein ziemlicher Aufwand organisatorischer und technischer Natur und obwohl wir uns für die Recherche von potentiellen Autor_innen durchaus Zeit nehmen, ist auch diese leider sehr begrenzt. Wenn von den ersten zehn oder fünfzehn potentiellen Autor_innen, die wir finden, nur zwei oder drei Frauen sind, dann suchen wir zwar ein bisschen weiter aber auf ein halbwegs ausgeglichenes Verhältnis von Männern und Frauen kommen wir dann nicht mehr. Wenn dann noch eine ungleiche Verteilung der Absagen vorliegt, kommt das raus, was wir jetzt haben.

Die Themenwahl spielt aber, wie gesagt, sicher auch eine Rolle. Wir hatten zum Beispiel überlegt, einen Block zu Philosophie und Familie zu machen (kommt sicher noch). Da sind mir auf Anhieb zehn und mehr sehr gut geeignete Kolleginnen eingefallen. Bei den kommenden Themenblöcken zu #metoo und der Lage des Wissenschaftlichen Nachwuchses scheint es auch etwas einfacher zu sein, Frauen als Blogautorinnen zu gewinnen. Zu beiden haben wir auch die jeweiligen SWIP-Ableger (Society for Women in Philosophy) in Deutschland, Österreich und der Schweiz angefragt und gebeten, die Info an ihre Mitglieder weiterzugeben. (Falls Frauen, die das hier lesen, gerne einen Blogbeitrag über Fußball und Philosophie schreiben wollen, dann bitte meldet euch bei uns!! Da schaut es fast noch schlechter aus als zum Thema Marx.)

Schließlich, das sei noch gesagt, ist es so, dass in der Recherche zu einigen Themen unsere bewusste Einschränkungen auf Philosoph_innen (in einem weiten Sinne) dazu beigetragen hat, dass wir mehr Männer als Frauen gefunden haben. So gibt es in den Sozialwissenschaften meinem Eindruck nach mehr Frauen, die zu Marx gearbeitet haben als in der Philosophie. Zu Fußball sowieso (dazu kommt: Sportphilosophie ist nun mal eine winzige Nische, Sportwissenschaften nicht so).

Ich bin mir nicht sicher, ob und wie wir das auf prae|faktisch in Zukunft (viel) besser hinbekommen. Mehr Sensibilität in der Recherche und ein stärkeres Bemühen, Frauen als Autorinnen anzufragen – das werden wir (im Rahmen unserer Möglichkeiten und Ressourcen) jedenfalls versuchen. Wir hoffen auch darauf, dass sich in Zukunft ein paar Frauen als interessierte Autorinnen bei uns direkt melden. Es sind schließlich alle Kolleg_innen eingeladen, Blogbeiträge (zu welchem Thema auch immer) für prae|faktisch zu schreiben. Leider sind die paar wenigen Personen, die sich diesbezüglich bei mir angekündigt haben, wiederum nur Männer.

Jedenfalls wären wir sehr dankbar, falls jemand Tipps für uns hat, wie wir es besser machen können. Dann bitte schreibt uns eine E-Mail: blog@praefaktisch.de. prae|faktisch soll nämlich sicher kein all-male Blog werden.


Gottfried Schweiger arbeit am Zentrum für Ethik und Armutsforschung an der Universität Salzburg. Dort forscht er hauptsächlich im Bereich der politischen Philosophie und Sozialphilosophie.

Gottfried ist Ko-Gründungsherausgeber der Zeitschrift für Praktische Philosophie, der Buchreihe Philosophy and Poverty bei Springer und Associate Editor von Palgrave Communications. 2018 gründete er gemeinsam mit Gunter Graf den Open-Access-Philosophieverlag [dyo]. Seit 2013 organisiert er gemeinsam mit Michael Zichy, Martina Schmidhuber und Gunter Graf an der Universität Salzburg die Tagung für Praktische Philosophie.

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